O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)
Besuch am
23. April 2017
(Premiere)
Brünnhilde und Gunther haben den Tod des Drachentöters beschlossen: Siegfried falle zur Sühne für sich und euch. Die Walküre verharrt in der riesigen Halle der Gibichungen, allein und isoliert, ein rotes Papierfähnchen in der Hand. Ihre persönliche Welt ist zusammengebrochen. Kurz zuvor ist Siegfried, ihr Held in Leben und Liebe, mit Gutrune zur Vorbereitung derer Hochzeitsfeier aufgebrochen, begleitet von dem ebenfalls Fähnchen schwenkenden Brautzug. Brünnhilde löst sich aus der Erstarrung, tritt nach vorn bis an den Rand des Orchestergrabens und knickt gedankenverloren das Utensil wie einen Strohhalm. Ein subtiles, zugleich beredtes Vorzeichen für den baldigen Weltenbrand, mit dem der Ring des Nibelungen endet. Nach der Apokalypse, der Zerstörung und Erneuerung der Welt durch die Kraft des Feuers, bewegt sich aus dem Bühnenhintergrund eine geheimnisvolle weißblonde Unbekannte auf das Publikum zu. Sie richtet ein Fernrohr auf den Saal, während im Orchestergraben ein Furioso an Leitmotiven tobt, darunter das der Erlösung, der Liebe und nicht zuletzt die den Violinen anvertraute, Sieglinde zugeignete Sequenz. Sie stimmt diese in der Walküre in dem Augenblick an, als sie von Brünnhilde erfährt, demnächst Mutter Siegfrieds werden zu dürfen. Die Hoffnung, die Uwe Eric Laufenberg in seiner Inszenierung der Götterdämmerung visuell nur zögerlich artikuliert, existiert, zumindest in der Musik Wagners, strahlend, hymnisch, ekstatisch.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Es sind vermutlich wenige Bühnenbilder, die von der Wiesbadener Inszenierung des letzten Ring-Abends in Erinnerung bleiben. Ist es Laufenberg und seinen Ausstattern, die Bühne stammt von Gisbert Jäkel und die Kostüme hat Antje Sternberg entworfen, mit der Realisierung der ersten drei Teile der Tetralogie gelungen, die Reise durch die Menschheitsgeschichte in einer unterhaltsamen, plakativen und bisweilen verzaubernden Bildsprache zu erzählen, tritt der Zug durch Höllen und Himmel jetzt mehr oder weniger auf der Stelle. Getreu Wotans Abgesang: Nur eines will ich noch: das Ende. Auch im Finale gibt es keine breaking news für das Auge, um es einmal so zu formulieren. Die Halle der Gibichungen hat zwar imposante Ausmaße, wandelt sich aber lediglich zum Schaufenster einer Collage von Versatzstücken des bisherigen Bühneninventars.
Grane, das Pferd Brünnhildes, macht jetzt als halber Schimmel aus Pappmaché, immer noch übergroß und Troja würdig, Eindruck. Das lebende Ross aus der Walküre, ist zu hören, soll augenblicklich erkrankt sein, kann aber bei den kommenden Aufführungen während der Maifestspiele notfalls ersetzt werden. Auch mit der Germania gibt es ein Wiedersehen, jener imperialen Statue, in der zuvor Wotan seine widerspenstige Lieblingstochter vor der Welt und den Männern verschließt. Selbst die digitale Folie aus Siegfried, eine Art Superplaystation zur Mobilisierung irdischer und außerirdischer Mächte, hat sich in das Schlussbild gerettet. In den Händen Brünnhildes wird sie zur Steuerungsinstanz der Apokalypse. Ein Déjà-vu gibt es ferner mit Kulissen aus dem Vorabend des Rings. Inzwischen haben sich die wunderbaren Rheintöchter ein Start-up in Form der Bar Zum Rheingold ausgedacht, in der sie ihren ewigen Schabernack mit den Alben treiben, aktuell mit Hagen.
Waltet mithin Stagnation in der analogen Welt, ist hingegen Falko Sternberg mit seinen Videoprojektionen ein schon atem- und augenberaubendes Panorama zur Illustration des finalen Weltenbrandes gelungen. Katastrophen aller Art, die des Menschen, der Militärs, der Natur, kumulieren zu einem Untergangsszenario von Armageddon-Dimensionen. Siegfrieds Rheinfahrt bildet dagegen in der visuellen Welt Sternbergs einen hellen, geradezu mythisch-heiteren Kontrast. Zu den musikalischen Stimmungsbildern sind Kamerafahrten und optische Stilisierungen durch allerlei Rheinlandschaften auf einem schmalen, aber endlos breiten Screen zu erleben. Auch ein Stück Gesamtkunstwerk, bei Wagner von Sprache und Musik, hier in der Verschmelzung von traditionellen und modernen Techniken.
Die Berechtigung, vielleicht Notwendigkeit einer jeglichen Ring-Inszenierung lässt sich dann finden und belegen, wenn sie es schafft, neue konstruktive Einsichten wider die Unvermeidlichkeit der Apokalypse aufzuzeigen. Einsichten, die Ansätze und Strategien erschließen, der Destruktivität des Kapitalismus, wie Wagner ihn beschreibt, heute zudem der politischen, ökonomischen und ökologischen Dämmerung der Menschheit eine neue Kraft entgegenzusetzen. Ein Aktualität in das Denkmodell integrierender Ansatz könnte sich daran orientieren, Gefahren und Risiken des 21. Jahrhunderts aufzuspüren und zu enttarnen. Das Böse, weiß ja die Philosophie, liebt es, sich zu tarnen.
Laufenbergs Regiekonzept scheint hier anzusetzen, indem er neue Quellen der Weltbedrohung zeigt: die Technik, die Superreichen, die Konzernlenker, insofern sie Wotans Verträge brechen und die Lebensverhältnisse der vielen Abhängigen plündern. Ausgerechnet Siegfried, der reinste, treueste, echteste – so beschwört ihn Brünnhilde nach Aufdeckung des gemeinen Betruges – mutiert bei Laufenberg zum Prototyp des amoralischen Egoisten, der über Leichen geht und menschliche Seelen zertritt. Der Felsen der Walküre wandelt sich im Übergang von Siegfried zur Götterdämmerung vom Schauplatz der ehelichen Liebe zum brutalen Tatort. Siegfried, in Gestalt Gunthers dort erschienen, denaturiert zum Vergewaltiger Brünnhildes, was durch eindeutiges Herumnesteln an seiner Hose und adäquate rhythmische Bewegungen der Körper mehr als angedeutet wird. Analytisch ist dieser Eingriff in die Figur des Helden durchaus diskutabel, weil auf der Höhe unserer Zeit mit ihren Exzessen der Gewalt. Ob diese nun indirekt – etwa durch Naturzerstörung – von Eliten aus dem Verborgenen verübt werden oder direkt auf der Straße mit Sprengstoff und Messern unter Verwendung der Smartphone-Kamera, ist letztlich nicht entscheidend.
Beneidenswert das Haus, das sich wie das Theater in Wiesbaden mit Andreas Schager als Siegfried und Catherine Foster als Brünnhilde eine Besetzung leistet, die höchsten Wagner-Ansprüchen gerecht wird. Foster gehört ohne Zweifel zur ersten Garde der Interpretinnen der Isolde in der Welt und unterstreicht diese Qualität nun auch mit der Souveränität, mit der sie die emotionale Berg- und Talfahrt der Brünnhilde zum Erlebnis macht. So – werf ich den Brand in Walhalls prangende Burg – es bedarf schon einer Sängerdarstellerin dieses Formats, der zuzutrauen ist, der Götter Ende als ultima ratio des Erkennens und Empfindens herbeizuführen. Schager macht da weiter, wo er als Siegfried seinen ersten Wiesbadener Triumph feiert. Laufenberg reduziert ihn, den Darsteller, leider ein Stück weit auf die Rolle des tumben Toren. Den Sänger ficht das freilich wenig an. Kraftvoll, ausdrucksstark, fast schon mit Annäherungen an das Belcanto-Fach gestaltet der Tenor insbesondere die mythischen Erzählungen hinreißend, von denen es ja etliche zu bewältigen gilt.

Der Hagen Shavleg Armasis präsentiert seinen markanten Bass ziemlich furchterregend. Die Wälder, durch die er mit seinen Kumpanen streift, möchte man am liebsten zur no go area erklären. Doch Siegfried, betäubt vom beschwerenden Trank, hat hierfür schon alle Sensoren verloren. Matias Tosi bleibt als Gunther stimmlich etwas matt, was aber irgendwie auch zu seiner Rolle passt. Ist doch der Herr über Gibichungen im Grunde ein mediokrer Opportunist. Thomas de Vries überzeugt als Alberich einmal mehr. Sabina Cvilak macht aus der Figur der Gutrune ein Exempel, das sich gut in das Regiekonzept einfügt. Sie passt mit kühlem Machtinstinkt in jeden Familienclan, der, wo auch immer in der Welt, seine Geschäfte auf Kosten der Wehrlosen betreibt. Bernadett Fodor als Waltraute ist ein Pluspunkt der Besetzung. Sie verbindet geschwisterliche Empathie mit der Gewissheit der Ahnenden. Der von Albert Horne gut eingestellte Chor bewältigt seine machtvollen Passagen mit Verve und Pathos.
Blendend aufgelegt und über die lange Zeitstrecke von gut fünf Stunden voll auf der Höhe ist das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der musikalischen Leitung Alexander Joels. Die Naturschilderungen wie Siegfrieds Rheinfahrt und der Trauermarsch zu Siegfrieds Tod offenbaren große Wagner-Affinität, die in dem grandiosen Rausch an Leitmotiven in der Apotheose des Untergangs gipfelt. Nicht anders versteht das auch das Publikum. Es schüttet ergiebigen Jubel über alle Beteiligten aus.
Alles, was ist, endet, weiß Erda im Rheingold. Das Staatstheater zu Wiesbaden, um eine Bilanz zu ziehen, hat binnen weniger Monate, begünstigt gewiss durch den Vorlauf Laufenbergs in Linz, einen Ring auf die Bühne gebracht, der den Besuch und die Reflexion lohnt. Der Wagners Weltepos, den erzählerischen Wert der Tetralogie, ernst nimmt und auch musikalisch große Qualität besitzt. So bleibt doch etwas über den Tag hinaus, Erda nicht ganz beim Wort nehmend.
Ralf Siepmann