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Spione gehen nicht ins Museum

Seitdem die Parteien am rechten Rand des Spektrums aufzeigen, wie weit sich das Volk inzwi­schen von seinen Regie­renden und deren Insti­tu­tionen entfernt hat, wird für das Theater die chronisch-latente Frage des gesell­schaft­lichen Diskurses zum existen­zi­ellen Problem. In seinem neuesten Projekt befragt Rimini Protokoll nicht mehr die Vergan­genheit, sondern das Heute und Morgen. Düssel­dorfer Premiere ist am 8. Juni im Museum Kunst­palast, ein erster Test verlief bereits jetzt vielversprechend.

Man mag es eigentlich nicht mehr hören. Dieses „In Koope­ration mit“. Ungläubig reibt man sich die Augen und sieht, in welch rasender Geschwin­digkeit die Kultur­land­schaft in Deutschland verflacht. Die Zauber­flöte gibt es in Berlin an der Komischen Oper in einer ungewöhn­lichen Aufführung? Fahren Sie gar nicht erst hin. Es lohnt nicht. Sie werden dieselbe Aufführung demnächst in Ihrem Theater erleben können. Theater und Opern­häuser verlieren in rasantem Tempo an künst­le­ri­schem Profil. Der Event-Charakter nimmt überhand. Was früher Bespiel­theatern vorbe­halten blieb, ist in größeren Häusern längst die Regel. Viele Menschen freut das. Sie brauchen nicht zu verreisen, um ein bestimmtes Stück an einem spezi­ellen Theater zu erleben. Den Tourismus-Verant­wort­lichen müsste es die Zornesröte ins Gesicht treiben. Inten­danten, die nur noch das Geschäft vor Augen haben, brauchen sich keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie sie die nächste Spielzeit mit eigenen Ideen füllen können. Und das Ganze wird auch noch publi­kums­wirksam verkauft. Die Kölner Oper ist inzwi­schen mehr oder minder zur Produk­ti­ons­stätte von Fura dels Baus verkommen. Und das in einer Zeit, in der Theater­häuser, welch eine Doppel­moral, ihre Legiti­mation aus der Teilhabe am gesell­schaft­lichen Diskurs beziehen wollen. Es scheint, als müsse, wer sich tatsächlich für die heute und morgen drängenden Fragen inter­es­siert, den Blick auf andere Insti­tu­tionen richten.

Foto © Sebastian Hoppe

Wie beispiels­weise das Institut mit dem umständ­lichen Namen Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Nach eigenen Angaben „ein kosmo­po­li­ti­scher Ort für die zeitge­nös­si­schen Künste“. Hier werden Grenzen aufge­hoben und viele Fragen gestellt. Vor allem aber werden in Großpro­jekten Aufträge an Künstler unter­schied­lichster Genres vergeben, diesen Fragen nachzu­spüren und sie in die Gesell­schaft hinein­zu­tragen.  In dem vierjäh­rigen Projekt 100 Jahre Gegenwart, das noch bis 2018 andauert, „unter­nimmt das HKW eine Gegen­warts­analyse mit der Rückkopplung an histo­rische Utopien“. Einfacher ausge­drückt: Das Projekt beschäftigt sich damit, wie man sich früher die Weiter­ent­wicklung der Welt vorge­stellt hat und was daraus tatsächlich entstanden ist oder noch entstehen wird. Unter diesem Überbau unter­sucht Rimini Protokoll „Phänomene der Postde­mo­kratie“ in vier Theater­pro­duk­tionen. Mit zuneh­mender Globa­li­sierung entsteht mehr und mehr der Eindruck, dass derzeit gültige staat­liche und politische Struk­turen ausge­höhlt oder unter­laufen werden. Das Autoren-Regie-Kollektiv schaut genauer hin.

Die erste Produktion Top Secret Inter­na­tional (Staat 1) kam im Dezember vergan­genen Jahres in den Münchner Kammer­spielen zur Urauf­führung. Einen Monat später wurde das Stück in New York durch­ge­führt. Am 8. Juni wird es dann im Düssel­dorfer Museum Kunst­palast zu erleben sein. Eine Bühne im Kunst­palast? Beileibe nicht. Rimini Protokoll hat sich von der Bühne verab­schiedet. Und das durchaus nicht aus ideolo­gi­schen, sondern ganz prakti­schen Erwägungen. Wer sich über Spionage, Spiona­ge­abwehr oder einfacher: infor­melle Kommu­ni­kation Gedanken machen und dazu Zeitzeugen einladen will, wird im öffent­lichen Raum kaum Erfolg haben. Spione und Agenten gehen nicht an die Rampe, um zu erklären, wie sie arbeiten. „Spione gehen ja auch nicht in Museen, weil die viel zu sehr überwacht werden. Auch wenn das Kino anderes sugge­riert“, erzählt Jessica Paez, die das Projekt seitens des HKW betreut. „Die Alter­native wäre ein Hörspiel gewesen, aber das war den Künstlern zu langweilig“, sagt Paez. Warum das Museum dennoch ein idealer Ort für diese Veran­staltung ist, muss jeder Besucher für sich selbst herausfinden.

Das Museum sammelt Informationen

Bei der Ankunft werden dem Besucher Kopfhörer und ein Notiz­block ausge­händigt. Als Pfand ist ein Perso­nal­ausweis oder Ähnliches zu hinter­legen. Es gibt keine Schau­spieler, keine Sänger, kein Mitmach­theater. Die Besucher werden auf eine Reise durch das Museum geschickt. „Ganz wichtig bei der Entwicklung des Konzepts war, dass die Besucher eigene Entschei­dungen treffen können“, erklärt Paez. Nach Erhalt des Kopfhörers sind die Besucher zu Mitwir­kenden mutiert. Und die Entschei­dungs­mög­lich­keiten machen aus ihrer Reise durch die Spiona­ge­systeme dieser Welt eine höchst indivi­duelle Erfahrung, die sie viel über die Mitmen­schen und das eigene Empfinden lernen lässt.

Schon kurz nach Beginn ist der Alltag des Reisenden vollkommen ausge­blendet. Zu stark ist die Beschäf­tigung mit den neuen Sinnes­ein­drücken. Während der Einweisung ist man darauf hinge­wiesen worden, dass es zu Übertra­gungs­pro­blemen kommen kann. Der psycho­lo­gische Effekt ist eine perma­nente unter­schwellige Angst, „abgehängt“ zu werden, dank einer techni­schen Panne aus dem Rennen geworfen zu werden. Da hilft auch der Hinweis wenig, man möge sich an einen der beglei­tenden Helfer wenden. Beruhigung tritt erst ein, wenn man den Helfer sieht, mit ihm Augen­kontakt aufnimmt, zwei Daumen in die Höhe gestreckt werden. Ganz nebenbei lernt man Ausschnitte der Sammlung des Kunst­pa­lastes kennen, wird durch die Ausstellung der Maler Cranach geführt. Vor der Schablone der Vergan­genheit erklingen Infor­ma­tionen über die Gegenwart. Auf das Ohr gibt es Anwei­sungen über die nächsten Schritte, Zitate von Spionen, die „teilweise verfremdet werden mussten, weil die Agenten Angst hatten, dass ihre Stimmen erkannt werden könnten“, verrät Paez, und immer wieder Fragen nach Entschei­dungen. Werden sie zu schnell getroffen, gibt es keine Möglichkeit zur Revision. Das verur­sacht Unbehagen. Aber es gibt auch Verbündete. Reise-Teilnehmer, die sich sympa­thisch finden. Neue, volatile Netzwerke entstehen. Die am Ende der Reise im besten Fall mit ein paar netten Worten wieder aufgelöst werden.

Der Kultur­palast der Zukunft

Das Team von Rimini Protokoll leistet ganze Arbeit. Am Ende der Reise, die man auch als Wechselbad der Gefühle bezeichnen könnte, wartet ein Frage­bogen, den man gerne ausfüllt, um die Hochspannung zu entladen, die sich im Laufe einer guten Stunde aufgebaut hat.

Wenn das Theater der Zukunft ist, können wir genau dieser Zukunft freudig gelassen entge­gen­gehen. Die gewohnten Arbeits­felder aller­dings sind dann passé. Keine Beleuch­tungs­fragen, keine Bühne, keine Kostüme, keine Darsteller, die einem das Sentiment vorspielen. Statt­dessen ureigenes Erleben vor Ort mit einem tatsäch­lichen Diskurs über die Gesell­schaft. Die „Macher“ bleiben unsichtbar, sind mit Organi­sation, Technik und Überwa­chung beschäftigt. Es gibt also nicht weniger Personal, nur andere Aufga­ben­ge­biete. Rimini Protokoll hat hier nichts weiter getan, als das Tor zu einer Zukunft aufzu­stoßen, die ein unend­liches Feld an neuen Möglich­keiten eröffnet. Applaus für kaum weniger als eine Sensation.

Nein, das mit dem Applaus hat sich erledigt. Der wird sich zukünftig im Verlangen und den Köpfen des Publikums abspielen müssen. Denn die Veran­stalter bleiben im Hinter­grund. Aber vielleicht ändert sich auch das noch. Die Dichte der Atmosphäre löst sich – trotz kleinerer Pannen – auch nach Stunden noch nicht auf. Bislang hat die Sache aller­dings einen Haken. Es werden nur vergleichs­weise wenige Besucher diesen Blick in die Zukunft genießen können.

Michael S. Zerban

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