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Gesellschaftliche Zwänge, gegründet auf religiösem Boden, sind kein Humus für eine unkonventionelle Liebe, die den Ausbruch aus der Rigidität wagt. Die Regisseurin Tatjana Gürbaca verlässt sich mit ihrer Arbeit am Opernhaus Zürich auf die Stärke eines Stücks, das gestern wie heute befangen macht. Ihre Sicht ruht aber nicht nur auf einem ideologisch verbrämten Kollektiv, sondern ist auch der Versuch einer poetischen Annäherung an die Wahrhaftigkeit einer drängenden Emotion. Die Vorlage ist Weltliteratur und stammt von Johann Wolfgang von Goethe. Jules Massenets Oper wurde 1892 an der Wiener Hofoper in deutscher Sprache uraufgeführt und kurz darauf in Genf erstmals im Originallibretto von Edouard Blau und Paul Milliet auf Französisch gesungen.
Der Amtsschimmel wiehert laut in dieser antiquiert anmutenden Stube. Gürbaca stellt die Bürgerlichkeit mit ihren Konventionen exemplarisch in einen trichterförmigen und mit hellem Holztäfer verkleideten Raum. Die freischwebende Szenerie wirkt wie mit Warp-Antrieb aus einer vergangenen Zeit geschleudert, darum herum herrscht rabenschwarze Nacht. Hie und da öffnet sich ein Fenster oder eine Türe. Aber in der kongenialen Lesart der Regisseurin geht es nicht um Ausblicke, sondern vielmehr um Einblicke in seelische Abgründe. Rituale und Regeln bestimmen das Leben der Protagonisten, und über allem schwebt der Dünkel einer sittsamen Gesellschaft. Die flammende Leidenschaft des jungen Werthers soll an einem Schwur von Charlotte zerbrechen. Die bereits mit reichlich Dramatik angereicherte Ouvertüre nimmt den unausweichlichen Sog in einen Suizid vorweg.
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Es dauert nur wenige Minuten, bis Juan Diego Flórez den Beweis liefert, warum er einer der gefragtesten Tenöre weltweit ist. Seine Rollengestaltung eines stürmischen und dranghaften jungen Mannes, der an der unerfüllten Liebe zerbricht, ist nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch auf höchstem Niveau. Anfangs mit der Arie O nature, pleine de grâce oszilliert jugendliches Ungestüm mit aufkeimender Leidenschaft. Werther begleitet Charlotte zu einem vorweihnachtlichen Fest, und sie kehren beide kurz vor Mitternacht eng umschlungen heim. Fast schon kindlich ist dieser innige Austausch mit den Überbleibseln einer rauschenden Ballnacht in Form eines Indianerschmucks und einer Prinzessinnenkrone auf den Häuptern des Paars. War es davor die Vorfreude von Charlottes jüngeren Geschwistern mit Noël! Noël!, einem meisterhaft geführten Kinderchor von Ernst Raffelsberger, ist es bei diesem Stelldichein die kindliche Unschuld zweier frisch Verliebter. Ein Moment, bei dem sich für kurze Zeit die Dachluke des Holzkonstrukts öffnet und Luft zum Durchatmen gibt. Die Regie veranschaulicht diesen Kontext mit einfachen Mitteln und bleibt auch im weiteren Verlauf mit Deutungen sparsam wie schlüssig.
Das auf Voyeurismus angelegte Guckkasten-Konzept von Gürbaca geht in mehrfacher Hinsicht auf. Wenn Werther im ersten Akt der Oper zum Beobachter wird, verharrt die Menge um ihn herum im „eingefrorenen“ Zustand. Die Personenführung ist so exakt wie das Uhrwerk an der Wand, das dieses Drame lyrique mit Präzision vorantreibt. Die in Braun‑, Grau- und Pastelltönen gehaltenen Kostüme von Silke Willrett transportieren die auf Jetztzeit getrimmte Biedermeier-Spießigkeit passend zum nach allen Seiten dominanten Bürgermief. Klaus Grünberg sorgt in jedem Moment dieses musikalisch höchst farbenreichen Opus für stimmige Lichteffekte.
Werther in Zürich ist aber auch ein Fest der großen Stimmen und eines Orchesters, das auf Tutti geht. Die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Cornelius Meister mag an einzelnen Stellen im Fortefortissimo die akustischen Grenzen des mittelgroßen Hauses überschreiten. Gesamt betrachtet lässt der souverän geführte Orchesterapparat die emotionale Partitur Massenets wie die Brandung einer wild aufgeschäumten See erklingen, bei der die leisen Zwischentöne und fein herausgearbeiteten Soli nicht untergehen und auch das Alt-Saxophon gut hörbar aufblitzt.

Flórez, der in der letzten Saison in Zürich Bellinis Belcanto-Klassiker I Puritani kurz vor der Premiere aus seinem Repertoire nahm, traf mit der Paraderolle des Werthers die richtige Entscheidung. Das helle Metall in seiner Stimme entwickelt zusehends Farbe und Geschmeidigkeit, die geradezu geschaffen ist für französische Opern der Spätromantik. Die Kraft ist ungebrochen, der Glanz weitet sich wohltuend aus. Die Arie Pourquoi me réveiller im dritten Akt singt Flórez formvollendet. Elegant spannt der Tenor die Kantilenen und betört mit subtiler Reduktion. Die Bandbreite vom verzweifelten Verliebten bis hin zum getriebenen Selbstmörder veranschaulicht der Sänger plausibel und er bleibt stimmlich trotz anhaltendem Furor bis zum letzten Ton unverbraucht. Anna Stéphany, die in Zürich ihr Rollendebut gibt, steht dieser Leistung in Nichts nach. Das dunkle Timbre ihres Mezzosoprans vibriert sonor in den Tieflagen. In den Höhen entfaltet die Sängerin eine Feinheit, die nicht jeder Kollegin ihres Fachs so silbern leicht gelingt. Auch darstellerisch ist Stéphanys Charlotte von einer Wucht, die tief bewegt. Mélissa Petit, ebenfalls im Rollendebut, glänzt als ihre Schwester Sophie mit einem klaren, feingliedrigen Sopran, der gleichzeitig ein Versprechen ist. Audun Iversen hat als Albert sein Hausdebut und wird dafür gefeiert. Sein Bariton kommt aus unendlichen Tiefen. Die Stimme wirkt nie forciert, im Gegenteil, Iversen pariert jede Phrase in bester Manier. Stark besetzt ist auch die Rolle des Amtmanns mit Bariton Cheyne Davidson.
„Die Tränen, die wir nicht weinen, fallen in unsere Seele zurück“ singt Charlotte im dritten Akt, als noch nicht alles verloren scheint. Gürbaca, die in Zürich mit Verdis „Tisch- Version“ von Rigoletto für Furore sorgte und danach mit ihrer Lesart von Mozarts Die Zauberflöte und Verdis Aida wenig überzeugte, gelingt wieder ein Geniestreich. Und sie sorgt mit dem Schlussbild im vierten Akt dafür, dass die Tränen geweint werden. Der Tod Werthers und die Hilflosigkeit von Charlotte, die das tragische Ende nicht mehr aufhalten kann, illustriert sie mit purer Poesie. Während Werther stirbt, zeigt Gürbaca eine imaginierte Version des Liebesglücks, das in der Gestalt eines alten Ehepaars mit Indianerschmuck und Prinzessinnenkrone über die Bühne tanzt. Inzwischen sind etliche Türen und Fenster aufgegangen und geben den Blick frei auf das Weltall und einen blauen Planeten, der langsam kreisend vorbeischwebt. Die Leiden des jungen Helden sind vorbei, und das Publikum ist sichtlich gerührt. Schöner kann Oper nicht enden. Der Schlussapplaus ist entsprechend gewaltig.
Peter Wäch