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Was haben eine Bulgarin, eine Kanadiern und eine Russin mit einem Südkoreaner, mit einem Deutschen und einem Chinesen gemeinsam? Nein, hier geht es nicht um einen Witz, hier geht es um ausgezeichnete Sänger. Denn so international breit gefächert waren die Preisträger des Gesangwettbewerbs Neue Stimmen schon lange nicht mehr. Das passt zum Jubiläumsjahr 2017.

Seit 30 Jahren gibt die Bertelsmann-Stiftung unter ihrer Schirmherrin Liz Mohn ausgewählten jungen Sängerinnen und Sängern aus der ganzen Welt die Chance, nach Gütersloh zu kommen. Alle zwei Jahre verwandelt sich die ostwestfälische Stadt in ein kleines Mekka für Ausführende, Beobachter und Freunde der Gesangskultur. Das Prozedere ist über die Jahre gereift und bewährt. 2017 drückt sich das in Zahlen so aus: In weltweiten Vorauswahlen werden 1430 junge Talente gehört, davon ein kleiner Teil, 42, nach Gütersloh in die Endrunde eingeladen. Vor der gesamten Jury wird wieder vorgesungen. Es erfolgt dann für 16 Künstler der Sprung in das Semifinale, wo dann wieder von der Jury zehn aufgeregte Nervenbündel für das Finale ausgewählt werden. Am Ende stehen sechs Preisträger zusammen mit Liz Mohn und dem Jurypräsidenten Dominique Mayer auf der Bühne.
Das schönste Bild des gesamten Wettbewerbs folgt aber, nachdem der Abend offiziell von Moderator Holger Nolze beendet, der Livestream im Internet abgeschaltet wurde. Alle Teilnehmer der Endrunde kommen auf die Bühne, alle gratulieren sich, umarmen sich. Man singt zusammen das berühmte Brindisi aus Verdis Traviata, am Flügel begleitet und locker dirigiert von Gustav Kuhn, dem künstlerischem Leiter. „Die Bertelsmann-Stiftung lässt allen Endrundenteilnehmern die Möglichkeit, in Gütersloh zu bleiben. Sie können weiter an den Angeboten teilnehmen und alles aus nächster Nähe mit erleben“, erzählt Jury-Mitglied Christoph Mayer, Intendant der Deutschen Oper am Rhein. Darin zeigt sich für ihn der besondere Charakter des Wettbewerbs. Auffällig: Die Stimmung in den beiden Finalkonzerten wird tatsächlich aus dem Block angeheizt, wo die Endrundenteilnehmer sitzen. Wenn Neid für die weitergekommen Kollegen vorhanden ist, dann wird er lautstark überlagert. Johannes Kammler, einer von drei deutschen Sängern, die in Gütersloh anzutreffen sind, spricht davon, hier Freunde gefunden zu haben, keine Konkurrenten. Auch wenn man gegeneinander um die Plätze singt.
Expertenmeinungen
Letztendlich werden diese Plätze aber von der Jury vergeben. Neben Kuhn, Meyer aus Wien und Mayer aus Düsseldorf finden sich darin weitere bekannte Namen aus der Branche: Sophie de Lint, Helmut Deutsch, Jürgen Kesting, Bernd Loebe, Elisabeth Sobotka, Evamaria Wieser und Brian Dickie, der alle Vorauswahlen besucht hat. Einen aktiven oder ehemaligen Sänger sucht man im Vergleich zu den letzten Jahren vergeblich in dieser Runde. Wie immer sind die Verantwortlichen der Jury um Transparenz bemüht. Die Vorsingen in Gütersloh sind für die Presse und Agenten geöffnet, im Semifinale und Finale ist ein ganzes Publikum anwesend. Dass die Experten von außen nicht immer mit den Experten der Jury einer Meinung sind, ist jedes Jahr so und gehört zum Diskussionspotenzial. Doch dieses Jahr hört man vermehrt großes Unverständnis darüber, dass die besten Sänger angeblich nicht über das Vorsingen hinaus gekommen seien.
Tatsächlich beginnt das Semifinale gemessen an den Jahrgängen 2013 und 2015 eher etwas lau. Man muss dazu sagen, dass jeder der musikalischen Beiträge, die man zu hören bekommt, über eine große Qualität verfügt. Aber ausgerechnet im Jubiläumsjahr fehlt zunächst das gewisse Etwas. Den ersten richtigen Glamourfaktor bringt Samuel Moriño ein, der einen koloraturgewandten Sopran präsentiert. Seine effektvolle Darbietung von Händels Da tempeste wird vom Publikum bejubelt. Die Renaissance von männlichen Frauenstimmen ist für die Mehrheit des Publikums etwas Besonderes, und so bekommt er den Publikumspreis. Für das Finale reicht es nicht. Der zweite Teil der Semifinalisten ist eine Nuance besser. Wie man so schön sagt, kommt das Beste zum Schluss und in diesem Fall sind es die letzten drei. Da ist zum Beispiel eine Schwedin, die Nilsson heißt und Wagner singen kann. Christina Nilsson ist zweifelsfrei ein jugendlich-dramatischer Sopran und begrüßt die „teure Halle“ aus Wagners Tannhäuser mit wunderbar femininer Aufgeregtheit. Erstaunlich eigentlich, dass sie diese Arie nicht im Finale wiederholen darf. Sonst hätte sie womöglich noch einen Preis abbekommen.
Das Jahr der Männerstimmen
Svetlina Stoyanova dagegen darf ihren Erfolg Parto, parto aus Mozarts Titus an beiden Abenden singen, was deutlich zeigt, dass die Arienauswahl der Jury schon Einfluss nehmen kann auf den Ausgang des Wettbewerbs. Im Semifinale gelingt ihr das Kabinettstückchen zusammen mit der Soloklarinette aus den Reihen der Duisburger Philharmoniker sogar noch ein bisschen besser. Als Gegensatz zur Virtuosität demonstriert sie mit Scherza, infida aus Händels Ariodante ihre Fähigkeit, musikalische Innenspannung über mehrere Minuten aufrecht zu erhalten.
Immerhin einen Tenor gibt es in diesem Jahr ab dem Semifinale und Mingjie Lei klingt bei Rossini, Mozart und Gluck so butterweich elegant, dass er sich letztendlich den dritten Preis bei den Männern verdient. Für Gustav Kuhn ist 2017 der Jahrgang, in dem das Niveau der Männerstimmen mindestens genauso hoch liegt wie das bei den Sängerinnen. „Das kommt sehr selten vor und ist außergewöhnlich“, sagt er. Noch dazu kommt, dass sie erstaunlich dicht beieinander liegen. Den zweiten Platz der Männer belegt dann schließlich – und das muss man tatsächlich außergewöhnlich nennen – ein Deutscher. Seit 1999 gab es keinen deutschen Preisträger mehr. Für Christoph Meyer Grund genug, darauf hinzuweisen, dass an den deutschen Hochschulen die Ausbildung dringend verbessert werden muss. Aber nun gibt es wenigstens ein Hoffnungssignal: Johannes Kammler, Ensemblemitglied an der Bayerischen Staatsoper in München, tritt in die Fußstapfen von René Pape und Michael Volle. Sein Weg zum Erfolg führt im Finale über Mein Sehnen, mein Wähnen von Korngold und über das locker aus dem Ärmel geschüttelte Largo al factotum von Rossini. Zwei schwere Arien sicherlich, aber: „Für mich war das Warten, bevor die Preisträger genannt werden, der schlimmste Moment. Da singe ich lieber sechs Stunden hier auf der Bühne weiter“, gibt er offen zu. Ansonsten ist der Wettbewerb für ihn „fast zu entspannt“. Eben weil hier für ihn alles stimmt, von der Organisation bis zur Atmosphäre. Man darf gespannt sein, was man von dem jungen Bariton noch alles hören wird. Er freut sich auf Rollen wie Don Giovanni und Dandini und träumt für die ganz ferne Zukunft vom Schurken Scarpia. Aber zunächst geht direkt das Tagesgeschäft weiter, und Kammler freut sich, dass er an einem der größten deutschen Opernhäuser von den großen Kollegen lernen darf.
Den ersten Platz belegt schließlich Cho ChanHee, ein südkoreanischer Bass, der vielleicht ein wenig das Klischee bestätigt, dass es vielen Sängern aus dem asiatischen Raum an dramatischem Verständnis mangelt. Bei Come dal ciel precipita aus Verdis Macbeth löst nicht seine Interpretation die Gänsehaut aus, sondern die nachtschwarze Begleitung der Duisburger Philharmoniker unter der aufmerksamen Leitung von Graeme Jenkins. Das sind erstklassige Wettbewerbsbegleiter. Eine Spur besser gelingt es Cho, die Boshaftigkeit des Basilio in La calunnia darzustellen. Hier sieht man das Entwicklungspotenzial der jungen Stimme. Davon mal abgesehen, sind seine Arien allerdings technisch so dermaßen gut gesungen, dass Dominique Mayer sich hinreißen lässt zu sagen, dass er keinen Fehler, keinen falschen Ton hören konnte. Von daher ein verdienter Preisträger.
Der Kampf der Mezzosopranistinnen
Bei den Damen können die Sopranistinnen dieses Jahr nicht vollends überzeugen. Dafür kommt es zum Kopf-an-Kopf-Rennen der Mezzosopranistinnen. Die in Israel lebende Russin Zlata Khershberg hat eine Arie im Gepäck, die man endlich mal nicht alle Tage im Wettbewerb hört. Da, chas nastal aus Tschaikowskis Oper Orleanskaja Dewa über Johanna von Orleans bietet sie mit lodernder Leidenschaft im passenden roten Kleid dar. Sie belegt den dritten Platz und wird sozusagen auf den letzten Metern überholt von der ganz jungen Emily D’Angelo aus Kanada. Wie frech, unbekümmert und hochmusikalisch D’Angelo die Händelarie Dopo notte aus Ariodante darbietet, ist auf jeden Fall preiswürdig. Verdientermaßen hat aber die Stoyanova am Ende die Nase vorne und belegt den ersten Platz bei den Damen.
So international waren die Preisträger von Neue Stimmen schon lange nicht mehr . Nach den Erfolgen der Chinesen, Südkoreaner und Afrikaner freut sich Gustav Kuhn, der auf alle 30 Jahre in diesem Wettbewerb zurückblicken kann, über diese weltweite Verteilung. Für ihn ist allerdings ein Ergebnis noch viel entscheidender: „Das positive ist, das fast jeder, der in Gütersloh ankommt, ein Engagement in den weltweiten Theatern abbekommt“. Ein Umstand, der sicher auch auf die enorme Präsenz der Bertelsmann-Stiftung zurückzuführen ist, die in den sozialen Medien und in Live-Übertragungen im Internet den Wettbewerb bestens vermarktet. In der Stadthalle Gütersloh liegen Bücher aus, in denen die Historie des Wettbewerbs dargestellt wird. In einem Einspieler zu Beginn des Abends grüßen prominente Gesichter von den erfolgreichen Neuen Stimmen ihre Nachfolger hinter der Bühne. Mühen werden keine gescheut, doch geht es nicht immer gut. Im Semifinale läuft beispielsweise das Bild auf den großen Leinwänden mit der Nahaufnahme des jeweiligen Sängers immer einen Bruchteil hinter dem Moment auf der Bühne hinterher. So ist die Mundbewegung des Künstlers immer einen Moment hinter dem Ton. Zum Glück kann das zum Finale verbessert werden.
Kairos – Der Zeitpunkt
In seiner Ansprache weist Gustav Kuhn auf die Notwendigkeit des kairos – des Zeitpunktes – hin. Für die Sänger heißt das, den richtigen Zeitpunkt in ihrer Karriere zu finden. Vor 30 Jahren war es der richtige Zeitpunkt, diesen Wettbewerb ins Leben zu rufen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, nach diesen erfolgreichen Jahren der Entwicklungen und Verbesserungen, sich selbst zu überprüfen. Denn es wird schwieriger, dieses Niveau zu halten und dabei nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Denn irgendwann kommt bei jedem erfolgreichen Team der Moment, wo es sich nur noch selbst schlagen kann. Doch für den Augenblick muss man nach 30 Jahren vokalen Entdeckungen sagen: Herzlichen Glückwunsch.
Christoph Broermann