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Die musikalische Leitung einer Oper ist ungleich komplexer als die eines Konzertes. Trotzdem gab es bislang nur Wettbewerbe für Dirigenten, die im Konzertbereich ausgetragen wurden. Die Opéra Royal de Wallonie Liège hat das jetzt geändert. Fazit nach dem ersten Wettbewerb: Es kann besser werden.

Wettbewerbe für Dirigenten gibt es viele. Allerdings beschränken sich die auf das Konzertrepertoire. Ein Wettbewerb für Opern-Dirigenten mit seinen besonderen Anforderungen ist neu. Der erste internationale Wettbewerb dieser Art – der Concours International de Chefs d’Orchestre d’Opéra – ging jetzt im Lütticher Opernhaus zu Ende. Inspiriert und organisiert vom einfallsreichen Intendanten der Opéra Royal de Wallonie, Stefano Mazzonis di Pralafera, bewarben sich an die 50 junge Dirigenten aus allen Kontinenten. Sechs schafften es in die letzten Runden und sie hatten Gelegenheit, sich mit voller Besetzung, also Gesangssolisten, Chor und Orchester, auf diverse Szenen aus populären, aber anspruchsvollen Opern vorzubereiten.
Die prominent besetzte Jury, darunter der Dirigent Jesús López-Cobos, der Bariton Ruggero Raimondi und die neue Musikchefin der Lütticher Oper, Speranza Scappucci, wählten drei junge Männer für das Finalkonzert aus. Jeder hatte einen Akt aus einer der vorbereiteten Opern zu dirigieren. Allerdings Opern denkbar unterschiedlicher Machart, so dass für den Besucher des Finalkonzerts ein Vergleich problematisch blieb. Versichert wurde allerdings, dass jeder Finalist im Verlauf des Wettbewerbs mit allen drei Opern in Kontakt gekommen ist und die Leistungen aller Runden in die Wertung einflossen.
Der mit 10.000 Euro dotierte und einer eigenen Produktion an der Lütticher Oper verbundene erste Preis wurde nicht vergeben. Dafür können sich zwei Franzosen über einen zweiten Preis mit jeweils 4000 Euro freuen. Pierre Dumoussaud überzeugte mit dem letzten Akt der Carmen, ließ ein sicheres Gespür für den dramatischen Gehalt des Stücks erkennen und legte am meisten von allen Wert auf eine feinere dynamische Differenzierung. Die ist im zweiten Akt von Puccinis Bohème weniger gefragt, mit dem Antoine Glatard punkten konnte. Sicher hielt er den groß besetzten Apparat in Händen.
Der Italiener Michele Spotti gewann den mit 2000 Euro dotierten dritten Preis. Er hatte die etwas undankbare Aufgabe, mit dem ersten Akt aus Verdis Falstaff die diffizilsten Ensemble-Sätze auf Feinschliff zu bringen, was angesichts der begrenzten Vorbereitungszeit kaum möglich ist. Er suchte deshalb sein Heil in einem lautstarken Gewaltritt, der viele Feinheiten überspielte.
Bei aller Skepsis, ob die Vorbereitungszeiten einen verlässlichen Eindruck von den Fähigkeiten der jungen Dirigenten zulassen, handelt es sich um ein interessantes Experiment, das im dreijährigen Turnus stattfinden soll.
Pedro Obiera