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Riga erlebt am 22. Juli die erste Ausgabe der TV-Show Eurovision Choir of the Year. Für Deutschland tritt der Jazzchor Freiburg gegen Ensembles aus acht weiteren europäischen Ländern an. Entwickelt sich das neue Wettbewerbsformat zu einer attraktiven Marke, könnte Europas nach Millionen zählende Chorgemeinschaft einen wuchtigen Schub erleben. Für die Sänger wie das Management des Chores aus dem Breisgau ist die Vorbereitung auf Riga ein dichter Parcours.

Ich spüre schon jetzt große Vorfreude und Aufregung“, sagt Myriam Böck. Immerhin, erläutert die 23-Jährige, sei es doch „eine große Verantwortung, unser Land vertreten zu dürfen“. Als er von dem Zuschlag erfahren habe, berichtet der 38-jährige Steffen Bodemer, „war meine erste Reaktion Freude, riesige Freude“. Böck, Sopran, und Bodemer, Tenor, zudem Solist, sind zwei der 29 Akteure des Jazzchors Freiburg, die am 22. Juli auf der Showbühne der Arena in Riga auftreten werden. Der Jazzchor wird an diesem Samstag um 21 Uhr Ortszeit vermutlich eine mit 8.000 Plätzen ausverkaufte, supermoderne Halle in der lettischen Hauptstadt erleben. Schon seit Wochen fiebert das mit einem Durchschnittsalter von 35 Jahren eher junge Ensemble seinem mutmaßlich bewegendsten und folgenreichsten Auftritt entgegen. Vieles wird für den Jazzchor Freiburg neu sein bei der Premiere der von der European Broadcasting Union (EBU) initiierten TV-Show Eurovision Choir of the Year (ECY). Seine Herausforderung, als Repräsentant Deutschlands gegen Chöre aus acht anderen europäischen Ländern anzutreten, ist es allemal.
Allein schon die medialen Dimensionen des Newcomers unter den Eurovision-Events eröffnen dem seit 1990 existierenden Ensemble schlicht einen Quantensprung. Das friedlich-fröhliche Ringen mit Stimmen, Rhythmus und Bewegung um die Palme von Europas Chor des Jahres 2017 wird von den EBU-Mitgliedssendern der neun Länder live oder zeitversetzt übertragen, die jeweils einen Chor in das Rennen um Titel und Preise schicken. Diese Avantgarde der Neun ist: Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Lettland, Österreich, Slowenien, Ungarn und Wales. Außerdem übernimmt das serbische Fernsehen die Show, will Arte, der deutsch-französische Kulturkanal, sie in seinem Online-Kanal ArteConcert live ausstrahlen. Die Sendetermine in der ARD sind ein Kapitel für sich: Das Fernsehen des Westdeutschen Rundfunks will die Sendung am 30. Juli um 7.40 Uhr, das Fernsehen des Südwestrundfunks am 6. August nach Mitternacht ausstrahlen.
Neugierig auf das Drumherum
Fürs erste verspricht die Show, dem Chorsingen in Europa einen ordentlichen Schub zu vermitteln. Nicol Matt, künstlerischer Direktor des Showprogramms und selbst Chorleiter, weiß allein von 37 Millionen Menschen, die vom Fernsehen in Chororganisationen der beteiligten Länder erreicht werden können. Mit der Gesamtreichweite der Übertragung wird voraussichtlich eine neue Rekordmarke in der bisherigen Serie von Projekten erreicht werden, das Genre Chor TV-tauglich zu präsentieren. Die archaische Kultur des Singens in Gemeinschaft dürfte damit wie andere Musikgenres, etwa Konzert und Oper, zur Kommunikation der Moderne aufschließen, obendrein in der medialen Vernetzung eines ganzen Kontinents.
Für den Jazzchor Freiburg ein ticket to heaven – ein Fahrschein direkt in den Himmel? In der äußerst lebendigen Chorgemeinschaft und der wachsenden Choröffentlichkeit ist die semiprofessionelle Formation schon länger ein Begriff. Der internationale Ruf, rund 30 Konzerte im Jahr und etliche Tourneen, so durch Deutschland und weitere europäische Länder sowie durch China, Japan, Korea, ferner Auszeichnungen bei verschiedenen Wettbewerben illustrieren ihren Premiumrang. Nach Riga könnte sie ihre Position gar noch weiter ausbauen, wenn das Ensemble dann in halb Europa bekannt sein wird. Erst recht im Falle einer guten Platzierung bis hin zum Siegeslorbeer, der mit einem Plattenvertrag verbunden ist. Für Bodemer, auch Gitarrist, Songwriter und freiberuflich musikalischer Leiter einer Freikirche, steht der Popularitätszuwachs indes nicht im Fokus. „Ich bin zunächst einmal gespannt, wie das Publikum reagiert. Und vielleicht mehr noch neugierig auf das Drumherum“, sagt er. Auch Bertrand Gröger, Leiter und Begründer des Chores, sieht primär so etwas wie eine olympische Idee auf dem Gebiet des Chorsingens. „Allein, dabei zu sein, ist schon der Hauptgewinn.“ Nina Ruckhaber, die Geschäftsführerin, setzt – nah an ihrem Metier – auf eine „stärkere Wahrnehmung unseres Ensembles“, hofft auf eine steigende Zahl von Konzerteinladungen. „Außerdem“, denkt sie über den Tellerrand des Eigeninteresses hinaus, „wäre es wunderschön, kämen Laienchöre aus der immer noch existierenden Nische ein Stück weiter raus.“
Vom ESC zum ECY

Was der Eurovision Song Contest (ESC) anfänglich für Lied, Chanson, Schlager, heute für die sich immer häufiger grell inszenierende Popmusik in Europa bedeutet, könnte nach den Intentionen der EBU in Zukunft der ECY für das Millionenphänomen der Laienchöre auf dem Kontinent werden. Wenn aus der noch gewöhnungsbedürftigen Chiffre ECY eine europaweite Marke wird, die ihre eigene Faszination entwickelt. Jon Ola Sand, EBU-Direktor für Live Events, schwärmt von einem weiten Wirkungshorizont. Die Ergänzung der Eurovision-Events werde „die reichen Möglichkeiten der menschlichen Stimme präsentieren“. Zudem verfolge sie das Ziel, „möglichst viele Menschen für das Mitmachen zu begeistern“.
Schon die erste Ausgabe des mit der deutschen Organisation Interkultur, Veranstalter des größten universellen Chorwettbewerbs, der World Choir Games, entwickelten Formats zeigt die enorme Bandbreite des Genres. Estland tritt mit einem Mädchen‑, Belgien mit einem Jungen-Chor an. Österreich präsentiert sich mit dem gemischt besetzten Hard Chor. Deutschlands Beitrag liegt quer zu allen Klischees von gestern. Chöre heute – das wird Riga erlebbar zeigen – sind vielfältig und kreativ, variantenreich in Stilen und Strukturen. Es gibt unendlich viel Raum für Experiment, für Crossover, aber auch für Improvisation. Und keine Vorgaben „von oben“. „Für mich war bei der Zusage ausschlaggebend“, unterstreicht Gröger, „dass live gesungen wird und sich die teilnehmenden Chöre ihre Stücke frei wählen durften.“
Der ESY, der vom Lettischen Fernsehen (LTV) produziert wird, räumt jedem Chor sechs Minuten ein, um Programm und Profil zu präsentieren. Eine schon hochgelegte Latte. Der Jazzchor Freiburg hat sich für African Call, seit Jahren im Repertoire, und ein relativ neues Stück Weltmusik mit dem Titel Palettes entschieden. Anders als beim großen Zwilling ESC bewertet und entscheidet allein eine Jury. Sie ist mit der lettischen Mezzosopranistin Elīna Garanča, dem britischen Komponisten John Rutter sowie dem Schweizer Nicolas Fink prominent besetzt. Ein public voting wie beim großen ESC, also die Einbindung der Zuschauer, gibt es nicht. Es ist indes laut Interkultur-Präsident Günter Titsch „noch Zukunftsmusik, aber auf jeden Fall wünschenswert“. Moderiert wird der TV-Event vom US-Komponisten Eric Whitacre und Eva Ikstena (LTV).
Keine Mittel von der ARD
Nur noch wenige Tage sind es bis zum Abflugtermin nach Riga, mit Blick auf die Hürden auf dem Weg dorthin, die aus dem Weg zu räumen waren, eine kurze Spanne. Da anders als in anderen beteiligten Ländern die ARD nicht die Kosten für „unseren Chor für Riga“ übernimmt, hatte Ruckhaber an die 15.000 Euro an Sponsorenmitteln und ein relativ günstiges Quartier in der Gastgeberstadt des ECY aufzutreiben. Unterstützung leistet die deutsche Botschaft in Lettlands Hauptstadt, in der der Jazzchor noch am Abend des Reisetages auftreten wird. Am Budget ist die Mehrzahl des Ensembles dann noch mit geringen Eigenmitteln beteiligt.
Nicht wirklich gezählt wird der Zeitaufwand, den die Sängerinnen und Sänger in die Vorbereitung investieren, zeitlich verzahnt mit den ohnehin bestehenden Konzertverpflichtungen. Zuletzt etwa in Celle, im österreichischen Kufstein und im Kloster Maulbronn. Probenfrequenzen, Bühnenprogramme, Anforderungen an die eigene Professionalität – das Level liegt höher als bei vielen Laienchören. „Bei uns“, beschreibt Ruckhaber die Rahmenbedingungen, „wird schneller und mehr auswendig gelernt als sonst. Bis zu 60 Stücke parallel muss der Chor beherrschen und präsent haben.“ Auf der Bühne stehe kein Chorsänger jemals mit einem Notenblatt in der Hand. So gesehen, ist die Reise nach Riga zwar ein Höhepunkt, dann aber auch das eigentlich Übliche. Musik und unterwegs sein, betont Bodemer, seien für ihn kein Problem, weil eben Beruf. Gereist werde ständig, unterstreicht Böck. „Na klar“, meint sie, „der Zeitaufwand für ist für jeden von uns ein Opfer.“ Aber das gehöre einfach dazu, „wenn man sich für so etwas wie unseren Jazzchor entscheidet.“
Ralf Siepmann