O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Karl und Monika Forster

Walhall im Morgenland

RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
8. Dezember 2016
(Premiere am 13. November 2016)

 

Hessi­sches Staats­theater Wiesbaden
Meiningen

Wagner habe mit dem Ring des Nibelungen der modernen Menschheit einen Mythos geschenkt. Das schreibt der öster­rei­chische Dirigent und Musik­wis­sen­schaftler Peter Berne in seiner profunden Analyse der Tetra­logie, 2006 unter dem Titel Apoka­lypse erschienen. Dieser Mythos könne ihr dazu helfen, „sich selbst, ihre Taten und Leiden, und vor allem die tödliche Krise, die sie gegen­wärtig durch­macht, besser zu verstehen“. Berne, in den 1990-er Jahren Studi­en­leiter an der Wiener Staatsoper, entzieht jedem denkbaren Versuch, sich dem Weltepos beliebig zu nähern, jegliche Begründ­barkeit. Jede Ring-Neuin­sze­nierung an jedem Theater, so seine drama­tur­gische Navigation, muss sich demnach daran messen lassen, ob sie Erhel­lendes leistet. Ob sie konstruktive Alter­na­tiven zur gesell­schaft­lichen Apoka­lypse der militä­ri­schen, ökono­mi­schen und ökolo­gi­schen Mensch­heits­däm­merung aufzeigt. Oder wenigstens argumen­ta­tiven Stoff zur öffent­lichen Legiti­mation der Insti­tution Oper.

Das gilt auch dann, wenn wie jetzt am Staats­theater Wiesbaden Intendant Uwe Eric Laufenberg seine vor drei Jahren im öster­rei­chi­schen Linz heraus­ge­kommene Insze­nierung in das hiesige Große Haus übernimmt. Unter dem Eindruck seiner kraft­vollen bildstarken und theater­in­ten­siven Ausein­an­der­setzung mit dem Rheingold lässt sich dieser grund­sätz­lichen Entscheidung auch diesseits von arbeits­öko­no­mi­schen und Budget­über­le­gungen durchaus einiges abgewinnen. Der Regisseur Laufenberg im Tandem mit seinem einfalls­reichen Bühnen­bildner Gisbert Jäkel verlegt das Geschehen, das dem heroisch rauschenden Einzug der Götter in Walhall vorausgeht, in ein fiktives Morgenland. Was bei Wagner in der Tiefe des Rheins und an seinen Ufern spielt, sprosst in Wiesbaden aus einem Bedui­nenzelt, der archai­schen Behausung orien­ta­li­scher Nomaden. Das ist sicherlich originell und ein Stück weit spekta­kulär. Ob die wahrscheinlich politisch zu deutende Speku­lation mit dem eigentlich zeitlosen, weil arche­ty­pisch univer­salen Stoff letztlich trägt und produktiv wird, müssen die weiteren Tage des Bühnen­fest­spiels in den kommenden Monaten erweisen. Dann auch unter der Messlatte im Sinne Bernes.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Laufen­bergs augen­scheinlich anhal­tende Ausein­an­der­setzung mit dem Orient und dem Islam als System von geistigem Konfor­mismus und politi­scher Herrschaft – man denke an seine Parsifal-Insze­nierung in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen – bricht sich bereits im zweiten Bild Bahn. Eben noch tummeln sich die drei reizenden Wasser­nymphen, Alberich im frivolen Spiel aufreizend umgarnend, in einer von einem überdi­men­sio­nalen Auge begrenzten Fluss­land­schaft. Schon schlägt die Imagi­nation der einstigen idylli­schen natür­lichen Ordnung in Laufen­bergs Fanta­siewelt des Morgen­lands um. Wotan, irgendwie Kalif und auch Scheich, sitzt zusammen mit seiner sonstigen Sippschaft an Göttern und Halbgöttern im Wüstenzelt auf gepackten Koffern aus Holz. Allerlei mit Fell bedeckte Sitzmöbel und roh gezim­merte Umzugs­kisten vermitteln einen Hauch von Wohnkultur im Stil der Nomaden. Walhall, das Symbol und die Verheißung des bevor­ste­henden Umzugs, existiert auch bereits – wenn auch lediglich als Archi­tek­ten­modell der Akropolis.

Foto © Karl und Monika Forster

Milieu­affin hat Kostüm­bild­nerin Antje Sternberg die heterogene Versammlung ausstaf­fiert. Zu sehen sind die Protago­nisten in Tunika-ähnlichen, langen Gewändern. Fasolt und Fafner erinnern mit ihrem dunklen Turban an Gestalten aus Tausend­und­einer Nacht. Froh und Donner zeigen Anklänge an tradi­tio­nelle Mützen­moden, wie sie heute wieder aufkommen. Vielleicht ein Zufall, ein verstecktes Rätsel oder eine subtile Anspielung auf gesell­schaft­liche Unter­schiede – alle männlichen Sänger­dar­steller tragen Kopfbe­de­ckungen. Lediglich Alberich bewegt sich barhäuptig, nach dem Goldraub Eindruck heischend als Kapitalist im standes­ge­mäßen Dreiteiler. Rund um Alberich, der Inkar­nation des Destruk­tiven, entwi­ckelt Laufenberg überhaupt die besten Momente dieser Produktion. Insbe­sondere in den Nibelheim-Szenen manifes­tiert sich die drama­tur­gische Sensi­bi­lität des Regie­teams, Wagners starken Figuren zu vertrauen und von ihren Verstri­ckungen in Intrige, Heimtücke, Macht­gelüst und Hinterlist einfach zu erzählen.
Dort, wo im Stück Mime seine Schmie­de­künste entfaltet und die Nibelungen ihre Schwerst­arbeit verrichten, hat die Bühnen­aus­stattung einen trübgla­sigen Bildschirm instal­liert. Durch den nähern sich anfänglich Wotan und Loge, um dem Alb Gold, Tarnhelm und Ring zu entreißen. Dann macht sich dieser hinter der Scheibe klein, um sich in eine Kröte zu verwandeln. Was Alberich vermag, nämlich Wunder­sames, kann das Wiesba­dener Produk­ti­onsteam um Andreas Frank, zuständig für das Licht, und Falko Sternberg, der die Video­ein­spie­lungen verant­wortet, schon lange. Ein heutiger Wotan, maßlos in Anspruch und Verhalten, Donald Trump, wird für Milli­se­kunden sichtbar, samt Fönfrisur und grimmigem Blick. Eine mögli­cher­weise zu erwar­tende Abrechnung mit einem Poten­taten von morgen, der – wie Wotan – noch lernen muss, mit seiner allein auf Verträgen beruhenden, also begrenzten Macht umzugehen?

Musika­lisch ist das Rheingold, ausgehend von dem sonoren Es-Dur-Akkord des Vorspiels und endend mit dem strah­lenden Walhall-Motiv, einer der strin­gen­testen und stimmigsten Melodien­bögen, die je für das Theater kompo­niert worden sind. Nach einem verhal­tenen Einstieg geht das Hessische Staats­or­chester unter der musika­li­schen Leitung von Alexander Joel die packende Reise durch Wagners furiose Partitur mit hörbar wachsender Inten­sität mit. Großartig gelingen die expres­sio­nis­ti­schen Passagen in den hymni­schen Auftritten von Froh und Loge ebenso wie der disruptive Ausbruch des Orchesters bei Alberichs Fluch wider die Liebe.
Das Sänger­ensemble – bei Ausnahme der Besetzung des Fasolt die Premie­ren­be­setzung – lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass es auch in dieser Aufführung den Vorabend zum Ring zum Glänzen bringen möchte. Die über die Stadt hinaus bekannt gewordene Kunde, in Thomas Blondelle einen Loge der Extra­klasse erleben zu können, bestätigt sich voll und ganz. Der jugendlich auftre­tende und elanvoll aufspie­lende Tenor singt mit eindrucks­voller Tessitura für diese Präsenz und Nuancen verlan­gende Tenor­partie den Halbgott mit stimm­licher Hingabe, vokalem Witz und der gelegentlich zynischen mefisto­fe­li­schen Kälte, die auch den Charakter von Wotans spin doctor bestimmt. Hell, bisweilen etwas zu hell, ist der ansonsten souveräne Wotan Gerd Grochowskis angelegt, der auch schon in Laufen­bergs Linzer Produktion der Götter­vater gewesen ist. Thomas de Vries hinter­lässt als Alberich mit kraft­vollem, varian­ten­reichem Bariton einen großar­tigen Eindruck. Die Verflu­chung der Liebe gelingt ihm so überzeugend, dass sie einen Schauer auf der Haut zu erzeugen scheint. Erik Biegel als sein geknech­teter Bruder Mime macht seine Sache vorzüglich, das Schmieden wie das Singen. Das gilt auch für Benjamin Russell als Donner und Aaron Cawley als Froh. Shavleg Armasi ist ein ausge­zeich­neter Fasolt, der nicht nur poltern und drohen kann, sondern auch eine reflexive Note in die Darstellung einbringt. Den Fafner zeichnet Young Doo Park mit seinem tiefgrun­digen Bass berührend.
Die Rhein­töchter – Gloria Rehm als Woglinde, Marta Wryk als Wellgunde, Silvia Hauer als Floss­hilde – machen in ihrer Bademo­den­kos­tü­mierung eine gute Figur, auch stimmlich. Ein Eindruck, der sich bei Margarete Joswig in der Partie der Fricka nicht so ganz einstellen will. Das flackernd Gallige dieser Figur trifft sie bei gelegentlich nervendem Tremolo-Einsatz allerding sehr akkurat, sollte Laufenberg dieses Persön­lich­keits­profil so angelegt haben. Geht sie mit ihrem Genörgel Wotan schon gehörig auf die Nerven. Betsy Horne als Freia, Künderin und Bewah­rerin der Schönheit, entspricht da einem anderen Frauen­ideal, dem der orien­ta­li­schen Welt. Sie erscheint in der Erlösungs­szene als Bauch­tän­zerin und versammelt gern eine zahlreiche Kinder­schar um sich. Noch eine Anspielung? Völlig frei davon ist die Erda Romina Boscolos. Wie sie mahnend und mit eindring­licher Altstimme Wotan in die Schranken weist, hat Format und einen drama­ti­schen Anspruch über alle Stereo­typen hinaus.
Das Publikum akzep­tiert und respek­tiert die Aufführung am Ende mit großer Begeis­terung. Die steigert sich immer dann deutlich, wenn Blondelle erscheint. Ein musika­lisch heraus­ra­gender Ring-Einstieg, zweifellos. Das Eigent­liche, das Regie­konzept der Tetra­logie, wird sich noch offen­baren müssen. Wir werden sehen.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: