O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LA VERA COSTANZA
(Joseph Haydn)
Besuch am
8. Juli 2017
(Premiere am 7. Juli 2017)
Verwirrung über Verwirrung – das widerspricht eigentlich dem Titel von Joseph Haydns 1779 uraufgeführter Oper La vera costanza; die Konstante bei diesem im Schloss Eszterháza auf die Bühne gebrachten Dramma giocoso ist eigentlich die Unbeständigkeit der Launen des Edelmanns Errico. Einzig das Fischermädchen Rosina, die nicht ebenbürtige Gattin des Adligen bleibt bei ihrer Liebe zu dem, der sie schmählich verlassen hat, und wehrt andere Bewerber ab, die Errico Vorteile bei seiner reichen Tante, der Baronin Irene, verschaffen könnten und die er ihr andrehen will. Aus der Misere hilft am Schluss nur das Söhnchen, das aus der unglücklichen, unstandesgemäßen Verbindung hervorgegangen ist; so kommt alles doch noch zu einem glücklichen Ende. Dass Haydns Werk 21mal in Eszterháza aufgeführt wurde und auch in anderen Städten auf dem Spielplan stand, ist heute wegen der ständigen, abrupten Gefühlswechsel nicht mehr nachvollziehbar.
Ganz anders verhält es sich mit der Musik. Da hat Haydn wirklich ein meisterliches Kunstwerk geschaffen. Das fängt an bei den relativ kurzen, frei angelegten Arien, den wunderbaren Ensembles und den Finali der drei Akte. Auch die einzelnen Charaktere werden vom Komponisten in ihren jeweiligen typischen Stimmungen mit musikalisch kennzeichnenden Facetten bedient. Besonders schön aber sind die abwechslungsreichen Momente der Oper, wie sie schon in der Ouvertüre aufleuchten: Da gibt es heftige Entladungen neben sanften, lyrischen Stellen, die Schilderung eines Sturms ebenso wie Idyllisches, und der Siegestriumph beim vermeintlichen Erfolg des täppischen, aber reichen Villotto in der Liebe wird von Haydn ebenso ironisch karikiert mit kriegerischen Elementen wie die Bemühungen der arroganten Baronin, Rosina aus ihrer Familie herauszuhalten. Ansonsten aber verzaubert der melodische Einfallsreichtum Haydns auch bei der wechselnden Instrumentierung. Die herrlich dumme Testamentsunterzeichnung erinnert ein wenig an die Notarszenen bei Mozart oder Rossini. Dass Haydn die Musik seines „Vorgängers“ Pasquale Anfossi, der dasselbe Libretto von Francesco Puttini verwendete, für den Auftritt Erricos nahm, in dem er sich beflügelt von Orpheus wähnt, verwundert etwas. Aber das gehört der überarbeiteten Fassung an, die Haydn nach dem Brand des Opernhauses im Schloss kurz nach der Uraufführung verwendete.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Doch wie kann ein Regisseur dieser Verwirrungen in der Handlung Herr werden? Indem er sie einfach negiert: Holger Klembt lässt die Logik Logik sein bei seiner sehr lebendigen Inszenierung für die Opernschule der Würzburger Hochschule im Theater in der Bibrastraße, konzentriert sich ganz auf das unterhaltsame Spiel der Personen und siedelt das Ganze in einem imaginären Raum und einer ebensolchen Zeit an. Die Teilnehmer tragen Kleider von heute, die Kulissen sind farbig bemalte, verschiebbare Paravents; nur ein paar Requisiten wie Waschkorb, Picknickutensilien, Fernrohr, Degen oder Pistole werden benötigt, um die Handlung „real“ erscheinen zu lassen. Lediglich das Schiff mit den Schiffbrüchigen beim Sturm wird humorvoll angedeutet. Im Grund wird hier eine dekadente Adelsgesellschaft, eingebildet, dumm und wankelmütig, den Vertretern der „niederen“ Schichten gegenübergestellt. Moralisch sind letztere den anderen überlegen durch die Beständigkeit ihrer Haltung und ihrer Herzen. Bei Haydn bekommen die Höhergestellten genüsslich ihr Fett weg. Die Inszenierung unterstützt das auch durch das Äußere und das Auftreten der Personen.

Vor allem Baronin Irene steht mit ihren gekünstelten Gesten, ihrem drapierten, glitzernden Gewand und dem schrägen Hütchen auf dem Kopf sowie ihrem kapriziösen Getue im Mittelpunkt der Kritik. Dominique Dethier ist hierbei die ideale Verkörperung einer arroganten Intrigantin und unterstreicht das sehr gekonnt mit ihrem kräftigen, in den großen Höhen starken Sopran, stößt die Verzierungen oft wild heraus. An ihrer Seite befindet sich wie ein lästiges Anhängsel der Marchese Ernesto, von Heesu Kim stimmlich eher zurückhaltend gegeben. Er wird am Schluss „belohnt“ für seine Hartnäckigkeit und darf die Baronin heiraten. Dazu kann man ihm nur Glück wünschen. Sie scheitert daran, dem dummen, aber reichen Adligen Villotto die Fischerin Rosina aufzuschwatzen, damit ihr Neffe Errico nicht an dieser „hängen“ bleibt. Lukas Eder überzeugt in der Rolle dieses Tollpatsches nicht nur durch seinen vollen, kräftigen, sicher positionierten Bariton in allen Lagen, sondern auch durch die Gestaltung dieser komischen Figur, durch seine ungelenke Länge, seine ungeschickten Bewegungen, seine spießige Aufmachung und sein absolutes Unverständnis der jeweiligen Situationen. Der Graf Errico ist bei Jinsu Kim eine seltsam ungreifbare Figur, nicht so sehr stimmlich, denn mit seinem hell timbrierten, kernigen Tenor, seinem lebendigen Parlando in den Rezitativen strömt er viel Energie aus, wenn auch die Linien zu offen, nicht immer ganz frei scheinen. Aber als Person ist er, wie er so dauernd mit der Pistole herumfuchtelt, unberechenbar in seinen Launen und gegenüber Rosina geradezu schäbig in seinem Verhalten und so nicht gerade sympathisch. Dass er im lieto finale doch noch seine Rosina kriegt, gönnt man ihm nicht, auch wenn Haydn in der Musik das Glück des Paares beschwört. Eine echte Konstante ist dieses Mädchen aus dem Volk, in Jeans, mit Pferdeschwanz; trotz allem hält sie an ihrem Errico fest. Anja Stegmann, ständig präsent auf der Bühne, manchmal etwas befangen wirkend, bewältigt die fordernde Partie der Rosina ohne Ermüdungserscheinungen mit kräftig hellem, in den Höhen manchmal etwas harten Sopran. Zu einem glücklichen Paar aber werden am Schluss ihr Bruder Masino und die Kammerzofe Lisetta. Till Merlin Wagner, ein hoch gewachsener Sänger, bewegt sich locker auf der Bühne und überzeugt sehr mit seinem relativ hellen, unangestrengt kräftigen, stets sicher sitzenden Bariton sowie kluger Gestaltung. Auch Theresa Romes als agile Lisetta gefällt sehr mit ihrem klaren, vollen Sopran. Dass am Schluss auch noch der kleine Sohn auf den Schultern seines Vaters Errico das „hohe C“ erreicht – er trinkt genüsslich Saft – ist ein viel belächelter Spaß und spricht für eine spritzige, einfallsreiche Inszenierung.
Musikalisch aber ist die Leistung des kammermusikalisch besetzten Projektorchesters der Hochschule unter der Leitung von Gerhard Polifka, das dank des tiefer gestimmten Kammertons auch viel wärmer klingt, nicht hoch genug einzuschätzen, auch wenn man von den Bläsern manchmal leicht verpatzte Einsätze hört.
Doch das Ganze ist anspruchsvolle Opernmusik und macht den Zuhörern bei der zweiten Vorstellung im voll besetzten Theater großen Spaß, fordert zu langem Beifall und Bravos heraus. Auch wenn die Handlung total verwirrend ist, lohnt es sich, solche Raritäten immer mal wieder auszugraben. Denn – welche „große“ Oper hat nicht auch trotz unlogischer Geschichte Erfolg?
Renate Freyeisen