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Foto © O-Ton

Mit dem richtigen Feuer

ERÖFFNUNGSKONZERT
(Verdi-Quartett)

Besuch am
30. August 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Festival Vielsaitig, Füssen, Kloster St. Mang

Füssen? Ein Städtchen mit rund 15.000 Einwohnern im Ostallgäu. Bedeutung hat es vor allem musik­his­to­risch als „Wiege“ des Lauten- und Geigenbaus. Heute ist es in erster Linie touris­tische Hochburg. Bekannt als „Königs­winkel“, weil die Erreich­barkeit von Schloss Neuschwan­stein und Schloss Hohen­schwangau hervor­ragend ist. Bei der ersten Erkundung bei hochsom­mer­lichen Tempe­ra­turen wirkt die Altstadt wie hingemalt. Pittoresk. Die Asiaten lieben die barocken Fassaden. Und kommen in Reise­bussen. Die Italiener kommen sowieso schon immer. Wegen der Nähe. Früher mit dem privaten Pkw, heute mit Pkw und Reisebus. Parkplätze groß wie Fußball­felder sind entlang der Ortsein­gangs­straße angelegt. Die Einhei­mi­schen stört der Trubel nicht. „Das spült Geld in die Kassen“, sagt die ältere Dame in bestem Bayerisch, die sich freut, bei der Eröffnung des Festivals dabei zu sein.

Das Festival Vielsaitig findet in diesem Jahr zum 15. Mal statt. Das Jubiläum fällt mit dem 300-jährigen Bestehen des ehema­ligen Klosters St. Mang inmitten der histo­ri­schen Altstadt zusammen. Umso mehr Grund zu feiern. Und den Innenhof des heutigen Rathauses respektive den Kaisersaal als barocken Festsaal in den Mittel­punkt der Veran­stal­tungen zu stellen. Bereits am Nachmittag sind die Stelzer durch die Stadt gezogen. Ein seit 1983 existie­rendes Ensemble unter der Leitung von Peter Pruch­niewitz und Wolfgang Hauck, das das Theater auf Stelzen maßgeblich geprägt hat. Jetzt haben sich fünf der Stelzen­läufer in pracht­volle barocke Gewänder gekleidet und versuchen als „Die Zeitrei­senden“, in der Innen­stadt die Menschen zum Staunen zu bringen und so auf das Festival aufmerksam zu machen.

POINTS OF HONOR

Musik
Event
Publikum
Chat-Faktor

Staunen – das ist das Motto des diesjäh­rigen Festivals, und schon der erste Abend wird zeigen, dass es hier kaum darum geht, dem Kind einen Namen zu geben, sondern dass die Verant­wort­lichen unter der Leitung von Kultur­amts­chefin Karina Hager sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht haben, den Begriff mit neuem Leben zu füllen oder ihm zumindest einige neue Aspekte hinzu­zu­fügen. Ohne den Begriff gleich zu Beginn zu überdehnen, dürfen die Gäste der Eröff­nungs­ver­an­staltung beim Sektempfang im Innenhof des Klosters gleich mal, na, sagen wir lieber ihrer Freude Ausdruck verleihen, dass die drei Festredner, unter ihnen der Erste Bürger­meister Paul Iacob, sich auf das Unabdingbare konzen­trieren und wirklich kurz fassen. Binnen einer halben Stunde bleibt gar noch Zeit, den jewei­ligen Redner von einem Stelzer über den roten Teppich zum Rednerpult geleiten zu lassen und einen kurzen Auftritt des Verdi-Quartetts zu Gehör zu bringen.

Und während die Tages­hitze nur ganz allmählich abklingt, begeben sich die Gäste in den wunder­schönen, 1719 fertig­ge­stellten Festsaal des Rathauses, den Kaiser- oder auch Fürstensaal, nach dem die hier seit 1951 alljährlich von Juni bis September statt­fin­denden Kaiser­saal­kon­zerte benannt sind. Also ein Raum, der sich sowohl wegen seiner Akustik als auch wegen seiner Intimität ausge­zeichnet für die Kammer­musik eignet. Das macht sich auch das Verdi-Quartett zunutze.

Bürger­meister Paul Iacob mit Stelzern – Foto © O‑Ton

1985 in Köln gegründet, besteht das Verdi-Quartett derzeit aus Susanne Raben­schlag, Matthias Ellinger, Karin Wolf und Zoltan Paulich. Geigerin Raben­schlag hat das Quartett gemeinsam mit Bratschistin Wolf gegründet. Ellinger ist seit 2008 Zweiter Geiger und seit 2006 ist Cellist Paulich dabei. Neben der Kammer­musik, insbe­sondere dem Streich­quartett haben die vier Musiker sich der Lehre verschrieben und geben regel­mäßig, wie auch während des Festivals Vielsaitig, Meister­kurse. Neben der Kombi­nation aus Übung und Präsen­tation steht das Festival auch für die Kombi­nation von Alter und Zeitge­nös­si­scher Musik. Dementspre­chend ist auch das Programm für den Eröff­nungs­abend gestaltet. Das Überra­schende, Neuzeit­liche und Altbe­kannte gehen eine abwechs­lungs­reiche Mischung ein, die beim Publikum gut ankommt.

Als Joseph Haydn 1769 seine Streich­quar­tette op. 9 in Paris veröf­fent­lichte, erregte das seinerzeit mit Sicherheit mehr Aufsehen als die zeitnahe Veröf­fent­li­chung von sechs Streich­quar­tetten. Die kamen nicht etwa von einem anderen Kompo­nisten, sondern von Maddalena Lombardini Sirmen. Erst rückbli­ckend gewann Sirmen als Ausnah­me­erscheinung an Bedeutung. Das viersätzige Streich­quartett Nr. 5, das heute Abend aufge­führt wird, zeugt von großer Harmonie und ist der geeignete Einstieg, ehe es in die Neuzeit geht. Benjamin Britten hat sein Streich­quartett sozusagen im Angesicht des Todes geschrieben, und das hört man ihm auch an. Ein starker Kontrast zu Sirmen. Und eine kleine persön­liche Geschichte ist für die Damen des Verdi-Quartetts damit auch verbunden. Denn Britten ließ das fünfsätzige Werk noch persönlich vom Amadeus-Quartett einspielen. Die Urauf­führung erlebte Britten nicht mehr. Die Musiker des Amadeus-Quartetts waren es dann, die Raben­schlag und Wolf die Musik in Köln vermit­telten. Zum Abschluss treibt es die Verdi-Streicher zurück in die Romantik. Das viersätzige Streich­quartett A‑Dur, op. 41,3, das Robert Schumann mit Blick auf seine Vorbilder Haydn, Mozart und Beethoven im streng klassi­schen Kanon der Vorgänger kompo­nierte. Als Zugabe begeistert das Quartett, das das Festival einst mitgründete und ihm bis heute eng verbunden ist, mit einem weiteren Satz von Sirmen.

Das Publikum ist begeistert, und wer sich zum Schluss­ap­plaus erhebt, muss das nicht, weil alle anderen vor ihm aufge­standen sind. Wenn ein Bürger­meister zum Ende der Pause darum bittet, dass sich die Gäste nach dem Konzert schnellst­möglich in den Innenhof begeben möchten, ist den meisten klar, was zur Eröffnung kommen wird. Ein Feuerwerk, was sonst? Wissend nicken sich die Besucher zu. Und staunen ganz schön, als nicht eine einzige Rakete gezündet wird. Nach einer ausgie­bigen Illumi­nation der Hauswände in wechselnden Farben schießt der Feuer­werker zu passender Musik Flammen­werfer-Salven ab. Heraus­kommt ein so faszi­nie­rendes wie selten erlebtes Licht­spek­takel, das dem ersten Festival-Tag einen ganz wunder­baren Abschluss beschert.

Michael S. Zerban

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