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DAS WUNDER DER HELIANE
(Erich Wolfgang Korngold)
Besuch am
5. Februar 2017
(Premiere am 28. Januar 2017)
In Wien gibt es ein kleines Korngold-Festival. Denn nach der Wiederaufnahme seiner Toten Stadt an der Wiener Staatsoper zeigt jetzt anlässlich des 120. Geburtstags von Erich Wolfgang Korngold die Wiener Volksoper die vier Jahre danach 1927 in Hamburg uraufgeführte Oper Das Wunder der Heliane. Bei der Wiener Erstaufführung im selben Jahr sangen übrigens Lotte Lehmann und Jan Kiepura die beiden Hauptrollen.
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Es ist äußert bewundernswert, dass es sich die Volksoper antut, diese Rarität, die eigentlich schon unter der Kategorie vergessene Opern einzuordnen ist, aufzuführen, denn der Aufwand für nur drei geplante Aufführungen ist beträchtlich. Man verzichtet jedoch auf eine szenische Umsetzung und spielt das Werk, das der Komponist für eines seiner liebsten hielt, nur konzertant. Und das hat gute Gründe, denn die Handlung ist ziemlich kraus und eigentlich kaum zu inszenieren: In einem lieb- und freudlosen Reich, wo glückliche Emotionen verboten sind und sogar bestraft werden, wird ein beim Volk beliebter Fremder, ein Prophet, der Freude und Liebe verspricht, genau deshalb zum Tode verurteilt. Der despotische Herrscher, ein König, verspricht diesem Sozialrevolutionär Begnadigung, wenn er ihm hilft, das Herz und die sexuelle Liebe seiner Frau, mit der der König noch nie vereint war, zu erringen. Der lehnt ab, weil gerade vorher die Königin Heliane beim Fremden war, sie beide in Liebe entflammt sind und sie sich ihm sogar in keuscher Nacktheit offenbart hat. Das erfährt der Herrscher jedoch erst später. In ihrer großen, der einzigen wirklichen Arie des gesamten Werks, gesteht sie diese Liebe dem König und den Richtern. Der König zwingt Heliane zu einem Gottesurteil: Wenn sie den Fremden, der sich, um sie zu schützen, gerade erdolcht hat, von den Toten erwecken könne, sei sie unschuldig und werde freigelassen. Überraschenderweise funktioniert das und beide schweben zum Finale gen Himmel empor. Nur die Liebe ist die Ewigkeit: So lautet die Botschaft dieser Oper. Ziemlich rührselig also! Schon allein diese Szene würde auch heutige Regisseure inszenatorisch vor große Herausforderungen stellen.

Der Plot, der die Salome umkrempelt, Elemente aus Die Frau ohne Schatten, ja sogar aus dem Holländer und der Ariadne benützt, beruht auf einem expressionistisch eingefärbten religiösen Mysterienspiel des jung verstorbenen österreichischen Schriftstellers Hans Kaltneker. Korngold ließ es vom Literaten Hans Müller in ein Libretto, das teils sehr rätselhaft wurde, umarbeiten.
Dazu hat der später in die USA imigrierte und dort für die Kinofabrik Hollywood höchst erfolgreich Filmmusik komponierende Korngold eine aufwändige und fette Musik mit wenig Piani geschaffen, bei der eindeutig Strauss, Mahler und Wagner Pate standen. Da wirkt auf der erweiterten Bühne ein Riesenorchester und ein ebensolcher, sehr stimmgewaltig und homogen singender Chor des Hauses, der von Holger Kristen einstudiert wurde. Seraphische Sopranklänge des Jugendchors der Volksoper und fallweise Posaunenklänge kommen von der Galerie. Leitmotivisch durchwirkt, mit Pirouetten quer durch den Quintenzirkel wird in einem Übermaß an Gigantomanie ein gewaltiger, glitzernder, schillernder, funkelnder Klangteppich gewoben, den das Orchester der Wiener Volksoper unter dem souveränen Dirigat vom Jac van Steen mit großer Konzentration, Farbenreichtum und Klangfülle wiedergibt. Insgesamt waren jedoch Inhalt und Musik zum Uraufführungszeitpunkt eigentlich schon anachronistisch, wenn man bedenkt, dass ein halbes Jahr davor Ernst Kreneks Oper Jonny spielt auf, die von ganz anderem Charakter war, als stilistische Polarisierung und modern-modisches Gegenstück uraufgeführt wurde.
Die Führung der Stimmen ist expressiv, extrem und höchst diffizil angelegt: Annemarie Krämer, die an der Volksoper schon die Salome verkörperte, ist eine beeindruckende Titelheldin mit tragfähigem Sopran und freien wie auch ungefährdeten Höhen und viel Dramatik. Daniel Kirch singt den Fremden mit etwas zu leichtgewichtigem, zu gleichförmigem, aber schön gefärbtem Tenor und mit teils angestrengten Höhen. Martin Winkler als grimmiger, unsympathischer Herrscher und König beeindruckt mit prägnantem, kraftvoll angeschärftem Bassbariton und bietet wahrscheinlich die beste Leistung des Abends. Martina Mikelic mit einem raffiniert geschnittenen Kleid, das viele Blicke auf sich zieht, beeindruckt als eifersüchtige Botin. Viel Mitgefühl lässt Mehrzad Montazeri als alter Schwertrichter mit metallischem Tenor über die Rampe kommen. Auch die kleineren Partien sind alle adäquat besetzt.
Raritätensammler kommen mit dieser kaum gespielten Oper, die der Komponist immer als eines seiner liebsten Kinder bezeichnet hat, auf ihre Rechnung. Sie wird am Schluss heftig bejubelt und beklatscht.
Helmut Christian Mayer