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Mit viel Engagement und europäischer Hilfe entwickelt sich in Rumänien ein weiteres Festival der Spitzenklasse. Das George-Enescu-Festival fand in diesem Jahr vom 2. bis zum 24. September wiederum in Bukarest statt. Die erhoffte Außenwirkung bezieht sich nicht ausschließlich auf den Komponisten Enescu, sondern auch auf die europäische Integration.

Seit einem Jahrzehnt ist Rumänien formal Mitglied der Europäischen Union. Zu den beliebtesten Mitgliedern zählt das Land am Schwarzen Meer noch längst nicht. Rumänische Diebesbanden sind nicht nur in Italien oder Deutschland gefürchtet. Korruption, Diskriminierung von Minderheiten und die Ächtung der Homosexualität zählen nach wie vor zum Alltag im Inland. In der medialen Außenwahrnehmung stehen immer wieder politische Krisen und Massendemonstrationen im Vordergrund. An der westlichen Grundausrichtung ändert das nichts. Und auch ein genauerer Blick vom Westen nach Rumänien lohnt sich. Die kulturelle Vielfalt ist eindrucksvoll und – sieht man von literarisch berühmten Gegenden wie Siebenbürgen oder den Karpaten im Allgemeinen ab – weitgehend unbekannt. Mit Unterstützung der EU versucht die Regierung, den kulturellen Reichtum ins Blickfeld zu rücken. Und dazu gehört auch die Musik.
Musik und die Pflege der Musik und des musikalischen Erbes spielt für die Identität und das Selbstbewusstsein der Bevölkerung des immer wieder besetzten Landes eine bedeutende Rolle. Das Erlernen eines Instrumentes und Konzertbesuche gehören hier dazu. 1888 bauten sich die Bukarester Bürger ihren eigenen prachtvollen Konzertsaal, das Ateneum, heute eine der Hauptattraktionen der Stadt. Ein kreisrundes Gebäude mit griechischer Säulenvorhalle. Die Kommunisten errichteten das Palatului, ein typisch wuchtiger Protzbau mit Stahlbetonkuppel, der bis zu 3000 Besucher fasst und akustisch Defizite zeigt. Beide Bauten in unmittelbarer Nähe dienen dem Festival als konträre Spielstätten.
George Enescu lebte von 1881 bis 1955 und gilt als eine der bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Früh wurde seine außerordentliche Begabung als Violinist erkannt. Als Kind hat er sich selbst das Geigenspiel In der rumänischen Provinz beigebracht, um dann mit bereits sieben Jahren in Wien eine Ausbildung zu bekommen, mit zwölf auf das Konservatorium in Paris aufgenommen zu werden und dann in großen Schritten seine Weltkarriere als Solist und Dirigent zu begründen. Komposition studierte er unter anderem bei Gabriel Fauré, gemeinsam mit Maurice Ravel und Claude Debussy. Als Lehrer rühmt in Yehudi Menuhin. Doch sein Ruhm verblasste schnell nach seinem Tod.
Großer Aufwand für die Kultur
Dagegen und für eine Wiederbelebung der Aufführungspraxis seiner Werke arbeitet das George-Enescu-Festival. 1995 gegründet, findet es alle zwei Jahre in verschiedenen Städten Rumäniens statt. In diesem Jahr wird das staatlich finanzierte Festival wieder in Bukarest ausgetragen. Ergänzt wird es um einen Nachwuchswettbewerb in den Disziplinen Geige, Cello, Klavier und selbstverständlich Komposition.
In den meisten Konzerten werden Werke des Komponisten gespielt. Das Publikum, darunter zahlreiche ausländische Gäste, zumeist in Gruppen, lernt so die spätromantischen Werke kennen, die mit folkloristischen Elementen durchsetzt ist. Richard Wagner wurde von Enescu verehrt und Leitmotive sind erkennbar, deren Ausgestaltung und harmonische Verfrachtung bleiben aber geradlinig ausgedehnt ohne spannungsgeladene Aufbereitung. Täglich gibt es mehrere Konzerte in verschiedenen Sälen, auch im Freien wird gespielt und besonders in der Hauptstadt Bukarest ist das Festival breit beworben und mit unterschiedlichen Aktivitäten präsent. Mit der Einladung internationaler Spitzenorchester, Dirigenten und Solisten ist es gelungen, Aufmerksamkeit und Interesse auf sich zu ziehen. Vladimir Jurowsky ist der neue Künstlerische Leiter des Festivals, der mit dem London Philharmonic Orchestra das Hauptwerk Enescus, die Oper Edipe zur Eröffnung aufführt. Manfred Honeck gastiert mit den Pittsburgh Symphony Orchestra oder auch Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern.
Festival mit reichem Spektrum

Das vom Komponisten gegründete, heimische George-Enescu-Orchester zeigt in einer konzertanten Aufführung von Hector Berlioz‘ La damnation de Faust sein musikalisches Niveau, das durch ein konzentriertes, im Tempo verhaltenes Dirigat von John Nelson eingebremst wird. Das anspruchsvolle Werk von Berlioz ist schwer einzuordnen zwischen Oper und Oratorium. Majestätische, sakrale Chorszenen reihen sich an wuchtige, impulsive Orchesterpartien oder lyrische Ariengesänge und bauen auf die literarische Vorlage von Johann Wolfgang von Goethe. Peter Hoare wagt sich an die anspruchsvolle Partie des Faust und zeigt hierbei die Grenzen seiner lyrischen Tenorstimme. Nur schwer und kraftlos erklimmt er die Höhe und kann lediglich mit seiner weichen, hellen Stimme in der Mittellage punkten. Clementine Margaine ist eine edle, besonnene Margarethe. Dunkel gefärbt ist ihr klar geführter Mezzosopran. Sicher füllt sie die Melodiebögen aus, bleibt verständlich und präsent in den Tiefen. Nicolas Testé kreiert einen stimmungsvollen, teuflischen Mephisto mit spitzer Mimik auch in der Gestaltung seiner Rolle. Viele gut ausgebildete Stimmen umfasst der philharmonische Chor George Enescu, der mit Elan und Kraft, aber auch Sensibilität an das Werk von seinem Chorleiter Iosif Prunner herangeführt wird. Faust‘ Verdammnis wird immer wieder szenisch aufgeführt, hier hat man den Weg einer begleitenden Videoinstallation gewählt, entworfen vom Künstler Petrika Ionesco. Der greift tief in die Trickkiste. Großformatige, schnell aneinandergereihte Bildsequenzen von romantischen Gebirgslandschaften mit röhrenden Hirschen wechseln sich mit dämonischen Comicfiguren in knalligen Farben ab. Ein wahrer Angriff auf die Sehnerven, der den Betrachter ermüdet und von der Musik ablenkt. Der Bezug zur Musik oder dem Inhalt der Vorlage wird zum Ratespiel. Das erfreulich junge Publikum spendet hierfür viel Beifall und findet den Zugang zu dieser Cyberwelt der Videospiele. Es bleibt zu wünschen, dass es auch dem musikalischen Meisterwerk galt. Auch Alexei Volodin war ein Wunderkind und begann früh seine Karriere. Der sympathische Künstler aus St. Petersburg überzeugte wiederum mit einem Solokonzert mit Werken von George Enescu, Sergei Prokoviev und Sergei Rachmaninov. Der Abschluss des Festivals gehört dem Royal Concertgebouw Orchester mit seinem Chefdirigenten Daniele Gatti. In seiner Interpretation der vierten Symphonie von Gustav Mahler bleibt der Italiener sehr ruhig und klar. Leicht tänzerisch, ohne behäbige Elegie gestaltet er auch den langsamen Satz, unbekümmert und im Volumen moderat den Schlusssatz. Chen Reiss übernimmt den Solopart, hinter dem Orchester stehend, besonders gefordert. Aber nicht ohne den verschmelzenden Klangeffekt, der seine Wirkung zeigt. Mit einer temperamentvollen, sehr präzisen und scharfkantigen fünften Symphonie von Sergei Prokoviev endet das Festival vor ausverkauftem großen Saal. Anwesender Rundfunk und Fernsehen sowie Livestream auf Online-Medien werden sicherlich dazu beitragen, dass das Festival weiterhin begehrt bleibt und die Musik von George Enescu wieder häufiger den Weg auf die Programmzettel findet.
Ein solcher kultureller Glanzpunkt reicht sicher nicht, die grundsätzlichen Probleme des Landes zu lösen. Aber es ist die Geschichte vom steten Tropfen. Und vielleicht kann ein solches Festival wirklich dazu führen, dass der Rest Europas sich mehr für den kulturellen Reichtum des Landes interessiert.
Helmut Pitsch