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Mit Georg Friedrich Händels Oper Alcina ist am Opernhaus Zürich einen Tag vor der spektakulär inszenierten Eröffnung der Elbphilharmonie eine glanzvolle Aufführung zu erleben. Ein wichtiger Garant dafür ist Countertenor Philippe Jaroussky als Ruggiero. Einen Tag später trägt er mit barock-kolorierten Preziosen in Hamburg zusammen mit der Harfenistin Margret Köll seinen Teil zum vielbeachteten Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie bei.
Dass die feinsinnige Margret Köll mit dem engagiert die Einsätze betonenden Sergio Ciomei am Cembalo und dem souverän Zäsuren und Pausen artikulierenden Cellisten Claudius Herrmann als Continuo-Gruppe unter dem charismatischen, bisweilen magisch anmutenden Dirigat von Giovanni Antonini des Orchestra La Scintilla Zürich das orchestrale Kraftzentrum der Zürcher Alcina bildet, zeigt, wie es dem Opernhaus mit jeder Inszenierung immer wieder gelingt, Weltklassemusiker in Zürich zusammen zu bringen. Über welches musikalische Potenzial und Renommee das Opernhaus Zürich verfügt, zeigt auch das kurzfristige Engagement des Ensemblemitglieds Pavol Breslik als Einspringer in Hamburg für den erkrankten Jonas Kaufmann in der Uraufführung von Wolfgang Rihms Triptychon und Spruch in memoriam Hans Henny Jahnn.
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Ähnlich wie die über mehr als zehn Jahre andauernden politischen und finanziellen Querelen um den Hamburger Konzerthausbau der Basler Architekten Pierre de Meuron und Jacques Herzog muss auch Händel aus einem Gemisch von Anfeindungen, Verleumdungen und Ränkespielen einen langen, mühevollen Weg gehen, um sich letztlich durchzusetzen.
Politische Auseinandersetzung zwischen dem neuen König von England, dem ehemaligen Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover, der seinen evangelisch-lutherischen Machtanspruch gegenüber den katholischen Stuarts erhebt, führt zu einer Staatskrise, die sich unmittelbar auf das Operngeschehen in London auswirkt. Händel, der seit 1712 als naturalisierter Komponist in London arbeitet und anerkannt ist, sieht sich politisch motivierten Anfeindungen und Ränkespielen ausgesetzt. Er gibt mit Alcina eine musikalisch grandiose sowie eine diplomatisch klug justierte Antwort.
Er entdeckt dem bildungshungrigen Londoner Publikum, von dem viele Besucher auf der sogenannten Grand Tour auf den Geschmack gekommen sind, den musikalischen Reichtum der italienischen Oper. Am Haymarket Theatre verhilft Händel ihr als musikalischer Direktor, aber vor allem als Komponist, zu größerer Beachtung.
Im Gegensatz zur tradierten Bravournummernoper setzt Händel auf die Form einer opera of nobility. Er schmeichelt seinem Publikum und dessen Machtbewusstsein mit dem hintersinnigen Humor seiner Operngestalten. Bestimmt von der Sinnlichkeit des Ausdrucks, der die Moralvorstellungen der damaligen Gesellschaft eigentlich überstrapaziert, umgeht er sie, indem er das dramma per musica als Zauberoper, magic opera, bezeichnet.

Die Geschichte, die auf dem von einem Unbekannten bearbeiteten Libretto von Antonio Fanzaglia zu der Oper L’isola di Alcina von Riccardo Broschi beruht, ist nicht wirklich real. Sie existiert außerhalb von Zeit und Raum und erlaubt ihm damit alle Freiheiten eines Märchens. Ein Schelm, wer nur das Märchen sieht, kann man Händel über die Jahrhunderte schmunzeln sehen. Händel fährt dazu fulminant die Theatermaschinerie an, aus der heraus Amors Pfeile über das Zauberreich hinaus auch die Liebenden im richtigen Leben treffen. Wann und wo sie wollen.
Christof Loys Inszenierung schaut mit einem melancholischen Blick hinter die Kulissen dieser Scheinwelt. Dafür erfindet er die Spielfigur des Cupido, dargestellt von Balletttänzerin Barbara Goodman. Die Dramaturgie ihres stummen Spiels erklärt sich aus der mythologischen Amor-Cupido-Figur von selbst, ohne dass ein inszenatorischer Mehrwert erkennbar wird.
Während im ersten Akt Alcina und ihr neuer Liebhaber Ruggiero mit einem Fahrstuhl aus dem Himmelreich weltentrückt in die Niederungen der Welt hinunterfahren, sich als Liebespaar für alle Zeit geben, ist die Trennlinie zwischen dem Zauberreich und der Welt fest und scheinbar unverrückbar.
Cecilia Bartoli, die Grande Dame des barocken Soprans fordert als Alcina ihren kongenialen Partner Philippe Jaroussky als Ruggiero mit Di‘, cor mio, quanto t’amai auf, der Welt zu erklären, wie manifest die Angelegenheit zwischen ihr und ihm ist. Ihre bis dahin geübte menschenverachtende Praxis, jeden Liebhaber schlussendlich in einen Stein, einen Baum oder ein Tier zu verzaubern, gibt sie auf. Mit Ruggiero glaubt sie, die einzige, ewige Liebe gefunden zu haben.
Als allerdings Bradamante, Ruggieros Verlobte, verkleidet als angeblicher Zwillingsbruder Ricciardo, mit Melisso, Bradamantes altem Erzieher auftaucht, um den verschwundenen Ruggiero zu suchen, ahnt Alcina die Gefahr am Horizont ihres Zauberreiches. Besetzt von Verlassensängsten, verliert sich mehr und mehr ihre Zauberkraft.
Alcina, die ihre Lust beliebig oft befriedigt hat, wird zum Opfer ihrer eigenen Gefühle. Bartoli gestaltet die innere, verzweifelte Leidensgeschichte Alcinas mit situativ differenzierten Tempi und betonten Pausen. Ihr Sopran schwebt unabhängig und frei über allem. Anfangs singt sie mit souveräner Zauberinnen-Attitüde, die sich nach und nach in aufsteigenden Verzweiflungsaufschreien entlädt. Wie ein Furie wirft sie Ruggiero seine Heuchelei entgegen: Ah! Ruggiero crudel, tu no m’amasti!, nachdem der mit Verdi Prati, selve amene, perderete la belta seiner Sehnsucht nach der Schönheit jenseits von Liebeszauberei ausgedrückt hat. Resignierend beschwört und mahnt sie E pur ti adora ancor fido mio cuore in Da-capo-Wendungen, die sich letztlich in fast unhörbarem Pianissimo verlieren. Bartoli ist die Bartoli, die sie so unvergleichlich macht, wie Jaroussky sein Alleinstellungsmerkmal als Countertenor bestätigt: Jeder Ton, fast ist man geneigt zu sagen, engelsgleich klangschön und rein, punktgenau temperiert in seinen Betonungen.
Loy hinterfragt vorurteilsfrei die Gefühlswelten von Alcina und Ruggiero, von Bradamante zu Ruggiero sowie die dadurch ausgelösten amourösen Liebesverwirrspiele von Morgana mit Ricciardo und Oronte. Alcinas Fallhöhe ist besonders dramatisch und vor allem nach menschlichem Maßstäben ohne Hoffnung auf Erlösung. Bei Loy ist sie letztlich aber keine böse Zauberin, sondern eine tragische Figur, die in ihrem Zauberreich selbst gefangen ist und bleiben muss.
Musikalisch vertraut seine Inszenierung auf Wiederholungen, auf eine Da-capo-Form, die Händels Psychogramm einer von Verlassensängsten getriebenen Frau einfühlsam nachvollziehbar macht. Antonini am Pult des exzellent aufgelegten Orchestra La Scintilla dirigiert mit kaum zu überbietendem, empathischem Gestaltungswillen. Es ist, als wolle er die Bedeutung jeder einzelnen Note nobilitieren, entlockt ihren Klangwert singend und schwingend mit gestisch maximaler, gleichwohl geschmeidiger Sensibilität. Schier unendlich reiht sich ein da capo an das andere. Hörbar werden meditative Klangräume von unbeschreiblicher Pianissimo-Schönheit, als würde Alcinas Zauberreich bis ins Opernhaus Zürich reichen. Antonini ist da der Zauberer in Echtzeit.
Allein Ruggiero beibt verwirrt, glaubt sich mit Beginn des zweiten Aktes erneut verzaubert und kann in Bradamante selbst dann nicht seine Verlobte erkennen, als sie sich mit erotischem Furor Ruggier, non mi consci? ihrer Männerkleidung entledigt, nur noch mit Hose und schwarzem Büstenhalter bekleidet, versucht, ihn wachzurütteln. Spätestens in diesem Moment hat Varduhi Abrahamyan das Publikum für sich gewonnen. Mit guttural abgestimmtem Alt, gepaart mit schauspielerischer Finesse, ist ihr Gesang und ihr Spiel eine Demonstration einer differenzierten Rollengestaltung.
Für den zweiten Akt hat Johannes Leiacker eine Bühne mit drei miteinander verbundenen Räumen gebaut, in der Loy in Fellini-Manier von den Gefährdungen der Liebe erzählt, wenn sie zu spät oder gar nicht erkannt wird. Bradamantes und Ruggieros fragile Neuentdeckung lässt sie anfangs in die Nebenräume fliehen. Dort erschreckt er sich angesichts einer dicken alten Frau, wie sie aus dem von halbnackten stummen Greisen besetzten Raum flieht. Liebe ist ein kostbares Geschenk des Lebens. Wenn sie einmal verloren ist, ist sie nicht so leicht wiederzugewinnen.
Als sich am Ende der Applaus euphorisch für die Solisten Bahn bricht, ein riesiger Rosenstrauß aus dem Parkett Bartoli vor die Füsse fällt, kann man fast den Eindruck haben, Abrahamyan gehöre der intensivste Jubel. Der Applaus zollt damit Respekt vor einer grandiosen Ensembleleistung, in der neben Bartoli und Jaroussky für Julie Fuchs als sinnlich verführerischer Morgana, der Schwester Alcinas, ebenso gleichberechtigt Raum ist, wie für den von Fabio Trümpy mit tenoralen Zäsuren gespielten tapsigen Feldherrn Oronte, als auch für Krzystof Baczyk, der mit seinem baritonal gefärbten Bass Melisso als Charakterstudie zeigt.
Das Leben geht mitunter wie die große Geschichte rätselhafte, vielfach verschlungene Wege. Insbesondere die Kulturgeschichte kennt dafür viele Beispiele. Als 1735 die Premiere von Georg Friedrich Händels Oper Alcina am Covent Garden Theatre stürmisch bejubelt und in der Saison über 30 Mal gespielt wurde, verfiel sie danach in einen fast 200jährigen Dornröschenschlaf. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts kehrt Alcina im Zuge einer Händel-Renaissance auf die Opernbühnen zurück.
So ist in Zürich eine Alcina von erhabener Klangschönheit zu erleben, die nichts beschönigt, sondern mit dem Zusammenbruch des Zauberreichs offenlässt, inwieweit ihre Zauberkraft wirklich gebannt ist.
Peter E. Rytz