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Foto © Ennevifoto

In großem Stil

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
9. August 2017
(Premiere am 21. Juni 2017)

 

Arena di Verona

Die fünf Tage von Mailand vom 18. bis 22. Mai 1848, die öster­rei­chische Besetzung, der Freiheits­kampf der Italiener und Luchino Visconti mit seinem Film Senso haben für diese Inter­pre­tation dem franzö­si­schen Regisseur Arnaud Bernard als Ideen­geber Pate gestanden. Manch einer der zahlreichen deutsch­stäm­migen Besucher der Arena von Verona mag sich auch an die berühmten Sissi-Filme von Heinz Marischka erinnern.

Rund um das ehrwürdige Mailänder Opernhaus, dem Teatro alla Scala, als auch drinnen im pracht­vollen Bühnenraum spielt sich das Geschehen von Giuseppe Verdis beliebter und vielge­spielter Oper Nabucco ab. Der Freiheits­kampf eines unter­jochten Volkes genauso wie die politisch verbotene Liebe zweier junger Menschen stellen das Thema dar. Im Libretto sind es Ismaele, ein Kämpfer und Führer der unter­drückten Hebräer und die Königs­tochter Fenena der herrschenden Assyrer, deren König Nabucco dem Werk den Titel gibt.  An diesem Abend in der Insze­nierung von Arnaud Bernard heißt der König zwar Nabucco im Libretto, darge­stellt wird aber im histo­ri­schen Bezug Kaiser Franz Joseph in eleganter öster­rei­chi­scher Uniform mit Orden und rot-weiß-roter Schärpe. Überdi­men­sionale Fahnen der Habsburger Monarchie, der Doppel­adler auf gelbem Grund konkur­rieren mit der Trikolore, der grün-weiß-roten Flagge Italiens. Die Hebräer sind elegante Mailänder Bürger mit den hohen Zylindern und Koteletten, wie es zu der Zeit Mode war, umringt von italie­ni­schen Unifor­mierten des Risor­gi­mento, histo­risch gesehen gibt es die aber erst 20 Jahre später.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Eindrucksvoll und heraus­ragend dominiert das Bühnenbild von Alessandro Camera. Auf der Drehbühne steht die Eingangs­front des Teatro alla Scala in seiner bekannten Ansicht mit Balkon, dazu reihen sich im ersten Bild Vertei­di­gungs­wälle aus aufge­türmtem Mobiliar. Vor dem Platz marschieren die öster­rei­chi­schen Truppen zu Fuß und zu Pferde auf. Der Kaiser fährt stilecht in der zweispän­nigen Kutsche vor. All der notwendige Pomp wird für die beliebten Massen­szenen der Arena aufge­boten, aber es passt und wird nie zu viel oder zu üppig. Die Perso­nen­regie von Arnaud Bernard kommt mit den vielen Statisten und Choristen meisterhaft zurecht. Der Ablauf ist flüssig und filmreif spannend. Nabucco wird nicht vom Blitz getroffen, sondern fällt einem politi­schen Attentat zum Opfer. Ohne schwierige Umbauten dreht sich die Bühne, und wir befinden uns im Palast anstatt der hängenden Gärten. Die macht­hungrige Abigaille, die in Wirklichkeit adoptierte Sklavin Nabuccos übernimmt die Macht, bildhaft vor den Assyrern auf den großen Tisch steigend.

Viel Szenen­ap­plaus gibt es für das erste Bild des dritten Aktes. Im präch­tigen Zuschau­erraum der Mailänder Scala nimmt Abigaille die Huldi­gungen der Assyrer entgegen. Der totge­glaubte Nabucco tritt dem Wahnsinn verfallen vor das Volk. Danach kommt der szenische und erzäh­le­rische Bruch. Nunmehr spielt die restliche Handlung als Theater im Theater. Die Hebräer erscheinen in typischen wallenden Gewändern auf der Bühne der Scala und singen den berühmten Gefan­ge­nenchor. Die italie­ni­schen Zuschauer auf den Rängen stimmen als Affront gegenüber den im Parkett sitzenden Öster­rei­chern mit ein. Die italie­nische Flagge wird aus den Logen gehisst und rot-weiß-grüne Flugzettel flattern von der Galerie. Der Aufstand tobt. Auch ein weißes Tuch mit der Aufschrift VERDI, histo­risch nicht nur der Name des Kompo­nisten, sondern auch die Abkürzung für Vittorio Emanuelle Re d‘Italia darf da nicht fehlen. Leider geht in dem beglei­tenden Gestürme der tatsäch­liche Handlungs­ablauf der Oper zum Ende hin verloren.

Foto © Ennevifoto

Musika­lisch gestaltet Jordi Bernacer den Abend schwungvoll italie­nisch, aber zeichnet die melodi­schen Themen schwammig. Die Einsätze der Bläser könnten markanter sein, um den Ausdruck der kriege­ri­schen Szenen zu unter­mauern. Da reichen die vielen Kanonen­salven und Platz­pa­tronen der Regie nicht aus.

Gesanglich ist der Abend von einem gut aufge­stellten Ensemble geprägt. Boris Statsenko ist ein routi­nierter Bariton mit sonorem Timbre, aber kraft­voller Mitte und Höhe. Sein Nabucco ist kaiserlich als Habsburger in Uniform und volksnah mildtätig als erken­nender Assyrer. Mikheil Shesha­be­ridze legt zu Beginn Druck auf seine feine, ausge­gli­chene Stimme, entwi­ckelt aber im Laufe des Abends warmes Timbre, roman­tische Klang­farbe und kunstvoll phrasierte Höhen. Nino Surgu­ladze ist ein sicherer Sopran, bleibt in der Rolle der Fenena aber farblos. Anna Pirozzi zeigt ihr schau­spie­le­ri­sches Talent als Abigaille. Aber auch ihre Stimme kann sich hören lassen. Dramatik und Lyrik gelingen ihr, und mit den Ansprüchen der Arena-Akustik kommt sie am besten zurecht. In Sung Sim verfügt über einen sonoren Bass, der Melodien zum Leben bringen kann. Sein Zaccaria berührt und überzeugt. Der große Chor der Arena di Verona ist von Vito Lombardi gut vorbe­reitet und spielt fleißig mit.

Der Wettergott zeigt sich gütig an diesem Abend der streit­baren Religionen. Öffneten sich kurz vor der Aufführung noch die Wolken und Regen prasselte nur so herunter, bleibt der Abend trocken mit fernem Donner­grollen und einem prachtvoll leuch­tenden, aufstei­genden Mond, der die Bühne zusätzlich geheim­nisvoll ausleuchtet. Arena, wie die Zuschauer sie lieben, ein Spektakel, wie sie es erwarten.

Helmut Pitsch

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