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Das Festspielhaus in Bayreuth um 1900 - Foto © N.N.

Das schlechte Gewissen Bayreuths

Familie Wagner und der Natio­nal­so­zia­lismus, die Rezeption Richard Wagners Musik in der braunen Vergan­genheit, der Antise­mi­tismus des Kompo­nisten und die Sicht von Regis­seuren auf seine Werke – wer hier nicht sauber trennt, wird kaum für die nötige Aufar­beitung auf dem Grünen Hügel sorgen. Falsche Bezüge sorgen gar für Verwirrung und verwei­gerte Antworten für Ärger. 

Die beiden Wagner-Schwestern – Foto © Tafkas

Wenn sich etwas seit dem Ableben Wolfgang Wagners bei den Bayreuther Festspielen geändert hat, dann ist es der Umgang mit der braunen Vergan­genheit des Famili­en­clans. Eine Ausstellung im Festspielpark mit dem Schicksal jüdischer Mitar­beiter machte den Anfang, eine teilweise Öffnung lange Zeit unter Verschluss gehal­tener Archive für Wissen­schaftler folgte und in diesem Jahr wird das Thema Wagner im Natio­nal­so­zia­lismus im Rahmen eines zweitä­gigen Sympo­siums und einer sechs­tei­ligen Konzert­reihe besonders intensiv aufge­griffen. Nicht ohne Bezug zur Neuin­sze­nierung der vielfach missbrauchten Meister­singer von Nürnberg durch den jüdischen Regisseur Barrie Kosky. Das schlechte Gewissen angesichts der tiefen Verstri­ckung mit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft überschattet die Festspiele seit ihrer Neugründung 1951. Wieland Wagner hüllte sich in tiefes Schweigen, sein Bruder und langjäh­riger Festspielchef Wolfgang versuchte das Gewissen durch Taktieren und Abwägen zu beruhigen. Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier stellten sich als erste zaghaft den Tatsachen. Was die in Auftrag gegebenen wissen­schaft­lichen Unter­su­chungen erbringen werden, wird sich zeigen.

Die vielen Vorträge und Diskurse kluger Menschen wie Klaus Zehelein, Gerhard R. Koch, Reinhard Kapp und Silke Leopold, um nur einige zu nennen, die das von Marie Luise Maintz organi­sierte Symposium in der Villa Wagner bestückten, legten die Finger in offene Wunden, ohne sie heilen zu können. Dabei drängte ganz entschieden und mit leicht pathe­ti­schem Nachdruck Museums­di­rektor Sven Friedrich auf eine schonungslose Aufklärung.

Die grund­sätz­lichen Probleme, die den Themen­komplex „Wagner – Antise­mi­tismus – Bayreuth – Hitler – Holocaust“ belasten, sind offen­sichtlich nicht vorur­teilsfrei zu klären, wie eine recht inter­es­sante Gesprächs­runde zur Meister­singer-Insze­nierung vor Beginn des eigent­lichen Sympo­siums zeigte. Fried­richs These, „Ideologie und Werk sind bei Wagner nicht vonein­ander trennen“, zielt auf Wagners Antise­mi­tismus ab, wobei aber ungeklärt bleibt, was denn in einem Werk wie den Meister­singern als antise­mi­tisch aufzu­fassen ist. Kosky assoziiert das Kauder­welsch, mit dem Beckmesser Walthers Preislied entstellt, mit jiddi­schen Sprach­fetzen. Und wenn schon ein erfah­rener Mann wie Klaus Zehelein, der langjährige, äußerst erfolg­reiche Intendant der Stutt­garter Staatsoper, die umstrit­tenen Thesen, mit denen Joachim Köhler in seinem Buch Wagners Hitler Wagner als Prophet und Hitler als Vollstrecker der Endlösung nachzu­weisen versucht, als „unbestreitbar bewiesen“ bezeichnet, schmückt sich hier das Recht auf künst­le­rische Freiheit mit dem Anschein wissen­schaft­licher Neutra­lität. „Bedenklich das“, würde Beckmesser dazu sagen, und das mit Recht.

Erstaunlich, wie selbst­ver­ständlich die Gesprächs­runde, zu der auch Histo­riker Mitchell Ash, Micha Brumlik vom Zentrum Jüdische Studien Berlin/​Brandenburg und die Musik­wis­sen­schaftler Dörte Schmidt und Wolfgang Fink gehörten, die gängige Bühnen­praxis akzep­tieren, die Rezep­ti­ons­ge­schichte der Werke Wagners in den Mittel­punkt der Insze­nie­rungen zu stellen und nicht die Werke selbst. Ein paar Haken­kreuze in Götz Fried­richs Tannhäuser-Insze­nierung haben 1972 noch zu Tumulten geführt. Dass Stefan Herheim 40 Jahre später den Parsifal durch alle Epochen der Bayreuther Festspiel­ge­schichte wandeln lässt, wird kaum hinter­fragt. Wobei Herheim noch logischere Bezüge zum Stück herstellte als Kosky in den Meister­singern.

„Es geht um Vernichtung“, behauptet Klaus Zehelein. Die Frage „Geht es in Wagners Oper oder nur in Barrie Koskys Insze­nierung um Vernichtung?“ wurde nicht gestellt. Dass die Meister­singer auch ein Künst­ler­drama thema­ti­sieren und, in Anlehnung an Tristan und Isolde, eine Liebes­ge­schichte, was Kosky nahezu völlig aus dem Blickfeld verlor, wurde nicht einmal angesprochen.

Statt­dessen versuchte man die logischen Brüche der Instan­zi­ierung nicht nur zu analy­sieren, sondern zu recht­fer­tigen. Sehen wir uns Koskys Konzept einmal genauer an:

In der Villa Wahnfried versammelt sich der Wagner-Clan, um eine Meister­singer-Aufführung in privatem Rahmen aufzu­führen. Dafür schlüpft Wagner selbst in die Rolle des Hans Sachs, Franz Liszt in die des Goldschmieds Pogner, Cosima in die des zarten Evchens und Hermann Levi in die Beckmessers. Levi war nicht nur der Dirigent der Urauf­führung des Parsifal, sondern eine integre Figur, der Wagner viel zu verdanken hat, die aber von Richard und Cosima übel gedemütigt wurde. Bei Kosky wird Beckmesser alias Levi in die Rolle des hinkenden, hinter­häl­tigen, lallenden Juden gerückt, gipfelnd in einer überdi­men­sio­nalen Juden-Karikatur aus dem Stürmer und der Vertreibung am Ende. „In die Vernichtung“, wie Zehelein behauptet.

Beckmesser ist bei Wagner in der Tat eine negativ besetzte Figur, und zwar in Hinsicht auf seine Pedan­terie, seinen engen künst­le­ri­schen Horizont und die fehlende Empathie mit Evchen, die er ohne Rücksicht auf ihre Gefühle ehelichen würde. Hans Sachs ist eine im Wesent­lichen positiv besetzte Figur mit künst­le­ri­schem Weitblick, Toleranz und Mitgefühl für das junge Mädchen.

Die Frage, wieso der Antisemit Wagner in die positive Figur proji­ziert wird und der redliche Hermann Levi in die des unsym­pa­thi­scheren Beckmessers, blieb ungestellt. Fragen wie „Was bringt das?“, bezeichnete Zehelein ohnehin als „banal“. Und somit lässt sich ohne weiteres Hinter­fragen eine Indizi­en­kette herstellen: Wagner proji­ziert in Levi den hässlichen Juden und animiert Hitler zum Holocaust. Nachfragen unerwünscht.

Ob das der richtige Umgang mit den Problemen um Wagner und Bayreuth ist, darf bezweifelt werden. In die Pose kastei­ender Selbst­gei­ßelung, in die Friedrich zeitweise in seiner Begrü­ßungs­an­sprache verfallen ist, muss sich niemand werfen. Ein wenig mehr Objek­ti­vität und ehrliche Offenheit würde genügen.

Als das Publikum in die Diskussion eingreifen durfte, wurde rasch die Zeit knapp. Schließlich wurden im Kinosaal des benach­barten Richard-Wagner-Museums erstmals vollständig die Filmdo­ku­mente gezeigt, die der junge Wolfgang Wagner zwischen 1934 und 1944 anfer­tigte und die vom Bayeri­schen Staats­archiv sorgfältig restau­riert wurden. Wir sehen einen gelösten, freund­lichen Adolf Hitler mit Winifred, Friedelind und Verena plauschen, den jungen Wieland im Gespräch mit Albert Speer und tief gebückt als Schreibpult für den „Führer“. Es sind Szenen, die zeigen, dass nicht nur Pragma­tismus die enge Verbindung zwischen dem Nazi-Mob und dem Bayreuther Clan bestimmte, sondern tiefere persön­liche Sympa­thien, was Winifred in späteren Jahren auch nie abgestritten hat. Hitler begegnet uns hier als freund­licher Onkel mit chaplinesken Einlagen, wenn er dem damaligen Festspielchef Heinz Tietjen freundlich die Hand entge­gen­streckt, der aber den Arm so korrekt zum Hitlergruß reckt, dass es erst nach einigen Irrita­tionen zur zivilen Begrüßung kommen kann.

Das gehört zur Geschichte der Bayreuther Festspiele. Und diese Flecken kann kein Symposium reinwa­schen. Richard Wagner als Ideologen des Holocaust zu diffa­mieren, aber auch nicht.

Pedro Obiera

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