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Wenige Stunden nach dem Ende des Opernballs wechselt das Opernhaus Zürich trotz erheblicher Umbauten problemlos in den Aufführungsmodus. Für einen kurzen Augenblick scheint das bei Otello nicht der Fall zu sein. Intendant Andreas Homoki tritt, von ahnungsvoll seufzenden Ahs und Ohs begleitet, vor den Vorhang. Mit einem entspannten Lächeln beruhigt er: Alle Sänger werden singen. Allerdings kämpfe Aleksandrs Antonenko seit Wochen mit einem Hustenreiz. Die sängerische Qualität sei dadurch aber nicht beeinträchtigt.
Wie sich dann allerdings zeigt respektive zu hören ist, gelingt es ihm nicht durchgängig, seine gereizten Atemwege zu kontrollieren. Glücklicherweise sind es nur wenige Momente vor allem im ersten Akt, die seinen Gesang verschatten. Sein kraftvoll biegsamer, sowohl in den dramatischen wie auch in den lyrisch zarten Passagen charaktervoll skizzierender Tenor zeichnet den Abstieg Otellos vom Helden zur sich selbst zerstörenden Kreatur. Angesichts Antonenkos auch ungemein körperlicher Präsenz bleibt seine geringfügige Indisposition nur als Marginalie in Erinnerung.
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Mit Antonenko und der brillant kolorierenden Maria Agresta, ihrem lyrischen, in den Höhen wunderbar klar artikulierten Sopran beweist das Opernhaus Zürich mit dieser Otello-Desdemona-Besetzung wieder einmal ein eindrucksvolles Gespür für eine sängerisch und spielerisch überzeugende Rollenbesetzung. In der Abschiedsszene Ave Maria piena di grazia versinkt Agresta in weltentrückter Sinnlichkeit in ihrem weißen Brautkleid. Befriedet mit sich, erkennend, dem von Jago inszenierten Schicksal nicht entgehen zu können, versinkt sie gleichermaßen in einem Meer von Koloraturen höchster Verzückung.
Man ahnt etwas davon, wie sie ihre Resignation in und Verzweiflung an der Welt durch eine überweltliche Hoffnung überwindet, erst im Tod letztendlich und endgültig in Liebe mit Otello vereint zu sein.
Das Opernhaus Zürich präsentiert die Wiederaufnahme von Verdis Otello in der Inszenierung von Graham Vick aus dem Jahr 2011. Vicks Inszenierung beweist, dass Verdi nach 15-jähriger Schaffenspause, begleitet von demütigender Wagner-Euphorie und dem Vorwurf, in der italienischen Operntradition zu verharren und sich der Moderne zu verschließen, mit Otello eine fulminante Zäsur in der Opernpraxis gesetzt hat. „Auf den Otello von Verdi und Boito reagiere ich als jemand, der in dieser Welt und in dieser Zeit zu Hause ist.“
Ihn interessierten offensichtlich auch keine musikwissenschaftlichen Explorationen von Arrigos Boitos Anteil an der Dramaturgie des dramma lirico. Vick lässt dem Publikum von Anfang keinen Raum für falsche Gefühle. Ohne Ouvertüre, mit einem tumultartigen Aufschrei des von Jürg Hämmerli frisch agierend eingestellten Chores der Oper Zürich sowie des Zusatzchores von SoprAlti und des Kinderchores leitet Marco Armiliato die geschmeidig musizierende Philharmonia Zürich durch die oszillierenden Otello-Fahrwasser. Er navigiert das Orchester und das Gesangsensemble durch die Untiefen von Intrige und Liebe, bevor Otellos Rettungsboot in naiv wahnhafter Selbsterniedrigung an Jagos Brandungsfelsen zerschellt und Desdemona in den Tod reisst.
So wie im Auftakt die Musik atemberaubend aufscheint und flutet, so verzweifelt versucht Otello ein anderer als der schwarze Mohr-Held zu sein. Gesiegt, aber weiterhin selbstzweifelnd, schminkt er sich schwarz, während der Chor sich als beobachtende Strandurlauber von der Schwärze eines ölverpesteten Strandes vergeblich zu reinigen sucht.
Wie ein Damoklesschwert zielt ein Kanonenrohr eines Panzers ins Parterre des Alltags. Die in paramilitärischen Anzügen agierenden Mannen um Otello werden zu Graham Vicks resümierenden Alltagsbotschaftern. Esultato ist auf einem Plakat zu lesen: Schwarze und weiße Schafe ergeben keine positive Gleichung, wie es für weiße und weiße Schafe behauptet wird.
Wer steckt in den ölverschmierten Schafspelzen? Ein dunkler Fleck in der von Otello zum Sieg geführten venezianischen Armee? Wer ist wer, schwarzweiß? In einem Gedicht fragte Hans Arp 1930 als Mitbegründer des Zürcher Dadaismus: Weißt du, schwarzt du? Im sogenannten Feuerchor jagen zu der radikal nüchternen Feststellung Fuoco di gioia, rapido brilla!Feuerstürme verschiedener Kriegsschauplätze und Buschfeuer via Video-Screen über den schwarzen Kontinent Afrika, gleichsam die Geburtsheimat Otellos assoziierend.
Željko Lučić als glänzend aufgelegter, schauspielernder Sänger geradezu unheimlich präsent als Prototyp des Dämonischen – dominiert in den ersten zwei Akten das Bühnengeschehen. Manche, die behaupten, dass die Oper Otello eigentlich Jago heißen könnte oder sogar müsste, fänden in Lučić Spiel dafür ausreichend Bestätigung. Allein Vick lässt nicht locker.
Gegenwartsmosaik für Gegenwartsmosaik setzt er als Wegmarken auf Otellos Abstieg zur fremdbestimmten Marionette und unterminiert mögliche aufkeimende Mitleidsfantasien. Dem stolzen venezianischen, geflügelten Löwentier reißt Jago die Maske herunter, und sichtbar werden Moscheen-Signaturen, die gleichzeitig Raketen sind.

Zuvor deklamiert Jago in der Pose eines muslimischen Hasspredigers aufmerksam lauschenden Kindern, verkleidet als Koranschüler, seine Lebensphilosophie von der Banalität des Bösen. Ähnlich Hannah Arendts Blick auf die Verbrechen des Nationalsozialismus: Credo in un Dio crudel che m‚ha creato. Jagos Handeln wirkt wie psychologisch sedimentierter Treibsand. Eifersucht, die im Gefühlschaos jede Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Orientierung aufgibt, einmal geweckt, wird, und das zeigt Vick in seiner Inszenierung in zwangsläufiger Radikalität, zum unberechenbaren Mahlstrom.
Einstige Siegertypen werden zu Mordbuben. The point of no return wird im dritten Akt proklamiert – auf die Rückseite eines fotografierten Händedrucks ist das Wort Nigger gesprayt – und gleichzeitig in Verlorenheit kommuniziert. Desdemona und Otello sehen sich nicht mehr mit den eigenen Augen an, sie vertrauen nicht mehr ihrem Augenschein. Sie nehmen sich nur noch medial, vermittelt durch ein Kameraauge, wahr.
Am Ende verpuffen Jagos Intrigen im Nichts. Rettende Ufer werden nicht erreicht, dagegen nehmen Mord und Todschlag ihren Lauf. Das apokalyptische Schlussbild: Otello und Desdemona, beide barfuß, weißgewandet, Otello angetan mit einem afrikanischen Kittel, Unschuld und Buße gleichermaßen symbolisierend. Der Mohr hat wieder einmal seine Schuldigkeit getan. So sieht es aus. Scheinbar.
Allerdings schafft die Welt heute ihre Mohren, Jagos und Desdemonas immer wieder neu. Und das Böse bleibt in der Welt. Der stilisierte, eisgefrorene, bart-umränderte Mund, appliziert auf den Bühnenvorhang, hebt und senkt sich mit jedem Aufzug. Es könnte auch das Abbild von Desdemonas Brautkleid, in himmlische Höhen entrückt, sein.
Wobei: Der geflohene Jago streift unerkannt und unheilig weiter durch die Welt. Vicks Inszenierung kann man als Mahnung zur Aufmerksamkeit vor bösartigen Verführern jeglicher Couleur verstehen.
Ist der eher freundlich verhaltene, denn überschäumend jubelnde Applaus am Ende ein Indiz dafür, dass diese Botschaft in verstörend schöner Musik eher verhallt, als dass sie ein unüberhörbares Signal aussendet? Man weiß es nicht, aber nachdenklich stimmt es schon.
Peter E. Rytz