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SIROE
(Johann Adolf Hasse)
Besuch am
20. Mai 2017
(Gastspiel)
Kein Geringerer als Christoph Martin Wieland hatte sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Dichtersprache an die Geschmeidigkeit der Libretti Pietro Metastasios anzugleichen. Dessen Textbücher wurden oft dutzendfach vertont. Sein dramaturgisch meisterhaft disponierter und poetisch eindringlicher Siroe wurde zwischen 1726 und 1810 weit über dreißig Mal in Musik gesetzt. Eine der bedeutendsten Vertonungen stammt vom sächsischen Hofkapellmeister Johann Adolf Hasse. Das lange vergessene und nun durch die vom Countertenor Max Emanuel Cencic geleitete Parnassus Arts Productions für die Bühne wiederentdeckte Werk wird in Kooperation des Athens Festival, zu dem die Inszenierung am 26. Juni 2014 herauskam, mit der Opéra Royal Versailles bei den Wiesbadener Maifestspielen vorgestellt.
Im Zentrum der am Hof des altpersischen Großreichs angesiedelten Handlung steht der väterlicher Missgunst und Willkür ausgesetzte kronprinzliche Titelheld Siroe. Vom jüngeren Bruder Medarse in der Erbfolge ausgestochen, von der abgewiesenen Königskonkubine Laodice verleumdet, von der geliebten Emira, die sich als Mann verkleidet in das Vertrauen des persischen Königs Cosroe eingeschlichen hat, um ihren von diesem ermordeten Vater zu rächen, für ihre todbringenden Zwecke instrumentalisiert, erträgt Siroe in nimmermüdem Sohnesgehorsam und heroischer Treue zur Geliebten Schmach, Schande und Folter. Solch tugendhaftes Dulden samt einer Volkserhebung zu des Kronprinzen Befreiung wandelt den Sinn der Intriganten und selbst den des hartherzigen Vaters, der zu Gunsten Siroes abdankt.
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Die erste Version der Oper datiert in das Jahr 1733. Wie bei Hasse nicht selten, hat der Komponist die Oper später noch einmal tiefgreifend überarbeitet, so die gesamte Titelrolle. Diese dreißig Jahre später erstellte und am Dresdner Hoftheater am 3. August 1763 uraufgeführte Fassung wird bei den Maifestspielen gezeigt. Hasses Musik bewegt sich darin deutlich auf die Klassik zu.
Der Sänger der Titelrolle, Max Emanuel Cencic, hat sich auch der Spielleitung angenommen. Diese nach den Maßstäben der Herausarbeitung schlüssig umrissener Figuren und ihrer Konstellationen Regie zu nennen, wäre übertrieben. Cencic beschränkt sich auf Tableaus und sonstige Arrangements. Tatsächlich erreichen sie immer wieder einmal die beabsichtigte dekorative Wirkung. Doch werden die Personen unter Gesichtspunkten geführt, die – als Untote – sonst gelegentlich noch durch kleinere Häuser des romanischen Sprachraums und des südöstlichen Europas geistern. Peinlichkeiten inbegriffen. Die Geißelhiebe, mit denen der Titelheld gezüchtigt wird, langen plump daneben. Unbeholfen wird mit Schwert und Dolch hantiert. Wenn final die Figuren vor ihrem neuen König Siroe den Fußfall vollziehen, bleiben die Diener stehen. Im alten Persien wären sie sofort niedergemacht worden.
Die kunstgewerbliche Ausstattung orientiert sich nicht am persischen Großreich des Altertums, sondern an orientalischen Miniaturen des 17. und 18. Jahrhunderts. Entsprechend zeigt Bruno de Lavenère bühnenportalhohe, von Arabesken durchbrochene Gitterpaneele, hinter denen transparente Vorhänge eingezogen sind.

Inflationär vermehrt wird die orientalische Ornamentik durch die Videos von Etienne Guiol. Mitunter überfängt engmaschiges Arabesken-Netzwerk die gesamte Bühne. Die Hintergrundprojektionen verselbstständigen sich oft zu Spielereien, die zu den Bühnenvorgängen, wenn überhaupt, in lediglich assoziativem Zusammenhang stehen. Einzig der Palastgarten mit flatternden Schmetterlingen bezieht sich wirklich auf das Reich der Großkönige, meint doch das aus dem Altpersischen stammende „Paradies“ ursprünglich einen solchen.
Für die Kostüme zeichnet ebenfalls Lavenère verantwortlich. Sie bemühen kostbare Goldbrokatstoffe und Turbane für die Herren und die Kleidung des Palastharems für Laodice.
Musikalisch erfüllt die Aufführung hohe und höchste Ansprüche. Die Armonia Atenea unter ihrem Leiter George Petrou läuft zügig zur Bestform auf. Forsche Tempi, eine reich nuancierte dynamische Skala, die je nach Erfordernis rhythmische Schärfe oder federnde Elastizität des Orchesters sorgen für das prickelnde Wechselbad barocker Affekte.
Cencic in der Titelpartie nimmt mit virilem und bestens fokussiertem Countertenor für sich ein, dessen Gesangslinie auf bereits vorklassisches Ebenmaß baut. Die Laodice von Julia Lezhneva reißt hin. Lezhnevas Sopran vereint Prägnanz mit Weichheit und Fülle. Die Koloraturgeläufigkeit bei rasantesten Tempi verselbständigt sich nie, sie bleibt durchweg in den musikalischen Ausdruckswert der jeweiligen Arie verwoben. Mary-Ellen Nesi als Medarse meistert mit bestens zentrierter und ausgesprochen kernhafter Stimme die vokalen Höllenritte ihrer Partie wie schwerelos. Juan Sancho als Cosroe wirft seinen prägnanten, höhensicheren Tenor in die Waagschale. Blandine Staskiewiczs Mezzosopran schlägt sich über weite Strecken wacker, indessen ist ihre Arie Che furia, che mostro aus dem letzten Akt im mittleren Parkett akustisch kaum zu vernehmen. Dilyara Idrisova offenbart in der Partie des Arasse einen vielversprechenden Sopran.
Zahlreiche Bravorufe besonders der das übliche Festspielpublikum durchsetzenden Anhänger der Alten Musik honorieren ausgezeichnete musikalische Leistungen in einem bunt bebilderten, hübsch arrangierten Konzert im Kostüm.
Michael Kaminski