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Foto © Herwig Prammer

Mit Sturm und Drang ins Elend

WERTHER
(Jules Massenet)

Besuch am
8. April 2017
(Premiere am 2. April 2017)

 

Opernhaus Zürich

Gesell­schaft­liche Zwänge, gegründet auf religiösem Boden, sind kein Humus für eine unkon­ven­tio­nelle Liebe, die den Ausbruch aus der Rigidität wagt. Die Regis­seurin Tatjana Gürbaca verlässt sich mit ihrer Arbeit am Opernhaus Zürich auf die Stärke eines Stücks, das gestern wie heute befangen macht. Ihre Sicht ruht aber nicht nur auf einem ideolo­gisch  verbrämten Kollektiv, sondern ist auch der Versuch einer poeti­schen Annäherung an die Wahrhaf­tigkeit einer drängenden Emotion. Die Vorlage ist Weltli­te­ratur und stammt von Johann Wolfgang von Goethe. Jules Massenets Oper wurde 1892 an der Wiener Hofoper in deutscher Sprache urauf­ge­führt und kurz darauf in Genf erstmals im Origi­nal­li­bretto von Edouard Blau und Paul Milliet auf Franzö­sisch gesungen.

Der Amtsschimmel wiehert laut in dieser antiquiert anmutenden Stube. Gürbaca stellt die Bürger­lichkeit mit ihren Konven­tionen exempla­risch in einen trich­ter­för­migen und mit hellem Holztäfer verklei­deten Raum. Die freischwe­bende Szenerie wirkt wie mit Warp-Antrieb aus einer vergan­genen Zeit geschleudert, darum herum herrscht raben­schwarze Nacht. Hie und da öffnet sich ein Fenster oder eine Türe. Aber in der konge­nialen Lesart der Regis­seurin geht es nicht um Ausblicke, sondern vielmehr um Einblicke in seelische Abgründe. Rituale und Regeln bestimmen das Leben der Protago­nisten, und über allem schwebt der Dünkel einer sittsamen Gesell­schaft. Die flammende Leiden­schaft des jungen Werthers soll an einem Schwur von Charlotte zerbrechen. Die bereits mit reichlich Dramatik angerei­cherte Ouvertüre nimmt den unaus­weich­lichen Sog in einen Suizid vorweg.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Es dauert nur wenige Minuten, bis Juan Diego Flórez den Beweis liefert, warum er einer der gefrag­testen Tenöre weltweit ist. Seine Rollen­ge­staltung eines stürmi­schen und drang­haften  jungen Mannes, der an der unerfüllten Liebe zerbricht, ist nicht nur stimmlich, sondern auch schau­spie­le­risch auf höchstem Niveau. Anfangs mit der Arie O nature, pleine de grâce oszil­liert jugend­liches Ungestüm mit aufkei­mender Leiden­schaft. Werther begleitet Charlotte zu einem vorweih­nacht­lichen Fest, und sie kehren beide kurz vor Mitter­nacht eng umschlungen heim. Fast schon kindlich ist dieser innige Austausch mit den Überbleibseln einer rauschenden Ballnacht in Form eines India­n­er­schmucks und einer Prinzes­sin­nen­krone auf den Häuptern des Paars. War es davor die Vorfreude von Charlottes jüngeren Geschwistern mit Noël! Noël!, einem meisterhaft geführten Kinderchor von Ernst Raffels­berger, ist es bei diesem Stell­dichein die kindliche Unschuld zweier frisch Verliebter. Ein Moment, bei dem sich für kurze Zeit die Dachluke des Holzkon­strukts öffnet und Luft zum Durch­atmen gibt. Die Regie veran­schau­licht diesen Kontext mit einfachen Mitteln und bleibt auch im weiteren Verlauf mit Deutungen sparsam wie schlüssig.

Das auf Voyeu­rismus angelegte Guckkasten-Konzept von Gürbaca geht in mehrfacher Hinsicht auf. Wenn Werther im ersten Akt der Oper zum Beobachter wird, verharrt die Menge um ihn herum im „einge­fro­renen“ Zustand. Die Perso­nen­führung ist so exakt wie das Uhrwerk an der Wand, das dieses Drame lyrique mit Präzision voran­treibt. Die in Braun‑, Grau- und Pastell­tönen gehal­tenen Kostüme von Silke Willrett trans­por­tieren die auf Jetztzeit getrimmte Bieder­meier-Spießigkeit passend zum nach allen Seiten dominanten Bürgermief. Klaus Grünberg sorgt in jedem Moment dieses musika­lisch höchst farben­reichen Opus für stimmige Lichteffekte.

Werther in Zürich ist aber auch ein Fest der großen Stimmen und eines Orchesters, das auf Tutti geht. Die Philhar­monia Zürich unter der Leitung von Cornelius Meister mag an einzelnen Stellen im Forte­for­tissimo die akusti­schen Grenzen des mittel­großen Hauses überschreiten. Gesamt betrachtet lässt der souverän geführte Orches­ter­ap­parat die emotionale Partitur Massenets wie die Brandung einer wild aufge­schäumten See erklingen, bei der die leisen Zwischentöne und fein heraus­ge­ar­bei­teten Soli nicht unter­gehen und auch das Alt-Saxophon gut hörbar aufblitzt.

Foto © Herwig Prammer

Flórez, der in der letzten Saison in Zürich Bellinis Belcanto-Klassiker I Puritani kurz vor der Premiere aus seinem Reper­toire nahm, traf mit der Parade­rolle des Werthers die richtige Entscheidung. Das helle Metall in seiner Stimme entwi­ckelt zusehends Farbe und Geschmei­digkeit, die geradezu geschaffen ist für franzö­sische Opern der Spätro­mantik. Die Kraft ist ungebrochen, der Glanz weitet sich wohltuend aus. Die Arie Pourquoi me réveiller im dritten Akt singt Flórez formvoll­endet. Elegant spannt der Tenor die Kanti­lenen und betört mit subtiler Reduktion. Die Bandbreite vom verzwei­felten Verliebten bis hin zum getrie­benen Selbst­mörder veran­schau­licht der Sänger plausibel und er bleibt stimmlich trotz anhal­tendem Furor bis zum letzten Ton unver­braucht. Anna Stéphany, die in Zürich ihr Rollen­debut gibt, steht dieser Leistung in Nichts nach. Das dunkle Timbre ihres Mezzo­so­prans vibriert sonor in den Tieflagen. In den Höhen entfaltet die Sängerin eine Feinheit, die nicht jeder Kollegin ihres Fachs so silbern leicht gelingt. Auch darstel­le­risch ist Stéphanys Charlotte von einer Wucht, die tief bewegt. Mélissa Petit, ebenfalls im Rollen­debut, glänzt als ihre Schwester Sophie mit einem klaren, feinglied­rigen Sopran, der gleich­zeitig ein Versprechen ist. Audun Iversen hat als Albert sein Hausdebut und wird dafür gefeiert. Sein Bariton kommt aus unend­lichen Tiefen. Die Stimme wirkt nie forciert, im Gegenteil, Iversen pariert jede Phrase in bester Manier. Stark besetzt ist auch die Rolle des Amtmanns mit Bariton Cheyne Davidson.

„Die Tränen, die wir nicht weinen, fallen in unsere Seele zurück“ singt Charlotte im dritten Akt, als noch nicht alles verloren scheint. Gürbaca, die in Zürich mit Verdis „Tisch- Version“ von Rigoletto für Furore sorgte und danach mit ihrer Lesart von Mozarts Die Zauber­flöte und Verdis Aida wenig überzeugte, gelingt wieder ein Genie­streich. Und sie sorgt mit dem Schlussbild im vierten Akt dafür, dass die Tränen geweint werden. Der Tod Werthers und die Hilflo­sigkeit von Charlotte, die das tragische Ende nicht mehr aufhalten kann, illus­triert sie mit purer Poesie. Während Werther stirbt, zeigt Gürbaca eine imagi­nierte Version des Liebes­glücks, das in der Gestalt eines alten Ehepaars mit India­n­er­schmuck und Prinzes­sin­nen­krone über die Bühne tanzt. Inzwi­schen sind etliche Türen und Fenster aufge­gangen und geben den Blick frei auf das Weltall und einen blauen Planeten, der langsam kreisend vorbei­schwebt. Die Leiden des jungen Helden sind vorbei, und das Publikum ist sichtlich gerührt. Schöner kann Oper nicht enden. Der Schluss­ap­plaus ist entspre­chend gewaltig.

Peter Wäch

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