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Foto © Andreas Herold

Amüsante Verwirrungen

ORPHEUS IN DER UNTERWELT
(Jacques Offenbach)

Besuch am
10. Februar 2017
(Premiere)

 

Theater in der Bibrastraße
der Hochschule für Musik Würzburg

Ausge­lassen und geradezu entfesselt in Spiel­freude und Spaß an witziger Unter­haltung präsen­tiert sich das junge Ensemble der Würzburger Opern­schule im Theater in der Bibra­straße der Hochschule für Musik bei Jacques Offen­bachs Orpheus in der Unterwelt. Nur wenig erinnert fühlt sich da bei all der heiteren Leich­tigkeit der aufmerksame Beobachter an die Umstände der Entstehung dieser opéra bouffe in zwei Akten. Denn Offenbach, ziemlich bankrott, wurde argwöh­nisch beäugt von seinen Gläubigern, brauchte Geld, und die Urauf­führung am 21. Oktober 1858 in den Bouffes-Parisiens auf den Champs-Élysées war vorerst ein mäßiger Erfolg.

Doch da verhalf ihm der Verriss des Kriti­ker­papstes Janin zu ungeahnter Popula­rität, denn der hatte gar keine Vorstellung besucht, und Offenbach und sein Librettist Crémieux entfachten daraufhin einen aufse­hen­er­re­genden Presse­krieg. Das lockte die neugie­rigen Pariser ins Theater, garan­tierte permanent ausver­kaufte Vorstel­lungen und führte dazu, dass nach der 228. Aufführung die erfolg­reiche Serie wegen Erschöpfung der Darsteller abgebrochen werden musste. Immerhin, nach einer Pause, zog der Orpheus in der Unterwelt sogar in die Italie­nische Oper in Paris um, erfuhr die Ehre, vom Kaiser besucht zu werden, und wurde zum Wahrzeichen einer Epoche, obwohl oder vielleicht, weil sie ihr den Spiegel vorhielt.

In der Parodie auf die antike Götterwelt, in der respekt­losen Verhöhnung von Respekts­per­sonen, im Aufbe­gehren gegen Tradi­tio­nelles, im lustvollen, rausch­haften Genuss gegen gesell­schaft­liche Wider­stände, die sich manifes­tieren in der perso­ni­fi­zierten Figur der Öffent­lichen Meinung, die sich letztlich nicht durch­setzen kann gegen die allge­meine Amüsier­laune, zeigt sich, dass der Schein die Wirklichkeit überflügelt. Nur so erträgt die Bourgeoisie die Einschrän­kungen ihrer Rechte im Zweiten Kaiser­reich. Die Verulkung des Überkom­menen beinhaltet eine Persi­flage der damals herrschenden Oberschicht in Frank­reich, eine Satire auf ihre Dekadenz und Laster­haf­tigkeit. Lächerlich gemacht werden nicht nur die Götter, sondern auch die Ideale der Gesell­schaft. Zu hören ist das auch in der Musik Offen­bachs. Da geht das als langweilig empfundene „höfische“ Menuett unmit­telbar über in den als „unsittlich“ geltenden Tanz des niederen Volkes, den Cancan, reißt alle mit, und der Chor demons­triert gegen Jupiters Herrschaft zu den Klängen der Marseil­laise mit dem Schlachtruf Schüttelt ab die Tyrannei. Kein Wunder, dass der berühmte Cancan im Höllen­galopp am Schluss des zweiten Aktes damals in ganz Paris gesungen und gepfiffen wurde. An dem anderen „Schlager“ aus dem Orpheus, dem Couplet des Hans Styx Als ich einst Prinz war in Arkadien, wird auch durch die Person des verlot­terten Alkoho­likers deutlich: Die gestrige Welt ist unter­ge­gangen, aus dem Herrscher ist ein lächer­licher Diener geworden. Ertragen lassen sich solche Umbrüche nur mit Humor.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Ganz so tiefschürfend fasst die tempo­reiche, farbige, quirlige Insze­nierung von Holger Klembt Offen­bachs Werk aber nicht auf. Hier trium­phiert der Spaß am skurrilen Witz, an überra­schenden Pointen, an grotesken Verklei­dungen, und das passt natürlich bestens in den Karneval, der auch prompt im letzten Akt beim Höllenfest thema­ti­siert wird. Den äußeren Rahmen auf der Erde bildet eine Art Hotel, im Olymp geht es etwas vornehmer zu, und in der Unterwelt fühlt man sich dank des Bühnen­bilds von Manfred Kaderk an die schwüle Atmosphäre eines Bordells erinnert.  Am Anfang prallen Orpheus, hier Direktor des Konser­va­to­riums und Starkom­ponist, und Eurydike aufein­ander; er kümmert sich nur um seine Musik, zwingt sie mit roher Gewalt, dem Quartett und dem Geigensolo, einem Bravour­stück, vorge­tragen von Ibrayim Bairam-Ali, zuzuhören, sie aber langweilt sich und hat sich längst einen Geliebten genommen, den etwas seltsamen Schäfer und Imker Aristeus. Der schmiert ihr Honig ums Lecker­mäulchen, sie schwelgt in roman­ti­schen Blüten­träumen, und nach einem handfesten Streit mit ihrem Ehemann eskaliert das Ganze, bis sich der Schäfer als Pluto, Herr der Unterwelt entpuppt; dem folgt sie gern in die Unterwelt mit dem Kommentar „Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen“. Orpheus ist nicht traurig, sondern genießt seine Freiheit. Doch die Öffent­liche Meinung, eine strenge Person mit Brille und hoch aufge­türmter Perücke, verhindert mit den Worten „So geht’s nicht!“ voreilige Freude; die Ehe muss vorder­gründig aufrecht­erhalten werden, überhaupt bei Künstlern, den „Fachidioten“! Aber auch im Olymp herrscht bei den Göttern Lange­weile, wo Götter­gattin Juno eifer­süchtig über ihren Jupiter wacht. Auch hier muss der Schein gewahrt werden. Misstrauisch verdächtigt sie ihren Gatten, er habe etwas mit der Entführung Eurydikes zu tun. Götterbote Merkur, die Neuig­keiten auf einer Klo-Rolle abspulend, kann sie beruhigen: Nicht Jupiter, sondern Pluto ist der Schuldige. Doch das Interesse des Götter­vaters ist geweckt; er zitiert den Fürsten der Unterwelt zum Rapport. Eine kleine Palast­re­vo­lution seiner Himmli­schen, zur Marseil­laise und mit Schildern „Go Yuppi go!“ wegen zu wenig Abwechslung, steht er locker durch, denn als im Zuge der Ermitt­lungen alle in die Unterwelt einge­laden werden, hoffen sie auf prickelnd Neues.

Dort, im Reich des Pluto, im Rotlicht­milieu mit gepols­terten Wänden, langweilt sich indessen Eurydike ziemlich. Ihre schlechte Laune wird auch nicht durch den trotte­ligen Diener Hans Styx gebessert. Inzwi­schen sucht Jupiter nach der Entführten, kann sich aber ihr nur in Gestalt einer Fliege dank der Flügelchen, die er sich von Cupido ausge­liehen hat, nähern; Eurydike verfällt ihm völlig. Beim Höllenfest in der Unterwelt möchte Jupiter die Schöne endgültig zu sich holen, doch zum Menuett klappt das noch nicht. Als Orpheus in Begleitung der Öffent­lichen Meinung erscheint und Glucks berühmten Schmacht­fetzen Ach, ich habe sie verloren singt, muss sich Jupiter die bekannte List einfallen lassen: Wenn sich Orpheus nicht umdreht nach seiner Gattin, kann er sie im Aufzug in die Oberwelt mitnehmen. Doch beim erschreckten Reflex auf den Krach durch ein hinge­schleu­dertes Tablett hin ist dieser Weg verbaut. Eurydike bleibt der Faschings­party der „Götter“ zur Freude aller als Mitfei­ernde erhalten, und das ausge­lassene Treiben endet im Jubel des Publikums.

Foto © Andreas Herold

Bei dieser Aufführung, einer Mischung der Versionen von 1858 und 1874 mit teilweise aktua­li­sierten Dialogen, harmo­nieren die lebendige Perso­nen­regie, die durch die geschickte Choreo­grafie von Asita Djavadi noch unter­stützt wird, und die musika­lische Darbietung bestens mitein­ander. Ulrich Pakusch, der die musika­lische Leitung innehat, dirigiert das umfang­reich besetzte Hochschul­or­chester mit seinen hervor­ra­genden Bläsern in der Premiere mit beson­derer Hingabe und viel Einfüh­lungs­ver­mögen in die verschie­denen Ausdrucks­schat­tie­rungen. Erstaunlich, wie die jungen Musiker und die klang­schön singenden Choristen selbst bei rasantem Tempo mitgehen.

Beson­deres Augenmerk aber liegt auf den Sänge­rinnen und Sängern, allesamt noch Studie­rende, aber teilweise schon mit Bühnen­er­fahrung. Das „irdische“ Personal, das Paar Orpheus und Eurydike, kommt in Alltags­kleidung daher, die unter- und überir­di­schen Götter erscheinen in herrlich bunter, teilweise grotesk überstei­gerter Aufma­chung, nur die tragische Figur des Hans Styx lässt Kostüm­bild­nerin Anke Drewes ziemlich verlottert daher­schlurfen. Veith Wagen­führer kann mit seinem hellen, jugendlich frischen Tenor einen sympa­thi­schen Orpheus verkörpern, der aller­dings ein wenig unbekümmert-naiv wirkt. Dagegen ist seine Eurydike, Carla Antonia Trescher, ein ganz durch­trie­benes, blondes Luder; sie weiß um ihre weibliche Anziehung, spielt sie aus in lasziven Bewegungen und beein­druckt dabei noch mit ihrem strahlend hellen Sopran, den sie vor allem in den Höhen wirkungsvoll einsetzt. Da können ihr weder Pluto, der nicht allzu dämonische, eher gemüt­liche Unter­weltsgott, der angemessen singende Bass Fabian Christen, noch der groß gewachsene Jupiter, der Bariton Jakob Mack, wider­stehen, und schon gar nicht Hans Styx, der Bassba­riton Elias Wolf, dessen Couplet vom Prinzen von Asturien fast tragisch umflort ist. Dass die Damen der skurrilen Göttinnen-Riege von der irdischen Konkurrenz nicht erbaut sind, ist klar. Angeführt werden sie von der Öffent­lichen Meinung, Nora Meyer, deren kraft­voller Alt mit guter Tiefe bestens zu dieser Respekts­person passt. Lena Elisabeth Vogler gestaltet in Bewegung wie Stimme überzeugend eine elegante, eifer­süchtige Juno, Steinunn Sigur­dardottir ist eine umwerfend erotische Venus in Rot, Maria Teresa Bäumler die Minerva, Anna-Lena Müller ein sehr agiler Cupido mit einem kraft­vollen, in den Höhen etwas flachen Sopran; besonders überzeugt Tahnee Niboro als bis in die Finger­spitzen attraktive Diana mit einem angenehm timbrierten, sicheren Sopran. Die Riege der Olympier rundet Alexander Geiger als Merkur ab.

Nach dem schmissig dahin­wir­belnden Schluss-Cancan bricht ein begeis­terter Jubel­sturm im ausver­kauften Haus los, der natürlich eine Wieder­holung erfordert. Ob die Alter­nativ-Beset­zungen das erstaunlich hohe Niveau der Premiere halten werden, ist abzuwarten. Eines aber ist an den lächelnden Mienen des Publikums abzulesen: Man hat sich prächtig amüsiert!

Renate Freyeisen

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