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DAS LAND DES LÄCHELNS
(Franz Lehár)
Besuch am
21. Juni 2017
(Premiere am 18. Juni 2017)
Wer nach Zürich ins Opernhaus pilgert, muss je nachdem eine Stunde Bahnfahrt in Kauf nehmen. Und so sitzt man mitunter in einem überfüllten Wagen bei 35 Grad und fragt sich: Warum tue ich mir das an? Natürlich hat der Opernfreund den einen oder anderen Kniff drauf mit der Garderobe. Shorts und T‑Shirt werden auf der Herrentoilette, die für einmal als Umkleide genutzt wird, durch ein operntaugliches Tenü ersetzt. Und den kühlenden Eistee vor der Vorstellung gibt’s auf dem Sechseläutenplatz an einem schattigen Plätzchen. Wohlige Schauer sind an diesem Abend aber noch weitere garantiert, denn das Opernhaus Zürich bietet zwei Stunden grandioses Musiktheater. Franz Lehárs Operette Das Land des Lächelns, vom Hausherrn Andreas Homoki mit Grandezza und Verve umgesetzt, ist ein leuchtender Schlusspunkt in der laufenden Saison. Besser könnte man sein Publikum nicht in den Sommer entlassen, denn viele werden für die kommende Spielzeit zurückkehren.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Der Blick auf den dunkelblauen Glitzervorhang mit seiner akkuraten Umrandung verrät sogleich die Zeit, in der sich Lehárs lustvolles, jedoch tragisch endendes Spiel in Zürich entspinnt. Wir sind in den Goldenen Zwanzigern mit Art déco und den Wurzeln des Jugendstils. Der Charleston dominiert in den Tanzclubs, und die Damen tragen ihr Haar in Wasserwellen. Im ersten Akt steigt die Grafentochter Lisa in Reiterhosen eine Showtreppe hinab und wird wie Marilyn Monroe in Gentlemen prefer blondes von smarten Herren im Frack umgarnt. Mit Ausnahme der zwei Ledersessel im Chesterfield und der mondänen Treppe, die sich um einen schwarzen Zylinder windet, der wiederum frappante Ähnlichkeit mit dem Hohlkörper aus Homokis Arbeit zu Bellinis I puritani hat, ist die Bühne von Wolfgang Gussmann und Thomas Bruner offen und frei. Ein Screen im Hintergrund, der je nach Stimmung mal rot, mal blau funkelt, illuminiert das Geschehen auf der Bühne. Die 1929 in Berlin uraufgeführte Operette mit dem Text von Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda nach dem Libretto der Gelben Jacke von Victor Léon wurde auch hinsichtlich der gesprochenen Dialoge ordentlich entschlackt und erscheint noch mehr aus einem Guss.
Andreas Homoki verzichtet in seiner Regie bewusst auf Deutungen oder Interpretationen. Er zeigt das Werk, wie es ist und das ist auch in der gekürzten Fassung ein Feuerwerk an Emotionen. Mit der fein justierten Lichtgestaltung von Franck Evin gelingt dem Regisseur eine durchweg schlüssige wie stimmige Stückentwicklung. Die Protagonisten danken es mit sichtlicher Spielfreude und lassen sich gleichzeitig nicht dazu verführen, ihre Rollengestaltung im Overacting zu ertränken. Eine Augenweide sind auch die Kostüme von Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza. Sie lassen den Geist der Roaring Twenties im damaligen Wien elegant aufblühen und nehmen das Lokalkolorit im fernen China mit prächtigen Farben und edlen Stoffen auf.

Das Land des Lächelns wurde bereits 1923 in Wien unter dem Titel Die gelbe Jacke aufgeführt. Zur Wiederbelebung sechs Jahre später hat maßgeblich Tenor Richard Tauber beigetragen. Dem Opernsänger waren die Komponisten der Moderne ein Graus, und so wandte sich der Sänger der melodienreichen Operette zu. Die Schmachtballade Dein ist mein ganzes Herz war seinerzeit auch ein Tauber-Lied, und das ging um die ganze Welt. Franz Lehár war hingegen ein enger Freund von Giacomo Puccini und liebäugelte mit der Oper, wie sie der Maestro aus Lucca komponierte. So gesehen erstaunt es wenig, dass sein Werk von 1929 opernhafte Züge hat. Das betrifft nicht nur die Orchesterfülle und die hohen Anforderungen an die einzelnen Stimmen, sondern auch den Ausgang der Geschichte. Für eine Operette ungewöhnlich, hat Das Land des Lächelns kein Happyend. Lisa, die ihren Gustl für den chinesischen Prinz Sou-Chong verlässt und mit diesem nach China auswandert, muss schon bald erkennen, dass diese innige Liebe in der patriarchal geführten Monarchie keine Chance hat.
Eine große Chance beim Publikum hat dafür Andreas Homoki mit seiner auf Hochglanz polierten Revue und einer äußerst agilen wie authentischen Personenführung. Für Bewegung sorgt auch der von Ernst Raffelsberger einstudierte Chor mit der Choreografie von Arturo Gama, der am Wiener Schauplatz galant und charmant die Protagonisten begleitet oder in Sou-Chongs Heimat mit grimmiger Abwehrhaltung und flirrenden Fächern die Liebenden entzweien will. Die zwei Stunden Spieldauer vergehen in Windeseile. Es ist ein beschwingter Flug, bei dem die Funken nur so sprühen.
Fabio Luisi, der musikalische Leiter dieser munteren Varieté-Show nach Pariser Vorbild, lässt den Orchesterapparat von der ersten Minute an erblühen. Wohl temperiert und in satten Wogen ergießen sich Lehárs Weisen vom Orchestergraben in den Zuschauerraum und sind in ihrer Fülle und Differenziertheit auf höchstem Niveau. Man merkt es sofort: Der einstige Chefdirigent der Wiener Symphoniker ist mit der Gattung Operette bestens vertraut. Mit feiner Hand navigiert er seine Musiker durch die nicht ungefährlichen Klippen des Genres. Hier entscheiden nicht zuletzt auch das richtige Mass an Piano und Forte sowie die exakt gesetzten Tempi über das gute Gelingen.
Wer mit Operette die große Show abziehen will, überschreitet schnell die Grenze zum klebrigen Kitsch. Ein Fehler, der in Zürich unterbleibt. So hält es auch der Star des Abends: Tenor Piotr Beczala, im szenischen Rollendebüt, gibt als Prinz Sou-Chong alles, ohne dabei zu übertreiben. Seine Kunst liegt darin, seine facettenreiche Stimme gänzlich ohne Anstrengung zum Glänzen zu bringen. Diesen zarten Schmelz, trotz sonorer Kraft, offenbart Beczala bereits im ersten Akt mit Immer nur lächeln. Für Dein ist mein ganzes Herz im zweiten Akt erwartet den Sänger lautstarker Jubel. Julia Kleiter im Rollendebüt ist in Zürich wie anderswo die angesagte Interpretin für Mozart-Rollen. Der Wechsel mit Lisa ins dramatischere Fach vollzieht sich jedoch nicht ganz ohne Nebengeräusche. Das wird bereits im ersten Akt mit Gern, gern wär ich verliebt deutlich. Kleiter neigt in der Höhe zum Forcieren, und das macht ihre Stimme unnötig hart und spitz. Im Duett Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt mit Beczala brilliert die Sopranistin dafür umso mehr. Die beiden geben das perfekte Traumpaar ab. Rebeca Olvera gibt mit Sou-Chongs Schwester Mi ebenfalls ihr Rollendebüt und gestaltet diese Rolle mit Farbe und jugendlichem Impetus. Spencer Lang ist Graf Gustav von Pottenstein und ebenfalls im Rollendebüt. Sein geschmeidiger Tenorbuffo fügt sich einwandfrei in die Sängerrunde. Zusammen mit Sopranistin Olvera gibt er das zweite Traumpaar des Abends. Cheyne Davidson als Tschang und Martin Zysset als Obereunuch fügen sich ebenso in die großartige Ensembleleistung ein.
Mein Herz weiss jetzt, was Sehnsucht ist, heisst es in Lehárs schönem Land. Sehnsucht nach großartigem Musiktheater, das noch Tage danach im Herzen weiterschwingt. Als Zuschauer weiß man auch: Darum tue ich mir das an mit der Bahnfahrt bei 35 Grad.
Peter Wäch