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DEINE HELDEN – MEINE TRÄUME
(Karen Köhler)
Besuch am
9. September 2017
(Premiere am 16. Februar 2017)
Ein bisschen mehr Werbung hätte das Stück verdient, das eine Stunde nach Zeit bezeugen – Kindheit in der NS-Zeit nur wenige Meter vom Deutschen Theater in Göttingen in einem Klassenzimmer des Max-Planck-Gymnasiums stattfindet. Auch wenn nicht mehr als die Stühle der Schüler zur Verfügung stehen. So besteht das Publikum wohl überwiegend aus Menschen, die sich untereinander kennen. Zumindest so gut kennen, dass die Dame, die eine imaginäre Vertretungsstunde eröffnet, glaubt, sich nicht vorstellen zu müssen. Das ist nicht gastfreundlich, spielt aber kaum eine Rolle, denn kaum hat sie den Einstieg beendet, bollert es an der Tür und ein junger Mann tritt ein. Allen ist klar: Jetzt beginnt die Vorführung. Der Ort ist gut gewählt. Auch die wenigen Leute, die nicht zur peer group an diesem Nachmittag gehören, erfasst die nie nachlassende Erinnerung an das Klassenzimmer, diese tiefe Narbe im Gedächtnis eines jeden Menschen, der einmal in diesen schmuddeligen Räumen seine Kindheit verbrachte.
Es scheint, als seien Klassenzimmer in ganz Deutschland gleich. Längst sind die Holzbänke und ‑tische solchen mit Plastikbezügen gewichen, natürlich hat der Beamer Einzug gehalten, aber an der Ausstrahlung hat sich nichts geändert, die doch für jeden etwas anderes bedeutet. Für manch einen ist es wohl der Hort, den man ein Leben lang nicht mehr verlassen möchte – den nennt man später Lehrer – für andere notwendiges Übel, wieder andere verbinden damit Gefühle des Scheiterns und der erstmalig erlebten Ungerechtigkeit, die man lebenslänglich nicht mehr abschütteln kann. Aber ebenso oft ist es der Ort der ersten Verliebtheit. Davon weiß auch der junge Mann zu berichten, der in Jeans, lässiger Kapuzenjacke und T‑Shirt gekleidet ist. Und damit beginnt auch seine Erzählung. Verfasst hat die Geschichte Karen Köhler.

Eine Geschichte, die vor Klischees nur so trieft, moralinsauer durchtränkt ist und von der ein Erwachsener glaubt, sie sei so platt, dass man damit nun wirklich keinen Schüler mehr hinter dem Ofen hervorlocken könnte. Doch weit gefehlt. An dem Ort, an dem aus Schülersicht Wahrheiten für das Leben verkündet werden, in der geschützten Umgebung des Klassenverbandes, gewinnt die gespielte Geschichte eine Dynamik, die überrascht. Jonas ist ein eher durchschnittlicher Schüler, der sich in Mitschülerin Jessica verliebt, ein beschissenes Elternhaus hat, na klar, Mutter weiß sich nicht zu helfen, Stiefvater ist Alkoholiker, Schläge sind an der Tagesordnung. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fallen einem Jugendromane der 1980-er Jahre ein, die sich um dieses Thema drehten. Kennen wir alles, erstaunlich allenfalls, dass sich nach fast vier Jahrzehnten kaum etwas geändert zu haben scheint. Jonas, der Protagonist, wird Boxer, findet am Ring seinen Sparring-Partner und Freund Mo. Kommt Jessica näher und lernt ihren Bruder kennen, Heiko, ein cooler Typ, fünf Jahre älter mit Führerschein und noch hipperen Freunden. Heiko ist – welche Überraschung! – ein Neonazi.
Weil Jonas, inzwischen fest in die Neonazi-Szene integriert und hocherfreut über die Anerkennung, die er dort erfährt, sich ein Hakenkreuz auf den Unterarm tätowieren lässt, fällt er aus seinem sozialen Umfeld. Jessica scheint sich von ihm abzuwenden. Allmählich wird es eng für den, der die Neonazi-Schriften nicht versteht, auch, weil sie ihn nicht interessieren. Der einfach nur irgendwo dazugehören und seine Verliebtheit zu Jessica ausleben möchte. Dann sieht er Mo, der scheinbar mit Jessica anbandelt. Ein kurzer Hinweis bei Heiko genügt, und die Neonazis lauern Mo auf, um ihn krankenhausreif zu prügeln. Und so weiter und so fort. Das kennt man doch inzwischen als Erwachsener – und dank des Fernsehens wohl auch als Jugendlicher – bis zum Erbrechen. Und haben die Heranwachsenden diese Mechanismen nicht längst im Unterricht erarbeitet und durchschaut? Nächste Überraschung: Offenbar nicht. Was passiert eigentlich in deutschen Klassenzimmern? In Gesellschaftskunde, Soziologie, Deutsch und Philosophie? Oder gibt es diese Fächer an deutschen Gymnasien nicht mehr?
Vielleicht liegt es auch an dem Schauspieler, dass die Mädchen und der Junge wie gebannt seiner Erzählung lauschen, vollkommen in eine andere Welt abtauchen. Selbst die Erwachsenen kann er in die Geschichte mitnehmen, als hörten sie zum ersten Mal von Jonas‘ Schicksal. Die Schüler hängen an den Lippen des Erzählers. Roman Majewski gibt alles, überzieht, geht auf die Zuhörer zu, brüllt sie an, simuliert einen Boxkampf mit einer Schülerin, stottert, ist den Tränen nahe. Und erklärt, wie aus dem Hakenkreuz an seinem Unterarm ein Schachbrett wurde. Kein verstehendes Gelächter, sondern Betroffenheit.
Pointen und der Ausgang bleiben hier offen, weil dieses Stück hoffentlich in möglichst vielen Klassenzimmern dieser Welt wiederholt werden wird. Denn es ist unglaublich, wie den Schülern das Stück unter die Haut geht. „Roman hat uns total mitgenommen“, erzählt eine Schülerin im Anschluss. Es ist alles gesagt.
Michael S. Zerban