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Drachentöter 2.0

SIEGFRIED
(Richard Wagner)

Besuch am
2. April 2017
(Premiere)

 

Staats­theater Wiesbaden

Mimes Felsen­höhle erstreckt sich über die volle Breite der Bühne. Ein Fernseher steht rechts in dem Teil, der sich als Wohnecke benennen ließe. Mittels einer simplen Video­kas­sette werden die Schau­plätze einer mysti­schen Dreier­wette unter, auf und über der Erde zum Theaterkino. Der Wanderer alias Wotan hat sie dem Zwerg aufge­drängt. Die Video­clips huschen über einen Screen oberhalb der Felsenhöhe. Wie schon in der Walküre sind die gewöhn­lichen Verdäch­tigen neuerlich mit von der Partie, die Indus­trie­ka­pitäne und die Autokraten von Putin bis Trump. Déja vu? Nicht ganz. Auch die Digita­li­sierung ist bereits ein Faktor dieser Zauberwelt. Der Titelheld verfügt über ein Geschenk Wotans, einen Daten­speicher in Gestalt einer inter­ak­tiven Folie, einer Art futuris­ti­scher Spiel­konsole. Sie vermag Horntöne hervor­zu­zaubern und ein Compu­ter­spiel in Gang zu setzen, das den Riesen Fafner, den Räuber und aktuellen Eigner des Rings, ausschaltet. Die Reise im Wiesba­dener Welttheater der Menschheit geht also geradezu sprunghaft weiter. Nach der orien­ta­li­schen Rheingold-Etappe mit den Göttern, die als Nomaden in Walhall einziehen, und einem Parforce-Ritt durch die bürger­liche Gesell­schaft der Weltkriege I und II in der Walküre nun also ein Siegfried 2.0.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Für den zweiten Abend der Tetra­logie Richard Wagners hat sich der Regisseur Uwe Eric Laufenberg, Wiesbadens Hausherr, zusammen mit seinem einmal mehr einfalls­reichen Insze­nie­rungsteam Gisbert Jäkel, Bühne, Antje Sternberg, Kostüme, Andreas Frank, Licht, und Falko Sternberg, Video, eine skurrile Zivili­sation in der Schnitt­menge von Techniken des Industrie- und des Infor­ma­ti­ons­zeit­alters ausge­dacht. Hastet Mime in seiner Höhle zwischen TV-Sofa, Amboss und Kochecke hin und her, zeigt die Video­pro­jek­ti­ons­fläche darüber Favelas und damit die Kehrseite der modernen Welt. Fafner hat sich in einem Hochsi­cher­heits­komplex verschanzt, der das Estab­lishment vom Heer der Abgehängten, darunter Alberich, abschottet. Nachdem Siegfried mit seiner virtu­ellen Technik den Riesen zur Strecke gebracht hat, prangt ein übergroßes Victory-Zeichen auf dem gold-glänzenden Eingangstor. Spekta­ku­lärer noch: Nothung, das von Siegfried neu geschmiedete, mythische Super­schwert, kreist in Gestalt einer virtu­ellen Hattori-Hanzo-Ausgabe über der Szene. Hier ist das Kommende vorweg­ge­nommen: Töte Mime!

Die für Wiesbaden überar­beitete  Fassung seines vor drei Jahren in Linz heraus­ge­brachten Siegfried offenbart zudem ein spiele­ri­sches Verständnis Laufen­bergs für die Typologie der Charaktere, die Wagner als Proto­typen eines zum Untergang verdammten Kapita­lismus des Besitzens und des Fühlens versteht. Mime ist quasi ein allein­er­zie­hender Vater unter Druck. Mit dem Stress der pädago­gi­schen Aufgabe und der Verfolgung seiner Strategien in eigener Sache wirkt er weitgehend überfordert. Fafner residiert hinter den klassi­zis­ti­schen Säulen als Chef eines Bankhauses. Diese Neidhöhle könnte auch im Finanz­di­strikt von London stehen. Nach dem Sturz des Vorstands­vor­sit­zenden von „Fafner & Fasolt Ltd.“ tritt Siegfried in seine Fußstapfen. Zu seiner Inthro­ni­sierung gibt es einen Empfang mit allerlei  Personal im Einheitsgrau bei Champagner und Kanapees. Die Karikatur der Welt Wagners wird noch um eine Windung weiter ins Groteske verschoben. Gilt es den Tod Fafners zu melden oder Mimes Ende unter dem Streich des wilden Helden, eilt ein TV-Kamerateam herbei: „Breaking News“. Absurd und zugleich köstlich denatu­riert die Szene, wenn Siegfried und der Waldvogel abwech­selnd ins Mikrofon sprechen, pardon: singen.

Wagner erzählt in Siegfried von der Utopie des neuen Menschen, der ohne die zerstö­renden Einflüsse der Zivili­sation aufwächst. Eines Menschen, der unberührt von Ideologien und Dogmen fähig ist, aus einem elemen­taren Denken und Fühlen wirklich Neues zu schaffen, den Kapita­lismus zu überwinden und der Gier des Menschen eine mitfüh­lende Haltung gegen­über­zu­stellen, die Liebe. Laufenberg zeigt diesen Naiven im besten Sinne, den Spontanen, der handelt, ohne zu verstehen, und ahnt, ohne zu erfassen, ohne weiteren Tiefgang. Es dominiert der Spaß am Spektakel und der ironi­schen Paraphra­sierung. So vorzüglich das auf der Bühne funktio­niert, so sehr könnte sich diese Neigung freilich noch rächen. Die Legiti­mation einer jeglichen Ring-Insze­nierung bestehe doch darin, wie der Wagner-Experte Peter Berne schreibt, Erhel­lendes zu vermitteln. Konstruktive Alter­na­tiven zur Apoka­lypse der politi­schen, ökono­mi­schen und ökolo­gi­schen Dämmerung der Menschheit aufzu­zeigen. So gesehen, steht Laufen­bergs Lackmustest noch aus, bis zum dritten, den Ring rundenden Abend.

Wer dem gewal­tigen Fluss dieser Partitur mit ihren Natur- und Gefühls­schil­de­rungen unvor­ein­ge­nommen lauscht, wird kaum nachvoll­ziehen, warum der zweite Tag der Tetra­logie bei manchen Opern­freunden weniger gelitten ist als die übrigen. Das Hessische Staats­or­chester Wiesbaden jeden­falls unter der musika­li­schen Leitung Alexander Joels unter­nimmt alles, um aus dem fein gespon­nenen Kunstwerk ein sinnliches Erlebnis zu machen. Das beginnt mit den dunkelsten Ring-Klang­farben zu Beginn des Vorspiels zum ersten Aufzug, in denen die Fagotte das Motiv des Grübelns entfalten. Und endet strahlend-hymnisch im Extrem des jubelnd darge­bo­tenen Liebes­glücks­motivs, in dem sich die Verschmelzung Brünn­hildes und Siegfrieds manifes­tiert: Leuch­tende Liebe, lachender Tod!

Foto © Karl und Monika Forster

Der sänge­rische Gesamt­ein­druck hingegen kommt nicht so ganz an den der Walküre heran. Das liegt aller­dings wahrlich nicht an Andreas Schager. Der Tenor hat binnen weniger Jahre alle Helden­tenor-Partien Wagners in bedeu­tenden Häusern von Berlin bis Bayreuth gesungen. Die mörde­rische Rolle des kindi­schen Helden bringt er im Robin-Hood-Aussehen souverän und mit scheinbar unerschöpf­licher Energie durch die drei Akte. Hier entwi­ckelt sich ein großer drama­ti­scher Wagner-Tenor. Womöglich wird das schon in drei Wochen mit der Wiesba­dener Götter­däm­merung seine Fortsetzung und Bestä­tigung finden.

Die Mattigkeit, die Wotan im Prozess des Abschmelzens seiner Macht heimsucht, drückt sich leider ein Stück weit in der Weise aus, wie Jukka Rasilainen den Wanderer gibt. Zu hören ist nicht nur die begin­nende Resignation eines Gottes, dessen Pläne scheitern und dessen Glück­strähne reißt. Zu vernehmen ist auch der Kampf der Intonation gegen die Wucht aus dem Orches­ter­graben, zumindest partiell. Die beiden Nibelungen-Brüder, Thomas de Vries als Alberich und Matthäus Schmid­lechner als Mime, beein­drucken spiele­risch wie sänge­risch, so unter­schiedlich auch ihre Charaktere sein mögen. Schmid­lechner macht die Aufgabe, dem Erzieher des „zullenden Kindes“ zwiespältige Konturen zu geben, sichtlich Spaß. De Vries ist ein treff­licher Finsterling, zwischen Selbst­aufgabe und unbän­digem Hass zerrissen. Format präsen­tiert der Fafner Young Doo Parks. Sein präch­tiger Bass wird in der Szene der Konfron­tation mit Siegfried, durch Beschallung aus der Höhle verstärkt, zu einem profunden Hörerlebnis. Sonja Gornik als Brünn­hilde hat große Momente. Ihr Sopran ist technisch ausge­feilt und drama­tisch à jour. Ihr perma­nentes, völlig unnötiges Vibrato schmälert aller­dings die Perfor­mance.  Bernadett Fodor macht ihre Sache als Erda gut, Stella An die ihre, die in Wiesbaden auf spiele­rische Bühnen­präsenz angelegte, an Papagena erinnernde Partie des Waldvogels superb.

Das Publikum – ein großer Teil seit dem Rheingold auf Ring-Tour – folgt der Siegfried-Erzählung des Regis­seurs weitgehend ungeteilt. Der Jubel, der schon nach dem ersten Aufzug aufbrandet, weitet sich zu minuten­langer Affir­mation. Dabei sind Pendel­aus­schläge auf der nach oben offenen Beifalls-Skala für Schager, de Vries und Schmid­lechner sowie Orchester und Dirigent zu regis­trieren. Victory also auch hier.

Ralf Siepmann

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