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Elefantenhochzeit

SURROGATE CITIES/​GÖTTERDÄMMERUNG
(Heiner Goebbels, Richard Wagner)

Besuch am
16. September 2017
(Premiere)

 

Opernhaus Wuppertal

Auch wenn es den meisten Theatern nicht gut geht und die mangelnde Unter­stützung durch die Städte manches Haus finan­ziell und ideell an die Grenze seiner Möglich­keiten gebracht hat: Die Souve­rä­nität, mit der die Wupper­taler Bürokratie ihre Oper geradezu pulve­ri­siert und in die Wüste der Bedeu­tungs­lo­sigkeit geschickt hat, ist preis­würdig und einzig­artig. Es grenzt an ein kleines Wunder, wie schnell das neue Leitungsteam um Intendant Berthold Schneider und General­mu­sik­di­rek­torin Julia Jones die von ihren Vorgängern zerschlagene Oper auf einiger­maßen stabile Beine stellen konnte. Es zahlt sich halt aus, wenn man dem vertraut, was die Einzig­ar­tigkeit des deutschen Theater­wesens prägt: einem leistungs­fä­higen und stabilen Ensemble.

Damit kann man auch Risiken jenseits gewohnter Pfade wagen. In der letzten Saison tat man das mit Helmut Oehrings sperriger Oper AscheMOND, zum Auftakt der neuen Saison gibt man sich noch gewich­tiger. Im Grunde reicht allein Heiner Goebbels‘ Surrogate Cities aus, um die Kräfte eines Hauses vollauf zu beschäf­tigen. Von Richard Wagners Götter­däm­merung ganz zu schweigen. Beide Kolos­sal­werke mitein­ander zu verknüpfen, kommt einer Elefan­ten­hochzeit gleich und zeugt von bewun­derns­wertem Selbst­be­wusstsein, auch wenn man sich bei der Surrogate Cities/​Götterdämmerung betitelten Produktion mit dem letzten Akt des Wagner-Kolosses begnügt. Immerhin hat Heiner Goebbels seine letzte Saison als Intendant der Ruhrtri­ennale 2014 mit seinen Surro­gates, dieser „Symphonie der Großstadt“, in einer überwäl­tigend aufwän­digen Insze­nierung in der riesigen Kraft­zen­trale des Duisburger Landschaft­parks beendet.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Was aber soll überhaupt die Verknüpfung zweier stilis­tisch derart konträrer Werke, die sich wie Öl und Wasser vermi­schen lassen, nämlich gar nicht? Goebbels‘ Surrogate Cities ist ein Surrogat aus eigentlich fünf Werken, getragen von stahl­harten Akkord­blöcken, die wie gepuschte Metamor­phosen der rhyth­mi­schen Eruptionen aus Strawinskys Sacre auf die Hörer einschlagen, durch­setzt mit Tanzsätzen einer stilis­tisch bunt zusam­men­ge­wür­felten Suite, zurück­haltend zarten Songs auf eigene und fremde Texte und vieles mehr. Klänge von einer faszi­nie­renden Vitalität und Farbigkeit, die teilweise auch auf einer Filmleinwand ihre Wirkung erzielen könnten. Bedingt trifft das auch auf die Klang­wogen von Wagners Unter­gangs-Szenario zu. Doch auf eine gegen­seitige Unter­stützung ist keines der Werke weder musika­lisch noch program­ma­tisch angewiesen.

Dabei greift Goebbels ideell mit seiner pessi­mis­ti­schen Darstellung unserer Städte­land­schaften kürzer als Wagner, der gleich die ganze Welt mit Feuer und Wasser vom Fluch des materia­lis­ti­schen Wahns befreien und auf den Trümmern der überflu­teten und ausge­brannten Erde Hoffnung auf eine neue, besser bestellte Welt pflanzen möchte. Die Botschaften sind ähnlich, gleichwohl eignen sie sich nicht für eine strin­gente Verknüpfung. Regisseur Jay Scheib fügt denn auch den dritten Akt der Götter­däm­merung geschlossen, lediglich durch eine störende Pause unter­brochen, in Goebbels Werk ein. Die Darsteller bereiten sich zwar im ersten, von Goebbels besetzten Teil auf ihre Rollen in der Oper vor und beide Werke werden in der gleichen Einheits­ku­lisse ausge­führt, behalten dennoch ihr Eigenleben.

Foto © Jens Grossmann

Die geradezu cineas­tisch pompöse, durch Video-Einblen­dungen optisch erwei­terte Kulisse von Katrin Wittig beein­druckt auf den ersten Blick, kann aber auf Dauer nicht übertünchen, dass die visionäre Kraft vor allem der Wagner­schen Vision von der Regie auf urbane, wenn nicht bürger­liche Dimen­sionen gestutzt wird.

Die Musiker des Wupper­taler Sinfo­nie­or­chesters, weiß gekleidet wie in einer ameri­ka­ni­schen TV-Show, beherr­schen die Szene. Die Streicher posieren im Vorder- und die Bläser im Hinter­grund. Dazwi­schen bleibt ein schmaler Steg mit einem klein­bür­ger­lichen Mobiliar, in dem sich die locker gefügte Handlung abspielt. Für Wagners Welten­brand bleibt da nicht viel mehr als ein kokelndes Feuer im heimi­schen Kohleofen übrig. Vor allem Wagners Werk verliert an Größe, wenn das Final-Gemetzel auf einen häuslichen Famili­en­streit reduziert wird. Daran ändert auch die genaue Perso­nen­führung Scheibs nichts.

Besser passt das Szenario zu den revue­ar­tigen Teilen der Surrogate-Musik, vor allem zu den Horatier-Liedern auf Texten von Heiner Müller. Mit dem Streit zwischen Rom und Alba, eindrucksvoll mit viel Blues-Gefühl von Elisabeth King vorge­tragen, schließt das 160-minütige Spektakel.

Spannend ist die Sache dennoch. Das liegt nicht nur an dem mächtig aufspie­lenden Orchester unter Leitung von Johannes Peil, sondern mehr noch an den vorzüg­lichen Darstellern. So dem stimm­ge­wal­tigen Ronald Samm als Siegfried, der jugendlich schlanken, stimmlich mühelos agierenden Annemarie Kremer als Brünn­hilde, der mädchen­haften Gutrune von Jenna Siladie mit ihrem zarten lyrischen Sopran und der bizarren Darstellung des Hagen durch den weiblichen Bariton Lucia Lucas.

Ein ausge­zeichnet umgesetzter, wenn auch konzep­tionell nicht rundum überzeu­gender Beweis für die Experi­men­tier­freude und Leistungs­fä­higkeit der neu erstan­denen Wupper­taler Oper. Das Publikum reagiert entspre­chend begeistert und dankbar.

Pedro Obiera

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