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MAOMETTO SECUNDO
(Gioachino Rossini)
Besuch am
15. Juli 2017
(Premiere)
Beethoven beglückwünscht 1822 anlässlich Rossinis Besuchs den Komponisten des Barbier von Sevilla. Er lobt das Werk als „ausgezeichnete komische Oper“. Zugleich gibt er Rossini den Rat, sein Glück nicht außerhalb des Buffa-Genres zu suchen: „In anderen Kunstgattungen Erfolg haben zu wollen, hieße Ihrem Schicksal Gewalt anzutun.“ Wie sehr auch der Titan der Wiener Klassik irren kann, zeigt sich in einer ganzen Serie von Opere serie, die sich in der Nachfolgezeit dieser Begegnung auf den Bühnen Italiens, dann Frankreichs und später in der ganzen Welt durchsetzen. Beethoven wäre in seinem Rat vermutlich zurückhaltender gewesen, hätte er bereits Rossinis 1820 für das Teatro San Carlo in Neapel komponierte Maometto Secondo gekannt. Auf den Spielplänen der Musiktheater ist der in diversen Bearbeitungen seines Schöpfers existierende Zweiakter äußerst selten aufzufinden. Ihn jetzt auf die Bühne der Trinkhalle im Kurzentrum von Bad Wildbad zu stellen, ist ohne Zweifel ein, vielleicht das Highlight des Belcanto-Opera-Festivals 2017.
Intendant Jochen Schönleber, Regisseur der Produktion, entscheidet sich weitgehend für die neapolitanische Erstfassung des Werks, die von der Spannung zwischen der Auslöschung oder der Aussöhnung zwischen Völkern und Kulturen getragen wird. Er bringt mit seiner Inszenierung von Maometto II den bedeutenden Stellenwert eines Werks zu Bewusstsein, das – politisch, gesellschaftlich, ethisch – auch heutige Diskurse über Empathie und Toleranz, Aufopferung und Verantwortung bereichern kann.
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Anders als bei zahlreichen weiteren Rossini-Werken erlauben das wie eine Kolportage, jedoch dramaturgisch transparent aufgebaute Libretto von Cesare Delle Valle und die von Reto Müller für die Aufführung klug eingerichteten italienischen und deutschen Übertitel, der verwickelten Handlung wahrlich auf Augenhöhe zu folgen. Der Plot erzählt auf dem Hintergrund der Belagerung der venezianischen Kolonie Negroponte im Jahre 1476 durch Maometto II, den Herrscher von Konstantinopel, eine Leidens- und Liebesgeschichte, die auch heute noch in der yellow press ihre Leserschaft fände. Als der Tag der Entscheidung naht, soll auf Betreiben des Statthalters Erisso dessen Tochter Anna zu ihrer eigenen Sicherheit mit dem Offizier Calbo die Ehe eingehen. Die indes scheut den Schritt, da sie eine geheime Liebe zu einem angeblichen venezianischen Adeligen mit dem Namen Uberto hegt. Der wiederum tritt in der Oper nicht auf, entpuppt sich jedoch als das Inkognito des islamischen Feldherrn, was sich ihr bei der Gegenüberstellung mit Maometto Secondo offenbart. In dem langen Duett der beiden Anna, tu piangi entwirrt sich das Beziehungsgefüge hin zu flammendem Patriotismus und familiärer Verbundenheit. Anna erlebt, wie Maometto, ihr potenziell Angetrauter, die venezianischen Truppen festsetzen und deren Anführer Erisso und Calbo misshandeln lässt. Sie fädelt eine Intrige ein, die die Rettung der Venezianer und Maomettos Untergang zur Folge hat. Anna, jetzt zu einer Art italienischer Jeanne d’Arc gereift, endet im Suizid durch den Dolch.
Die für Wildbad gewählte robustere Erstfassung erlaubt Schönleber anders als in der späteren Fassung für Paris, sich voll und ganz auf die Hingabe der Anna zu konzentrieren. Diesem Grundgedanken folgen auch das von ihm erdachte Bühnenbild sowie die Choreografie von Matteo Marziano Graziano, der als Mitarbeiter der Regie zeichnet. Die heroischen Momente, erst recht die orientalischen Attribute sind weitgehend ausgespart. Die Szene wird nicht von Beduinenzelten und Krummschwertern beherrscht. Vielmehr dominieren schwarze Uniformen und martialische Ledermäntel. Die Sänger des Camerata-Bach-Chors Poznan tragen Kapuzen, die eine ganze Reihe von Assoziationen auslösen, jedoch keine bestimmte. Ein langer Steg quert den linken Teil der Bühne und schafft Raum für optisch wirksame Auf- und Abtritte. Zur Mitte hin ist ein Podest platziert, auf dem die Protagonisten im Anschluss an die jeweiligen Rezitative ihre Gefühle darlegen, in der Solo-Arie, im Duett oder gar in großartigen Terzetten, die zu den innovativen musikalischen Elementen dieses Werks gehören. Der rechte Teil der Bühne wird von einer drehbaren Wand mit der Option ausgefüllt, verschiedene Einstellungen zu zeigen. Mal die Andeutung herrschaftlicher Räume, mal das Schlafzimmer der Anna mit einem angedeuteten Schrein zum Gedächtnis an die verstorbene Mutter.
Auf der Wand zu sehen ist wie mit Kreide geschrieben die Inschrift: Questo è un sacrificio, e la vittima son io. Dieses auch von Anna vokal artikulierte Credo durchzieht Schönlebers Sicht auf den Kampf um kulturelle Werte wie ein roter Faden „Darf man“, fragt sich der Regisseur, „Menschen, oft genug die Wehrlosen, Frauen, Kinder, opfern? Anna wird zum Opfer bestimmt, und ihre Freiheit besteht darin, diese Opferrolle anzunehmen.“ Wer, so das Nachdenken über das Werk über den Belcanto-Genuss hinausgeht, könnte sich der aktuellen bedrängenden Bezüge entziehen?

Ist schon der Gesinnungswandel der Anna auf der Bühne eine Anforderung, so ist es die stimmliche Gestaltung dieser Rolle erst recht. Die Italienerin Elisa Balbo, eine auf weltweiten Tourneen, so mit Andrea Bocelli, bewährte Konzertsängerin, meistert diese Aufgabe nach anfänglicher Zurückhaltung bravourös. Ihr Landsmann, der Bassbariton Mirco Palazzi, ist ein extrem präsenter und stimmgewaltiger Maometto. Er schafft es beeindruckend, der Ambivalenz des osmanischen Feldherrn Farben und Formen zu vermitteln. Mal Verführer, dann Wüstling, schließlich in tiefe Resignation verfallend – eine große Einzelleistung. Die sonstige venezianische Phalanx ist mit dem türkischen Tenor Merto Sungu als Erisso und vor allem der stimmlich wie darstellerisch stupenden Mezzosopranistin Victoria Yarovaya als Calbo top besetzt, die bereits in den letzten beiden Jahren in Wildbad Furore gemacht hat. Allein schon ihre ausgreifende, von irren Sprüngen durchrissene Arie im zweiten Akt, die sie mit Spitzentechnik und scheinbar unerschöpflicher vokaler Kraft meistert, macht die Aufführung zum Ereignis.
Übrigens: Eine Russin, ein Türke, eine Italienerin auf der Festivalbühne an der Enz, auf der historischen Folie einer ethnischen und religiösen Fehde in Gemeinschaft agierend – sind sie nicht Beweis auch dafür, dass sich das faktische und das potenzielle Europa näher sind als zumeist angenommen? Prächtig arrondiert wird der musikalische Gesamteindruck von dem äußerst talentierten Tenor Patrick Kabongo Mubenga, Stipendiat der Akademie BelCanto, in zwei kleineren Rollen sowie dem lebendig spielenden und trefflich klingenden Camerata-Bach-Chor Poznan unter Leitung von Ania Michalak.
Mit der Partitur zu Maometto Secundo hat Rossini den wohl reichhaltigsten und innovativsten Orchestersatz seiner späten Jahre in Italien hervorgebracht. Das überdimensionale Kunstwerk im ersten Akt, kurioserweise als Terzettone bekannt, ist – pars pro toto – ein eigenes Gemälde mit überraschenden Wechseln zwischen den Hauptpersonen, der Artikulation von Schrecken und Versenkung und gar der Zutat eines veritablen Gebetes. Selbst ein urplötzlicher Kanonendonner vermag das Kolossalgemälde nicht zum Einsturz zu bringen.
Antonino Fogliani, einem der führenden Rossini-Dirigenten, gelingt es mit den Wildbad-bewährten Virtuosi Brunenses prächtig, die spezielle DNA dieser Komposition lebendig und nachhaltig werden zu lassen. Bei gewissen Einschränkungen im Detail wie der Formierung der Streicher oder der Lautstärke des Schlagwerks etwa – dieses orchestrale Niveau hat Prädikat. Und jede Art und Weise der Anerkennung verdient.
Das Festival mit der 29. Ausgabe seit Gründung, mit einer ganzen Handvoll an Neuproduktionen, zudem einem offenkundig ständig steigender Besucheranteil aus dem nahen Frankreich scheint künstlerisch auf einem unverändert guten Weg zu sein. Festival en marche, sozusagen. Damit ist allerdings keine Aussage zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbunden. Wie knapp das Budget nach wie vor auf Kante genäht ist, lässt sich mit etwas Fantasie aus einem Spendenaufruf Schönlebers ablesen. Sollte nicht ein Mäzen den Kaufpreis für den Hammerflügel von Ignaz Pleyel aus dem Jahr 1849 aufbringen, der auf zahlreichen Festival-Aufnahmen zu hören sei, werde dieser vom kommenden Jahr an nicht mehr bereitstehen. Wer sich angesprochen fühlt: Es geht um eine Summe in Höhe von 21.000 Euro.
Ralf Siepmann