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ORPHEUS IN DER UNTERWELT
(Jacques Offenbach)
Besuch am
10. Februar 2017
(Premiere)
Theater in der Bibrastraße
der Hochschule für Musik Würzburg
Ausgelassen und geradezu entfesselt in Spielfreude und Spaß an witziger Unterhaltung präsentiert sich das junge Ensemble der Würzburger Opernschule im Theater in der Bibrastraße der Hochschule für Musik bei Jacques Offenbachs Orpheus in der Unterwelt. Nur wenig erinnert fühlt sich da bei all der heiteren Leichtigkeit der aufmerksame Beobachter an die Umstände der Entstehung dieser opéra bouffe in zwei Akten. Denn Offenbach, ziemlich bankrott, wurde argwöhnisch beäugt von seinen Gläubigern, brauchte Geld, und die Uraufführung am 21. Oktober 1858 in den Bouffes-Parisiens auf den Champs-Élysées war vorerst ein mäßiger Erfolg.
Doch da verhalf ihm der Verriss des Kritikerpapstes Janin zu ungeahnter Popularität, denn der hatte gar keine Vorstellung besucht, und Offenbach und sein Librettist Crémieux entfachten daraufhin einen aufsehenerregenden Pressekrieg. Das lockte die neugierigen Pariser ins Theater, garantierte permanent ausverkaufte Vorstellungen und führte dazu, dass nach der 228. Aufführung die erfolgreiche Serie wegen Erschöpfung der Darsteller abgebrochen werden musste. Immerhin, nach einer Pause, zog der Orpheus in der Unterwelt sogar in die Italienische Oper in Paris um, erfuhr die Ehre, vom Kaiser besucht zu werden, und wurde zum Wahrzeichen einer Epoche, obwohl oder vielleicht, weil sie ihr den Spiegel vorhielt.
In der Parodie auf die antike Götterwelt, in der respektlosen Verhöhnung von Respektspersonen, im Aufbegehren gegen Traditionelles, im lustvollen, rauschhaften Genuss gegen gesellschaftliche Widerstände, die sich manifestieren in der personifizierten Figur der Öffentlichen Meinung, die sich letztlich nicht durchsetzen kann gegen die allgemeine Amüsierlaune, zeigt sich, dass der Schein die Wirklichkeit überflügelt. Nur so erträgt die Bourgeoisie die Einschränkungen ihrer Rechte im Zweiten Kaiserreich. Die Verulkung des Überkommenen beinhaltet eine Persiflage der damals herrschenden Oberschicht in Frankreich, eine Satire auf ihre Dekadenz und Lasterhaftigkeit. Lächerlich gemacht werden nicht nur die Götter, sondern auch die Ideale der Gesellschaft. Zu hören ist das auch in der Musik Offenbachs. Da geht das als langweilig empfundene „höfische“ Menuett unmittelbar über in den als „unsittlich“ geltenden Tanz des niederen Volkes, den Cancan, reißt alle mit, und der Chor demonstriert gegen Jupiters Herrschaft zu den Klängen der Marseillaise mit dem Schlachtruf Schüttelt ab die Tyrannei. Kein Wunder, dass der berühmte Cancan im Höllengalopp am Schluss des zweiten Aktes damals in ganz Paris gesungen und gepfiffen wurde. An dem anderen „Schlager“ aus dem Orpheus, dem Couplet des Hans Styx Als ich einst Prinz war in Arkadien, wird auch durch die Person des verlotterten Alkoholikers deutlich: Die gestrige Welt ist untergegangen, aus dem Herrscher ist ein lächerlicher Diener geworden. Ertragen lassen sich solche Umbrüche nur mit Humor.
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Ganz so tiefschürfend fasst die temporeiche, farbige, quirlige Inszenierung von Holger Klembt Offenbachs Werk aber nicht auf. Hier triumphiert der Spaß am skurrilen Witz, an überraschenden Pointen, an grotesken Verkleidungen, und das passt natürlich bestens in den Karneval, der auch prompt im letzten Akt beim Höllenfest thematisiert wird. Den äußeren Rahmen auf der Erde bildet eine Art Hotel, im Olymp geht es etwas vornehmer zu, und in der Unterwelt fühlt man sich dank des Bühnenbilds von Manfred Kaderk an die schwüle Atmosphäre eines Bordells erinnert. Am Anfang prallen Orpheus, hier Direktor des Konservatoriums und Starkomponist, und Eurydike aufeinander; er kümmert sich nur um seine Musik, zwingt sie mit roher Gewalt, dem Quartett und dem Geigensolo, einem Bravourstück, vorgetragen von Ibrayim Bairam-Ali, zuzuhören, sie aber langweilt sich und hat sich längst einen Geliebten genommen, den etwas seltsamen Schäfer und Imker Aristeus. Der schmiert ihr Honig ums Leckermäulchen, sie schwelgt in romantischen Blütenträumen, und nach einem handfesten Streit mit ihrem Ehemann eskaliert das Ganze, bis sich der Schäfer als Pluto, Herr der Unterwelt entpuppt; dem folgt sie gern in die Unterwelt mit dem Kommentar „Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen“. Orpheus ist nicht traurig, sondern genießt seine Freiheit. Doch die Öffentliche Meinung, eine strenge Person mit Brille und hoch aufgetürmter Perücke, verhindert mit den Worten „So geht’s nicht!“ voreilige Freude; die Ehe muss vordergründig aufrechterhalten werden, überhaupt bei Künstlern, den „Fachidioten“! Aber auch im Olymp herrscht bei den Göttern Langeweile, wo Göttergattin Juno eifersüchtig über ihren Jupiter wacht. Auch hier muss der Schein gewahrt werden. Misstrauisch verdächtigt sie ihren Gatten, er habe etwas mit der Entführung Eurydikes zu tun. Götterbote Merkur, die Neuigkeiten auf einer Klo-Rolle abspulend, kann sie beruhigen: Nicht Jupiter, sondern Pluto ist der Schuldige. Doch das Interesse des Göttervaters ist geweckt; er zitiert den Fürsten der Unterwelt zum Rapport. Eine kleine Palastrevolution seiner Himmlischen, zur Marseillaise und mit Schildern „Go Yuppi go!“ wegen zu wenig Abwechslung, steht er locker durch, denn als im Zuge der Ermittlungen alle in die Unterwelt eingeladen werden, hoffen sie auf prickelnd Neues.
Dort, im Reich des Pluto, im Rotlichtmilieu mit gepolsterten Wänden, langweilt sich indessen Eurydike ziemlich. Ihre schlechte Laune wird auch nicht durch den trotteligen Diener Hans Styx gebessert. Inzwischen sucht Jupiter nach der Entführten, kann sich aber ihr nur in Gestalt einer Fliege dank der Flügelchen, die er sich von Cupido ausgeliehen hat, nähern; Eurydike verfällt ihm völlig. Beim Höllenfest in der Unterwelt möchte Jupiter die Schöne endgültig zu sich holen, doch zum Menuett klappt das noch nicht. Als Orpheus in Begleitung der Öffentlichen Meinung erscheint und Glucks berühmten Schmachtfetzen Ach, ich habe sie verloren singt, muss sich Jupiter die bekannte List einfallen lassen: Wenn sich Orpheus nicht umdreht nach seiner Gattin, kann er sie im Aufzug in die Oberwelt mitnehmen. Doch beim erschreckten Reflex auf den Krach durch ein hingeschleudertes Tablett hin ist dieser Weg verbaut. Eurydike bleibt der Faschingsparty der „Götter“ zur Freude aller als Mitfeiernde erhalten, und das ausgelassene Treiben endet im Jubel des Publikums.

Bei dieser Aufführung, einer Mischung der Versionen von 1858 und 1874 mit teilweise aktualisierten Dialogen, harmonieren die lebendige Personenregie, die durch die geschickte Choreografie von Asita Djavadi noch unterstützt wird, und die musikalische Darbietung bestens miteinander. Ulrich Pakusch, der die musikalische Leitung innehat, dirigiert das umfangreich besetzte Hochschulorchester mit seinen hervorragenden Bläsern in der Premiere mit besonderer Hingabe und viel Einfühlungsvermögen in die verschiedenen Ausdrucksschattierungen. Erstaunlich, wie die jungen Musiker und die klangschön singenden Choristen selbst bei rasantem Tempo mitgehen.
Besonderes Augenmerk aber liegt auf den Sängerinnen und Sängern, allesamt noch Studierende, aber teilweise schon mit Bühnenerfahrung. Das „irdische“ Personal, das Paar Orpheus und Eurydike, kommt in Alltagskleidung daher, die unter- und überirdischen Götter erscheinen in herrlich bunter, teilweise grotesk übersteigerter Aufmachung, nur die tragische Figur des Hans Styx lässt Kostümbildnerin Anke Drewes ziemlich verlottert daherschlurfen. Veith Wagenführer kann mit seinem hellen, jugendlich frischen Tenor einen sympathischen Orpheus verkörpern, der allerdings ein wenig unbekümmert-naiv wirkt. Dagegen ist seine Eurydike, Carla Antonia Trescher, ein ganz durchtriebenes, blondes Luder; sie weiß um ihre weibliche Anziehung, spielt sie aus in lasziven Bewegungen und beeindruckt dabei noch mit ihrem strahlend hellen Sopran, den sie vor allem in den Höhen wirkungsvoll einsetzt. Da können ihr weder Pluto, der nicht allzu dämonische, eher gemütliche Unterweltsgott, der angemessen singende Bass Fabian Christen, noch der groß gewachsene Jupiter, der Bariton Jakob Mack, widerstehen, und schon gar nicht Hans Styx, der Bassbariton Elias Wolf, dessen Couplet vom Prinzen von Asturien fast tragisch umflort ist. Dass die Damen der skurrilen Göttinnen-Riege von der irdischen Konkurrenz nicht erbaut sind, ist klar. Angeführt werden sie von der Öffentlichen Meinung, Nora Meyer, deren kraftvoller Alt mit guter Tiefe bestens zu dieser Respektsperson passt. Lena Elisabeth Vogler gestaltet in Bewegung wie Stimme überzeugend eine elegante, eifersüchtige Juno, Steinunn Sigurdardottir ist eine umwerfend erotische Venus in Rot, Maria Teresa Bäumler die Minerva, Anna-Lena Müller ein sehr agiler Cupido mit einem kraftvollen, in den Höhen etwas flachen Sopran; besonders überzeugt Tahnee Niboro als bis in die Fingerspitzen attraktive Diana mit einem angenehm timbrierten, sicheren Sopran. Die Riege der Olympier rundet Alexander Geiger als Merkur ab.
Nach dem schmissig dahinwirbelnden Schluss-Cancan bricht ein begeisterter Jubelsturm im ausverkauften Haus los, der natürlich eine Wiederholung erfordert. Ob die Alternativ-Besetzungen das erstaunlich hohe Niveau der Premiere halten werden, ist abzuwarten. Eines aber ist an den lächelnden Mienen des Publikums abzulesen: Man hat sich prächtig amüsiert!
Renate Freyeisen