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Das George-Enescu-Orchester mit John Nelson am Pult - Foto © Alex Damian

Änderung der Wahrnehmung

Mit viel Engagement und europäi­scher Hilfe entwi­ckelt sich in Rumänien ein weiteres Festival der Spitzen­klasse. Das George-Enescu-Festival fand in diesem Jahr vom 2. bis zum 24. September wiederum in Bukarest statt. Die erhoffte Außen­wirkung bezieht sich nicht ausschließlich auf den Kompo­nisten Enescu, sondern auch auf die europäische Integration.

Clementine Margaine als Marga­rethe – Foto © Alex Damian

Seit einem Jahrzehnt ist Rumänien formal Mitglied der Europäi­schen Union. Zu den belieb­testen Mitgliedern zählt das Land am Schwarzen Meer noch längst nicht. Rumänische Diebes­banden sind nicht nur in Italien oder Deutschland gefürchtet. Korruption, Diskri­mi­nierung von Minder­heiten und die Ächtung der Homose­xua­lität zählen nach wie vor zum Alltag im Inland. In der medialen Außen­wahr­nehmung stehen immer wieder politische Krisen und Massen­de­mons­tra­tionen im Vorder­grund. An der westlichen Grund­aus­richtung ändert das nichts. Und auch ein genauerer Blick vom Westen nach Rumänien lohnt sich. Die kultu­relle Vielfalt ist eindrucksvoll und – sieht man von litera­risch berühmten Gegenden wie Sieben­bürgen oder den Karpaten im Allge­meinen ab – weitgehend unbekannt. Mit Unter­stützung der EU versucht die Regierung, den kultu­rellen Reichtum ins Blickfeld zu rücken. Und dazu gehört auch die Musik.

Musik und die Pflege der Musik und des musika­li­schen Erbes spielt für die Identität und das Selbst­be­wusstsein der Bevöl­kerung des immer wieder besetzten Landes eine bedeu­tende Rolle. Das Erlernen eines Instru­mentes und Konzert­be­suche gehören hier dazu. 1888 bauten sich die Bukarester Bürger ihren eigenen pracht­vollen Konzertsaal, das Ateneum, heute eine der Haupt­at­trak­tionen der Stadt. Ein kreis­rundes Gebäude mit griechi­scher Säulen­vor­halle. Die Kommu­nisten errich­teten das Palatului, ein typisch wuchtiger Protzbau mit Stahl­be­ton­kuppel, der bis zu 3000 Besucher fasst und akustisch Defizite zeigt. Beide Bauten in unmit­tel­barer Nähe dienen dem Festival als konträre Spielstätten.

George Enescu lebte von 1881 bis 1955 und gilt als eine der bedeu­tendsten Musiker­per­sön­lich­keiten des 20. Jahrhun­derts. Früh wurde seine außer­or­dent­liche Begabung als Violinist erkannt. Als Kind hat er sich selbst das Geigen­spiel In der rumäni­schen Provinz beigebracht, um dann mit bereits sieben Jahren in Wien eine Ausbildung zu bekommen, mit zwölf auf das Konser­va­torium in Paris aufge­nommen zu werden und dann in großen Schritten seine Weltkar­riere als Solist und Dirigent zu begründen. Kompo­sition studierte er unter anderem bei Gabriel Fauré, gemeinsam mit Maurice Ravel und Claude Debussy. Als Lehrer rühmt in Yehudi Menuhin. Doch sein Ruhm verblasste schnell nach seinem Tod.

Großer Aufwand für die Kultur

Dagegen und für eine Wieder­be­lebung der Auffüh­rungs­praxis seiner Werke arbeitet das George-Enescu-Festival. 1995 gegründet, findet es alle zwei Jahre in verschie­denen Städten Rumäniens statt. In diesem Jahr wird das staatlich finan­zierte Festival wieder in Bukarest ausge­tragen. Ergänzt wird es um einen Nachwuchs­wett­bewerb in den Diszi­plinen Geige, Cello, Klavier und selbst­ver­ständlich Komposition.

In den meisten Konzerten werden Werke des Kompo­nisten gespielt. Das Publikum, darunter zahlreiche auslän­dische Gäste, zumeist in Gruppen, lernt so die spätro­man­ti­schen Werke kennen, die mit folklo­ris­ti­schen Elementen durch­setzt ist. Richard Wagner wurde von Enescu verehrt und Leitmotive sind erkennbar, deren Ausge­staltung und harmo­nische Verfrachtung bleiben aber gerad­linig ausge­dehnt ohne spannungs­ge­ladene Aufbe­reitung. Täglich gibt es mehrere Konzerte in verschie­denen Sälen, auch im Freien wird gespielt und besonders in der Haupt­stadt Bukarest ist das Festival breit beworben und mit unter­schied­lichen Aktivi­täten präsent. Mit der Einladung inter­na­tio­naler Spitzen­or­chester, Dirigenten und Solisten ist es gelungen, Aufmerk­samkeit und Interesse auf sich zu ziehen. Vladimir Jurowsky ist der neue Künst­le­rische Leiter des Festivals, der mit dem London Philhar­monic Orchestra das Hauptwerk Enescus, die Oper Edipe zur Eröffnung aufführt. Manfred Honeck gastiert mit den Pitts­burgh Symphony Orchestra oder auch Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern.

Festival mit reichem Spektrum 

John Nelson am Flügel – Foto © Alex Damian

Das vom Kompo­nisten gegründete, heimische George-Enescu-Orchester zeigt in einer konzer­tanten Aufführung von Hector Berlioz‘ La damnation de Faust sein musika­li­sches Niveau, das durch ein konzen­triertes, im Tempo verhal­tenes Dirigat von John Nelson einge­bremst wird. Das anspruchs­volle Werk von Berlioz ist schwer einzu­ordnen zwischen Oper und Oratorium. Majes­tä­tische, sakrale Chorszenen reihen sich an wuchtige, impulsive Orches­ter­partien oder lyrische Arien­ge­sänge und bauen auf die litera­rische Vorlage von Johann Wolfgang von Goethe. Peter Hoare wagt sich an die anspruchs­volle Partie des Faust und zeigt hierbei die Grenzen seiner lyrischen Tenor­stimme. Nur schwer und kraftlos erklimmt er die Höhe und kann lediglich mit seiner weichen, hellen Stimme in der Mittellage punkten. Clementine Margaine ist eine edle, besonnene Marga­rethe. Dunkel gefärbt ist ihr klar geführter Mezzo­sopran. Sicher füllt sie die Melodie­bögen aus, bleibt verständlich und präsent in den Tiefen. Nicolas Testé kreiert einen stimmungs­vollen, teufli­schen Mephisto mit spitzer Mimik auch in der Gestaltung seiner Rolle. Viele gut ausge­bildete Stimmen umfasst der philhar­mo­nische Chor George Enescu, der mit Elan und Kraft, aber auch Sensi­bi­lität an das Werk von seinem Chorleiter Iosif Prunner heran­ge­führt wird. Faust‘ Verdammnis wird immer wieder szenisch aufge­führt, hier hat man den Weg einer beglei­tenden Video­in­stal­lation gewählt, entworfen vom Künstler Petrika Ionesco. Der greift tief in die Trick­kiste. Großfor­matige, schnell anein­an­der­ge­reihte Bildse­quenzen von roman­ti­schen Gebirgs­land­schaften mit röhrenden Hirschen wechseln sich mit dämoni­schen Comic­fi­guren in knalligen Farben ab. Ein wahrer Angriff auf die Sehnerven, der den Betrachter ermüdet und von der Musik ablenkt. Der Bezug zur Musik oder dem Inhalt der Vorlage wird zum Ratespiel. Das erfreulich junge Publikum spendet hierfür viel Beifall und findet den Zugang zu dieser Cyberwelt der Video­spiele. Es bleibt zu wünschen, dass es auch dem musika­li­schen Meisterwerk galt. Auch Alexei Volodin war ein Wunderkind und begann früh seine Karriere. Der sympa­thische Künstler aus St. Petersburg überzeugte wiederum mit einem Solokonzert mit Werken von George Enescu, Sergei Prokoviev und Sergei Rachma­ninov. Der Abschluss des Festivals gehört dem Royal Concert­gebouw Orchester mit seinem Chefdi­ri­genten Daniele Gatti. In seiner Inter­pre­tation der vierten Symphonie von Gustav Mahler bleibt der Italiener sehr ruhig und klar. Leicht tänze­risch, ohne behäbige Elegie gestaltet er auch den langsamen Satz, unbekümmert und im Volumen moderat den Schlusssatz. Chen Reiss übernimmt den Solopart, hinter dem Orchester stehend, besonders gefordert. Aber nicht ohne den verschmel­zenden Klang­effekt, der seine Wirkung zeigt. Mit einer tempe­ra­ment­vollen, sehr präzisen und scharf­kan­tigen fünften Symphonie von Sergei Prokoviev endet das Festival vor ausver­kauftem großen Saal. Anwesender Rundfunk und Fernsehen sowie Livestream auf Online-Medien werden sicherlich dazu beitragen, dass das Festival weiterhin begehrt bleibt und die Musik von George Enescu wieder häufiger den Weg auf die Programm­zettel findet.

Ein solcher kultu­reller Glanz­punkt reicht sicher nicht, die grund­sätz­lichen Probleme des Landes zu lösen. Aber es ist die Geschichte vom steten Tropfen. Und vielleicht kann ein solches Festival wirklich dazu führen, dass der Rest Europas sich mehr für den kultu­rellen Reichtum des Landes interessiert.

Helmut Pitsch

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