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Sehnsucht nach Erlösung

DER TOD UND DAS MÄDCHEN/​REQUIEM
(Anna Vita)

Besuch am
29. April 2017
(Premiere)

 

Mainfran­ken­theater Würzburg

Tod wird oft als Erlösung aus irdischer Not apostro­phiert. Beim zweitei­ligen Ballett­abend am Mainfran­ken­theater Würzburg Der Tod und das Mädchen und Requiem steht auch dieses Thema im Vorder­grund, nämlich die Hoffnung von Menschen auf Befreiung von allen Zwängen, die einem das Leben auferlegt. Zu einer solchen Thematik eignet sich die Kombi­nation von Franz Schuberts Streich­quartett in d‑Moll D 810 Der Tod und das Mädchen und von Wolfgang Amadeus Mozarts unvoll­endetem Requiem in d‑Moll KV 626 bestens.

Anna Vita, die Würzburger Ballett­chefin, entwi­ckelt zu diesen beiden wunder­baren Musik­werken im ersten Teil ein Handlungs­ballett, im zweiten, umfang­rei­cheren Teil in einem allge­mein­gül­tigen, symbol­haften Tanz starke Bilder um das Geheimnis des Lebens, offenbart in der Konfron­tation mit dem Tod, dem Ende des irdischen Daseins und dem Mysterium eines möglichen Weiter­exis­tierens in anderer Form. Beide Teile dieses großen Tanzabends harmo­nieren auf erstaun­liche Weise. Im ersten Teil besitzt der Tod für das Mädchen geradezu verfüh­re­rische Quali­täten, stellt für sie eine Befreiung aus der Enge der bürger­lichen Konvention ihrer Eltern dar und aus den Zwängen einer Irren­an­stalt; doch letztlich erweist er sich als trüge­risch hinsichtlich einer eroti­schen Erfüllung. Im zweiten Teil des Abends erfahren die Menschen auf der Schwelle zum Tod die Emotionen, die sie verbinden mit dem irdischen Leben und seinem Ende und der unbestimmten Sehnsucht nach einem Leben „danach“.

Bemer­kenswert an diesem Ballett­abend ist der große Einsatz der Musik. Das Philhar­mo­nische Orchester Würzburg spielt unter der äußerst engagierten Leitung von Enrico Calesso mit feinen Farben und klang­schön zuerst die Orches­ter­fassung für Streicher von Schuberts Quartett in der Bearbeitung von Gustav Mahler aus dem Jahr 1894, und danach erklingt Mozarts Requiem, bekanntlich ein Fragment, später von dessen Schüler Franz Xaver Süßmayr nach den Notationen von Joseph von Eybler ergänzt und vollendet. Im Requiem aber wirken Opernchor und Extrachor mit, einstu­diert von Anton Tremmel, und trotz der getrennten Platzierung, rechts und links an den Seiten, gelingen die Fugen und die Balance mit dem Orchester ausge­zeichnet, besonders schön die sanft-intimen Stellen. Zusammen mit dem sehr ausge­wo­genen Solis­ten­quartett Silke Evers, Sopran, Barbara Schöller, Alt, Roberto Ortiz, Tenor, und Bryan Boyce, Bass, unter denen vor allem Sopran und Tenor hervor­leuchten, ergibt sich ein beein­dru­ckendes musika­li­sches Ganzes.

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Immer wieder aber wird die Aufmerk­samkeit der Zuschauer ganz absor­biert von der optischen Seite. Dazu trägt neben dem Tanz vor allem die Ausstattung von Verena Hemmerlein bei. Im ersten Teil ist die Bühne schwarz, mit raumhohen Säulen im Hinter­grund, die drei Öffnungen freigeben, die aber meist verschlossen sind durch ein halbtrans­pa­rentes Gespinst eines dunklen Gewebes. Nur eine Bank ist nötig als Verortung der Familie; gleich­zeitig dient sie hochkant aber auch als Instrument der Folter in der Psych­ia­tri­schen Klinik. Das Mädchen, in einem hellen, sanft­far­benen, fließenden Gewand, vergleichbar „einer jungen Rose“, so Hemmerlein, ist eine lichte Gestalt und ein Gegensatz zu den streng hochge­schlossen, in dunkles Grau geklei­deten Eltern, die später in glänzend weißen Lack-Kitteln das Personal der Psych­iatrie andeuten, ebenso wie zum Tod, der zuerst hinter dem Vorhang nur vage erscheint, sich aber dann mit seiner starken körper­lichen Anziehung dem Mädchen zuerst in einem schwarz glitzernden Gehrock und dann mit nacktem Oberkörper präsen­tiert. Zunächst möchte sich das Mädchen aus den Zwängen der Eltern befreien. Diese, die sehr elegante Mutter, Camilla Matteucci, und der groß gewachsene Vater, Joannis Mitrakis, verkörpern mit ihren abgezir­kelten Bewegungen und in ihrer gleich ausge­rich­teten Harmonie ein aufein­ander bezogenes, konven­tio­nelles Paar, zwischen dem das Mädchen keinen Platz hat, auch wenn es sich wehrt, nach außen strebt, in heftigem Aufbäumen gegen die Einschränkungen.

Ran Takahashi tanzt dieses Mädchen mit geschmei­diger Ausstrahlung, innerer Anspannung, äußerst gelenkig, flink, auch in Momenten der Resignation bemit­lei­denswert als unter­drücktes, fast willenlos von der Gewalt in der Klinik unter­drücktes, schlaffes Wesen. Besonders in den eigen­wil­ligen Pas de deux mit dem Tod, dem sie immer mehr verfällt, auch wenn sie ihn anfangs abwehrt, sich mit ihm aber am Schluss in einem quasi eroti­schen Spiel vereint, überrascht sie. Dieser Tod aber, Davit Bassénz, beein­druckt durch seine tänze­rische Präsenz, sei es in exakten Drehungen, bei Sprüngen oder am Boden, und vor allem durch seine kraft­volle körper­liche Ausstrahlung. Der Schluss aber wirkt nicht depri­mierend, denn das Mädchen sieht in der Verei­nigung mit dem Tod vage einen Baum, die Aussicht auf neues Leben.

Foto © Nik Schölzel

Beim Requiem herrscht eine andere Stimmung. Hier fällt der Blick gleich auf eine Masse Menschen, die von unten her auffahren. Hemmerlein lässt sie alle gleich aussehen durch weißliche Körper­be­malung; sie wirken nackt, ein wenig schutzlos. Lediglich ein Engel in weißer Hose und mit Flügeln, die trans­parent struk­tu­riert sind, Aleksey Zagorulko, dem sich später ein zweiter Engel, Kirsten Renee Marsh, hinzu­ge­sellt,  hebt sich aus dieser Masse hervor. Im schwarzen Rund der Bühne gibt es eine durch­sichtige Wand, an der die mensch­lichen Wesen empor­klettern, wie um zu schauen, was „drüben“ ist. Diese Wand aber kann sich später auch herab­senken, zu einer Tisch­fläche werden, auf der die Menschen wie zu künst­lichen Figuren erstarren, zu Skulp­turen wie aus einem Bildhau­er­zyklus werden, einge­froren scheinen, während sich vorher auch Assozia­tionen ergeben an ältere Weltun­ter­gangs­bilder wie von Hiero­nymus Bosch, wo die Menschen nackt hinun­ter­stürzen entweder in die Verdammnis oder gerettet werden. Erlösung von solchen Schrecken verheißt der Friedens­engel. Die sich oft verknäu­elnde Masse, die sich auch als Kette zusam­men­schließt oder sich paarweise vereint, wie um Beistand zu suchen bei anderen, kann aber auch Visionen von Einzelnen zeigen von einer Befreiung aus der Tiefe irdischen Daseins, wenn sich verhei­ßungsvoll das Dunkel hebt, ein heller Kreis die Figuren wie Silhou­etten erscheinen lässt, wenn Engels­flügel herab­schweben und die Menschen zu Wesen verwandeln, die sich „himmlisch“ fühlen. Doch am Schluss des Requiems mit dem Lacrimosa werden die „nackten“ Körper wieder zu Suchenden nach Erlösung, wenn sie an der Wand empor­klettern und dort gekrümmt verharren. All diese eindrucks­vollen Bilder, getanzt meist in synchroner Ausführung, in einem Stil zwischen klassisch und modern und in immer wieder neue Forma­tionen aufge­teilt, werden noch unter­strichen durch die quasi „magische“ Beleuchtung von Walter Wiedemann.

Nach diesem außer­ge­wöhn­lichen Ballett­abend hebt einhel­liger, begeis­terter Beifall an mit vielen Bravo­rufen und stehenden Ovationen. Nur zu hoffen ist aber, dass die nächsten Male auch die veraltete Technik nicht wieder streikt wie bei der Premiere im nahezu ausver­kauften Haus, was Abbruch und Neubeginn beim Requiem nötig macht. Das Mainfran­ken­theater muss dringend saniert werden.

Renate Freyeisen

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