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Foto © Andreas Herold

Die Beständigkeit der Unbeständigkeit

LA VERA COSTANZA
(Joseph Haydn)

Besuch am
8. Juli 2017
(Premiere am 7. Juli 2017)

 

Theater in der Bibra­straße, Würzburg

Verwirrung über Verwirrung – das wider­spricht eigentlich dem Titel von Joseph Haydns 1779 urauf­ge­führter Oper La vera costanza; die Konstante bei diesem im Schloss Eszterháza auf die Bühne gebrachten Dramma giocoso ist eigentlich die Unbestän­digkeit der Launen des Edelmanns Errico. Einzig das Fischer­mädchen Rosina, die nicht ebenbürtige Gattin des Adligen bleibt bei ihrer Liebe zu dem, der sie schmählich verlassen hat, und wehrt andere Bewerber ab, die Errico Vorteile bei seiner reichen Tante, der Baronin Irene, verschaffen könnten und die er ihr andrehen will. Aus der Misere hilft am Schluss nur das Söhnchen, das aus der unglück­lichen, unstan­des­ge­mäßen Verbindung hervor­ge­gangen ist; so kommt alles doch noch zu einem glück­lichen Ende. Dass Haydns Werk 21mal in Eszterháza aufge­führt wurde und auch in anderen Städten auf dem Spielplan stand, ist heute wegen der ständigen, abrupten Gefühls­wechsel nicht mehr nachvollziehbar.

Ganz anders verhält es sich mit der Musik. Da hat Haydn wirklich ein meister­liches Kunstwerk geschaffen. Das fängt an bei den relativ kurzen, frei angelegten Arien, den wunder­baren Ensembles und den Finali der drei Akte. Auch die einzelnen Charaktere werden vom Kompo­nisten in ihren jewei­ligen typischen Stimmungen mit musika­lisch kennzeich­nenden Facetten bedient. Besonders schön aber sind die abwechs­lungs­reichen Momente der Oper, wie sie schon in der Ouvertüre aufleuchten: Da gibt es heftige Entla­dungen neben sanften, lyrischen Stellen, die Schil­derung eines Sturms ebenso wie Idylli­sches, und der Sieges­triumph beim vermeint­lichen Erfolg des täppi­schen, aber reichen Villotto in der Liebe wird von Haydn ebenso ironisch karikiert mit kriege­ri­schen Elementen wie die Bemühungen der arroganten Baronin, Rosina aus ihrer Familie heraus­zu­halten. Ansonsten aber verzaubert der melodische Einfalls­reichtum Haydns auch bei der wechselnden Instru­men­tierung. Die herrlich dumme Testa­ments­un­ter­zeichnung erinnert ein wenig an die Notar­szenen bei Mozart oder Rossini. Dass Haydn die Musik seines „Vorgängers“ Pasquale Anfossi, der dasselbe Libretto von Francesco Puttini verwendete, für den Auftritt Erricos nahm, in dem er sich beflügelt von Orpheus wähnt, verwundert etwas. Aber das gehört der überar­bei­teten Fassung an, die Haydn nach dem Brand des Opern­hauses im Schloss kurz nach der Urauf­führung verwendete.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Doch wie kann ein Regisseur dieser Verwir­rungen in der Handlung Herr werden? Indem er sie einfach negiert: Holger Klembt lässt die Logik Logik sein bei seiner sehr leben­digen Insze­nierung für die Opern­schule der Würzburger Hochschule im Theater in der Bibra­straße, konzen­triert sich ganz auf das unter­haltsame Spiel der Personen und siedelt das Ganze in einem imagi­nären Raum und einer ebensolchen Zeit an. Die Teilnehmer tragen Kleider von heute, die Kulissen sind farbig bemalte, verschiebbare Paravents; nur ein paar Requi­siten wie Waschkorb, Pickni­ckuten­silien, Fernrohr, Degen oder Pistole werden benötigt, um die Handlung „real“ erscheinen zu lassen. Lediglich das Schiff mit den Schiff­brü­chigen beim Sturm wird humorvoll angedeutet. Im Grund wird hier eine dekadente Adels­ge­sell­schaft, einge­bildet, dumm und wankel­mütig, den Vertretern der „niederen“ Schichten gegen­über­ge­stellt. Moralisch sind letztere den anderen überlegen durch die Bestän­digkeit ihrer Haltung und ihrer Herzen. Bei Haydn bekommen die Höher­ge­stellten genüsslich ihr Fett weg. Die Insze­nierung unter­stützt das auch durch das Äußere und das Auftreten der Personen.

Foto © Andreas Herold

Vor allem Baronin Irene steht mit ihren geküns­telten Gesten, ihrem drapierten, glitzernden Gewand und dem schrägen Hütchen auf dem Kopf sowie ihrem kapri­ziösen Getue im Mittel­punkt der Kritik. Dominique Dethier ist hierbei die ideale Verkör­perung einer arroganten Intri­gantin und unter­streicht das sehr gekonnt mit ihrem kräftigen, in den großen Höhen starken Sopran, stößt die Verzie­rungen oft wild heraus. An ihrer Seite befindet sich wie ein lästiges Anhängsel der Marchese Ernesto, von Heesu Kim stimmlich eher zurück­haltend gegeben. Er wird am Schluss „belohnt“ für seine Hartnä­ckigkeit und darf die Baronin heiraten. Dazu kann man ihm nur Glück wünschen. Sie scheitert daran, dem dummen, aber reichen Adligen Villotto die Fischerin Rosina aufzu­schwatzen, damit ihr Neffe Errico nicht an dieser „hängen“ bleibt. Lukas Eder überzeugt in der Rolle dieses Tollpat­sches nicht nur durch seinen vollen, kräftigen, sicher positio­nierten Bariton in allen Lagen, sondern auch durch die Gestaltung dieser komischen Figur, durch seine ungelenke Länge, seine ungeschickten Bewegungen, seine spießige Aufma­chung und sein absolutes Unver­ständnis der jewei­ligen Situa­tionen. Der Graf Errico ist bei Jinsu Kim eine seltsam ungreifbare Figur, nicht so sehr stimmlich, denn mit seinem hell timbrierten, kernigen Tenor, seinem leben­digen Parlando in den Rezita­tiven strömt er viel Energie aus, wenn auch die Linien zu offen, nicht immer ganz frei scheinen. Aber als Person ist er, wie er so dauernd mit der Pistole herum­fuchtelt, unbere­chenbar in seinen Launen und gegenüber Rosina geradezu schäbig in seinem Verhalten und so nicht gerade sympa­thisch. Dass er im lieto finale doch noch seine Rosina kriegt, gönnt man ihm nicht, auch wenn Haydn in der Musik das Glück des Paares beschwört. Eine echte Konstante ist dieses Mädchen aus dem Volk, in Jeans, mit Pferde­schwanz; trotz allem hält sie an ihrem Errico fest. Anja Stegmann, ständig präsent auf der Bühne, manchmal etwas befangen wirkend, bewältigt die fordernde Partie der Rosina ohne Ermüdungs­er­schei­nungen mit kräftig hellem, in den Höhen manchmal etwas harten Sopran. Zu einem glück­lichen Paar aber werden am Schluss ihr Bruder Masino und die Kammerzofe Lisetta. Till Merlin Wagner, ein hoch gewach­sener Sänger, bewegt sich locker auf der Bühne und überzeugt sehr mit seinem relativ hellen, unange­strengt kräftigen, stets sicher sitzenden Bariton sowie kluger Gestaltung. Auch Theresa Romes als agile Lisetta gefällt sehr mit ihrem klaren, vollen Sopran. Dass am Schluss auch noch der kleine Sohn auf den Schultern seines Vaters Errico das „hohe C“ erreicht – er trinkt genüsslich Saft – ist ein viel belächelter Spaß und spricht für eine spritzige, einfalls­reiche Inszenierung.

Musika­lisch aber ist die Leistung des kammer­mu­si­ka­lisch besetzten Projektorchesters der Hochschule unter der Leitung von Gerhard Polifka, das dank des tiefer gestimmten Kammertons auch viel wärmer klingt, nicht hoch genug einzu­schätzen, auch wenn man von den Bläsern manchmal leicht verpatzte Einsätze hört.

Doch das Ganze ist anspruchs­volle Opern­musik und macht den Zuhörern bei der zweiten Vorstellung im voll besetzten Theater großen Spaß, fordert zu langem Beifall und Bravos heraus. Auch wenn die Handlung total verwirrend ist, lohnt es sich, solche Raritäten immer mal wieder auszu­graben. Denn – welche „große“ Oper hat nicht auch trotz unlogi­scher Geschichte Erfolg?

Renate Freyeisen

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