O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Die elegische Musik, die psychologische Stilisierung der Charaktere, die poetische Manifestation einer Epoche zwischen Restauration und Umbruch – viele Opernenthusiasten empfinden die Lyrischen Szenen auf der Grundlage von Puschkins Versepos als Kunstwerk der Poesie par excellence. Der 1823 begonnene Briefroman thematisiert die russische Gesellschaft zur Zeit des Zaren Alexander I. Die Stagnation der Verhältnisse und die vorliberalen Strömungen spiegeln sich im savoir vivre des dekadenten Adels in den Metropolen und der traditionellen Lebensweise der einfachen Landbevölkerung. Tschaikowski greift den Stoff begierig auf. Eröffnet ihm Eugen Onegin doch die Chance, in seelischen und landschaftlichen Stimmungen zu schwelgen und diese mit folkloristischen und tänzerischen Impressionen zu unterfüttern. Dem in Europa um sich greifenden Stil der Grand‘ Opéra erteilt er in einem Brief an einen seiner Schüler eine harsche Absage: „Ich pfeife darauf, dass es keine bühnengemäße Oper wird.“
Das 1879 in Moskau uraufgeführte Werk avanciert zur russischen Nationaloper, zum Monument scheinbar zeitloser Werte, sprachlich geronnen im Stereotyp der „Volksseele“. Die Aufführungstradition am Moskauer Bolschoi-Theater mit ihrer idyllischen Verklärung des Landlebens und der Inszenierung des Pomps in den Palästen der Noblen und der Großbourgeoise ist hierfür ein beredter Zeuge. Außerhalb Moskaus mühen sich russische Regisseure dann und wann um kreative Sichtweisen. Exemplarisch hierfür die Inszenierung in den 1990-er Jahren von Juri Ljubimow in Bonn. Der Begründer des Taganka-Theaters bringt es mit der Ästhetik von Scherenschnitten und Lochscheiben auf die Bühne.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Die komplexen Beziehungen von Heißspornen um die 20 und von Mädchenfrauen, die wie Olga einen Lebens- und wie Tatjana einen Bildungshunger entwickeln, sind die eine Seite des Eugen Onegin. Die gesellschaftskritischen Spitzen gegen die Zustände einer Gesellschaft im aufkeimenden Liberalismus sind die andere, jedoch eher verdeckte Seite des Werks. Gewiss, mit Tatjana profilieren Puschkin und Tschaikowski den Typus der modernen Frau, vielleicht instinktiv als Vorgriff auf den „neuen Menschen“. In klassischen Inszenierungen wird man nach Spuren dieses geistigen Überbaus zumeist mit der Lupe suchen müssen. In Wiesbaden nun hat sich Vasily Barkhatov mit Bühnenbildnerin Zinovy Margolin und Olga Shaishmelashvili, verantwortlich für die Kostüme, augenscheinlich aufgemacht, die historisch-politische Dimension des Dramas zumindest ansatzweise ins Bewusstsein zu rücken. Mit Bildern, die quer liegen zur Ausstattungstradition. Mit einer Typisierung der Protagonisten, die ihre und ihres Zeitalters Ausweglosigkeit neu auslotet. Nichts weniger als eine ganze Epoche steht auf der Kippe, die Hoffnung eines ganzen Zeitalters in der Schrägen.
Diese Schräge aus rohem Holz gibt es auf der großen Bühne des Staatstheaters auch tatsächlich. Von links oben nach rechts unten verläuft sie, um im ersten und zweiten Akt wechselnde Schauplätze für allerlei Weilen und Treiben zu schaffen. Nach der Unterhaltung, die die Witwe Larina mit ihren beiden Töchtern sowie der alten Amme Filipjewna führt, verschanzen sich Tatjana und Olga gleichsam unter dem Balken, über den Larina nach oben hin die Szenerie verlässt. Auch ein Bild für das Oben und Unten in dieser Familie. Auf der Schrägen trifft sich die Dorfjugend alias der Chor des Staatstheaters zu allerlei Spaß. Und vor dem Duell Onegins mit Lenski ist sie der Dorfgesellschaft eine willkommene Piste und Eisbahn zum winterlichen Vergnügen. Da sausen die jungen Leute auf Kufen oder in ihren Schlitten die Schräge hinab, fliegen die Schneebälle. Bewegung, nicht Stillstand ist die Devise dieser Regiearbeit. Mit einem Fahrrad umkurvt Olga ihren Lenski, während dieser seine schwärmerischen Gefühle verrät.
In Bewegung sind die Personen auch im Schlussbild. Das simple Holzhaus auf dem Lande ist von einer Wartehalle in einem Bahnhof im Stil der Wende zum 20. Jahrhundert abgelöst worden. Links schlichte Holzbänke, rechts ein mit Kordeln abgetrennter Raum, in dem Fürst Gremin zum Büffet geladen hat. Es ist der Ort, an dem Onegin Tatjana seine Leidenschaft offenbart und letztlich von ihr in Loyalität zu ihrem Gatten abgewiesen wird. Reisende hasten mit ihrem Gepäck durch den Raum, in dessen Deckenhöhe eine übergroße Uhr den Blick des Zuschauers magisch anzieht. Für ein Ankommen gibt es hier keinen Ort. Auch die Gremins, zeigt der Regisseur, sind Reisende, Menschen ohne inneren Fixpunkt. Die Wirklichkeit hinter der Poesie?
Barkhatovs so eigenwillige wie durchdachte Umdichtung der Charaktere wird insbesondere in den Schlüsselszenen rund um das Duell deutlich. Während sich Lenski in Sehnsucht nach Olga vor dem Bühnenholzrahmen verzehrt – Wohin wohin wohin seid ihr entflohen, ihr goldenen Tage meiner Jugend? – streicht diese hinter der Begrenzung lakonisch Marmelade auf eine Scheibe Brot und verzehrt diese völlig unberührt. Ganz besonders skurril wird seine Intention, den Dandy und den Schwärmer als Außenseiter in einer engstirnigen Gesellschaft zu zeigen, in der Szene des Duells deutlich. Das findet nicht wie im Original am frühen Morgen in der bitteren Einsamkeit einer russischen Winterlandschaft statt. Vielmehr treffen sich die vermeintlich verfeindeten Freunde auf der Schräge, umlagert von den Dorfbewohnern. Endlich einmal können sie ihren wahren Gefühlen gegenüber den Städtern so richtig Luft machen. Aus neugieriger Anteilnahme wird Lust am Spektakel. Dann der mörderische Voyeurismus, wie wir Heutigen ihn aus Katastrophenvideos in sozialen Netzwerken kennen. Es fällt auch kein Schuss. Während die Duellanten noch ihr Zögern ausspielen, drängt die Meute Lenksi in den Tod. Von der Schräge stürzt dieser auf den blanken Holzboden, wo er Minuten später ohne sonderliches Aufhebens abtransportiert werden soll. Aber das klappt nicht. Der Körper fällt von der Bahre, ein Bild des Jammers.
Die elegische Musik Tschaikowskis mit ihrem fein gesponnenen Liebesmotiv, das sich durch alle Akte und Bilder zieht, ist bei Daniela Musca, der Dirigentin, und den Musikern des Staatsorchesters Wiesbaden in besten Händen. Zwar ist in punkto Abstimmung zwischen Orchestergraben und Sängerdarstellern nicht alles im Lot, doch überzeugt letztlich die Wiedergabe der großen Linie dieser Partitur. Berückend gelingen die subtilen Bläserpassagen. Insbesondere die Solo-Oboe bei der Briefszene Tatjanas und die Tschaikowski-typische Klarinette in der Umspielung der Szenen der beiden romantischen Helden. Der Chor des Hauses, einstudiert von Albert Horne, meistert seine furiosen Auftritte vorzüglich.

Auch wenn es heute Standard ist, sei vermerkt: Gesungen wird in Russisch, was den Sängern ohne slawische Wurzeln einmal mehr hoch anzurechnen ist. Einer von ihnen ist der US-Amerikaner Christopher Bolduc, der in der Titelrolle mit markantem, auffällig hoch gelegenem Bariton sein Rollendebüt gibt. Doch wirft sein Spiel Rätsel auf. Während ihm die virile Männlichkeit des Dandys gelingt, scheinen der melancholische Lebensüberdruss und die düstere Schwermut des Außenseiters seine Sache nicht zu sein. Sein Pendant, den Lenski, verkörpert Thomas Blondelle mit elegant geführtem, silbrig klingendem Tenor geradezu idealtypisch. Auch die expressiven Ausbrüche dieses Charakters bringt Wiesbadens Loge im aktuellen Laufenberg-Ring voll zur Geltung. Aus Briefen des Komponisten ist bekannt, dass er sehr viel größere Sympathien für Tatjana hegte als für Onegin. In Wiesbaden agiert Asmik Grigorian mit einer Bühnenpräsenz, als wolle sie diese Vorschusslorbeeren Tschaikowskis noch einmal bestätigen. Ihr Sopran, anfangs innig-lyrisch, später dramatisch akzentuiert, zeichnet den individuellen Entwicklungsroman einer Frau, der in Puschkins Versen angelegt ist, eindrucksvoll nach. Vielleicht überwiegt noch zu sehr die technische Performance. Doch reift hörbar eine Tatjana heran, die zumindest mit dieser Rolle auf eine Weltkarriere angelegt ist.
Die weiteren Rollen in dieser Produktion sind achtbar bis herausragend besetzt. Silvia Hauer spielt und singt Olga, den naiven Teenager, mit kindlicher Leichtigkeit und großer Spielfreude. Als Filipjewna überzeugt Anna Maria Dur, als Larina Romina Boscolo. Wolf Matthias Friedrich gestaltet die Partie des Fürsten Gremin mit seinem prachtvollen Bass auf das Beste. Als Triquet gelingt Erik Biegel mit seinem schwärmerischen Couplet Zu diesem Fest beschieden ein Kabinettstück, gesanglich wie spielerisch.
Das Publikum hält sich mit Szenenapplaus merklich zurück. Ausnahmen gelten Grigorian und Friedrich, absolut nachvollziehbar. Nach dem Finale im Stile eines Verdi-Aktschlusses und dem Schlussvorhang steigt der Applauspegel des Publikums in große Höhe. Umjubelt werden die drei Hauptakteure, allen voran die Tatjana des Abends. Mehr als respektvoller Beifall gilt dem Regieteam. In Zeiten eines häufig kritisch beäugten Regie-Theaters und angesichts der Fallhöhe der Inszenierung vielleicht schon die Quintessenz dieser Aufführung.
Ralf Siepmann