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Foto © Michael Pöhn

Stimmglanz trifft szenische Öde

IL TROVATORE
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
12. Februar 2017
(Premiere am 5. Februar 2017)

 

Wiener Staatsoper

Es gibt Opern-Neupro­duk­tionen, die schauen schon bei der Premiere alt aus. Giuseppe Verdis Il trovatore an der Wiener Staatsoper ist so ein Fall. Denn man kann sich des Gefühls nicht erwehren, diese Neuin­sze­nierung so oder so ähnlich schon einmal oder mehrmals erlebt zu haben, vielleicht vor gut dreißig Jahren. Denn die schwer nachvoll­ziehbare Liebes­tra­gödie um zwei Männer, die um die gleiche Frau, die schöne Leonora, buhlen, wirkt im Haus am Ring altmo­disch und belanglos. Grund dafür ist die Lesart von Daniele Abbado. Als erstes trans­fe­riert er gleich einmal den Plot aus dem fernen 15. Jahrhundert, als die spanische Inqui­sition einge­führt wurde, in die Zeit des spani­schen Bürger­kriegs vor dem Aufziehen des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs. Warum der italie­nische Regisseur, Sohn des Dirigenten Claudio Abbado, der auch schon 2014 bei Verdis Don Carlos hier am Haus keine beson­deren Ideen aufzu­weisen hatte und schei­terte, das tut, erschließt sich nicht und macht auch keinen erkenn­baren Sinn.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Dazu ließ er sich von Ausstatter Graziano Gregori ein fleckiges Gewölbe bauen, einen Einheitsraum, der eigentlich nur beliebig, öd und trostlos wirkt. Wäre beides auch nicht so schlimm, wenn es ihm wenigstens gelänge, diese Szenerie mit dem Beleben der Charaktere, mit einer packenden und mitrei­ßenden Perso­nen­führung, wirkungsvoll zu füllen.  Das Darstellen der Emotionen, die glaub­würdige Inter­aktion der Protago­nisten wäre gefragt. Aber die Regie erschöpft sich in abgestan­denen, klischee­haften Posen. Es herrscht auf der Bühne eine Hilfs- und Ideen­lo­sigkeit sowie eine Statik, die ans früher so beliebte und in Italien heute noch vielfach gebräuch­liche alte Rampen- und Stehtheater erinnert. Speziell der Chor wird nur in steifen Tableaus arran­giert, die immer wieder zu Gruppen­fotos einfrieren. Warum gerade hier so eine Regungs­lo­sigkeit bestehen muss, ist unerfindlich. Zwischen­durch vermutet man sogar, man hätte den Choristen vielleicht ein Beruhi­gungs­mittel verab­reicht. Oder wenn Graf Luna singt, dass in die Wut versenge und dabei so teilnahmslos tut, als ob ihn das alles nichts anginge. Und so wirkt vieles handwerklich sehr bescheiden. Lediglich die rasch wechselnden, bunten Licht­stim­mungen und das oft einge­setzte Feuer erzeugen teilweise zumindest eine gewisse Wirkung. Insgesamt lässt sich auch diesmal wieder feststellen, dass die Wiener Staatsoper im insze­na­to­ri­schen Bereich mit inter­na­tional strah­lenden Opern­deu­tungen konse­quent geizt und ihr in letzter Zeit kein großer Wurf gelungen ist.

Foto © Michael Pöhn

Wie schon bei den Salzburger Festspielen 2014 und 2015, damals insze­nierte Alvis Hermanis den Troubadour sinnlos und fad in einem Museum, wird auch diesmal die szenische Verle­genheit durch die Haupt­rollen veredelt. Allen voran Anna Netrebko. Sie singt die Leonora mit dem ganzen Farbspektrum, delikater Legato-Kultur ihres luxuriösen Soprans, mit einer Mühelo­sigkeit, Leichtheit und Präzision an Kolora­turen, die ihres­gleichen sucht. Wunderbar ist auch der Wechsel zwischen süßen Piani und drama­ti­schen Attacken. Ihre Arie D’amor sull‘ ali rosee im letzten Akt gerät zum Ereignis. Ihr geliebter Manrico ist Roberto Alagna mit metal­li­schem Timbre, aber zu wenig Schmelz und Flexi­bi­lität. Auch zeigen sich immer wieder Mühen in der Höhe.  Bei seiner berühmten Stretta Di quella pira reißt ihm der Spitzenton, das hohe C, den Verdi zwar nie kompo­niert hat, den man mittler­weile aber schon tradi­tionell singt, ab. Viele Opern­freunde machen immer noch das Wohl und Wehe einer Aufführung dieser Oper von jenem Schlusston des Manrico abhängig. Die Rolle ist mittler­weile sicher grenz­wertig für Alagna. Luciana D’Intino ist eine ungemein präsente Azucena mit drama­ti­scher Stimm­gewalt und unheim­licher Ausstrahlung. Wunderbar weich und mit extrem nobler Linien­führung erklingt der Bariton von Ludovic Tézier als Graf Luna. Leider ist er darstel­le­risch völlig passiv gezeichnet. Von den vielen kleineren Rollen stechen besonders Jongmin Park als Ferrando hervor. Sänge­risch tadellos singt auch der Chor, der von Thomas Lang einstu­diert wurde, seine beliebten Nummern.

Marco Armiliato am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper betont eher die weiche, noble Seite des Kompo­nisten ohne polternden Gestus. Er erweist sich einmal mehr als exzel­lenter Kapell­meister, der aller­dings zu sehr an den Lippen der Diva hängt und ihr sämtliche agogische Freiheiten erlaubt, auf ihre Wünsche voll eingeht und manchmal zu sehr auf ihre Begleitung bedacht ist.

Unbeschreib­licher Jubel für die Sänger und den Dirigenten, so wie bei der Premiere, bei der es aller­dings empfind­liche Unmuts­äu­ße­rungen für das Leitungsteam gab. Die Karten­nach­frage ist enorm, alle Vorstel­lungen sind ausverkauft.

Helmut Christian Mayer

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