Verdi als Medienanalyst

UN BALLO IN MASCHERA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
11. Juni 2017
(Premiere am 27. April 2011)

 

Opernhaus Zürich

Zürich stöhnt zurzeit über ein sommer­liches Hoch. Dass die für das Opernhaus Zürich obliga­to­rische Opern­ein­führung nicht wie sonst üblich im Spiegelsaal, sondern in der angenehm klima­ti­sierten Studio­bühne im zweiten Unter­ge­schoss statt­findet, lässt viele Gemüter entspannt aufatmen.

Es ist nur ein kleiner Schritt von der gleißenden Helle draußen zu dem abgekühlten Dunkel drinnen. Dieser Hell-Dunkel-Kontrast erweist sich anschließend auf überra­schende Weise als ein direkter Weg zu Un ballo in maschera auf der Opernbühne.

Giuseppe Verdis Kompo­sition zieht aus dieser antithe­ti­schen Dispo­sition ihre Überzeu­gungs­kraft. Ein Grund dafür, dass Un ballo in maschera auf keiner Opern­bühne weltweit fehlt. Die dem Libretto innewoh­nende Theatralik – was ist Wirklichkeit und was ist Insze­nierung? – ist von einer zeitlosen Typik, die immer wieder zu Neuin­sze­nie­rungen reizt.

David Pountney gründet seine Insze­nierung auf neuere Unter­su­chungs­er­geb­nisse zu histo­ri­schen Tatbe­ständen der Ermordung des schwe­di­schen Königs Gustav III. 1792 bei einem Maskenball im Schloss­theater Drott­ningholm und dem Libretto von Antonio Somma nach dem Drama Gustave II ou le bal masque von Eugene Scribe. Die histo­risch nachge­wiesene Theater­be­geis­terung Gustav III. nimmt Pountney zum Anlass, Verdis Gustav als Regisseur seines Selbst im Stück zu inszenieren.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Während der Ouvertüre senkt sich eine riesen­grosse Hand aus dem Bühnen­himmel und zieht den Spieler Gustav nach oben, während er von einem gedop­pelten Gustav aus einer Theaterloge im Bühnenbild von Raimund Bauer beobachtet wird. Entspre­chend sitzt Gustav im ersten Bild auf einem riesigen Stuhl, der Thron und Regie­stuhl zugleich ist. Damit ist sein Schicksal inthro­ni­siert. Ein Herrscher, der sich an seiner theatralen Insze­nierung berauscht und seine Staats­ge­schäfte vernach­lässigt, ist ein Ärgernis. Die Verschwörer sind auf den Plan gerufen, Gustav zu demas­kieren. Gustavs Masken­spiel ist letztlich ein tödliches.

Dem Theater ist die Maske, hinter der sich Wahrheit und Insze­nierung verbergen, ein vielfäl­tiges und vertrautes Stil- und Spiel­mittel, um das zur Sprache zu bringen, das sich eher gerne verbirgt. Dem Staatsmann steht sie dagegen schlecht zu Gesicht.

Als Verdi Un ballo in maschera Mitte des 19. Jahrhun­derts schrieb, wurde das öffent­liche Leben mehr und mehr von neuen Kommu­ni­ka­tions- und Infor­ma­ti­ons­struk­turen, wie Zeitung, Bankett oder auch das Theater selbst bestimmt, die das Wahre vom Insze­nierten schwerer unter­scheidbar machten. In dieser Hinsicht verun­si­cherten sie ähnlich wie heute die so genannten sozialen Medien mit ihrem belie­bigen Wahrheitsgehalt.

Verdi gelingt es in Un ballo in maschera, das Kontras­tie­rende, Irritie­rende, Masken­hafte, Delirie­rende, das Brüchige in einer Musik abzubilden, die das Ironische ins Groteske sowie das Tragische ins Komische hörbar mitein­ander verbindet. Fabio Luisi am Pult der Philhar­monia Zürich übersetzt das in einen nuancierten, farbreichen Verdi-Klang. Betonte Tempi, die den maskierten Rausch im Presto der Blech­bläser stürmen lassen, wie Luisi gleich­zeitig Harfe, Oboe, Cello oder den Violinen den Raum einräumt, in solis­ti­scher Klang­farbe Akzente zu setzen.

Chor und Zusatzchor der Oper Zürich singen nicht nur in tempe­rierter Staccato-Rhythmik. Sie sind zusammen mit den im Programmheft so bezeich­neten Figuranti speciali auch choreo­gra­fisch darstel­le­risch gefordert. Sie garan­tieren mit Luisis dirigen­ti­scher Noblesse und Pountneys wirkungs­mäch­tiger Regie einen Ballo in maschera, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Foto © Judith Schlosser

Bei den Solisten geht es durchaus zwiespältig zu. George Petean gibt den sich in seiner Maskerade selbst gefan­genen Renato Anckar­stroem eine baritonal durch­klin­gende Struktur, die letztlich, brüchig verführt, in sich zusam­men­fällt. Die Wahrsa­gerin Ulrica bringt mit dem dunklen Timbre des Mezzo­so­prans von Marie-Nicole Lemieux nicht nur das hexenhaft Verstö­rende sänge­risch auf den Punkt genau zum Ausdruck. Sie ist mit ihrer Bühnen­präsenz grandios. Als Page Oscar flirrt der Sopran von Sen Guo mit brillanter Höflings-Gestik. Ihre Stimme scheint taktweise geradezu mit den einzelnen instru­men­talen Klang­farben zu verschmelzen. In ihrem Gesang kommt Verdis melodra­ma­tisch gemischte Kompo­si­ti­ons­struktur nachhaltig zum Ausdruck.

Dass die weltweit gefragte Sopra­nistin Hui He kurzfristig für die erkrankte Sondra Radva­nosky einspringen muss, erweist sich als eine überra­schende Entde­ckung für Zürich. Sie singt am Opernhaus Zürich zum ersten Mal. Sie singt die anspruchs­vollen, schwie­rigen Kolora­turen der Amelia mit einer technisch verblüf­fenden Selbst­ver­ständ­lichkeit. Anderer­seits singt sie in einer manchmal unter­kühlt wirkenden Distanz mit dem Drang zum Bühnenrand. Neben Hui Hes insgesamt sänge­risch überzeu­gender Einspringer-Amelia gibt es vor Vorstel­lungs­beginn eine weitere Ansage. Marcelo Alvarez war mehrere Tage krank, fühle sich jetzt aber wieder besser und wolle unbedingt die Partie des Gustav singen. Im Nachhinein zeigt sich aller­dings, dass das keine gute Entscheidung ist. Sichtlich beein­trächtigt, forciert er mit Kraft seinen ariosen Gesang im Presto, während in den Mittel­lagen eine diffe­ren­zierte Gestal­tungs­kraft fehlt. Schon dem vom Publikum lautstark applau­dierend gefor­derten Vorhang nach dem ersten Akt vor der Pause kommt er mit wenig überzeugter Begeis­terung nach. Den Schluss­ap­plaus versucht er mit einer beschwich­ti­genden Geste einzu­dämmen. Er ist sichtbar am Ende seiner Kräfte und offenbar unzufrieden mit seiner Entscheidung, an diesem Abend zu singen.

Die Aufführung, die mit Pountneys Insze­nierung eines Spiels im Spiel so eindrucksvoll überzeugt, dass selbst dann, wenn die Maske fällt, nichts wirklich zum Vorschein kommt, verbleibt vor allem durch die bedau­er­liche Indis­po­niertheit von Alvarez leider im Halbschatten.

Peter E. Rytz

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