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Foto © Michael Pöhn

Erlösung in der Nervenheilanstalt

PARSIFAL
(Richard Wagner)

Besuch am
2. April 2017
(Premiere am 30. März 2017)

 

Wiener Staatsoper

Meine nicht allzu lange Erfahrung als Opern­re­gisseur lehrt mich, dass es eine mission impos­sible ist, alle glücklich zu machen“, sagte Alvis Hermanis in einem seiner ungewöhnlich vielen Inter­views in den verschie­densten Medien, in denen er sein Konzept für Richard Wagners Parsifal noch und noch zu erklären versuchte. Ist natürlich richtig, was er sagt und trifft auf viele Insze­nie­rungen zu.  Sein übertrie­bener Erklä­rungs­bedarf erscheint jedoch schon in die Richtung verdächtig, dass er vielleicht selbst von seiner Konzeption gar nicht so hundert­pro­zentig überzeugt ist.

Und so lässt der Regisseur das Bühnen­weih­fest­spiel, wie angekündigt, was auch nicht unbedingt eine neue Idee ist, in einer Nerven­heil­an­stalt im Fin de Siècle, also zum Ende des 19. Jahrhun­derts, spielen. Aber nicht in irgend­einer, sondern genau verortet in Wien auf der Baumgart­n­erhöhe. Dazu lässt er ein pracht­volles Bühnenbild im Jugendstil bauen, sehr ästhe­tisch, vielleicht etwas überladen und nicht so elegant wie das Original des Spitals vom Jugendstil-Archi­tekten Otto Wagner. Die Innen­kuppel der Kirche am Steinhof senkt sich immer wieder wie eine Art riesige Lampe in das Geschehen hinab. In diesem Einheits­büh­nenbild gibt es immer wieder Zwischen­wände, die herab­ge­senkt oder herein­ge­schoben werden, die auch teilweise als Projek­ti­ons­wände für das Opern­li­bretto in altdeut­scher Schrift verwendet werden, was aller­dings sehr entbehrlich erscheint.

Aber nicht nur das Wien der Jahrhun­dert­wende mit dem goldenen Jugendstil hat es Hermanis angetan, sondern auch die sich damals ausfor­mende Psycho­analyse des Sigmund Freud. Und so taucht nicht nur dessen berühmte Couch seitlich auf, sondern auch er selbst höchst­per­sönlich, wie auch Gustav Klimt, Egon Schiele, Johann Strauß und viele weitere Promi­nente in Kostümen der damaligen Zeit, die Kristine Jurjane erdacht hat, ganz besonders bei der Enthüllung des Grals, die eher keine religiöse Handlung mehr ist, sondern zum Event wird. Vielleicht ist wegen des Erstarkens der Psycho­analyse auch der Gral ein Gehirn, das hell zu leuchten beginnt und im Laufe der folgenden Akte immer mehr an Größe gewinnt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang    
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Parsifal in der Psych­iatrie also: Gurnemanz im weißen Kittel ist der Chefarzt, Grals­ritter sind die Assis­tenz­ärzte, die Knappen die Pfleger und Kranken­schwestern, der Chor die Patienten. Die ankom­mende Kundry wird gleich einmal von den Pflegern in ein Gitterbett gesperrt. Gegen Ende des Aktes wird sie mitsamt diesem Bett von Dr. Klingsor, ebenfalls ein Arzt, ein Pathologe, wie sich im zweiten Akt heraus­stellen wird, abgeholt und mitge­nommen. Klingsor betreibt Experi­mente, um die Toten wieder zu erwecken, mit Elektro­schocks und Schädel­boh­rungen. Irgendwo in diesem Grusel­ka­binett liegt auch Herze­leide, die Mutter von Parsifal. Im ersten Akt gibt es noch so manche Idee und Perso­nen­führung. Im zweiten und ganz besonders im letzten Akt versiegen die jedoch völlig, und es herrscht bald lähmende Statik. Auch wird im dritten Akt die Natur nur mit einer halbher­zigen, einge­spielten Projektion angedeutet. Es steigt in der bald nicht mehr nachvoll­zieh­baren Assozia­ti­ons­kette und den szeni­schen Absur­di­täten immer mehr die Ratlo­sigkeit, und es mehren sich unbeant­wortete Fragen, wie etwa, warum der Speer wie eine Strick­nadel in dem riesigen Gehirn steckt, aus dem ihn Parsifal heraus­zieht? Durch als das nimmt Hermanis dem Parsifal all seinen Mythos und seine Ernst­haf­tigkeit. Das Spiel mit den Zeiten, Räumen und Stilen mutet letztlich nur dekorativ an. Die Verlegung der Erlösungs­ge­schichte in die Spital­sphäre bleibt am Ende inhaltlich unbegründet.

Foto © Michael Pöhn

Sänge­risch ist der Abend jedoch eine Wucht: Zum vokalen Zentral­ge­stirn wird allen voran René Pape, der kurzfristig für Hans-Peter König einge­sprungen ist und mit exempla­ri­scher Wortdeut­lichkeit und herrlichem, warmem, immer hörbarem Pracht­organ als Gurnemanz begeistert. Nina Stemme spielt und singt ihre erste Kundry sehr intensiv und ausdruck­stark und, obwohl sie bisher Sopran­rollen gesungen hat, mit betörender Tiefe. Gerald Finley ist darstel­le­risch ein intensiv leidender, stimmlich ein sehr lyrischer, phäno­me­naler Amfortas, lediglich seine „Erbarmen“-Rufe hätten mehr Durch­schlags­kraft vertragen.  Chris­topher Ventris ist ein Parsifal mit schlankem Tenor, der manchmal, vor allem gegen Ende, an seine Grenzen stößt. Jochen Schme­cken­becher ist ein dunkler, böser Klingsor. Jongmin Park singt den Titurel stimm­ge­waltig aus dem Off. Die Blumen­mädchen, die zuerst als zugedeckte Leichen auf Tischen liegen und dann mit weißen Gesichtern wie Zombies aufer­stehen, singen zwar sehr lieblich und schön, versprühen jedoch in dem schreck­lichen Ambiente einer Prosektur keinerlei Erotik. Die kleineren Rollen sind alle untadelig besetzt. Der Chor der Wiener Staatsoper, der von Martin Schebesta einstu­diert wurde, singt kraftvoll, markig und ausbalanciert.

Semyon Bychkov am Pult lässt die Musiker des Orchesters der Wiener Staatsoper mit ungemeiner Zärtlichkeit, zurück­ge­nom­menen Tempi und feiner Dynamik spielen, ohne dass die Lesart zäh wird und so, dass die Spannung nur teilweise darunter leidet. Er nimmt dem Werk fast alles Pathe­tische, berückt aber mit wunder­barem Klangzauber.

Im Gegensatz zur Premiere, bei der Regisseur und Dirigent beim Schluss­ap­plaus mit einem Buh-Konzert empfangen wurden, wird letzterer bis auf einem einsamen Buh-Rufer zu Beginn des zweiten Aktes wie auch die Sänger bejubelt, wobei René Pape den meisten Jubel abbekommt.

Helmut Christian Mayer

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