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Franz Lehárs Klassiker Die Lustige Witwe schwankt in der jüngeren Inszenierungsgeschichte oft zwischen Kitsch, Klamauk oder modernem Regietheater, das jedwede Romantik vermissen lässt. Marco Arturo Marelli hat sich bei seinem Operettendebüt an der Volksoper Wien dieses Meisterwerks der silbernen Operette vorgenommen, es umgekrempelt, entrümpelt und entstaubt. Herausgekommen ist ein flottes, aktuelles und scharf pointiertes Geschehen, das zwar die gängigen Operettenklischees persifliert, aber dennoch ganz große Momente hat.
Für Marelli ist die Lustige Witwe keine Operette der Gemütlichkeit, sondern ein satirischer Hieb auf aktuell-absurde finanzielle Schieflagen. „Es ist fünf vor zwölf. Der kleine Staat steht vor der Pleite und kein Rettungsschirm beschützt ihn“, charakterisiert Marelli die marode Finanzlage eines kleinen Balkanstaates, von Schulden erdrückt und moralisch verloren. Und nur die ererbten Millionen – heute wären es wohl Milliarden – der Witwe Hanna Glawari können den Staat Pontevedrino retten. Das Spiel um Liebe und Macht, um Geld und Bankrott hat begonnen, aktuelle Bezüge zur wirtschaftlichen Situation in dem einen oder anderen europäischen Staat sind sicher gewollt. Doch im Mittelpunkt der Geschichte steht die verworrene Liebe der Hanna Glawari und des Grafen Danilo Danilowitsch, die erst am Schluss zueinander finden, nachdem viele Missverständnisse und Intrigen überstanden sind. Für Marelli ist es ein Stück über „zwei zutiefst gekränkte Menschen, die versuchen, glücklich zu werden. Auf dem Weg zum Glück müssen sie immer wieder ernüchtert feststellen, dass Geld die Liebe schwierig macht.“ Und so ist diese Witwe nicht nur ein aktuelles Stück über eine Finanzkrise, sondern auch über eine zeitlose Liebeskrise.
Marelli zeigt die Witwe in teilweise dunklen Bildern, dann wieder in leuchtenden bunten Farben. Die Glawari ist elegant, modern und im besten Alter. Nach außen hin eine Diva, nach innen eine sensible, verletzliche Frau, die um ihrer selbst und nicht um ihrer Millionen geliebt werden möchte. Danilo ist der männliche Counterpart, nach außen selbstbewusst und bestimmend, nach innen gefühlvoll und suchend, sicher kein Dandy im klassischen Sinne. Dieser Kontrast macht den besonderen Reiz aus, es knistert zwischen den beiden, es erzeugt eine erotische Spannung, die sich erst im Finale löst. Ebenfalls großartig inszeniert und dargestellt ist das Marschseptett Nr. 9 im zweiten Aufzug als dramaturgische Mittelachse des Abends. Der „Weibermarsch“: Ja, das Studium der Weiber ist schwer… bietet laut Marelli „eine andere Variante des Geschlechterkampfes: Verzweiflung auf der ganzen Ebene.“ Die Grisetten im dritten Aufzug sind unter einem überdimensioniertem Zylinder versteckt und zeigen, nachdem sie quasi freigelassen werden, einen sehr erotischen Can-Can, der dem frivolen Lebensstil im Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts voll entspricht.
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Marco Arturo Marelli hat nicht nur Regie geführt, sondern zeichnet auch verantwortlich für die Bühnenausgestaltung: Die wellenartig sich windenden Art-déco-Wände mit ihren Drehtüren und verschiebbaren Elementen sind ein wunderbarer Blickfang, und gleichzeitig Schauplatz schneller Szenenwechsel. Zudem suggerieren sie einen Salon, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf das nächtliche Paris samt Eiffelturm hat. Das erzeugt eine romantische Atmosphäre, die im gewollten optischen Kontrast zur modernen Cocktailbar steht. Die Kostüme von Dagmar Niefind sind klassisch elegant und passen zur Szenerie der Uraufführung des Werkes anno 1905.

Sängerisch und darstellerisch überzeugt das Ensemble der Wiener Volksoper an diesem Abend. Caroline Melzer gibt die Hanna Glawari mit großer Eleganz und Grandezza. In den dramatischen Höhen ist das Vibrato etwas scharf, dafür überzeugen ihre Piano-Töne. Und ihre Stimme besitzt einen schmeichelnden Liebreiz, der vor allem im Liebesduett Lippen schweigen für vokales Schmachten sorgt und zum musikalischen Höhepunkt des Abends geriert. Das Vilja-Lied singt sie innig, den letzten hohen Ton hält sie im zarten piano aus. Marco Di Sapia ist ein eher untypischer Danilowitsch. Wild, draufgängerisch, ohne Zylinder und Seidenschal, aber voller Leidenschaft. Sein Da geh ich zu Maxim … ist die Lebensphilosophie eines von der Liebe gekränkten Einzelgängers, der seine verletzten Gefühle musikalisch zum Ausdruck bringt. Er ist der einsame Wolf, auf der Suche nach Liebe und Anerkennung. Sein lyrischer Bariton hat eine wunderschöne, warme Mittellage, die Höhen sind kraftvoll und mit großer Souveränität im Ausdruck.
Kurt Schreibmayer gibt den Baron Mirko Zeta mit trotteligem, aber liebenswürdigem Habitus. Johanna Arrouas als kokette Valencienne begeistert mit ihrem klaren und ausdrucksstarken Sopran und gibt an diesem Abend sängerisch und spielerisch, vor allem als Grisette im dritten Aufzug, ein überzeugendes Rollendebüt an der Wiener Volksoper.
Vincent Schirrmacher überzeugt als Camille de Rosillon mit schönem Belcanto-Gesang und tenoralem Schmelz, als sei er grade einer Puccini-Oper entsprungen.
Alexandre Beuchat als Cascada und Roman Martin als St. Brioche fügen sich herrlich komisch ein genau wie Manuela Leonhartsberger, Susanne Litschauer und Regula Rosin als graziöse und kokettierende Ehefrauen. Georg Wacks als cholerischer Kromow ist eine Marke für sich, genauso wie Boris Eder, der den Kanzlisten Njegus mit scharfsinnigem und spitzzüngigem Humor verkörpert und manchmal ein wenig an den Butler James in Dinner for One erinnert.
Alfred Eschwé am Pult des Orchesters der Volksoper Wien spielt einen flotten Lehár, frei von Sentimentalität und Schmalz. Die bekannten Melodien dieser Operette sind mitreißend und animieren das Publikum zum Mitklatschen, was nicht immer puren Musikgenuss bedeutet. Das Wiener Staatsballett zeigt eine engagierte und dennoch klassische Choreografie, die von Renato Zanella großartig einstudiert ist, und der Volksopernchor ist von Thomas Böttcher formidabel eingestellt.
Das Publikum ist am Schluss begeistert, es gibt großen und langanhaltenden Applaus für alle Beteiligten. Die Wiener Volksoper hat wieder einmal bewiesen, dass die Operette als Genre ein Schmelztiegel großer Musik und Gefühl sein kann, ohne in Kitsch abzudriften. Chapeau!
Andreas H. Hölscher