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Foto © Michael Pöhn

Schimmerndes Klangspiel

PELLÉAS ET MÉLISANDE
(Claude Debussy)

Besuch am
18. Juni 2017
(Premiere)

 

Wiener Staatsoper

Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam“: Gemäß diesem Ausspruch von Maurice Maeter­lincks ist sein Drama Pelléas et Mélisande voller Rätsel. Er hat die Geschichte um Liebe und Eifer­sucht um eine rätsel­hafte Frau, die zwischen zwei Halbbrüdern steht, in ein kunst­volles Geflecht von Bezie­hungen, Sehnsüchten und Abhän­gig­keiten, Angst und Tod versponnen. Und er lässt viele Fragen offen: Etwa wer sie ist? Woher kommt sie? Was ist ihr da am Teich oder davor wider­fahren? Warum stürzt Golaud just dann vom Pferd, als ihr Ehering in den Brunnen fällt? Warum ist das Schloss Allemonde so düster und dunkel? Rätsel über Rätsel ohne Antworten, aber auch viele Symbole.

Erstmalig seit einem Viertel­jahr­hundert wird die einzig vollendete Oper von Claude Debussy, die 1902 in Paris urauf­ge­führt wurde, und der der Geschichte Maeter­lincks ein fragiles, feinauf­ge­fä­chertes, impres­sio­nis­ti­sches Klang­ge­mälde verliehen hat, wieder an der Wiener Staatsoper gezeigt. Marco Arturo Marelli, der hier am Haus für bereits zehn, meist sehr ästhe­tische Opern­in­sze­nie­rungen verant­wortlich zeichnet und wie sonst immer auch diesmal sein eigener Ausstatter ist, lässt das Rätsel­spiel in Weiter­führung seiner Berliner Arbeit in einem grauen, wuchtigen, bedrohlich wirkenden Beton­bunker spielen, der die morbid-düstere, aber auch geheim­nis­volle Atmosphäre der Handlung unter­streicht. Beton­blöcke, Treppen und Bretter als Brücken umsäumen den dunklen Bau, der die Aussichts­lo­sigkeit und das Einge­schlos­sensein symbo­li­siert. Jedoch sorgt die andau­ernde graue Schat­tenwelt, in diesen Tönen sind auch die Kostüme angefertigt, für ein gewisse Abstumpfung beim Betrachter. Im Libretto ist durchaus auch von Schatten und Licht die Rede, was aber völlig fehlt.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Ein Großteil der Bühne ist mit einem mit Wasser gefüllten Pool ausge­füllt. Das Wasser ist hier allein der Bote der Ästhetik. Es schimmert und glitzert und wirft immer wieder durch raffi­niert einge­setztes Licht magische Reflexe, die an der Decke und an den Mauern tanzen. Mittendrin sitzt Mélisande wie eine Rästelnixe in einem Kahn und lässt sich von dem bis zur Brust im Wasser watenden Pelléas ziehen. Krank sind hier fast alle, neben Arkel sieht man auch den dahin­sie­chenden Vater, Golaud unter­nimmt mehrere halbherzige Selbst­mord­ver­suche mit dem Gewehr, Ynold mit Glasscherben. In einer fein ziselierten Perso­nen­führung wird das Geschehen sehr realis­tisch in Szene gesetzt.  Aller­dings hätte man sich von der Bühne ein wenig Sinnstiftung oder ein wenig zusätz­liche Sinnlichkeit gewünscht – die verharrt aller­dings in diesem einzigen dunkel­grauen Bild und verwechselt Symbo­lismus zu oft mit plumper Symbolik. Zu viele Zwischen­vor­hänge nach jeder Szene hemmen den Fortgang des ohnehin spärlichen Geschehens. Eine technische Panne mit einem Zwischen­vorhang sorgte überdies für eine plötz­liche Unter­bre­chung bei der Premiere. Zum Schluss verfällt der Regisseur auch noch zu sehr dem Kitsch, wenn die gestorbene Mélisande aufrecht im Kahn stehend, begleitet von mehreren bunt geklei­deten Frauen in einen sich öffnenden Postkarten-Sonnen­un­tergang fährt.

Foto © Michael Pöhn

Olga Beszmertna zeigt eine mädchen­hafte, zerbrech­liche Mélisande. Die Sopra­nistin singt die geheim­nis­volle, undurch­schaubare Außen­sei­terin mit feinsten Nuancen, wunder­baren Farben und tiefge­hender Innigkeit. Adrian Eröd ist ein jugendlich naiver, sanft­mütig schwär­me­ri­scher, sehr geschmeidig singender Pelléas. Simon Keenlyside, vor nicht allzu langer Zeit selbst als Titelheld zu erleben, als sein düsterer Gegenpol, ist ein von Eifer­sucht zerfres­sener, selbst­quä­le­risch zwischen Sanftmut und Jähzorn hin und her geris­sener Golaud mit inten­sivem Gesang. Sein Sohn Yniold wird von Maria Nazarov kindlich und mit großer Tonreinheit gesungen. Franz-Josef Selig gibt einen sehr ergrei­fenden Arkel mit weichen Tönen. Bernarda Fink ist eine Luxus­be­setzung für die Rolle der Mutter Geneviève.

Pelléas et Mélisande ist also ein rätselhaft faszi­nie­rendes Musik­theater des Symbo­lismus, eine mäandernde, zu Szenen colla­gierte Tondichtung. Delikate orches­trale Diffe­ren­zie­rungs­kunst vom Feinsten von Debussys schil­lernder, genialer Partitur, die als perfekte Wagner-Antithese in die Musik­ge­schichte einge­gangen ist, zeichnet das Orchester der Wiener Staatsoper unter Alain Altinoglu: Transzen­dente Klänge wie aus einer anderen, fremden Welt schweben aus dem Orches­ter­graben. Mit jedem Ton lassen sie die Regungen der Seele durch­schimmern und treffen die Stimmung des Herzens. Debussys sehnsüchtige, schwer­mütige Musik, seine verträumten Harmonien, seine zauber­haften Klänge werden hier zu einem impres­sio­nis­ti­schen Gemälde.

Das Premie­ren­pu­blikum zeigt sich ob der kostbaren und seltenen Operngabe bei allen Betei­ligten mit großem Applaus und Jubel erkenntlich.

Helmut Christian Mayer

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