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Apokalypse im Videorausch

GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)

Besuch am
23. April 2017
(Premiere)

 

Hessi­sches Staats­theater Wiesbaden

Brünn­hilde und Gunther haben den Tod des Drachen­töters beschlossen: Siegfried falle zur Sühne für sich und euch. Die Walküre verharrt in der riesigen Halle der Gibichungen, allein und isoliert, ein rotes Papier­fähnchen in der Hand. Ihre persön­liche Welt ist zusam­men­ge­brochen. Kurz zuvor ist Siegfried, ihr Held in Leben und Liebe, mit Gutrune zur Vorbe­reitung derer Hochzeits­feier aufge­brochen, begleitet von dem ebenfalls Fähnchen schwen­kenden Brautzug. Brünn­hilde löst sich aus der Erstarrung, tritt nach vorn bis an den Rand des Orches­ter­grabens und knickt gedan­ken­ver­loren das Utensil wie einen Strohhalm. Ein subtiles, zugleich beredtes Vorzeichen für den baldigen Welten­brand, mit dem der Ring des Nibelungen endet. Nach der Apoka­lypse, der Zerstörung und Erneuerung der Welt durch die Kraft des Feuers, bewegt sich aus dem Bühnen­hin­ter­grund eine geheim­nis­volle weißblonde Unbekannte auf das Publikum zu. Sie richtet ein Fernrohr auf den Saal, während im Orches­ter­graben ein Furioso an Leitmo­tiven tobt, darunter das der Erlösung, der Liebe und nicht zuletzt die den Violinen anver­traute, Sieglinde zugeignete Sequenz. Sie stimmt diese in der Walküre in dem Augen­blick an, als sie von Brünn­hilde erfährt, demnächst Mutter Siegfrieds werden zu dürfen. Die Hoffnung, die Uwe Eric Laufenberg in seiner Insze­nierung der Götter­däm­merung visuell nur zögerlich artiku­liert, existiert, zumindest in der Musik Wagners, strahlend, hymnisch, ekstatisch.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Es sind vermutlich wenige Bühnen­bilder, die von der Wiesba­dener Insze­nierung des letzten Ring-Abends in Erinnerung bleiben. Ist es Laufenberg und seinen Ausstattern, die Bühne stammt von Gisbert Jäkel und die Kostüme hat Antje Sternberg entworfen, mit der Reali­sierung der ersten drei Teile der Tetra­logie gelungen, die Reise durch die Mensch­heits­ge­schichte in einer unter­halt­samen, plaka­tiven und bisweilen verzau­bernden Bildsprache zu erzählen, tritt der Zug durch Höllen und Himmel jetzt mehr oder weniger auf der Stelle. Getreu Wotans Abgesang: Nur eines will ich noch: das Ende. Auch im Finale gibt es keine breaking news für das Auge, um es einmal so zu formu­lieren. Die Halle der Gibichungen hat zwar imposante Ausmaße, wandelt sich aber lediglich zum Schau­fenster einer Collage von Versatz­stücken des bishe­rigen Bühneninventars.

Grane, das Pferd Brünn­hildes, macht jetzt als halber Schimmel aus Pappmaché, immer noch übergroß und Troja würdig, Eindruck. Das lebende Ross aus der Walküre, ist zu hören, soll augen­blicklich erkrankt sein, kann aber bei den kommenden Auffüh­rungen während der Maifest­spiele notfalls ersetzt werden. Auch mit der Germania gibt es ein Wieder­sehen, jener imperialen Statue, in der zuvor Wotan seine wider­spenstige Lieblings­tochter vor der Welt und den Männern verschließt. Selbst die digitale Folie aus Siegfried, eine Art Super­play­station zur Mobili­sierung irdischer und außer­ir­di­scher Mächte, hat sich in das Schlussbild gerettet. In den Händen Brünn­hildes wird sie zur Steue­rungs­in­stanz der Apoka­lypse. Ein Déjà-vu gibt es ferner mit Kulissen aus dem Vorabend des Rings. Inzwi­schen haben sich die wunder­baren Rhein­töchter ein Start-up in Form der Bar Zum Rheingold ausge­dacht, in der sie ihren ewigen Schabernack mit den Alben treiben, aktuell mit Hagen.

Waltet mithin Stagnation in der analogen Welt, ist hingegen Falko Sternberg mit seinen Video­pro­jek­tionen ein schon atem- und augen­be­rau­bendes Panorama zur Illus­tration des finalen Welten­brandes gelungen. Katastrophen aller Art, die des Menschen, der Militärs, der Natur, kumulieren zu einem Unter­gangs­sze­nario von Armageddon-Dimen­sionen. Siegfrieds Rhein­fahrt bildet dagegen in der visuellen Welt Stern­bergs einen hellen, geradezu mythisch-heiteren Kontrast. Zu den musika­li­schen Stimmungs­bildern sind Kamera­fahrten und optische Stili­sie­rungen durch allerlei Rhein­land­schaften auf einem schmalen, aber endlos breiten Screen zu erleben. Auch ein Stück Gesamt­kunstwerk, bei Wagner von Sprache und Musik, hier in der Verschmelzung von tradi­tio­nellen und modernen Techniken.

Die Berech­tigung, vielleicht Notwen­digkeit einer jeglichen Ring-Insze­nierung lässt sich dann finden und belegen, wenn sie es schafft, neue konstruktive Einsichten wider die Unver­meid­lichkeit der Apoka­lypse aufzu­zeigen. Einsichten, die Ansätze und Strategien erschließen, der Destruk­ti­vität des Kapita­lismus, wie Wagner ihn beschreibt, heute zudem der politi­schen, ökono­mi­schen und ökolo­gi­schen Dämmerung der Menschheit eine neue Kraft entge­gen­zu­setzen. Ein Aktua­lität in das Denkmodell integrie­render Ansatz könnte sich daran orien­tieren, Gefahren und Risiken des 21. Jahrhun­derts aufzu­spüren und zu enttarnen. Das Böse, weiß ja die Philo­sophie, liebt es, sich zu tarnen.

Laufen­bergs Regie­konzept scheint hier anzusetzen, indem er neue Quellen der Weltbe­drohung zeigt: die Technik, die Super­reichen, die Konzern­lenker, insofern sie Wotans Verträge brechen und die Lebens­ver­hält­nisse der vielen Abhän­gigen plündern. Ausge­rechnet Siegfried, der reinste, treueste, echteste – so beschwört ihn Brünn­hilde nach Aufde­ckung des gemeinen Betruges – mutiert bei Laufenberg zum Prototyp des amora­li­schen Egoisten, der über Leichen geht und mensch­liche Seelen zertritt. Der Felsen der Walküre wandelt sich im Übergang von Siegfried zur Götter­däm­merung vom Schau­platz der ehelichen Liebe zum brutalen Tatort. Siegfried, in Gestalt Gunthers dort erschienen, denatu­riert zum Verge­wal­tiger Brünn­hildes, was durch eindeu­tiges Herum­nesteln an seiner Hose und adäquate rhyth­mische Bewegungen der Körper mehr als angedeutet wird. Analy­tisch ist dieser Eingriff in die Figur des Helden durchaus disku­tabel, weil auf der Höhe unserer Zeit mit ihren Exzessen  der Gewalt. Ob diese nun indirekt – etwa durch Natur­zer­störung – von Eliten aus dem Verbor­genen verübt werden oder direkt auf der Straße mit Spreng­stoff und Messern unter Verwendung der Smart­phone-Kamera, ist letztlich nicht entscheidend.

Benei­denswert das Haus, das sich wie das Theater in Wiesbaden mit Andreas Schager als Siegfried und Catherine Foster als Brünn­hilde eine Besetzung leistet, die höchsten Wagner-Ansprüchen gerecht wird. Foster gehört ohne Zweifel zur ersten Garde der Inter­pre­tinnen der Isolde in der Welt und unter­streicht diese Qualität nun auch mit der Souve­rä­nität, mit der sie die emotionale Berg- und Talfahrt der Brünn­hilde zum Erlebnis macht. So – werf ich den Brand in Walhalls prangende Burg – es bedarf schon einer Sänger­dar­stel­lerin dieses Formats, der zuzutrauen ist, der Götter Ende als ultima ratio des Erkennens und Empfindens herbei­zu­führen. Schager macht da weiter, wo er als Siegfried seinen ersten Wiesba­dener Triumph feiert. Laufenberg reduziert ihn, den Darsteller, leider ein Stück weit auf die Rolle des tumben Toren. Den Sänger ficht das freilich wenig an. Kraftvoll, ausdrucks­stark, fast schon mit Annähe­rungen an das Belcanto-Fach gestaltet der Tenor insbe­sondere die mythi­schen Erzäh­lungen hinreißend, von denen es ja etliche zu bewäl­tigen gilt.

Foto © Karl und Monika Forster

Der Hagen Shavleg Armasis präsen­tiert seinen markanten Bass ziemlich furcht­erregend. Die Wälder, durch die er mit seinen Kumpanen streift, möchte man am liebsten zur no go area erklären. Doch Siegfried, betäubt vom beschwe­renden Trank, hat hierfür schon alle Sensoren verloren. Matias Tosi bleibt als Gunther stimmlich etwas matt, was aber irgendwie auch zu seiner Rolle passt. Ist doch der Herr über Gibichungen im Grunde ein mediokrer Oppor­tunist. Thomas de Vries überzeugt als Alberich einmal mehr. Sabina Cvilak macht aus der Figur der Gutrune ein Exempel, das sich gut in das Regie­konzept einfügt. Sie passt mit kühlem Macht­in­stinkt in jeden Famili­enclan, der, wo auch immer in der Welt, seine Geschäfte auf Kosten der Wehrlosen betreibt. Bernadett Fodor als Waltraute ist ein Pluspunkt der Besetzung. Sie  verbindet geschwis­ter­liche Empathie mit der Gewissheit der Ahnenden. Der von Albert Horne gut einge­stellte Chor bewältigt seine macht­vollen Passagen mit Verve und Pathos.

Blendend aufgelegt und über die lange Zeitstrecke von gut fünf Stunden voll auf der Höhe ist das Hessische Staats­or­chester Wiesbaden unter der musika­li­schen Leitung Alexander Joels. Die Natur­schil­de­rungen wie Siegfrieds Rhein­fahrt und der Trauer­marsch zu Siegfrieds Tod offen­baren große Wagner-Affinität, die in dem grandiosen Rausch an Leitmo­tiven in der Apotheose des Unter­gangs gipfelt. Nicht anders versteht das auch das Publikum. Es schüttet ergie­bigen Jubel über alle Betei­ligten aus.

Alles, was ist, endet, weiß Erda im Rheingold. Das Staats­theater zu Wiesbaden, um eine Bilanz zu ziehen, hat binnen weniger Monate, begünstigt gewiss durch den Vorlauf Laufen­bergs in Linz, einen Ring auf die Bühne gebracht, der den Besuch und die Reflexion lohnt. Der Wagners Weltepos, den erzäh­le­ri­schen Wert der Tetra­logie, ernst nimmt und auch musika­lisch große Qualität besitzt. So bleibt doch etwas über den Tag hinaus, Erda nicht ganz beim Wort nehmend.

Ralf Siepmann

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