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Fehlende Befreiung

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
28. Januar 2017
(Premiere)

 

Mainfran­ken­theater Würzburg

Ein Befrei­ungs­schlag in jeder Hinsicht war für Giuseppe Verdi seine dritte Oper Nabucco. Nach zwei Misserfolgen, nach dem Verlust seiner kleinen Familie – Frau und Kinder starben kurz hinter­ein­ander –  wollte er nie wieder eine Oper schreiben. Aber der Impres­sario der Mailänder Scala, Merelli, zwingt ihn 1841, seinen Vertrag zu erfüllen und präsen­tiert ihm für die nächste Kompo­sition das von Otto Nicolai abgelehnte Textbuch des Temis­tocle Solera. Verdi lehnt das zunächst ab, und ob die schöne Episode stimmt, dass ihn der Text zum Gefan­ge­nenchor umgestimmt habe, sei dahin­ge­stellt. Jeden­falls macht er sich schließlich doch an die Arbeit, unter Kämpfen um Änderungen im Libretto, kompo­niert wohl vor allem für die Sängerin der Abigail, Giuseppina Strepponi, seine spätere Frau, wunderbare und schwere Arien, für den Bass die glänzende Prophe­zeiung des Zaccaria und feiert bei der Urauf­führung im März 1842 einen Riesen­triumph. Das ist sein Durch­bruch als Opern­schöpfer. Verdi hat mit seinem Nabucco einen Nerv getroffen, bewusst oder unbewusst, das Gefühl der Unfreiheit im von öster­rei­chi­scher Fremd­herr­schaft bedrückten Italien. Man singt seine Melodien überall. Nicolai in Wien gönnt ihm den Erfolg nicht und sagt, Verdis Opern seien „wahrhaft scheußlich und bringen Italien völlig ganz herunter. Er instru­men­tiert wie ein Narr … ein erbärm­licher, verach­tens­werter Kompo­siteur. Ich denke, unter diese Leistungen kann Italien nicht mehr sinken.“ In gewisser Weise hat er sogar Recht, Nabucco ist auf den Effekt hin instru­men­tiert, oft laut, vor allem bei den Blech­bläsern, manchmal fast brutal, aber überaus theater­wirksam. Wichtig aber ist der Drang nach Befreiung, der die ganze Oper durchweht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Und das fühlt man bei der Insze­nierung von Pamela Recinella im Mainfranken-Theater Würzburg nur bedingt. Spürbar wird das vor allem beim berühmten Gefan­ge­nenchor Va pensiero; er erklingt hier seltsam gedämpft, noch dazu allein angestimmt von Fenena. Der Chor benötigt wohl Zeit und Energie, um über die drei Stufen des Bühnen­bilds herun­ter­zu­klettern. Einge­sperrt scheinen dabei die Israe­liten nicht. So verpufft die Sehnsucht nach Freiheit.  Die junge Regis­seurin versetzt außerdem die Handlung aus einem bibli­schen Alten Testament mit dem Götzen­dienst für Baal in Babylon und dem Konflikt mit der Verehrung des einen Gottes Jahwe bei den Juden in die Zeit des Völker­bundes 1917, des briti­schen Protek­torats in Palästina, in die Ära eines ungeord­neten Durch­ein­anders im bunten Völker­ge­misch von Jerusalem. Leider funktio­niert diese zeitliche Festlegung nicht so ganz mit dem Stoff der Oper, führt zu einer Art Kostüm­schlacht und verliert das eigent­liche Thema, den Konflikt zwischen Religion und Macht, oft aus den Augen. Durch das Regie­konzept geraten auch logische Bezüge etwas durch­ein­ander. Nabucco ist hier eine Art Gouverneur, der sich als Herrscher über ein unter­ent­wi­ckeltes Volk fühlt, eine Büste von sich aufstellt und sich schließlich als Gott verehren lässt, irgendwie wahnsinnig wird. Britische Nahost-Kämpfer halten die jüdischen Volks­massen mit Gewehren in Schach, während bei einer Konferenz alle Würden­träger aus östlichen Ländern, angefangen vom Popen über diverse Scheichs bis hin zu asiati­schen Bonzen ihm die Aufwartung machen. Das erfordert eine Masse an folklo­ris­ti­schen Kostümen – aus dem Fundus? – alles wirkt überladen, zugestellt, auch durch die drei Ebenen des Bühnen­bilds von Ausstat­terin Madeleine Boyd. Vorne wogen ständig Volks­massen hin und her, Kinder, Talmud-Schüler, Frauen, Fromme. Und die Gefan­genen wirken wenig abgerissen, sondern sauber, geradezu zivili­siert. Die vordere enge Fläche gehört dem jüdischen Volk, in der mittleren Ebene mit Schreib­tisch, Mobiliar aus den 20-er Jahren des 20. Jahrhun­derts bewegen sich die briti­schen Verwalter von Palästina, und in einer oberen Ebene, mit Sofa und Vorhängen, halten sich die „höheren“ Volks­ver­treter auf. Alles wirkt irgendwie ein wenig angestaubt, von den optischen Eindrücken bis hin zur sehr bemühten Perso­nen­regie und der Detail­ver­liebtheit und räumlichen Anordnung, die aller­dings manchmal für Verwirrung sorgt, sichtbar auch an den Auftritten und der wechselnden Kleidung von Fenena.

Foto © Nik Schölzel

Viel beschäftigt sind Chor und Extrachor, auch in stummen Szenen, schon während der Ouvertüre, und, einstu­diert von Anton Tremmel, erklingen die Chorsätze diffe­ren­ziert, fein ausba­lan­ciert – eine bemer­kenswert präzise Leistung bei ständiger Bewegung.

Auch das Philhar­mo­nische Orchester Würzburg begeistert unter der exakten, sehr aufmerk­samen Stabführung der 26-jährigen Marie Jacquot; sie entlockt den einzelnen Instru­men­ten­gruppen packende Kontraste und lyrische Momente, lässt sich sehr viel Zeit, was den Sängern zugute­kommt. Einmal aber muss sie bei der Premiere unter­brechen, als ein Bassist samt seinem Instrument laut polternd in Ohnmacht fällt. Davon aber lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen und dirigiert nach einer Pause mit vollem Einsatz weiter.

Die Sänger danken es ihr. Bryan Boyce füllt mit seinem wohl klingenden Bariton die Rolle des Nabucco immer stärker aus, kann die Wandlung vom autori­tären Gouverneur zum wahnsin­nigen Autokraten und dann wieder zum demütig einsich­tigen Vater glaubhaft darstellen, und Anna Maria Kalesidis überrascht als seine intri­gante, elegant im Stil der 20-er Jahre auftre­tende Tochter Abigail mit einem kraft­vollen, runden, in Tiefe wie Höhe stets sicheren Sopran und einer Gestaltung zwischen Eifer­sucht, Hass, Herrsch­sucht und am Schluss Verzweiflung, die sie zum Selbstmord durch Gift verleitet. Ihr Gegenpart ist Fenena, die echte Tochter Nabuccos; Karen Leiber gibt ihr viel gefühl­volle Tiefe mit ihrem hochdra­ma­tisch leuch­tenden Sopran. Sie liebt Ismaele, der von den Israe­liten als Abtrün­niger beschimpft wird. Roberto Ortiz lässt mit seinem reich bemit­telten Tenor diese eher kleinere Partie zu einem sänge­ri­schen Genuss werden. Ganz so kann man das nicht behaupten von Tomasz Raff als Zaccaria; sein Bass ist nicht profund, nicht stark genug für diese zentrale Gestalt der Oper, muss sich zu sehr anstrengen, so das Brüche zu hören sind, die mit einer Indis­po­sition entschuldigt werden; so fordert auch sein „Gebet“ nicht zum Szenen­ap­plaus heraus. Taiyu Uchiyama als Oberpriester in seltsamer fernöst­licher Verkleidung kann wenigstens seinen Bass vorteilhaft einsetzen, und auch Björn Beyer als Abdallo, Diener des Nabucco, gefällt.

Das Premie­ren­pu­blikum im ausver­kauften Haus feiert begeistert, lange und mit standing ovations die musika­li­schen Leistungen von Chor, Dirigentin und Sängern, bedenkt aber das Regieteam mit ein paar wenigen ableh­nenden Buh-Rufen. 

Renate Freyeisen

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