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Heitere Liebeskrise

DIE LUSTIGE WITWE
(Franz Lehár)

Besuch am
21. Januar 2017
(Premiere am 21. Mai 2011)

 

Volksoper Wien

Franz Lehárs Klassiker Die Lustige Witwe schwankt in der jüngeren Insze­nie­rungs­ge­schichte oft zwischen Kitsch, Klamauk oder modernem Regie­theater, das jedwede Romantik vermissen lässt. Marco Arturo Marelli hat sich bei seinem Operet­ten­debüt an der Volksoper Wien dieses Meister­werks der silbernen Operette vorge­nommen, es umgekrempelt, entrümpelt und entstaubt. Heraus­ge­kommen ist ein flottes, aktuelles und scharf pointiertes Geschehen, das zwar die gängigen Operet­ten­kli­schees persi­fliert, aber dennoch ganz große Momente hat.

Für Marelli ist die Lustige Witwe keine Operette der Gemüt­lichkeit, sondern ein satiri­scher Hieb auf aktuell-absurde finan­zielle Schief­lagen. „Es ist fünf vor zwölf. Der kleine Staat steht vor der Pleite und kein Rettungs­schirm beschützt ihn“, charak­te­ri­siert Marelli die marode Finanzlage eines kleinen Balkan­staates, von Schulden erdrückt und moralisch verloren. Und nur die ererbten Millionen – heute wären es wohl Milli­arden – der Witwe Hanna Glawari können den Staat Ponte­ve­drino retten. Das Spiel um Liebe und Macht, um Geld und Bankrott hat begonnen, aktuelle Bezüge zur wirtschaft­lichen Situation in dem einen oder anderen europäi­schen Staat sind sicher gewollt. Doch im Mittel­punkt der Geschichte steht  die verworrene Liebe der Hanna Glawari und des Grafen Danilo Danilo­witsch, die erst am Schluss zuein­ander finden, nachdem viele Missver­ständ­nisse und Intrigen überstanden sind. Für Marelli ist es ein Stück über „zwei zutiefst gekränkte Menschen, die versuchen, glücklich zu werden. Auf dem Weg zum Glück müssen sie immer wieder ernüchtert feststellen, dass Geld die Liebe schwierig macht.“ Und so ist diese Witwe nicht nur ein aktuelles Stück über eine Finanz­krise, sondern auch über eine zeitlose Liebeskrise.

Marelli zeigt die Witwe in teilweise dunklen Bildern, dann wieder in leuch­tenden bunten Farben. Die Glawari ist elegant, modern und im besten Alter. Nach außen hin eine Diva, nach innen eine sensible, verletz­liche Frau, die um ihrer selbst und nicht um ihrer Millionen geliebt werden möchte. Danilo ist der männliche Counterpart, nach außen selbst­be­wusst und bestimmend, nach innen gefühlvoll und suchend, sicher kein Dandy im klassi­schen Sinne. Dieser Kontrast macht den beson­deren  Reiz aus, es knistert zwischen den beiden, es erzeugt eine erotische Spannung, die sich erst im Finale löst.  Ebenfalls großartig insze­niert und darge­stellt ist das Marsch­septett Nr. 9 im zweiten Aufzug als drama­tur­gische Mittel­achse des Abends. Der „Weiber­marsch“: Ja, das Studium der Weiber ist schwer… bietet laut Marelli „eine andere Variante des Geschlech­ter­kampfes: Verzweiflung auf der ganzen Ebene.“ Die Grisetten im dritten Aufzug sind unter einem überdi­men­sio­niertem Zylinder versteckt und zeigen, nachdem sie quasi freige­lassen werden, einen sehr eroti­schen Can-Can, der dem frivolen Lebensstil im Paris zu Beginn des 20. Jahrhun­derts voll entspricht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Marco Arturo Marelli hat nicht nur Regie geführt, sondern zeichnet auch verant­wortlich für die  Bühnen­aus­ge­staltung: Die wellen­artig sich windenden Art-déco-Wände mit ihren Drehtüren und verschieb­baren Elementen sind ein wunder­barer Blickfang, und gleich­zeitig Schau­platz schneller Szenen­wechsel. Zudem sugge­rieren sie einen Salon, von dem aus man einen atembe­rau­benden Blick auf das nächt­liche Paris samt Eiffelturm hat. Das erzeugt eine roman­tische Atmosphäre, die im gewollten optischen Kontrast zur modernen Cocktailbar steht. Die Kostüme von Dagmar Niefind sind klassisch elegant und passen zur Szenerie der Urauf­führung des Werkes anno 1905.

Foto © Barbara Pálffy

Sänge­risch und darstel­le­risch überzeugt das Ensemble der Wiener Volksoper an diesem Abend. Caroline Melzer gibt die Hanna Glawari mit großer Eleganz und Grandezza. In den drama­ti­schen Höhen ist das Vibrato etwas scharf, dafür überzeugen ihre Piano-Töne. Und ihre Stimme besitzt einen schmei­chelnden Liebreiz, der vor allem im Liebes­duett Lippen schweigen für vokales Schmachten sorgt und zum musika­li­schen Höhepunkt des Abends geriert. Das Vilja-Lied singt sie innig, den letzten hohen Ton hält sie im zarten piano aus. Marco Di Sapia ist ein eher untypi­scher Danilo­witsch. Wild, drauf­gän­ge­risch, ohne Zylinder und Seiden­schal, aber voller Leiden­schaft. Sein Da geh ich zu Maxim … ist die Lebens­phi­lo­sophie eines von der Liebe gekränkten Einzel­gängers, der seine verletzten Gefühle musika­lisch zum Ausdruck bringt. Er ist der einsame Wolf, auf der Suche nach Liebe und Anerkennung. Sein lyrischer Bariton hat eine wunder­schöne, warme Mittellage, die Höhen sind kraftvoll und mit großer Souve­rä­nität im Ausdruck.

Kurt Schreib­mayer gibt den Baron Mirko Zeta mit trotte­ligem, aber liebens­wür­digem Habitus. Johanna Arrouas als kokette Valen­cienne begeistert mit ihrem klaren und ausdrucks­starken Sopran und gibt an diesem Abend sänge­risch und spiele­risch, vor allem als Grisette im dritten Aufzug, ein überzeu­gendes Rollen­debüt an der Wiener Volksoper.

Vincent Schirr­macher überzeugt als Camille de Rosillon mit schönem Belcanto-Gesang und tenoralem Schmelz, als sei er grade einer Puccini-Oper entsprungen.

Alexandre Beuchat als Cascada und Roman Martin als St. Brioche fügen sich herrlich komisch ein genau wie Manuela Leonharts­berger, Susanne Litschauer und Regula Rosin als graziöse und koket­tie­rende Ehefrauen. Georg Wacks als chole­ri­scher Kromow ist eine Marke für sich, genauso wie Boris Eder, der den Kanzlisten Njegus mit scharf­sin­nigem und spitz­zün­gigem Humor verkörpert und manchmal ein wenig an den Butler James in Dinner for One erinnert.
Alfred Eschwé am Pult des Orchesters der Volksoper Wien spielt einen flotten Lehár, frei von Senti­men­ta­lität und Schmalz. Die bekannten Melodien dieser Operette sind mitreißend und animieren das Publikum zum Mitklat­schen, was nicht immer puren Musik­genuss bedeutet. Das Wiener Staats­ballett zeigt eine engagierte und dennoch klassische Choreo­grafie, die von Renato Zanella großartig einstu­diert ist, und der Volks­opernchor ist von Thomas Böttcher formi­dabel eingestellt.

Das Publikum ist am Schluss begeistert, es gibt großen und langan­hal­tenden Applaus für alle Betei­ligten. Die Wiener Volksoper hat wieder einmal bewiesen, dass die Operette als Genre ein Schmelz­tiegel großer Musik und Gefühl sein kann, ohne in Kitsch abzudriften. Chapeau!

Andreas H. Hölscher

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