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Friede und Freude zum Festival auf dem Grünen Hügel. Nicht einmal für eine böse Nachricht im Vorfeld reichte es. Stattdessen wird der 100. Geburtstag Wieland Wagners mit einem Abend gefeiert, der schon als große Versöhnungsgeste gelten kann. Eine Ausstellung rundet das Bild von Regisseur und Bühnenbildner Wieland Wagner ab.

Es waren einmal zwei Brüder, die nichts dafür konnten, dass ein böser „Wolf“ die Musik ihres berühmten Großvaters ebenso ins Herz geschlossen hatte wie ihre Mutter namens Winifred. Sie konnten auch nichts dafür, dass Onkel Wolf einen Narren an den aufgeweckten Jungen, vor allem an dem zwei Jahre älteren Wieland, gefressen hat. Als Onkel Wolf 1945 ebenso unterging wie die halbe Welt und die Gebäude und das Ansehen der berühmtesten deutschen Musikfestspiele im oberfränkischen Bayreuth, waren Wieland 28 und Wolfgang 26 Jahre jung.
Auch wenn die Welt in Trümmern lag, machten sich die Brüder auf, gegen viele Widerstände die Lebens- und Wirkungsstätten ihres Großvaters aufzubauen und die völlig demoralisierten Festspiele wieder ins Leben zu rufen. Das gelang ihnen auch. Und zwar gemeinsam. Wieland sorgte mit seiner neuen Bühnenästhetik dafür, dass das Haus nicht nur von braunem, sondern von jedem ideologischen Ballast „entrümpelt“ wurde und entwickelte eine „neutrale“, werkimmanente Ästhetik, mit der er der verachteten Kunst der deutschen Meister zu neuem Ansehen verhalf. Die genial richtige Methode zum richtigen Zeitpunkt. Sein Bruder Wolfgang garantierte mit seinem organisatorischen Geschick dafür, dass die komplizierten Verhandlungen und Betriebsabläufe zu einem raschen Aufblühen der Festspiele führten. Das taten beide in mehr oder weniger traulicher Gemeinsamkeit bis zu ihrem Tod. Der ereilte Wieland bereits 1966 im Alter von 49 Jahren, Wolfgang erst 2010 im gesegneten Alter von 90 Jahren. Eigentlich ein Vorbild einer glücklichen und effektiven Symbiose.
Wenn da nicht die Eigengesetze der „Familienbande“griffen, wie sie Wolfgang Wagner in seiner bewusst zweideutig betitelten Autobiografie nannte. Und zwar immer dann, wenn es um Macht und Pfründe geht. Denn die Wagners waren nie eine Familie im bürgerlichen Sinn, sondern ein Clan mit ausgeprägtem Herrschaftsbewusstsein. Nach dem Tod seines Bruders führte Wolfgang die Festspiele in eigener Regie weiter: organisatorisch vorbildlich, doch was die eigenen künstlerischen Ambitionen anging, erheblich blasser. Wie es einer semi-royalen Dynastie gebührt, muss die Leitung des Flaggschiffs deutscher Hochkultur in den Händen des eigenen Clans verbleiben. Eine schwierige Prämisse, wenn der Prinzipal in die Jahre kommt, der aber in den Reihen der Nachkommen keinen würdigen Nachfolger sieht und das Zepter in Händen hält, solange es ihm die Arthrose gnädig erlaubt. Die Kinder seines verstorbenen Bruders waren für Wolfgang als Festspielleiter tabu. Die einzige Ausnahme sah er in seiner eigenen Tochter Katharina, die, wenigstens für kurze Zeit, zusammen mit ihrer Halbschwester Eva, die Amtsgeschäfte übernahm und heute allein auf dem „Grünen Hügel“ regiert.
Der Frust der Wieland-Kinder, allen voran Nike und Wolf Siegfried, sitzt so tief wie die Gräben der verfeindeten Familien.
Es bewegt sich was
Doch jetzt bewegt sich etwas: Die Zeichen stehen auf Versöhnung. Katharina Wagner reicht ihren Cousinen und Vettern die Hand, auch wenn gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen der familiennahen Stiftung und der Festspiel-GmbH um Mietfragen noch nicht völlig ausgeräumt sind. Nike hat ohnehin mit sich und dem Hügel Frieden geschlossen und jede Ambition als Festspielleiterin aufgegeben.
Erstaunlich, wie versöhnlich sich Katharina Wagner und der streitbare Wieland-Spross Wolf Siegfried Wagner im Rahmen eines Festkonzerts im Festspielhaus aus Anlass des 100. Geburtstags von Wieland Wagner nicht gerade die Hand reichten, aber das Kriegsbeil unter Verschluss hielten. In Anwesenheit seiner Schwester Nike hielt sich Wolf Siegfried mit Angriffen gegen die derzeitige Festspielleitung zurück. „Katharina, bist du am Amt?“ Lediglich dieses umgewandelte Parsifal-Zitat, das er seiner Halbschwester am Ende seines pointierten Vortrags zuwarf, hatte einen vorwurfsvollen Beigeschmack, durchsetzt jedoch mit einer Prise Aufmunterung.
Wolf Siegfried Wagner rechnete stattdessen mit den Umständen und den Figuren ab, die seinen Vater, „diesen wunderbaren Menschen“, in unverschuldete Konflikte gebracht hätten, die er 1951 mit der Wiedereröffnung der Festspiele und seinem genialen Regiekonzept in richtige Bahnen gelenkt hätte. Sechs Jahre war Wieland jung, als seine Mutter Hitler in Bayreuth empfing, 16 Jahre, als Hitler an die Macht kam. Als Erstgeborener vom Kriegsdienst verschont, unternahm Wieland 1944 in einem Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg mit Häftlingen bühnentechnische Experimente. Eine Zeit, in der Wielands Einsicht in die verbrecherische Struktur des Regimes reifte und ein radikales Umdenken in Gang setzte, über das er freilich bis zu seinem frühen Tod 1966 eisern schwieg. Ein flammendes Plädoyer eines Sohnes, der seinen Vater gegen alle unberechtigten Vorwürfe nationalsozialistischer Sympathien in Schutz nimmt.
Die lange Festrede von Sir Peter Jonas, dem langjährigen Intendanten der Bayerischen Staatsoper, der Wielands Kindheit als „ödipale Tragödie“ in den Mittelpunkt rückte, verblasste trotz ihrer rhetorischen Brillanz gegenüber dieser persönlich gefärbten Liebeserklärung des mittlerweile 74-jährigen Sohnes. Und fast gerieten auch die musikalischen Beiträge in den Hintergrund, die nicht nur Klänge des Bayreuther Meisters enthielten, so von Hartmut Haenchen dirigierte Orchesterstücke aus Hitlers Lieblings-Oper Rienzi und dem Parsifal, sondern auch Klänge aus Werken, mit denen Wieland Wagner Regie-Geschichte geschrieben hat, nämlich aus Alban Bergs Wozzeck und Giuseppe Verdis Otello. Ungewohnte Töne im Festspielhaus, vorzüglich gesungen von Claudia Mahnke, Camilla Nylund, Christa Mayer und Stephen Gould.
Die Familienfehden spielen in der attraktiv ausgerichteten Ausstellung auf dem Gelände der Villa Wahnfried nur eine untergeordnete Rodle. Nicht allerdings Wielands unfreiwillige Verstrickung mit seiner braun gefärbten Kindheit. Im Zentrum steht allerdings sein zentrales Nachkriegswerk, mit dem er die Opernbühne in Bayreuth und in ganz Deutschland von ideologischem Ballast entrümpelte. Klug dekorierte Schaukästen mit Dokumenten verschiedener Zeitgenossen und der Bühnengeschichte gipfeln in einer kleinen, der legendären „Wieland-Scheibe“ nachempfundenen Bühne, auf der multimedial in Bild und Ton an legendäre Inszenierungen des Visionärs erinnert wird. Die Ausstellung ist bis zum 19. November im Bayreuther Richard-Wagner-Museum neben der Villa Wahnfried zu sehen.
Pedro Obiera