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Mimes Felsenhöhle erstreckt sich über die volle Breite der Bühne. Ein Fernseher steht rechts in dem Teil, der sich als Wohnecke benennen ließe. Mittels einer simplen Videokassette werden die Schauplätze einer mystischen Dreierwette unter, auf und über der Erde zum Theaterkino. Der Wanderer alias Wotan hat sie dem Zwerg aufgedrängt. Die Videoclips huschen über einen Screen oberhalb der Felsenhöhe. Wie schon in der Walküre sind die gewöhnlichen Verdächtigen neuerlich mit von der Partie, die Industriekapitäne und die Autokraten von Putin bis Trump. Déja vu? Nicht ganz. Auch die Digitalisierung ist bereits ein Faktor dieser Zauberwelt. Der Titelheld verfügt über ein Geschenk Wotans, einen Datenspeicher in Gestalt einer interaktiven Folie, einer Art futuristischer Spielkonsole. Sie vermag Horntöne hervorzuzaubern und ein Computerspiel in Gang zu setzen, das den Riesen Fafner, den Räuber und aktuellen Eigner des Rings, ausschaltet. Die Reise im Wiesbadener Welttheater der Menschheit geht also geradezu sprunghaft weiter. Nach der orientalischen Rheingold-Etappe mit den Göttern, die als Nomaden in Walhall einziehen, und einem Parforce-Ritt durch die bürgerliche Gesellschaft der Weltkriege I und II in der Walküre nun also ein Siegfried 2.0.
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Für den zweiten Abend der Tetralogie Richard Wagners hat sich der Regisseur Uwe Eric Laufenberg, Wiesbadens Hausherr, zusammen mit seinem einmal mehr einfallsreichen Inszenierungsteam Gisbert Jäkel, Bühne, Antje Sternberg, Kostüme, Andreas Frank, Licht, und Falko Sternberg, Video, eine skurrile Zivilisation in der Schnittmenge von Techniken des Industrie- und des Informationszeitalters ausgedacht. Hastet Mime in seiner Höhle zwischen TV-Sofa, Amboss und Kochecke hin und her, zeigt die Videoprojektionsfläche darüber Favelas und damit die Kehrseite der modernen Welt. Fafner hat sich in einem Hochsicherheitskomplex verschanzt, der das Establishment vom Heer der Abgehängten, darunter Alberich, abschottet. Nachdem Siegfried mit seiner virtuellen Technik den Riesen zur Strecke gebracht hat, prangt ein übergroßes Victory-Zeichen auf dem gold-glänzenden Eingangstor. Spektakulärer noch: Nothung, das von Siegfried neu geschmiedete, mythische Superschwert, kreist in Gestalt einer virtuellen Hattori-Hanzo-Ausgabe über der Szene. Hier ist das Kommende vorweggenommen: Töte Mime!
Die für Wiesbaden überarbeitete Fassung seines vor drei Jahren in Linz herausgebrachten Siegfried offenbart zudem ein spielerisches Verständnis Laufenbergs für die Typologie der Charaktere, die Wagner als Prototypen eines zum Untergang verdammten Kapitalismus des Besitzens und des Fühlens versteht. Mime ist quasi ein alleinerziehender Vater unter Druck. Mit dem Stress der pädagogischen Aufgabe und der Verfolgung seiner Strategien in eigener Sache wirkt er weitgehend überfordert. Fafner residiert hinter den klassizistischen Säulen als Chef eines Bankhauses. Diese Neidhöhle könnte auch im Finanzdistrikt von London stehen. Nach dem Sturz des Vorstandsvorsitzenden von „Fafner & Fasolt Ltd.“ tritt Siegfried in seine Fußstapfen. Zu seiner Inthronisierung gibt es einen Empfang mit allerlei Personal im Einheitsgrau bei Champagner und Kanapees. Die Karikatur der Welt Wagners wird noch um eine Windung weiter ins Groteske verschoben. Gilt es den Tod Fafners zu melden oder Mimes Ende unter dem Streich des wilden Helden, eilt ein TV-Kamerateam herbei: „Breaking News“. Absurd und zugleich köstlich denaturiert die Szene, wenn Siegfried und der Waldvogel abwechselnd ins Mikrofon sprechen, pardon: singen.
Wagner erzählt in Siegfried von der Utopie des neuen Menschen, der ohne die zerstörenden Einflüsse der Zivilisation aufwächst. Eines Menschen, der unberührt von Ideologien und Dogmen fähig ist, aus einem elementaren Denken und Fühlen wirklich Neues zu schaffen, den Kapitalismus zu überwinden und der Gier des Menschen eine mitfühlende Haltung gegenüberzustellen, die Liebe. Laufenberg zeigt diesen Naiven im besten Sinne, den Spontanen, der handelt, ohne zu verstehen, und ahnt, ohne zu erfassen, ohne weiteren Tiefgang. Es dominiert der Spaß am Spektakel und der ironischen Paraphrasierung. So vorzüglich das auf der Bühne funktioniert, so sehr könnte sich diese Neigung freilich noch rächen. Die Legitimation einer jeglichen Ring-Inszenierung bestehe doch darin, wie der Wagner-Experte Peter Berne schreibt, Erhellendes zu vermitteln. Konstruktive Alternativen zur Apokalypse der politischen, ökonomischen und ökologischen Dämmerung der Menschheit aufzuzeigen. So gesehen, steht Laufenbergs Lackmustest noch aus, bis zum dritten, den Ring rundenden Abend.
Wer dem gewaltigen Fluss dieser Partitur mit ihren Natur- und Gefühlsschilderungen unvoreingenommen lauscht, wird kaum nachvollziehen, warum der zweite Tag der Tetralogie bei manchen Opernfreunden weniger gelitten ist als die übrigen. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden jedenfalls unter der musikalischen Leitung Alexander Joels unternimmt alles, um aus dem fein gesponnenen Kunstwerk ein sinnliches Erlebnis zu machen. Das beginnt mit den dunkelsten Ring-Klangfarben zu Beginn des Vorspiels zum ersten Aufzug, in denen die Fagotte das Motiv des Grübelns entfalten. Und endet strahlend-hymnisch im Extrem des jubelnd dargebotenen Liebesglücksmotivs, in dem sich die Verschmelzung Brünnhildes und Siegfrieds manifestiert: Leuchtende Liebe, lachender Tod!

Der sängerische Gesamteindruck hingegen kommt nicht so ganz an den der Walküre heran. Das liegt allerdings wahrlich nicht an Andreas Schager. Der Tenor hat binnen weniger Jahre alle Heldentenor-Partien Wagners in bedeutenden Häusern von Berlin bis Bayreuth gesungen. Die mörderische Rolle des kindischen Helden bringt er im Robin-Hood-Aussehen souverän und mit scheinbar unerschöpflicher Energie durch die drei Akte. Hier entwickelt sich ein großer dramatischer Wagner-Tenor. Womöglich wird das schon in drei Wochen mit der Wiesbadener Götterdämmerung seine Fortsetzung und Bestätigung finden.
Die Mattigkeit, die Wotan im Prozess des Abschmelzens seiner Macht heimsucht, drückt sich leider ein Stück weit in der Weise aus, wie Jukka Rasilainen den Wanderer gibt. Zu hören ist nicht nur die beginnende Resignation eines Gottes, dessen Pläne scheitern und dessen Glücksträhne reißt. Zu vernehmen ist auch der Kampf der Intonation gegen die Wucht aus dem Orchestergraben, zumindest partiell. Die beiden Nibelungen-Brüder, Thomas de Vries als Alberich und Matthäus Schmidlechner als Mime, beeindrucken spielerisch wie sängerisch, so unterschiedlich auch ihre Charaktere sein mögen. Schmidlechner macht die Aufgabe, dem Erzieher des „zullenden Kindes“ zwiespältige Konturen zu geben, sichtlich Spaß. De Vries ist ein trefflicher Finsterling, zwischen Selbstaufgabe und unbändigem Hass zerrissen. Format präsentiert der Fafner Young Doo Parks. Sein prächtiger Bass wird in der Szene der Konfrontation mit Siegfried, durch Beschallung aus der Höhle verstärkt, zu einem profunden Hörerlebnis. Sonja Gornik als Brünnhilde hat große Momente. Ihr Sopran ist technisch ausgefeilt und dramatisch à jour. Ihr permanentes, völlig unnötiges Vibrato schmälert allerdings die Performance. Bernadett Fodor macht ihre Sache als Erda gut, Stella An die ihre, die in Wiesbaden auf spielerische Bühnenpräsenz angelegte, an Papagena erinnernde Partie des Waldvogels superb.
Das Publikum – ein großer Teil seit dem Rheingold auf Ring-Tour – folgt der Siegfried-Erzählung des Regisseurs weitgehend ungeteilt. Der Jubel, der schon nach dem ersten Aufzug aufbrandet, weitet sich zu minutenlanger Affirmation. Dabei sind Pendelausschläge auf der nach oben offenen Beifalls-Skala für Schager, de Vries und Schmidlechner sowie Orchester und Dirigent zu registrieren. Victory also auch hier.
Ralf Siepmann