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Den Teufel vertreiben und die Herzen fröhlich machen, das traut Martin Luther der Musica zu. Statt der weihevollen Klänge und Gesänge, die die Kirche lateinisch für ihre ungebildeten „Gläubigen“ zelebriert, will Luther die Kirche aus dem Weihrauch der Päpste, Bischöfe, Pfaffen und Fürsten herunterholen und sie dem Volk zurückgeben. Sein Werkzeug: die Sprache und die Musik.

Den Namen des Jura-Studenten, der nach einem Blitzerlebnis während eines Gewitters Gott verspricht, Augustinermönch zu werden, kennt heute fast jedes Kind: Martin Luther. Über die Bedeutung dieses Mönches aus Eisleben streiten sich Historiker und Theologen. In über 25 Biografien reichen die Attribute von „Befreier“ und „Reformator“ bis zu „Ketzer“ und „Rebell“. Doch in einem sind sich fast alle Autoren einig. „Die Neuzeit hatte begonnen“, stellen sie mit Udo di Fabio fest. Seit Beginn dieses Jahres, nachdem vor 500 Jahren die Reformation ihren Anfang nahm und vieles in Europa massiv veränderte, sind die Biografien, Geschichtsbücher, historisch-politischen Kommentare, zahlreichen Reflexionen und religiös-frommen Essays nicht mehr zu zählen, die sich mit der Person Martin Luthers, seinen theologischen, kirchenpolitischen und weltlichen Zielen befassen und sein Wirken zu bewerten versuchen. Doch „keines dieser Bücher erkennt ihm und der mit ihm verbundenen Reformation Größe im Sinn originaler historischer Prägekraft oder bleibender Bedeutsamkeit zu“, urteilt spitz Thomas Kaufmann. Vielmehr sehen viele wie Heinz Schilling ganz Europa um 1500 „in rasendem Wandel begriffen“. Für ihn ist 1517 „ein Jahr der Umbrüche, politischer wie ökonomischer.“ Und Theologen und Historiker fügen hinzu: auch des theologischen Umbruchs. Luthers Ideen, seine Predigten, Auftritte und Schriften haben um 1500 den kirchlich-religiösen Alltag in vielen Familien und Gemeinden, aber auch das kirchliche Leben bis hin zur Gottesdienstordnung nachhaltig verändert und den Anstoß zu zahlreichen Veränderungen in der katholischen Kirche gegeben. Dass sich aus seiner Kirchenkritik eine Spaltung der katholischen Kirche ergibt, liegt außerhalb Luthers Vorstellung und Absicht.
Ein Bergmannssohn lehrt Theologie
Martin Luther, 1483 in Eisleben als Luder geboren, den Namen Luther führt er seit 1512, besucht in Mansfeld die Lateinschule, danach in Magdeburg die Schule der „Brüder vom gemeinsamen Leben“ und seit 1498 die städtische Pfarrschule in Eisenach. Hier wird er zunächst im „Chorus Musicus“, dann auch in der Eisenacher Kurrende als Sänger aktiv. Um aus ihm einen wohl bestallten Juristen zu machen, schickt ihn sein Vater Hans Luther, ein Kupfererz-Bergmann, später ein durchaus wohlhabender Hüttenmeister, 1501 an die Universität Erfurt. In der Artistenfakultät erwirbt Luther das Bakkalaureat und 1505 den Magister. Das elementare Erlebnis eines nahen Blitzeinschlags während eines Gewitters verändert seine und seiner Eltern Pläne. Für seine Umwelt überraschend, tritt er 1504 dem Bettelorden der Augustiner im Erfurter Kloster bei, dem er bis etwa 1524 angehört. Danach und bis zu seinem Tod im Jahr 1546 wird er ein heftiger Kritiker der katholischen Kirchenlehre und des Ordens. Seine intensiven Bibelstudien führen ihn bald zu der Überzeugung, dass Gott nicht käuflich und der von Rom geduldete Ablasshandel ein großer Schwindel sei, der nur Bischöfe und Papst reich mache. Seine wachsende Kritik fasst er schließlich in 97 Thesen zusammen, um sie mit seinen Universitätskollegen zu diskutieren. In Form von 95 Thesen sendet er sie 1517 an Erzbischof Albrecht Kardinal von Brandenburg nach Mainz und fordert ihn zu Reformen auf. Damit nimmt die Kirchenspaltung ihren Anfang.
Christen sind frei
So wenig die dann folgenden kirchenpolitischen Dispute und Veränderungen ohne Luther denkbar sind, so wenig sind sie allein auf sein Wirken zurück zu führen. Seit Jahrzehnten liegt in Europa Neues in der Luft, das politische Europa um 1500 befindet sich im Umbruch und ist nach 1517 nicht mehr das gleiche wie vorher. Das Machtgefüge zwischen Kirche und Reich, zwischen dem Papst, dem Kaiser, Kirchenfürsten, Königen und Fürsten gerät mächtig durcheinander, religiöse und politische Machtkämpfe in Europa sind nicht mehr klar zu trennen, die Kirche mischt kräftig mit. Luthers Wittenberger Kollege Philipp Melanchthon beklagt, dass von Deutschland „ein sonderbarer Hauch des Grausigen und Unkultivierten“ ausgehe, und auch Luther sieht in den Deutschen „khein verachter Nation“.
Heute ist sich die kirchenpolitische Forschung darin einig, dass es „die Reformation per se“ nicht gegeben hat, sondern man von mehreren, „verschieden motivierten Reformationen“ sprechen müsse, ja, „dass es ohne obrigkeitliche Unterstützung keine lutherische Reformation gegeben hätte“. Hartwig Fischer und Dirk Syndram sprechen sogar von einer „Fürstenreformation“, um das politische Interesse der Herrschenden an einer „Reformation“ zu unterstreichen. Der Kirchenrebell aus dem kleinen Wittenberg, der den Reichsständen 1521 auf dem Reichstag zu Worms bescheiden und doch mutig die Stirn bietet, ist vielen Reichsfürsten durchaus recht, er bestellt auch ihren Acker und bereitet den Boden für eine „obrigkeitliche Reformation“, in der sich Fürsten und Kaiser gegenüber treten. Da trifft Luthers Aufruf zur Selbstständigkeit der Gemeinden und seine zentrale These, ein Christ sei frei und niemandem untertan, er könne in direktem Kontakt mit Gott „sola fide“, allein durch den Glauben, selig werden, einen wunden Punkt der katholischen Kirchenlehre. Im Bemühen darum, der Strafe des jüngsten Gerichtes zu entgehen, gibt Luther den Gläubigen neues Selbstbewusstsein. Jedes Gemeindemitglied könne direkt mit „seinem“ gnädigen Gott in Kontakt treten, ohne die Vermittlung der „Pfaffen“. Viele Gläubige erkennen, dass ihre Fürsten Amt, Würde und Rechte nicht „von Gottes Gnaden“ erhalten, sondern sich genommen haben – ohne das Volk zu fragen.
Zum Trost und Trotz
So trägt Luthers Kirchenkritik quasi beiläufig einen demokratischen Bazillus in die Gemeinden – zum Ärger der Fürsten und Bischöfe, der Kirche und des Reiches. Luthers Übersetzung und Neuinterpretation des Neuen Testamens reicht bis in den gemeindlichen Alltag hinein. Seine „Reformationen“ verändern die Theologie, die Alltagspraxis der Liturgie und die Gottesdienste.
Zu einem weiteren Ärgernis für die etablierte Kirche entwickelt sich etwas, das ausschließlich zur Erbauung und Besinnung der Gläubigen gedacht war: der gottesdienstliche Gemeindegesang. Auch ihn hatte sich die Kirche über Jahrhunderte aus bewusst „schlechten“ Gründen selbst vorbehalten und dafür gesorgt, dass die Mitglieder der Gemeinde dem Vorbild, Vortrag und Gesang der Priester zu folgen hatten. Luther beklagt, dass „allein der Chor der Pfaffen und Schüler singt und antwortet, wenn der Bischof das Brot segnet oder Messe hält.“ Die Texte der Liturgie werden – natürlich – in lateinischer Sprache vortragen. Musik fürs Volk in einem Gottesdienst – undenkbar. „Davon ich sing’n und sagen will“, hält Luther aus theologischen Gründen dagegen – und zwar in Deutsch.
Luthers musikalische Begabung und Fertigkeiten, getragen von seiner theologischen Überzeugung, befähigen das „kleine Mönchlein“ aus Wittenberg, neue Formen zu entwickeln. Dabei sind es nicht nur die bekannten Festtagschoräle wie Ein feste Burg, Vom Himmel Hoch und Nun freut euch, liebe Christengmein …, um nur einige seiner knapp 40 Liedkompositionen zu nennen. Für ihn sind die Kirchenlieder, die die Gemeinde selbst in Deutsch singt, wesentlicher Bestandteil seiner dem Menschen zugewandten Liturgie der Gottesdienste. Folgerichtig führt er in Wittenberg den damals sehr ungewohnten deutschsprachigen Gemeindegesang ein. Die Pflege christlicher Hausmusik ist Luther ein großes Anliegen, und mit dem romantischen Bild Martin Luther im Kreise seiner Familie musizierend, das Gustav Spangenberg erst 1866 in Berlin malte, haben Luther und der Maler bis ins 21. Jahrhundert die Wertschätzung der familiären Hausmusik besonders in Deutschland geprägt.
Doch auch in anderer Beziehung entdeckt Luther die Kraft der Musik und setzt sie bewusst, als „wirkungsvolle Propaganda für die Sache der Reformation“ ein. Musikhistoriker sehen Luthers Kirchenlieder durchaus als Gassenhauer ihrer Zeit, als Schlager, die den Geschmack des Volkes auf der Straße treffen. Der Choral Erhalt uns Herr bei deinem Wort aus dem Magdeburger Gesangbuch von 1543 enthält die Zeile „…und steur‘ des Papsts und Türcken Mord“ und dürfte so recht nach dem Geschmack des Volkes gewesen sein. Dass manche seiner Kirchenlieder sich gegen Fürsten und Bischöfe wenden lassen und damit zu religiös-politischen „Kampfliedern“ werden, war eine nicht immer beabsichtigte, aber willkommene Nebenwirkung. Von einer Schweinfurter Gemeinde wird berichtet, sie hätte während einer Messe 1532 mit Ein feste Burg einen altgläubigen Priester niedergesungen, die Jugend habe diesen Reformsong auf den Straßen Schweinfurts geschmettert. Ob Anekdote oder historisches Faktum, die lutherische Reformation und ihre Folgen sind ohne lutherdeutsche Kirchenlieder und Luthers Nähe zur Musik nicht denkbar.
Das von der Gemeinde in Deutsch gesungene Gemeindelied ist Teil seiner Glaubenslehre, seines „Evangeliums“, die „gute Mär, … davon man singet, saget und fröhlich ist“. Die Gemeinden und Gläubigen warten darauf, das Kirchenleben nach eigenem Geschmack zu gestalten und so für ihr eigenes Seelenheil zu sorgen, ohne den päpstlichen Ablass. Mit dem Ende 1523 in Nürnberg erschienenen Achtliederbuch gibt es eine erste deutschsprachige reformatorische Liedsammlung. „Etliche christliche Lieder, Lobgesänge und Psalmen, dem reinen Wort Gottes gemäß aus der Heiligen Schrift, durch mancherlei Hochgelehrte gemacht, in der Kirche zu singen wie es denn zum Teil bereits zu Wittenberg in Übung ist“, vermerkt Luther einleitend.
Geschenk und Waffe
Für Luther ist die Musik, besonders das deutsch gesungene Gemeindelied ein „herrlich und göttlich Geschenck und Gabe“, immer wieder lobt und preist er „die Musica“, die den Menschen „fröhlich mache“. Auch die Jahrzehnte lang übliche Vorstellung vom Lehrer, der selbstverständlich ein „Musicus“ ist, geht auf Luther zurück: „Wer diese Kunst kann, der ist von guter Art, zu allem geschickt. Man muss die Musik unbedingt in den Schulen behalten. Ein Schulmeister muss singen können, sonst sehe ich ihn nicht an.“
Inzwischen hat auch die literarisch-politische Gesellschaft Luthers Lieder wahrgenommen und ihr Protest-Potenzial erkannt. Knapp 300 Jahre später spricht Heinrich Heine 1834 von Luthers Ein feste Burg als der Marseillaise der Reformation, selbst Friedrich Engels kommentiert sie als die Marseillaise der Bauernkriege. Am Ende seines Wirkens hinterlässt Martin Luther den lutherischen Gemeinden mit dem Babstschen Gesangbuch die umfangreichste deutsche Sammlung von Kirchenliedern, die für viele Jahrzehnte Grundstock evangelischer Gesangbücher bleibt. Das heutige Gesangbuch der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) enthält bei insgesamt rund 570 Liedern noch über zwanzig gut bekannte Luther-Lieder.
Wie seine Gemeindelieder ist auch die Lutherrose, die heute das Gewölbe der renovierten Schlosskirche zu Wittenberg schmückt, für den Reformator ein Ausdruck der Freude. „Solche Rose stehet im himmelfarbenen Felde, dass solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünftig“, schreibt der Mönch an den Ratsschreiber und Förderer der Reformation Lazarus Spengler. Für Hölle und Fegefeuer ist weder in Luthers Theologie noch in seiner Musik Platz. Luthers Sprachkraft, seine bildhafte, bisweilen derbe Sprache trägt dazu bei, die Lieder zu verbreiten. Wortschöpfungen wie Herzenslust, Denkzettel, Machtwort, Feuereifer, Gewissensbiss, Lückenbüßer und Lästermaul gelten als Beiträge Martin Luthers zu einer plastisch-volksnahen deutschen Sprache.
Luthers musikalische Wirkung geht über die „Erfindung“ des evangelischen Kirchenliedes hinaus. Seine eingängigen, kraftvollen Melodien und Verse haben zahlreiche Komponisten zu Neubearbeitungen motiviert, allen voran Johann Sebastian Bach. Mit Luthers Kirchenliedern beginnt eine Epoche kirchenmusikalischer Kreativität, ohne die bis heute manches Kirchenkonzert nicht stattfinden könnte. Von den zahlreichen ideenreichen Komponisten protestantischer Kirchenmusik seien nur erwähnt Leonhard Lechner Athesinus, Michael Praetorius, Paul Gerhardt, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, später Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms, die in sehr unterschiedlicher Weise Luthers Ideen und Musik weiter entwickelt haben. Bachs Johannespassion von 1724 für vierstimmigen Chor, Gesangssolisten und Orchester gilt Meinrad Walter als „Meilenstein lutherischer Kirchenmusik“. Sie alle haben an der Etablierung eigenständiger „geistlicher Konzerte“ maßgeblichen Anteil, wobei für Bach der Ehrentitel „Fünfter Evangelist“ reserviert ist. Mit konzertanten Bearbeitungen Lutherscher Choräle und zahlreichen Neukompositionen gelingt es diesen Musikern, eine eigenständige Kirchenmusik zu schaffen, die als Geistliche Konzerte ihr kulturelles Eigengewicht und eine anerkannte Reputation gewonnen hat. Heute sind kirchenmusikalische Konzerte an vielen Konzertorten nichts Außergewöhnliches mehr.
Reformation – ein Werbegag?

Die EKD, für die „die Musik eine Brücke zwischen Kirche und Gesellschaft“ ist, muss heute selbstkritisch feststellen, dass diese Brücke brüchig geworden ist. Im Jubiläumsjahr ist für den Kirchenmusiker Konrad Klek deutlich erkennbar, dass das Singen „zumindest in Deutschland allgemein in der Krise“ steckt, ob in den Gemeinden oder den Chören. Neue Formen wie das Luther-Musical Luther. Rebell wider Willen von Radke oder das Luther-Oratorium von Dieter Falk, das mit Superlativen wie einem 1600-Sänger-Chor daherkommt und nur Platz in großen Event-Stadien findet, sind bemerkenswerte Versuche, die aber mit der Musikpraxis in den Gemeinden wenig zu tun haben. Ob es mit neuen Kompositionen und solchen Formen des Musizierens in den protestantischen Gemeinden gelingt, die Krise zu überwinden, lässt sich noch nicht beurteilen. Die vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe erstellte Wanderausstellung Klang der Frömmigkeit wirkt an vielen Stellen eher dürftig.
Die EKD sieht das Jubiläumsjahr zur Reformation als „Ermutigung zu anspruchsvoller, innovativer Kirchenmusik“ und sucht neue Impulse, auch in der Kirchenmusik. Von den zahlreichen Projekten auf Gemeindeebene über Sonderprogramme der Landeskirchen bis zu den Initiativen der Stiftung Creative Kirche im Bund gibt es zahleiche neue Impulse. Auch wenn diese Initiativen Zeugnis für viel kreativen Mut und neue Formen geben, sieht Klek in der (post-)modernen Stilvielfalt eine „neue Herausforderung für die Musik in der Kirche“, von der man nicht weiß, ob sie das repräsentieren, was Luther mit „himmlischen Chören“ meinte.
Über die Osterfeiertage hat der Luther-Hype seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Fast jede Zeitung, jede Zeitschrift, unzählige Theaterprogramme, selbst die Dokumentationssendung Terra X des ZDF nutzen das Jubiläum. In gleich drei Sendungen erweist das Zweite der durchaus populären Figur Martin Luther Referenz. Ottmar Hörls farbige Lutherstatue ziert inzwischen viele kirchliche und weltliche Plätze und verkauft sich blendend. Dabei gerät Luthers Anliegen, die Reformation der katholischen Kirche, häufig in den Hintergrund. Die Zahl der ökumenischen Gottesdienste ist auf Gemeindeeben überschaubar geblieben – trotz des öffentlichkeitswirksamen „Versöhnungsgottesdienstes“ von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender der EKD, und Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Im gemeindlichen Kirchenalltag hätte Luther auch heute noch genug zu tun.
Luther ging es nicht um Veränderungen in der „großen Politik“. Seine Gedanken zum Verhältnis des Christen zur Obrigkeit sind ausgesprochen konservativ und stützen die bestehende feudale Staatsordnung. Ausdrücklich spricht er der Obrigkeit das Recht zu, den Pöbel in Schranken zu halten. Dabei soll sie in ihrem „Amt und Werk nicht barmherzig, sondern streng, ernst und zornig sein.“ Das Handwerkszeug der Obrigkeit „ist nicht ein Rosenkranz oder ein Blümlein von Liebe, sondern ein nacktes Schwert.“ Seine Stellung gegen die aufbegehrenden Bauern wie seine unerträgliche Judenschelte sind weitere Belege dafür, dass Luther mit seiner Kritik und der Reformation bestehender Institutionen fast ausschließlich die katholische Kirche, seine Kirche meint. Diese Kritik trifft sich mit Gedanken der Aufklärung, des Individualismus und der beginnenden Demokratisierung, die sich gegenseitig befruchten und stärken. Die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen werden massiv erschüttert, gründlich „restauriert“ oder hinweggefegt – und die zahlreichen Regeln der Kirche einschließlich der Sterbesakramente ungültig. In seiner dreizehnten These sichert Luther den Sterbenden zu, „… werden durch den Tod von allem frei“, eine These, der er auch 1546 für sich vertraut.
Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau fragt 2017 provokant „Kirche – was kann sie heute?“ und gibt mit einem Strauß von Veranstaltungen und Aktivitäten „bunte Einblicke in die lebendige Vielfalt des Protestantismus heute“. Ihre vieldeutige Antwort reicht von einer Sonderbeilage zu allen Tageszeitungen bis zum Kunstpreis „kunstinititiative 2017“. Martin Luther hätte sich wohl ungläubig die Augen gerieben angesichts dieses Erwachens „seiner“ Kirche. So erfreulich die Initiativen und die Kreativität sind, kirchenpolitisch bedeutsam und theologisch von Gewicht werden sie erst, wenn sie im Alltag der protestantischen Gemeinden ankommen.
Horst Dichanz