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Der Operntitel Lulu steht immer noch für eine locker-freizügige junge Frau, die ihre Umwelt mit ihrer offen gezeigten Sinnlichkeit irritiert und die Männerwelt desorientiert, für eine „radikale Natürlichkeit“. Als Oper gilt Lulu als Inbegriff einer neuen Musik am Beginn des 20. Jahrhunderts, die wie Arnold Schönberg Musik „absolut“ begreift und die Oper endgültig aus ihren spätromantischen Träumen reißt, um sie mit einer neuen, gesellschaftskritischen Sicht der Welt des satten, in seiner bürgerlichen (Schein-)Moral gefangenen Bürgertums zu konfrontieren.
Alban Berg, durch eine Erbschaft von „bürgerlichen Berufszwängen“ befreit, kann sich endlich ganz seinem Wunsch zu komponieren hingeben. Schon früh beschäftigt er sich mit Wedekinds Romanen als Vorlage für eine Oper, in der er auf eigene Erfahrungen einer frühen, aber gescheiterten Liebe zurückgreift. Lulu, Inbegriff einer verführerischen, Männer mordenden jungen Frau, verkörpert eine „neue Sinnlichkeit“, in der Berg keine moralische Schwäche, sondern eine „immense Kraft“ sieht.
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Die Musik erhält in Lulu einen neuen Stellenwert im Vergleich zu bekannten Opernwerken. Sie tritt als gleichgewichtiges Element neben den erzählenden Text, der rezitiert oder gesungen wird. Berg kümmert sich wenig um bekannte Formate, verzichtet aber nicht darauf, musikalisch starke Akzente zu setzen. Mancher Zuhörer wird an Wagner-Passagen erinnert, vor allem, wenn eine kräftige Bläsergruppe mit Fortissimo in den Vordergrund tritt. Stefan Lano, versiert in Aufführungen zeitgenössischer Musik, gelingt mit der Staatskapelle Weimar ein stimmungsvolles Klangbild, das die vielen Facetten des Bühnengeschehens bestens unterstreicht. Berg hat seine Komposition mit vielen Ebenen ausgestattet, Handlungswirren und Personenverschiebungen erschweren die Übersicht. Da Lulu sich nicht mit einem Liebhaber begnügt, sondern gleich drei verschleißt, und außerdem noch mehrere Kunden versorgt, sind Prahlereien, Eifersüchteleien und Verwirrungen opernhaft zu erwarten, Konflikte vorprogrammiert. Bei allem „Einsatz“ der erfinderischen Lulu wirkt doch so manche „neue“ Idee und Finte eher langatmig und ermüdend, ein erneuter Wechsel wenig originell. Doch für Berg waren es gerade die Vielzahl und Verschiedenheit der Szenen und Zwischenspiele der Vorlage, die ihn spontan zur Vertonung reizten. Berg lässt sich von gewohnten musikalischen Formen der Oper kaum einengen, seine Musik orientiert sich an den Charakteren und zeichnet sie mit hoher Expressivität. Trotz der Verschiedenheit der Figuren und des Wechsels vom Solo bis zum Sextett bleibt die Szene eher überschaubar, Lulus Aktionen selten überraschend. Und so ist es nicht überraschend, dass ein Teil des Publikums die Pause nutzt, der Musik Alban Bergs den Rücken zu kehren.

Erst nach der Pause nimmt das Stück wieder Tempo auf und gewinnt vor allem durch den darstellerischen und stimmlichen Einsatz von Marisol Montalvo an Spannung. Hier zeigt die Sopranistin ihr wachsendes Stimmvermögen und die mehrfach gelobte „bedingungslose Identifikation“ und Leidenschaft mit ihren Figuren. Auch die übrigen Rollen, häufig in Mehrfachrollen, sind bestens ausgestattet, wobei Sayaka Shigeshima, Alt, als Gräfin Geschwitz und Anna Harvey, Mezzosopran, als Gymnasiast und Groom herausragen. Günter Moderegger, Bass, hat weitgehend Sprechanteile zu präsentieren, dem Tierbändiger und Direktor gibt Damon Nestor Ploumis ein herrlich darstellerisches und stimmliches Gewicht, Björn Waag überzeugt als Dr. Schön.
Herrmann Feuchter hat die Bühne mit luftig-weißen Gestellen ausgestattet, die situativ interpretierbar sind und transparent wirken, als wollten sie dem Zuschauer den Durchblick erleichtern. Nicole Pleulers Kostüme versetzen die Szenen, die fast ausschließlich innen spielen, in die behaglichen Stuben des Wohlfühl-Bürgertums, das sich gemütlich eingerichtet hat. Lediglich Lulu und ihre später auftretenden „Kolleginnen“ tragen ein standesgemäßes Signalrot.
Das DNT Weimar hat bei dieser Inszenierung auf ein erfahrenes Regieteam und erprobte Darsteller gesetzt. Von Elisabeth Stöppler für die Regie bis zu Herrmann Feuchter, Bühne, Nicole Pleuler, Kostüme, und Vincent Stefan, Video, haben fast alle Teammitglieder bereits Erfahrungen mit Berg-Aufführungen. Stöppler übernimmt von Berg die Begeisterung für „die Betonung des sinnlichen Moments“, die Berg an der „modernen“ Literatur Wedekinds schätzt. Sie scheut vor dem offenen Ausdruck von Sinnlichkeit nicht zurück und findet in Montalvo die Darstellerin, die bereit ist, eine gewünschte „leidenschaftliche Hingabe“ wörtlich zu nehmen und zu spielen. Dass eine solche „freisinnige“ Oper seinerzeit nicht nur den Beifall der österreichischen Behörden fand, ist nachzuvollziehen. Die „Kulturpolitik“ des Nationalsozialismus sah Wedekinds und Bergs Arbeit gar in der Nähe zur „entarteten Kunst“, was aus heutiger theatraler Sicht kaum zu verstehen ist.
Stefan Lano gelingt es, der Musik Alban Bergs ungewohnten Glanz zu verleihen und sie zugänglicher zu machen. Marisol Montalvo kann die Expressivität ihrer Lulu im Verlaufe der Vorstellung deutlich steigern, dem Zuschauer fällt es leicht, ihr diese Rolle als „Herzstück ihrer Bühnenarbeit“ abzunehmen. Das Premierenpublikum bedankt sich herzlich und lange für einen Opernabend der besonderen Art, der je länger je mehr überzeugt.
Horst Dichanz