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Vom 10. September bis zum 6. Oktober feierte die Berliner Volksbühne ihre Spielzeiteröffnung unter der Neuintendanz von Chris Dercon auf dem Gelände des historischen Flughafens Tempelhof. Werke des Choreografen Boris Charmatz und eine Schauspiel-Premiere zählten zu den Höhepunkten der Feierlichkeiten unter dem Motto Fous de Danse – Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof, während es am Rosa-Luxemburg-Platz brodelte.

Es war so schön geplant. Nach Monaten des erbitterten, ideologisch geprägten Kampfes zwischen der alten Garde um Frank Castorf und dem ungeliebten Neuintendanten Chris Dercon sollte nun endlich Ruhe in die Berliner Volksbühne einkehren. Die trügerisch war, wie sich später erwies.
Zur Spielzeiteröffnung zog man für vier Wochen auf das Gelände des Flughafens Tempelhof und feierte mit einem dreiteiligen Tanzfest unter der Regie von Boris Charmatz den Auftakt. Der charismatische, neue Wege erforschende und gern interdisziplinär arbeitende Choreograf, dessen Schaffen bereits 2014 bei den Berliner Festspielen im Zentrum stand, gehört mit zum künstlerischen Team der Volksbühne. Mit ungewöhnlichen Spielstätten in Berlin kennt er sich aus: Am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park inszenierte er vor drei Jahren einen Parcours durch die Tanzgeschichte mit dem Titel: 20 Dancers for the XX Century. In Tempelhof, jenem besonders geschichtsträchtigen Ort, lautet das Motto Fous de danse – Ganz Berlin tanzt. Der prall gefüllte, zehnstündige Open-Air-Marathon, bei dem auch das Wetter mitspielt, lädt bei freiem Eintritt die Berliner wechselnd zum Schauen oder Mitmachen ein. Vom gemeinschaftlichen Warm-up mit Charmatz über Auftritte von Schülerinnen der staatlichen Ballettschule, türkischen und Hip-Hop-Tanzgruppen, bis zu solchen mit Koryphäen wie Anne Teresa De Keersmaeker und Profis der gegenwärtigen Berliner Tanzszene reicht das bunte Programm. Prompt wurde es von manchem Kritiker als zu gefällig abgetan. Wer aber die vielen fröhlichen Gesichter bei der Eröffnung gesehen – es wurden immerhin fast 15.000 Besucher gezählt – und die harmonische Atmosphäre gespürt hat, fragt sich, was an einer Eröffnung auszusetzen ist, die generationsübergreifend eine breite Menge anspricht und nicht nur Bildungsbürger.
Teil zwei, benannt A Dancer‘s Day, findet erstmals im Hangar 5 statt, der neu installierten zweiten Spielstätte der Volksbühne. Für den riesigen Raum hat der deutsch-afrikanische Architekt Francis Kéré, der auch Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso mitverantwortet, eine mobile Holztribüne für 400 Zuschauer entworfen – in Anlehnung an den legendären Theateravantgardisten und Volksbühnenintendanten Erwin Piscator und seiner Vision eines offenen Theaters und der Aufhebung der klassischen Guckkastenbühne.
Sechs Stunden lang dauert der Tag eines Tänzers, der real annähernd so ablaufen könnte. Er beginnt mit Aufwärmübungen unter Publikumsbeteiligung. Wer will, kann anschließend mit Charmatz eine Sequenz seiner später gezeigten Choreografie 10000 Gesten einstudieren. Dann ist beim folgenden Picknick erstmal Ausruhen angesagt. Nicht allerdings für Frank Willens, der zwischen den locker im Raum verteilt Sitzenden nackt das Solo Ohne Titel (2000) von Tino Sehgal darbietet, ein 50-minütiger Kraftakt durch das Tanzvokabular des 20. Jahrhunderts. In der anschließenden Uraufführung der 10000 Gesten herrscht das Chaos. Jeder tanzt für sich, findet eigene Ausdrucks- und Bewegungsformen, so vielfältig, dass man nicht weiß, wohin man zuerst blicken soll. Dennoch fügen sich die vielen Einzelaktionen zu einer Einheit zusammen, sie spiegeln die gegenwärtige Verunsicherung und Reizüberflutung wieder. Ganz verinnerlicht klingt der Tag aus: Zu einer verfremdeten Zeitlupenversion von Ravels Bolero tanzen Emmanuelle Huynh und Charmatz das Duo Étranger le temps. Sinnlich und sehr intim ist es, wie sich die beiden Körper in extremer Langsamkeit bewegen, sich umfangen, gegenseitig halten und miteinander verschmelzen.
Gegen diesen zärtlichen Pas de Deux bildet die deutsche Erstaufführung von Danse de nuit einen krassen Kontrast. Das knapp einstündige Werk entstand als Reaktion auf die Pariser Terroranschläge 2015. Vor dem nächtlichen Flughafengebäude mischen sich Charmatz und seine fünf Tänzer unter die Menge. Sie flüstern, schreien, werfen sich zu Boden und versuchen, sich mit druckvollen Bewegungen einen Platz zu erobern. Sehr politisch wirkt diese Performance, wie ein Aufbäumen gegen die Bedrohung und unsere Ängste im öffentlichen Raum.
Sinnlose Besetzung
Was folgt, ist eine nicht angekündigte Überraschungsinszenierung, nennen wir sie „Okkupation eines Theaters“. Es ist tatsächlich die Besetzung des traditionsreichen Hauses durch das ominöse Kollektiv Staub zu Glitzer. Es will nicht weniger als die Volksbühne zum Zentrum gegen Gentrifizierung und Kommerzialisierung unter einer kollektiven Intendanz machen. So fordert einer der im Foyer angeklebten Zettel „Make Berlin geil again“, ein anderer „Dies ist ein freier Raum! Seid kreativ! Spielt, performt, singt, tanzt.“ Ein weiterer: „Seid politisch. Diskutiert, überlegt … entwickelt Neues!“ Was tatsächlich ausgiebig getan wird. Die Stimmung ist friedlich, wie man beim Wandeln durch die Foyers erleben kann. Beim Gespräch mit einigen Besetzern und Neugierigen stellt man allerdings irritiert fest, dass keiner den neuen Spielplan kennt, geschweige denn die Eröffnung gesehen hat. Eine Woche hält der anarchische Zustand an, während der kaum jemand, der etwas in Politik und Kulturbetrieb zu sagen hat, nicht seine Meinung kundtut. Kritik hagelt es von allen Seiten: Zu kompromissbereit sei Intendant Chris Dercon, der den Aktivisten den Grünen Salon und den Pavillon zur Verfügung stellen will, zu lasch das Vorgehen des linken Kultursenators Klaus Lederer. Mittlerweile wurde das Haus von der Polizei gewaltlos geräumt, und es kann wieder für die kommenden Produktionen geprobt werden. Ein stadtbewegendes Happening, das es täglich in die Schlagzeilen brachte, hat damit ein erstaunlich zahmes Ende gefunden. Fortsetzung folgt bestimmt!
Keine Fragen zur Flucht
Während des Auftakts, den höchstens die politisch bedingte Konzert-Absage von Rapperin Kate Tempest trübt, ist in Tempelhof von den gleichzeitigen Querelen am Rosa-Luxemburg-Platz nichts zu spüren. Im Gegenteil. Als ob man sich in einer Parallelwelt befände, wird hier gespielt, so auch in der abschließenden Premiere. Das Antikendrama Iphigenie dient den beiden syrischen Theatermachern, dem Schriftsteller Mohammad Al Attar und dem Regisseur Omar Abusaada, als Basis für eine aktualisierte Adaption des Stoffes, die Motive aus der Tragödie mit persönlichen Erfahrungen der Darstellerinnen verquickt. Dafür wurden neun geflüchtete Frauen aus Syrien ausgesucht, alle Laien, die bei einem fiktiven Casting über ihre persönliche Erfahrungen und die Gründe, warum sie Theater spielen wollen, sprechen. Es geht dabei wohltuend nicht um Flüchtlingsfragen. Im Gegenteil: Sajeda hat genug von gutgemeinten Nachfragen. Sie, die Kopftuch trägt, möchte zum Theater, aber keine Rolle mit Kussszene. Oder Zina, die spielen will, weil sie Geld braucht. Und die erst so stark wirkt, dann aber bekennt, dass sie einen Suizidversuch hinter sich hat. Vor dem Auge der Kamera, mit der Raham Alkassar, die einzige Professionelle, das Casting filmt, entstehen kurze, aber eindringliche Porträts der Frauen. Was ihre Aussagen mit der antiken Iphigenie zu tun haben, bleibt indes vage. Den wunderbaren Darstellerinnen aber schaut man bis zuletzt mit großem Interesse zu.
Ab November beginnt die Saison im Stammhaus. Beckett wird gespielt, dazu neue Stücke von Susanne Kennedy, Mette Ingvartsen und ein Theaterprojekt des thailändischen Filmemachers Apichatpong Weerasethakul, also alles keine leichte Kost. Bleibt zu wünschen, dass endlich die künstlerischen Leistungen wieder im Vordergrund stehen.
Karin Coper