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BEI HITZE IST ES WENIGSTENS NICHT KALT
(Dora Heldt)
Besuch am
14. Mai 2017
(Premiere am 29. April 2017)
Wie erfrischend ist das denn? Ein Theaterstück, dass sich an diejenigen wendet, die gerade aus der werblichen Zielgruppe 14⁄49 herausgefallen sind. Kein Road-Movie für Lebensanfänger, sondern Selbstreflexion für Menschen, die es rein statistisch weit über die erste Lebenshälfte hinaus geschafft haben. Da kann man endlich mal ohne Jugendwahn im eigenen Saft baden und, ja, auch ein wenig nachdenklich werden. Dora Heldt hat den Roman Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt geschrieben, in dem es nur am Rande um die zurückliegenden wichtigsten Stunden im Leben eines Menschen geht. Nicht die Nacht vor dem Tag, an dem man 18 Jahre alt wird, die Nacht, in der man nicht schlafen kann vor lauter Aufregung, weil sich am nächsten Tag das ganze Leben ändern wird, wie man zu diesem Zeitpunkt noch glaubt. Nicht der Tag, an dem man 30 Jahre alt wird und das Leben plötzlich einbricht, weil man jetzt plötzlich und unerwartet die eigene Jugend verloren hat. Nein, bei Heldt geht es um den Zeitpunkt, an dem einem unmissverständlich die eigene körperliche Versehrtheit ebenso bewusst wird wie die Endlichkeit des Lebens.
Dabei wird der Mensch ja an dem Tag, an dem er 50 wird, noch verschont von der Erkenntnis, dass er fortan zunehmend unsichtbar wird. Nein, an diesem Ehrentag steht noch die eigene Befindlichkeit im Vordergrund, die Einsicht, dass der Körper unausweichlich der Jugend entronnen ist. Die Kinnpartie aus den Fugen gerät und in Doppelfalten verharrt. Das Bindegewebe seine Elastizität unverkennbar verliert und das Leben ganz nebenbei die tiefen Wunden in Seele und Gesicht hinterlassen hat, an denen nur die wenigsten vorbeischrammen.
Heldt erzählt die Geschichte von Doris Goldstein-Wagner, deren Jubiläumsgeburtstag unmittelbar bevorsteht. Statt sich auf die „offiziellen“ Feierlichkeiten zu freuen, die Ehemann Torsten als Überraschung plant, entflieht sie mit zwei Schulfreunden in ein Wellness-Hotel an der Nordsee. Hier ist Platz und Zeit für Suff und Reflexion, Sport und Rückschau, aber auch für bittere Erkenntnisse und Balsam für die Wunden. Am Ende steht – die gemeinsame Zukunft.
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Florian Battermann hat das Stück für die Bühne eingerichtet. Viel Feingefühl hat er dabei nicht bewiesen, sondern sich stattdessen auf die „komischen“ Elemente konzentriert. Statt mit dem Kalligrafie-Stift zu arbeiten, hat er Hammer und Meißel bevorzugt. Platte Sprüche, darunter so viel Bekanntes, dass das Publikum schon mitspricht, machen aus einem sensiblen Thema ein derbes Bauernstadl. Da kann auch Regisseur Kristof Stößel nur noch wenig retten. Er lässt eine charmante und durchdachte Kleinbühne im Wuppertaler Tanzhaus bauen, die mit wenigen Mitteln und Außenstation eine Terrasse, ein Hotelzimmer und einen Außenbereich herstellt. Konzentriert das Licht auf einige wenige, aber wirksame Einstellungen. Und bereichert das Stück mit Einspielmusik von Ina Müllers neuem Album Ich bin die. Theresa Schulz mischt das an diesem Abend sorgfältig und gekonnt ab.

Eigentlich schreibt Müller Texte über Frauen, die sich durch das vierte Lebensjahrzehnt quälen, aber das, was man da hört, passt schon verdammt gut auf die Lebenssituation, auf die die Endvierziger zugehen. Und das wäre dann schon der Gewinn des Abends – wenn das Ensemble nicht wäre. Inzwischen längst durch andere Produktionen liebgewonnen, retten vor allem die lebenserfahrenen Frauen und machen aus dem Abend einen Genuss. Sabine Gruß macht als Doris Goldstein-Wagner eine mehr als gute Figur und erfreut mit einem ausgesprochen freundlichen Gemüt. Glänzend besetzt, erliegt sie ständigen Hitzewallungen, die erst zum Ende des Stücks nachlassen. Katja Severin wird an diesem Abend erstmalig von Ilka Schäfer dargestellt. Schäfers feinen kölschen Singsang kennt das Publikum aus zahlreichen anderen Produktionen. Und er hat nichts von seinem Charme verloren, wirkt hier ganz wunderbar einfühlsam. Herrlich auch wieder die Frau mit dem Fetisch für wechselnde Verkleidungen. Maria Liedhegener legt erneut einen Kostümwechsel-Marathon hin. Andreas Strigl steht ihr kaum nach. Die differenzierteste Rolle der Anke Kerner übernimmt sehr überzeugend Angela Fischer. Begeistert sie bis heute immer wieder als Hildegard Knef, hat sich auch ihre Sprechstimme zu einem abgerundeten Alt entwickelt. Erotik ist, wenn Frauen mit Fundament sprechen. Mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Oder doch. Bedauerlich, dass die Frauen in dieser Produktion nur zwei Mal auf Playback singen dürfen – und das ohne Mikrofon. Verschenktes Potenzial.
Für die Besucherinnen, die ihre Mütter – und Ehemänner – mitgebracht haben, ist so mancher Schenkelklopfer dabei. Von den Müttern ist dann in der Pause so mancher nachdenkliche Spruch zu hören. Bei viel – überflüssigem – Zwischenapplaus werden die Protagonisten am glücklichen Ende zu Recht gefeiert. Und wie es schöne Sitte im Theater im Tanzhaus ist, stehen sie nach der Aufführung am Ausgang, um Kritik und Lob entgegenzunehmen. Heute Abend wird es eine Lobeshymne, weil diese „ganz normalen Frauen“ so viel Lebensfreude versprüht haben. Bei jedwedem Zweifel an der Lebensfreude im fortschreitenden Alter sei der Besuch dieser Produktion trotz der platten Dialoge dringend empfohlen. Diese Frauen werden es Ihnen zeigen.
Michael S. Zerban