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Jakob Lenz - Foto © Bernd Uhlig

Gespenster und Sehnsüchte

Zum siebten Mal lädt die Staatsoper im Schiller Theater unter dem Namen Infektion! zu einem Festival für zeitge­nös­si­sches Musik­theater ein. Für zwei Wochen gibt die Moderne den Ton an, mit je einer Premiere im großen Haus und in der Werkstatt, mit Kammer­musik, einem Jugend­projekt und einem Kabarett­abend als Kontrast­pro­gramm im Café Keese.

Eine kleine Sehnsucht – Foto © Gianmarco Bresadola

Eröffnet wird in der Werkstatt mit Aribert Reimanns Vertonung von August Strind­bergs Die Gespens­ter­sonate, die 1984 bei den Berliner Festwochen urauf­ge­führt wurde. Sie blickt hinter die Fassade einer angeblich gutbür­ger­lichen Gesell­schaft, die sich tatsächlich aber in einem Kokon von erfun­denen Lebens­ge­schichten einge­richtet hat, um ihre schuld­be­ladene Vergan­genheit zu verdrängen. An einem langen Esstisch, dem einzigen Möbel­stück in Stephan von Wedels ansonsten minima­lis­ti­scher Ausstattung, sitzen sie zusammen, eine Gruppe seelisch Verkrüp­pelter, in die der Student Arkenholz reinge­zogen wird.

Der Regisseur Otto Katzameier, bisher eher als aufge­schlos­sener Sänger gegen­wär­tiger Musik bekannt, arbeitet mit viel körper­lichem Einsatz, doch gelingt es ihm nicht, das kompli­zierte Bezie­hungs­ge­flecht der Personen zu verdeut­lichen. Daran ändern auch die übergroßen Video­ein­blen­dungen der handelnden Figuren nichts, die wohl zusammen mit grellen, etwas plaka­tiven Beleuch­tungs­ef­fekten eine gruselige Stimmung erzeugen sollen. Alle Rollen sind mit begabten Nachwuchs­kräften, teils aus dem Opern­studio, besetzt. Matthew Peña als Student kommt mit den extremen Höhen beachtlich sicher zurecht. David Oštrek prunkt mit einem erzenen Bassba­riton, ist aber für die Rolle des alten Direktor Hummel zu jung. Genauso wie Alexandra Ionis als Mumie, die selbst­be­wusst gegen die Erinnerung an die bei der Urauf­führung 72-jährige Martha Mödl ansingt. Auf der Empore waltet Michael Wendeberg mit den bestens dispo­nierten Musikern der Staats­ka­pelle souverän über Reimanns irreal-suggestive Klangwelt.

Als Glücksfall stellt sich die Übernahme von Andrea Breths Stutt­garter Insze­nierung von Wolfgang Rihms Jakob Lenz heraus. Diese Kammeroper, ursprünglich für kleine Besetzung konzi­piert und fast ein Reper­toire­stück für Neben­spiel­stätten geworden, funktio­niert auch auf einer großen Bühne. Dabei macht die Inten­sität, mit der Franck Ollu Rihms vielschichtige Partitur musizieren lässt, von Beginn an vergessen, dass nur dreizehn Instru­men­ta­listen im Orches­ter­graben sitzen. Die von Martin Zehet­gruber entwor­fenen hohen und düsteren Räume können Außen‑, Innen- oder auch Seelen­räume sein, die sich blitz­schnell verwandeln – die Techniker bekommen deshalb am Ende einen Extra­ap­plaus. Stein­brocken als Metapher für die bedroh­liche Natur, Spiegel­wände, die Unsicherheit erzeugen, eine Dichter­büste als mögliche Anspielung an Goethe: jedes Ausstat­tungs­detail nimmt Bezug auf die im Stück veran­kerten biogra­phi­schen Episoden von Jakob Lenz, jenem Sturm-und-Drang-Schrift­steller, der durch eine schizo­phrene Erkrankung am Leben zerbrach. Dieser Lenz ist Georg Nigl. Was der Bariton an vokalen und darstel­le­ri­schen Facetten aus der Titel­rolle herausholt, genauer, wie er den Lenz verin­ner­licht und zu einer beklem­menden, nie übertrei­benden Charak­ter­studie formt, ist schlichtweg überwäl­tigend. Dass sich neben ihm Henry Waddington als Pfarrer Oberlin und John Graham-Hall als Freund Kaufmann behaupten können, spricht für die beiden Sänger und die ausge­feilte Regie von Andrea Breth.

Wie ein Fremd­körper zwischen den kompo­si­to­ri­schen Schwer­ge­wichten nimmt sich die Revue Eine kleine Sehnsucht aus, und mit zeitge­nös­si­schem Musik­theater hat sie eigentlich nichts zu tun. Spiel­stätte ist das der Staatsoper benach­barte Café Keese, jener legendäre Tanzschuppen mit Tisch­te­lefon, wo sich bis heute Paarungs­willige bei Foxtrott, Walzer oder Disko­musik finden können und die Herrenwahl zum Konzept gehört. Eine kleine Sehnsucht, dieser Song von Friedrich Hollaender, drückt aus, worum es geht. Um die Suche nach dem kleinen Glück, was immer auch die große Liebe ist. In einer gut neunzig­mi­nü­tigen Collage aus Texten und Unter­hal­tungs­musik der 20-er bis 40-er Jahre, die Kai Tietje, dirigie­render Pianist und Arrangeur in Perso­nal­union, zusam­men­ge­stellt hat, versucht Regis­seurin Beate Baron eine inhalt­liche Verbindung zwischen den Nummern herzu­stellen. Doch einen roten Faden auszu­machen, fällt schwer. So bleibt es bei einer Anein­an­der­reihung von Gesangs­titeln, unter­brochen von einigen Tango­ein­lagen eines Profi­paars. Dabei beglaubigt Daniela Ziegler einmal mehr ihre Diseusen-Quali­täten. Katharina Kammer­loher liegen die klassi­schen de-Falla-Lieder besser als Kollos Nachts ging das Telefon, während Adriane Queiroz ihre Titel mit südame­ri­ka­ni­schem Tempe­rament serviert.

Infektion! 2017 ist gleich­zeitig der Abschied der Staatsoper vom Charlot­ten­burger Ausweich­quartier. Nach sieben Jahren im Schil­ler­theater steht nun der Umzug ins renovierte Stammhaus Unter den Linden unmit­telbar bevor.

Karin Coper

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