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Foto © Sandra Borchers

Verhängnis Abstammung

Mit dem Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ sind Ambitionen verbunden, jüdische Kultur heute sicht­barer werden zu lassen. Mit Leo Blech könnte ein Musiker wieder in das Blickfeld kommen, der die Oper in Europa über Jahrzehnte wesentlich geprägt hat. 

Leo Blech auf einer Radierung von Moritz Coschell, Dortmund 1923

Auf die Frage nach den bekann­testen Aachenern sind die üblichen Antworten zumeist an den Fingern einer Hand abzuzählen. Karl der Große, 814 im Dom zu Aachen beigesetzter König des Fränki­schen Reiches. Der deutsch-ameri­ka­nische Architekt Ludwig Mies van der Rohe. Josef „Jupp“ Marti­nelli, ehema­liger Führungs­spieler der Aachener Alemannia in den 1960-er Jahren. Herbert von Karajan, acht Jahre bis 1942 General­mu­sik­di­rektor am Stadt­theater. Vielleicht noch Henry Joseph Napoléon Lambertz, Gründer der Printen­fabrik Henry Lambert. Der Name von Leo Blech ist fast nie darunter. Jedoch könnte sich dieser Umstand in den nächsten Jahren ändern, jeden­falls ein Stück weit.

Aktuell deuten einige Anzeichen in der Musik­szene auf eine Wieder­ent­de­ckung des 1871 in Aachen geborenen Kompo­nisten und Dirigenten, der in Prag, Riga und vor allem in Berlin Urauf­füh­rungen von Opern betreut. Der – ein früher Pionier der Schall­platte – über 1200 Einspie­lungen von Sinfonien und Orches­ter­stücken mit der Staats­ka­pelle Berlin auf Schellack reali­siert. Die Blech-Kennerin Jutta Lambrecht meint, es sei an der Zeit, „sein Andenken wachzuhalten“.

Dass der in einer jüdischen Aachener Fabri­kan­ten­fa­milie geborene Blech wieder stärker in das öffent­liche Bewusstsein rückt, hat schlicht mit einem Jubiläum zu tun. In diesem Jahr begeht das Sinfo­nie­or­chester Aachen den 150. Geburtstag Blechs, der am Theater der Stadt zwischen 1893 bis 1899 als Zweiter, später als Erster Kapell­meister tätig ist. Der Weg in eine führende Position im heute am Theater­platz 1 gelegenen Haus ist dem bereits mit sieben Jahren debütie­renden Wunderkind am Klavier keineswegs bequem geebnet. Erst durch­läuft Blech eine kaufmän­nische Ausbildung bei einem Aachener Tuchhändler. Danach erst beginnt er nach einem kurzen, dann abgebro­chenen Musik­studium in Berlin, im Musik­leben seiner Heimat­stadt eine Rolle zu spielen. In diese Zeit fällt die Kompo­sition seiner ersten Oper Aglaja, die im Oktober 1893 am Stadt­theater Aachen urauf­ge­führt wird. Mit Erfolg.

Acht Opern, eine Operette

Der Erstling des 22-jährigen ist Auftakt von insgesamt acht Werken für das Musik­theater, sieben Opern, überwiegend im Zusam­men­spiel mit dem Prager Libret­tisten Richard Batka, und einer Operette. Blechs bekann­testes Bühnenwerk, die Komische Oper Alpen­könig und Menschen­feind nach Ferdinand Raimunds Zauber­spiel, stand jetzt im Fokus einer ersten dezidierten Rückbe­sinnung auf Blech in seiner Heimat­stadt. Anlässlich seines Jubiläums kommt es im Mai zu einer denkwür­digen Wieder­be­gegnung mit dem Opern­kom­po­nisten Blech. Die Aachener Sinfo­niker bringen unter der musika­li­schen Leitung des Aachener General­mu­sik­di­rektors Chris­topher Ward die volks­tüm­liche Moritat als konzer­tante Aufführung auf die Bühne des Aachener Kongress­zen­trums Eurogress. Über ein Jahrhundert nach der Urauf­führung 1902 an der Dresdner Oper, Corona-bedingt ohne Publikum.

Gleichwohl eine Heimkehr in allen Ehren. In den Titel­partien überzeugen die Baritone Ronan Collett als Alpen­könig Astra­galus und Hrólfur Saemundsson als Rappelkopf. Deutsch­landfunk Kultur sendet die Aufzeichnung zwei Wochen nach der Aufführung. Blech gewinnt so bundes­weite Aufmerksamkeit.

Philipp Zehm – Foto © Theater Aachen

Unter den Fürspre­chern einer inten­si­veren Ausein­an­der­setzung mit Blech ist Philipp Zehm einer der besonders Engagierten. „Auf jeden Fall“, meint der Klari­nettist der Aachener Sinfo­niker, „haben es Person und Werk verdient, stärker in das Bewusstsein der Öffent­lichkeit gerückt zu werden.“ Aachen mit seinem Theater und Orchester, den biogra­fi­schen und künst­le­ri­schen Spuren Blechs biete sich an, sein weit gespanntes Werk den Menschen zugänglich zu machen. Zu nennen sind die Bühnen­werke, die Tondich­tungen, die zahlreichen Liedkom­po­si­tionen, darunter speziell der Zyklus Liedchen, großen und kleinen Kindern vorzu­singen.

Nähe zu Humperdinck

Im Verständnis Zehms ist Alpen­könig und Menschen­feind sehr geeignet, das Interesse für den Opern­kom­po­nisten Blech neu zu entfachen. Das Stück sprudele von komödi­an­ti­schen Einfällen. In Teilen sei sie roman­tisch, auch von Richard Wagner inspi­riert. „Da schimmert immer wieder Wagner durch, beispiels­weise mit Motiven aus Rheingold“, sagt Zehm. Es sei zudem voller Querver­bin­dungen zu Engelbert Humper­dinck. Blechs Nähe zum Kompo­nisten von Hänsel und Gretel ist dabei alles andere als zufällig. In seinen Aachener Theater­ferien vertieft der junge Kapell­meister sein theore­ti­sches Fundament bei Humper­dinck in Frankfurt am Main, dem er Zeit seines Lebens freund­schaftlich verbunden bleibt.

Mit der Wieder­auf­führung von Alpen­könig und Menschen­feind sei „ein guter Anfang gemacht“, findet die Musik­wis­sen­schaft­lerin Jutta Lambrecht, Leiterin des Noten­ar­chivs im Westdeut­schen Rundfunk. Die Verfas­serin eines Blech-Porträts im Portal Rheinische Geschichte plädiert dafür, „unbedingt“ auch seinen Einakter Versiegelt, seine Märchenoper Aschen­brödel sowie die einzige Operette Die Stroh­witwe wieder in die Spiel­pläne aufzunehmen.

Wie bei vielen jüdischen oder jüdisch sozia­li­sierten Musikern lässt sich bei Blech die künst­le­rische Laufbahn nicht vom persön­lichen Schicksal im zeitge­schicht­lichen Kontext trennen. Nach einer Station in Prag am Deutschen Landes­theater, wo er 1905 die Urauf­führung von Eugen d’Alberts Tiefland und die seiner eigenen Oper Aschen­brödel leitet, ist er als General­mu­sik­di­rektor oder Dirigent an verschie­denen Berliner Opern­häusern engagiert. Bei Ausnahme eines Inter­mezzos im Herbst 1925 als Direktor der Wiener Volksoper. Ungeachtet seiner jüdischen Herkunft kann Blech unter der Herrschaft der Nazis mit beson­derer Geneh­migung Hermann Görings bis 1937 in seinen Leitungs­funk­tionen weiter­ar­beiten. Der preußische Minis­ter­prä­sident ist am Renommee der Staatsoper inter­es­siert und hält an heraus­ra­genden Künstlern fest. So auch an Blech, der bis zum April 1937 über 2800 Vorstel­lungen an der Staatsoper dirigiert. Wilhelm Furtwängler schätzt seine „sehr präzise, sehr elegante“ Stabführung. Andere Dirigenten heben seinen fast italie­ni­schen Stil hervor.

„Eigentlich eine Bilder­buch­kar­riere“ bescheinigt Lambrecht Blech, „als sechstes Kind einer nicht unbedingt wohlha­benden jüdischen Familie vom Wunderkind zum Schall­plat­ten­pionier und inter­na­tio­nalen Pultstar aufge­stiegen zu sein.“ Doch die „Bilder­buch­kar­riere“ reißt. Im Frühjahr 1937 wird er – vorgeblich aus Alters­gründen – entlassen. Blech emigriert nach Riga und später über Berlin nach Schweden, wiederum unter Billigung Görings. 1946 kehrt er für sieben Jahre an die Städtische Oper in Charlot­tenburg nach Berlin zurück. Dort stirbt er 1958.

Paradoxe Züge

Stefan Lang, Ressort­leiter Musik­pro­duktion im Deutsch­land­radio Kultur und verant­wort­licher Redakteur der Aachener Radio­auf­zeichnung, nimmt den Künstler und den vom Regime Diskri­mi­nierten in den Blick: „Blech verdient es unbedingt, aufge­führt zu werden. Er ist zwar nicht in der Reihe der Kompo­nisten, die vom NS-Regime ermordet worden sind. Aber ihm ist ohne Zweifel Unrecht geschehen.“ Dieses Unrecht weist strecken­weise paradoxe Züge auf. 1904 konver­tiert Blech zum Chris­tentum und lässt sich zeitlich nach seiner Frau Martha Frank-Blech, einer Sängerin, evange­lisch taufen. Ungeachtet dessen verschwinden Ende der 1930-er Jahre seiner jüdischen Herkunft wegen seine Einspie­lungen aus den Schall­plat­ten­ka­ta­logen, seine Kompo­si­tionen aus den Theatern und Konzerthäusern.

„Für mich“, resümiert Lambrecht, „ist Blech kein Exponent des jüdischen Musik­lebens; in seinen Kompo­si­tionen findet sich nicht Jüdisches. Er ist für mich einer der vielen Künstler, denen ihr jüdischer Glaube oder ihre jüdische Abstammung zum Verhängnis wurde und die mitsamt ihren Werken elimi­niert werden sollten.“ Seine Karriere als Dirigent und Komponist, so die Expertin, „wäre zu anderen Zeiten und unter anderen politi­schen Umständen vermutlich ungebrochen gewesen“. Blech hätte nicht nach seiner Rückkehr um Wieder­gut­ma­chung und Rente betteln müssen.

Die Aachener Ansätze, Blechs nach 1945 weitgehend verges­senes Werk neu erstehen zu lassen, können durchaus als ein Stück „Wieder­gut­ma­chung“ empfunden werden, sofern gravie­rendes Leid überhaupt wieder „gut zu machen“ ist. Klari­nettist Zehm sieht eine im besten Sinne quellen­ar­chäo­lo­gische Phase voraus: „Man müsste erst einmal genauer schauen, welches Theater welchen Zugang zu Blechs Parti­turen und anderen Dokumenten besitzt, welcher Verlag über welches Noten­ma­terial verfügt.“  Die Aachener Sinfo­niker beschäf­tigen sich derweil mit weiteren Aufnahmen von Werken Blechs. So den sinfo­ni­schen Dichtungen Die Nonne und Waldwan­derung. Auch das Theater Aachen bereitet ein weiteres Stück Rückbe­sinnung auf Blech vor. Demnächst soll für ihn im Foyer eine Ehren­tafel einge­richtet werden. Schon im Zeitraum 1931 bis 1937 wird Blech als Ehren­mit­glied des Stadt­theaters Aachen geführt. Die Tafel für Leo Blech wird dann neben der für Albert Lortzing und Herbert Karajan ihren Platz finden.

Ralf Siepmann

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