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Am 15. April, Ostersamstag, hat uns Clauspeter Koscielny für immer verlassen. Ein Nachruf.

1946 wurde Clauspeter Koscielny in Recklinghausen geboren. Er wuchs in einer zerstörten Welt auf, die allmählich den Glauben an eine Zukunft zurückeroberte. Und der heranwachsende Clauspeter nahm mit, was in der kleinbürgerlichen Provinz des Ruhrgebiets möglich war. Noch bevor der ganz große Durchbruch der erfolgreichsten Sängerin der 1950-er und 60-er Jahre gelang, gründete er mit zwölf Jahren den ersten Connie-Francis-Fanclub in Nordrhein-Westfalen. Eine „private Musikausbildung“ vermittelte dem Schüler die notwendigen Grundlagen. In seiner Freizeit suchte er so oft wie möglich das Kino auf, sammelte die damals noch üblichen Programmhefte. Er begeisterte sich für Stimmen, egal, ob in Film oder Oper. Von ihm selbst sind aus dieser Zeit Auftritte mit einer Skiffle-Band bekannt. Und einige Kurzkritiken zu Kinofilmen.
Aber erstmal wartete das „wirkliche Leben“ auf ihn. Statt des Bergbaus entschied er sich für eine Ausbildung in einer Druckerei. Mit 19 verlässt er die ungeliebte Heimat und geht nach West-Berlin. Auf einer der Drehbühnen der Welt nimmt er eine Stelle als Typograph an. Er beginnt, Opernaufführungen zu besuchen. Sieben Jahre ging das gut. Dann lernte er die spanische Sopranistin Pilar Lerengar kennen. Wie kommt man einer Sängerin näher, die man verehrt? Sicher nicht als Fan. Als Journalist sieht das schon ganz anders aus. Aber Koscielny war kein Journalist. Er erstellte gewissenhaft Druckvorlagen. Das interessiert keine Sängerin. Es musste sich dringend etwas ändern.
1973 war es soweit. Die erste Ausgabe des Heftes erschien, für das Koscielny in den kommenden vier Jahrzehnten stehen würde. Damals noch als DIN-A5-Heftchen brachte er Orpheus heraus, und das „Informationsmagazin rund um die Oper“ war schon von der ersten Ausgabe an ein Erfolg. Vielleicht wegen der bunten Bilder, vielleicht, weil Koscielny sich von Anfang an für den Nachwuchs interessierte. „Ein guter Künstler stand oft schon im Orpheus-Magazin beschrieben, bevor er ein Management hatte, das teure Werbeaktionen für ihn erledigen konnte“, hieß es in der Laudatio des Kultur-Preises Europa, den das Magazin nach 40 Jahren erhielt.
Konscielny beließ es nicht bei den redaktionellen Aufgaben, sondern betrieb als längst etablierter und viel beachteter Kulturjournalist, Herausgeber und Chefredakteur auch aktives Empfehlungsmanagement, wenn er vielversprechende Sängerinnen und Sänger entdeckt zu haben glaubte. Nicht nur in persönlichen Gesprächen und Telefonaten, sondern auch bei den Gesangswettbewerben, bei denen wir uns irgendwann mal als Juroren kennenlernten. Clauspeter war auch kaum zu übersehen. Eine extravagante Kleidung, ausgefallene Brillen-Fassungen sorgten dafür, dass man ihn als Exoten wahrnahm. Das äußerliche Bild hat er stets gepflegt. Und man musste sich schon auf ihn einlassen, um den wahrhaften, warmherzigen, wenn auch ein wenig antiquiert wirkenden Menschenfreund zu erkennen.
Wir spürten gleich, dass die Chemie stimmte, wie man so schön sagt. Auch wenn es noch einige weitere Veranstaltungen brauchte, ehe wir ins Gespräch kamen. Dabei hätte er allen Grund gehabt, eine Annäherung zu vermeiden. Schließlich gehörte ich doch zu denen, die Orpheus vermeintlich 2012 das Genick gebrochen haben. Das Internet mit all seinen Publikationen brach über Orpheus herein, das eigentlich hätte einen Generationenwechsel bei den Abonnenten herbeiführen müssen. Clauspeter interessierte das nicht. Er war Mensch unter Menschen. Und ich werde das Strahlen seiner Augen nicht vergessen, als er mir in Amsterdam erzählte, dass er einen Verlag gefunden habe, der Orpheus wieder herausbringt. Es war doppeltes Glück für ihn: All die Jahre hatte er immer wieder um die Finanzierung seines Blattes kämpfen müssen, jetzt endlich brauchte er sich nur noch um die Inhalte zu kümmern. Stolz und freudig drückte er mir eine Druckausgabe in die Hand.
Wir freuten uns auf unser nächstes Wiedersehen, was bei Journalisten immer so eine Sache ist: Irgendwo auf dieser Welt sehen wir uns irgendwann wieder. Und wirklich verhinderte sein größter Feind die nächste Begegnung. Es war Frühling. Allergien quälten und hinderten ihn, nach Genf zu kommen. In diesem Jahr wollte er eigentlich über Ostern nach Österreich. Er hatte nur noch vier Seiten seiner neuen Ausgabe zu redigieren. Die Reise sagte er ab.
Seine größte Angst, sagt sein langjähriger Wegbegleiter, Roland Ilgen, sei die gewesen, als Pflegefall dahinzusiechen. Das ist ihm erspart geblieben. Am Ostersamstag verstarb er infolge einer Sepsis an multiplem Organversagen. Und es ist schön, dass die Hinterbliebenen immer noch die Chance bekommen, einen letzten Wunsch zu erfüllen: Im kommenden Monat wird er auf einem Waldfriedhof in Wannsee beigesetzt werden.
Für die Welt des Musiktheaters geht damit wahrhaftig eine Ära zu Ende. Nicht nur in einer Zeit, in der jede Stimme für die Kulturberichterstattung zählt, wird er uns allen fehlen. Aber mit 70 Jahren hat man bei aller Trauer der Hinterbliebenen das Recht zu gehen. Gestorben ist nur, wer in Vergessenheit gerät.
Michael S. Zerban