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SCHÖNERLAND
(Søren Nils Eichberg)
Besuch am
16. September 2017
(Premiere)
Zunächst plante der Wiesbadener Generalintendant Uwe Eric Laufenberg, die Londoner Uraufführungsproduktion von Eichbergs musiktheatralischem Erstlingswerk Glare aus dem Jahr 2014 zu den Maifestspielen einzuladen. Das Projekt zerschlug sich. Stattdessen beauftragte das Hessische Staatstheater den Komponisten mit einer neuen Oper. Die Uraufführung des anderthalbstündigen Werks im ausverkauften Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters gestaltet sich zu einem markanten Ereignis in der Geschichte zeitgemäßen Musiktheaters, das Mit- wie Nachgeborene angeht.
Das Flüchtlingsthema ergibt sich für den dänisch-deutschen Komponisten gleichermaßen aus der gegenwärtigen Situation wie aus seiner Familiengeschichte. Als Eichberg von der Flucht einer afrikanischen Mutter mit ihren beiden Kindern erfuhr, erinnerte er sich an die haargenau gleiche Erzählung seiner Großmutter, die ihre Kinder mit Mühe und Not aus Ostpreußen rettete. Flucht ist daher für den Komponisten kein bloß tagesaktuelles, sondern ein die Menschheitsgeschichte durchziehendes Thema.
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Handlung entfaltet sich in den zehn Bildern der Oper kaum ansatzweise, vielmehr lebt das Stück aus sich verdichtenden Situationen in Gestalt konkreter Fluchtumstände wie auch Erinnerungen, Träumen, Projektionen und Utopien. Die fünf Solisten tragen die arabischen Namen für Schicksal, Glück, Beständigkeit im Guten, Frieden und Hoffnung. Personifikationen gewiss, doch, weil so abstrakt wie nötig und so lebenswirklich wie möglich gezeichnet, zugleich blut- und selenvolle Menschen. Die fünf stehen nicht über den Dingen, sie wachsen aus dem Geschehen hervor, verlieben sich gar ineinander wie Saida, die Glückliche, in Dariush, den am Guten Festhaltenden. Auf beinahe dokumentarischer Ebene agiert der Chor samt zweier Gruppen aus je drei weiblichen und männlichen Sängerdarstellern, für welche offenbar die Chorführer der griechischen Tragödie Pate stehen. Durch die Strenge dieser Anordnung wird Journalismus auf dem Theater vermieden. Denn Flüchtlingselend bedeutet weit mehr als Reportagefähiges. Ganz in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes meint Elend im Stück grundsätzliche und existenzielle Fremdheit. Flucht an sich ist eine inhumane Veranstaltung. Hinter den Flüchtlingen ist erloschen, was sie hielt und trug, während des Entkommens herrscht der vulgärste Sozialdarwinismus. Wer alt oder zahlungsunfähig ist, bleibt auf der Strecke. Ob jedoch die, denen gelingt, sich ans Ziel durchzuschlagen, seelisch je dort ankommen werden, bleibt für sie selbst zweifelhaft. Schon, weil allzu viele einander widersprechende Gerüchte auf sie einprasseln, etwa ob es sinnvoller ist, seine Ausweispapiere mit sich zu führen oder sie zu vernichten.
Isoliert steht in der Szenenfolge die aus Menschheitsträumen steigende Welt eines Schönerlandes in Frieden und Glück höchster sozialer Kompetenz und von Entfremdung freier Arbeit. Das utopische Hochgebet formuliert eine echte Alternative zu den marktgängigen Bühnen-Dystopien. Auf metatheatralischer Ebene agieren Intendant, Komponist und Stückeschreiberin. Während die Männer das Flüchtlingselend für eine tagesaktuelle Oper ausbeuten, nimmt die Autorin ehrlichen Anteil am Los der Betroffenen. Die Projektemacherei im Intendantenbüro scheint überflüssig. Angesichts der Flut an peinlichen und unbedarften Bühnenversionen zum Thema, mag sie der zu beständiger Selbstreflektion des Produktionsteams nötigende Preis sein, um die Betroffenheits- Falle zu meiden.
Librettistin Therese Schmidt weiß theatralisch wirksame Situationen zu bauen. Szenische und sprachliche Wiederholungen entfalten strukturbildende Kraft. Das poetische Verfahren tendiert zu lapidarer, dabei ebenso stilisierter wie hochverdichteter Figurensprache. Die Sätze sind bis zum Bersten mit Bedeutung geladen, wuchern aber nicht ins Sentenziöse oder Gestelzte. Kein Zweifel, die raffinierte Einfachheit des Librettos setzt bedeutende musiktheatralische Kräfte frei.

Eichbergs Musik speist sich aus mannigfachsten Anregungen, ohne je polystilistisch anzumuten. Des Komponisten Schaffen richtet sich auf die Synthese unterschiedlichster Elemente, die von Bach bis zu Computerspielen reicht. Tonalität und Atonalität bedeuten weniger Alternativen als unterschiedliche Elemente ein und derselben Klangsprache, beide sind ineinander mindestens virtuell enthalten. Jenseits des Imitatorischen weckt das monumental sich hinschleppende Vorspiel Assoziationen zum langen Marsch der Flüchtlinge. Die Partitur beschränkt sich im Gegensatz zum Erstlingswerk Glare mit seiner starken elektronischen Komponente auf akustische Instrumente. Auch ist sie keinesfalls perkussionslastig. Das Orchester klingt daher streicher- und bläsersatt gestisch, oft geradezu griffig. Der hochkomplexe Chorsatz strebt seiner Klimax im Utopiebild zu, aus dem eine völlig neue, im wahrsten Wortsinn unerhörte Melodik hervorgeht. Sensorium für Ensemblekunst beweist Eichberg, indem er die Solisten aus der vokalen Vereinzelung zu bezwingendem Zusammenklang auf kantablen Linien von purer Schönheit führt. Die Stückeschreiberin bedenkt er mit einer einprägsamen Arie aus Refrain und rudimentären Strophen. Final zitiert Eichberg Kein schöner Land in dieser Zeit nicht volkstümelnd, sondern wie im Vorübergehen.
Johanna Wehner unterstützt das Werk in jeder Hinsicht. Den Chor zeichnet die Regisseurin als Ansammlung von Einzelpersönlichkeiten. Im Gegenzug individualisiert sie die Solisten nicht weiter als nötig, so dass lediglich Schlaglichter auf sie fallen. Das Utopiebild vergegenwärtigt Wehner in frontaler Künstlichkeit, als ein Diorama, vor dem das Vitrinenglas durch die vierte Wand ersetzt wird. Den Emanzipationsprozess der Stückeschreiberin von der Textlieferantin zur Mitfühlenden vollzieht die Regisseurin glaubwürdig nach.
Die Bühne von Volker Hintermeier besteht aus zwei Stockwerken. Arenaartig steigen Steilwände, an denen kein Hinaufkommen ist, vom Bühnenboden auf. Die obere Ebene ist mit orangefarbenen, multifunktionalen Schiffscontainern bestückt, in die Flüchtlinge gepfercht werden, die aber auch als Intendantenbüro dienen können. Im Hintergrund ist eine Art Flutlichtstrahler aufgehängt.
Stilistisch unbestimmt hüllt Miriam Draxl Chor und Solisten in Schwarz, Weiß und Grau, Kleidung, die auch in einer griechischen Tragödie vorstellbar ist. Das Utopiebild wartet mit zahlreichen regionalen Trachten des deutschen Sprachraums auf. Possierlich wird es dennoch nicht. Der Traum meint es ernst.
Hauptdarsteller des Abends ist der von Albert Horne einstudierte Chor des Hessischen Staatstheaters. Sein Ausdrucksspektrum reicht von größter Durchhörbarkeit bis zur undurchdringlichen vokalen Mauer. Vom kraftvollem Lyrismus des Utopiebildes bis zum kunstvoll wie nebenher gesungenen finalen Volkslied.
Ein besserer Anwalt der Partitur als Horne, der auch die musikalische Gesamtleitung der Uraufführung innehat, lässt sich nicht denken. Das Hessische Staatsorchester wuchtet unter seiner Stabführung die nachgerade skulpturalen Klangmassen der Partitur unter Wahrung des Aufbaus und der inneren Logik der Partitur sängerfreundlich aus dem Graben.
Aus dem Solistenensemble nimmt Eleni Calenos als Saida mit warm timbriertem und geradeaus geführtem Sopran für sich ein. Andrea Baker stattet Kader mit beweglich-schlankem Mezzo aus. Stimmfachkollegin Romina Boscolos Aliyah gewinnt durch satte, mystisch gefärbte Tiefe. Britta Stallmeister ist eine stimmlich wie darstellerisch überzeugende Stückeschreiberin. Aaron Cawley verleiht Dariush heldentenorale Strahlkraft und Emphase. Die beiden schwächsten Rollen der Oper sind mit Thomas de Vries als Intendant und Erik Biegel als Komponist stimmstark besetzt.
Der Applaus ist nicht enthusiastisch, aber ebenso ehrlich wie herzlich. Zu hoffen steht, dass Schönerland an zahlreichen Bühnen nachgespielt wird. Sein Rang als Referenzwerk zum Thema Not und Elend der Flüchtlinge jedenfalls steht fest.
Michael Kaminski