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Ein Befreiungsschlag in jeder Hinsicht war für Giuseppe Verdi seine dritte Oper Nabucco. Nach zwei Misserfolgen, nach dem Verlust seiner kleinen Familie – Frau und Kinder starben kurz hintereinander – wollte er nie wieder eine Oper schreiben. Aber der Impressario der Mailänder Scala, Merelli, zwingt ihn 1841, seinen Vertrag zu erfüllen und präsentiert ihm für die nächste Komposition das von Otto Nicolai abgelehnte Textbuch des Temistocle Solera. Verdi lehnt das zunächst ab, und ob die schöne Episode stimmt, dass ihn der Text zum Gefangenenchor umgestimmt habe, sei dahingestellt. Jedenfalls macht er sich schließlich doch an die Arbeit, unter Kämpfen um Änderungen im Libretto, komponiert wohl vor allem für die Sängerin der Abigail, Giuseppina Strepponi, seine spätere Frau, wunderbare und schwere Arien, für den Bass die glänzende Prophezeiung des Zaccaria und feiert bei der Uraufführung im März 1842 einen Riesentriumph. Das ist sein Durchbruch als Opernschöpfer. Verdi hat mit seinem Nabucco einen Nerv getroffen, bewusst oder unbewusst, das Gefühl der Unfreiheit im von österreichischer Fremdherrschaft bedrückten Italien. Man singt seine Melodien überall. Nicolai in Wien gönnt ihm den Erfolg nicht und sagt, Verdis Opern seien „wahrhaft scheußlich und bringen Italien völlig ganz herunter. Er instrumentiert wie ein Narr … ein erbärmlicher, verachtenswerter Kompositeur. Ich denke, unter diese Leistungen kann Italien nicht mehr sinken.“ In gewisser Weise hat er sogar Recht, Nabucco ist auf den Effekt hin instrumentiert, oft laut, vor allem bei den Blechbläsern, manchmal fast brutal, aber überaus theaterwirksam. Wichtig aber ist der Drang nach Befreiung, der die ganze Oper durchweht.
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Und das fühlt man bei der Inszenierung von Pamela Recinella im Mainfranken-Theater Würzburg nur bedingt. Spürbar wird das vor allem beim berühmten Gefangenenchor Va pensiero; er erklingt hier seltsam gedämpft, noch dazu allein angestimmt von Fenena. Der Chor benötigt wohl Zeit und Energie, um über die drei Stufen des Bühnenbilds herunterzuklettern. Eingesperrt scheinen dabei die Israeliten nicht. So verpufft die Sehnsucht nach Freiheit. Die junge Regisseurin versetzt außerdem die Handlung aus einem biblischen Alten Testament mit dem Götzendienst für Baal in Babylon und dem Konflikt mit der Verehrung des einen Gottes Jahwe bei den Juden in die Zeit des Völkerbundes 1917, des britischen Protektorats in Palästina, in die Ära eines ungeordneten Durcheinanders im bunten Völkergemisch von Jerusalem. Leider funktioniert diese zeitliche Festlegung nicht so ganz mit dem Stoff der Oper, führt zu einer Art Kostümschlacht und verliert das eigentliche Thema, den Konflikt zwischen Religion und Macht, oft aus den Augen. Durch das Regiekonzept geraten auch logische Bezüge etwas durcheinander. Nabucco ist hier eine Art Gouverneur, der sich als Herrscher über ein unterentwickeltes Volk fühlt, eine Büste von sich aufstellt und sich schließlich als Gott verehren lässt, irgendwie wahnsinnig wird. Britische Nahost-Kämpfer halten die jüdischen Volksmassen mit Gewehren in Schach, während bei einer Konferenz alle Würdenträger aus östlichen Ländern, angefangen vom Popen über diverse Scheichs bis hin zu asiatischen Bonzen ihm die Aufwartung machen. Das erfordert eine Masse an folkloristischen Kostümen – aus dem Fundus? – alles wirkt überladen, zugestellt, auch durch die drei Ebenen des Bühnenbilds von Ausstatterin Madeleine Boyd. Vorne wogen ständig Volksmassen hin und her, Kinder, Talmud-Schüler, Frauen, Fromme. Und die Gefangenen wirken wenig abgerissen, sondern sauber, geradezu zivilisiert. Die vordere enge Fläche gehört dem jüdischen Volk, in der mittleren Ebene mit Schreibtisch, Mobiliar aus den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts bewegen sich die britischen Verwalter von Palästina, und in einer oberen Ebene, mit Sofa und Vorhängen, halten sich die „höheren“ Volksvertreter auf. Alles wirkt irgendwie ein wenig angestaubt, von den optischen Eindrücken bis hin zur sehr bemühten Personenregie und der Detailverliebtheit und räumlichen Anordnung, die allerdings manchmal für Verwirrung sorgt, sichtbar auch an den Auftritten und der wechselnden Kleidung von Fenena.

Viel beschäftigt sind Chor und Extrachor, auch in stummen Szenen, schon während der Ouvertüre, und, einstudiert von Anton Tremmel, erklingen die Chorsätze differenziert, fein ausbalanciert – eine bemerkenswert präzise Leistung bei ständiger Bewegung.
Auch das Philharmonische Orchester Würzburg begeistert unter der exakten, sehr aufmerksamen Stabführung der 26-jährigen Marie Jacquot; sie entlockt den einzelnen Instrumentengruppen packende Kontraste und lyrische Momente, lässt sich sehr viel Zeit, was den Sängern zugutekommt. Einmal aber muss sie bei der Premiere unterbrechen, als ein Bassist samt seinem Instrument laut polternd in Ohnmacht fällt. Davon aber lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen und dirigiert nach einer Pause mit vollem Einsatz weiter.
Die Sänger danken es ihr. Bryan Boyce füllt mit seinem wohl klingenden Bariton die Rolle des Nabucco immer stärker aus, kann die Wandlung vom autoritären Gouverneur zum wahnsinnigen Autokraten und dann wieder zum demütig einsichtigen Vater glaubhaft darstellen, und Anna Maria Kalesidis überrascht als seine intrigante, elegant im Stil der 20-er Jahre auftretende Tochter Abigail mit einem kraftvollen, runden, in Tiefe wie Höhe stets sicheren Sopran und einer Gestaltung zwischen Eifersucht, Hass, Herrschsucht und am Schluss Verzweiflung, die sie zum Selbstmord durch Gift verleitet. Ihr Gegenpart ist Fenena, die echte Tochter Nabuccos; Karen Leiber gibt ihr viel gefühlvolle Tiefe mit ihrem hochdramatisch leuchtenden Sopran. Sie liebt Ismaele, der von den Israeliten als Abtrünniger beschimpft wird. Roberto Ortiz lässt mit seinem reich bemittelten Tenor diese eher kleinere Partie zu einem sängerischen Genuss werden. Ganz so kann man das nicht behaupten von Tomasz Raff als Zaccaria; sein Bass ist nicht profund, nicht stark genug für diese zentrale Gestalt der Oper, muss sich zu sehr anstrengen, so das Brüche zu hören sind, die mit einer Indisposition entschuldigt werden; so fordert auch sein „Gebet“ nicht zum Szenenapplaus heraus. Taiyu Uchiyama als Oberpriester in seltsamer fernöstlicher Verkleidung kann wenigstens seinen Bass vorteilhaft einsetzen, und auch Björn Beyer als Abdallo, Diener des Nabucco, gefällt.
Das Premierenpublikum im ausverkauften Haus feiert begeistert, lange und mit standing ovations die musikalischen Leistungen von Chor, Dirigentin und Sängern, bedenkt aber das Regieteam mit ein paar wenigen ablehnenden Buh-Rufen.
Renate Freyeisen