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„Nichts als Weib“

LULU
(Alban Berg)

Besuch am
21. Januar 2017
(Premiere)

 

Deutsches Natio­nal­theater Weimar

Der Opern­titel Lulu steht immer noch für eine locker-freizügige junge Frau, die ihre Umwelt mit ihrer offen gezeigten Sinnlichkeit irritiert und die Männerwelt desori­en­tiert, für eine „radikale Natür­lichkeit“. Als Oper gilt Lulu als Inbegriff einer neuen Musik am Beginn des 20. Jahrhun­derts, die wie Arnold Schönberg Musik „absolut“ begreift und die Oper endgültig aus ihren spätro­man­ti­schen Träumen reißt, um sie mit einer neuen, gesell­schafts­kri­ti­schen Sicht der Welt des satten, in seiner bürger­lichen (Schein-)Moral gefan­genen Bürgertums zu konfrontieren.

Alban Berg, durch eine Erbschaft von „bürger­lichen Berufs­zwängen“ befreit, kann sich endlich ganz seinem Wunsch zu kompo­nieren hingeben. Schon früh beschäftigt er sich mit Wedekinds Romanen als Vorlage für eine Oper, in der er auf eigene Erfah­rungen einer frühen, aber geschei­terten Liebe zurück­greift. Lulu, Inbegriff einer verfüh­re­ri­schen, Männer mordenden jungen Frau, verkörpert eine „neue Sinnlichkeit“, in der Berg keine moralische Schwäche, sondern eine „immense Kraft“ sieht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Musik erhält in Lulu einen neuen Stellenwert im Vergleich zu bekannten Opern­werken. Sie tritt als gleich­ge­wich­tiges Element neben den erzäh­lenden Text, der rezitiert oder gesungen wird. Berg kümmert sich wenig um bekannte Formate, verzichtet aber nicht darauf, musika­lisch starke Akzente zu setzen. Mancher Zuhörer wird an Wagner-Passagen erinnert, vor allem, wenn eine kräftige Bläser­gruppe mit Fortissimo in den Vorder­grund tritt. Stefan Lano, versiert in Auffüh­rungen zeitge­nös­si­scher Musik, gelingt mit der Staats­ka­pelle Weimar ein stimmungs­volles Klangbild, das die vielen Facetten des Bühnen­ge­schehens bestens unter­streicht. Berg hat seine Kompo­sition mit vielen Ebenen ausge­stattet, Handlungs­wirren und Perso­nen­ver­schie­bungen erschweren die Übersicht. Da Lulu sich nicht mit einem Liebhaber begnügt, sondern gleich drei verschleißt, und außerdem noch mehrere Kunden versorgt, sind Prahle­reien, Eifer­süch­te­leien und Verwir­rungen opernhaft zu erwarten, Konflikte vorpro­gram­miert. Bei allem „Einsatz“ der erfin­de­ri­schen Lulu wirkt doch so manche „neue“ Idee und Finte eher langatmig und ermüdend, ein erneuter Wechsel wenig originell. Doch für Berg waren es gerade die Vielzahl und Verschie­denheit der Szenen und Zwischen­spiele der Vorlage, die ihn spontan zur Vertonung reizten. Berg lässt sich von gewohnten musika­li­schen Formen der Oper kaum einengen, seine Musik orien­tiert sich an den Charak­teren und zeichnet sie mit hoher Expres­si­vität. Trotz der Verschie­denheit der Figuren und des Wechsels vom Solo bis zum Sextett bleibt die Szene eher überschaubar, Lulus Aktionen selten überra­schend. Und so ist es nicht überra­schend, dass ein Teil des Publikums die Pause nutzt, der Musik Alban Bergs den Rücken zu kehren.

 

Foto © Vincent Stefan

Erst nach der Pause nimmt das Stück wieder Tempo auf und gewinnt vor allem durch den darstel­le­ri­schen und stimm­lichen Einsatz von Marisol Montalvo an Spannung. Hier zeigt die Sopra­nistin ihr wachsendes Stimm­ver­mögen und die mehrfach gelobte „bedin­gungslose Identi­fi­kation“ und Leiden­schaft mit ihren Figuren. Auch die übrigen Rollen, häufig in Mehrfach­rollen, sind bestens ausge­stattet, wobei Sayaka Shigeshima, Alt, als Gräfin Geschwitz und Anna Harvey, Mezzo­sopran, als Gymna­siast und Groom heraus­ragen. Günter Moder­egger, Bass, hat weitgehend Sprech­an­teile zu präsen­tieren, dem Tierbän­diger und Direktor gibt Damon Nestor Ploumis ein herrlich darstel­le­ri­sches und stimm­liches Gewicht, Björn Waag überzeugt als Dr. Schön.

Herrmann Feuchter hat die Bühne mit luftig-weißen Gestellen ausge­stattet, die situativ inter­pre­tierbar sind und trans­parent wirken, als wollten sie dem Zuschauer den Durch­blick erleichtern. Nicole Pleulers Kostüme versetzen die Szenen, die fast ausschließlich innen spielen, in die behag­lichen Stuben des Wohlfühl-Bürgertums, das sich gemütlich einge­richtet hat. Lediglich Lulu und ihre später auftre­tenden „Kolle­ginnen“ tragen ein standes­ge­mäßes Signalrot.

Das DNT Weimar hat bei dieser Insze­nierung auf ein erfah­renes Regieteam und erprobte Darsteller gesetzt. Von Elisabeth Stöppler für die Regie bis zu Herrmann Feuchter, Bühne, Nicole Pleuler, Kostüme, und Vincent Stefan, Video, haben fast alle Teammit­glieder bereits Erfah­rungen mit Berg-Auffüh­rungen. Stöppler übernimmt von Berg die Begeis­terung für „die Betonung des sinnlichen Moments“, die Berg an der „modernen“ Literatur Wedekinds schätzt. Sie scheut vor dem offenen Ausdruck von Sinnlichkeit nicht zurück und findet in Montalvo die Darstel­lerin, die bereit ist, eine gewünschte „leiden­schaft­liche Hingabe“ wörtlich zu nehmen und zu spielen. Dass eine solche „freisinnige“ Oper seinerzeit nicht nur den Beifall der öster­rei­chi­schen Behörden fand, ist nachzu­voll­ziehen. Die „Kultur­po­litik“ des Natio­nal­so­zia­lismus sah Wedekinds und Bergs Arbeit gar in der Nähe zur „entar­teten Kunst“, was aus heutiger theatraler Sicht kaum zu verstehen ist.

Stefan Lano gelingt es, der Musik Alban Bergs ungewohnten Glanz zu verleihen und sie zugäng­licher zu machen. Marisol Montalvo kann die Expres­si­vität ihrer Lulu im Verlaufe der Vorstellung deutlich steigern, dem Zuschauer fällt es leicht, ihr diese Rolle als „Herzstück ihrer Bühnen­arbeit“ abzunehmen. Das Premie­ren­pu­blikum bedankt sich herzlich und lange für einen Opern­abend der beson­deren Art, der je länger je mehr überzeugt.

Horst Dichanz

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