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Foto © Jonas Persson

Energie und Hingabe

130 Chöre, 6000 Sänger aus 35 Ländern, eindrucks­volle Leistungen, mitrei­ßende Konzerte und unmit­telbare Begeg­nungen von Menschen. Die 6. European Choir Games im dänischen Aarhus bestä­tigen die Anzie­hungs­kraft skandi­na­vi­scher Chorna­tionen. Nicht weniger wichtig ist das Signal, das von ihnen nach Überwindung der Corona-Pandemie ungeachtet der aktuellen Krisen ausgeht. Singen im Chor verschafft Horizont­er­wei­terung, Erleb­nisse und Bestä­tigung. Und Wertschät­zungen, die noch lange nachwirken.

Foto © Jonas Persson

Juli 2025, Aarhus an der Ostküste Jütlands. Der Store Sal im Musik­huset in der Mitte der zweit­größten Stadt Dänemarks, die sich nicht zu Unrecht als „Stadt des Lächelns“ vermarktet. Das mit allen Varianten von Proben­zimmern mit Klavier bis zum großen Saal mit bis zu 3.600 Plätzen ausge­statte Musikhaus ist das Zentrum der 6. European Coir Games. Auftritt eines Ensembles aus der Schweiz, des Oyenga Gospel­chors am Münster Basel, unter seinem Leiter Oliver Rudin. Der Fokus ist auf Jazz und Pop gerichtet. Die bühnen­er­fah­renen Sänger legen eine Perfor­mance hin, die im Klang, in der Homoge­nität der Stimm­gruppen und den choreo­gra­fi­schen Teilen das Publikum überzeugt.

Oyenga singt in vier Sprachen, darunter Xhosa, eine der Amtssprachen Südafrikas, eine Reminiszenz an eine Tournee des Chors in den Süden des Landes. Die Resonanz im Saal steigert sich bis in das Finale mit Beatboxing, der vokalen Adaption von Schlagzeug. Bestimmt zur Hälfte folgt das Publikum der Oyenga-Auffor­derung „Clap your hands!“, was in tosenden Beifall zum Abschluss übergeht. Alles nur Show? „Nein“, betont Rudin, „Singen im Chor macht das Authen­tische in uns bewusst.“

Rhythmus und raffi­nierte Tempo­wechsel prägen auch den Auftritt von Muzamies aus dem belgi­schen Gent. Der Frauen­popchor, geleitet von Joss Vanden Abeele, bewegt sich in einem modern arran­gierten Reper­toire von Songs von Lady Gaga und Beyoncé sowie neu insze­nierten Klassikern. Kein Wunder, dass Muzamies ein vor allem junges Publikum begeistert. Die Atmosphäre lässt auch die Erleich­terung über das Ende der Corona-Krise in der Welt der Laien­chöre erkennen.

In den kriti­schen Jahren ab 2020 erleben die Veran­stalter von Festivals massive Einbrüche. „Mit Sicherheit um ein Drittel“, weiß der Juror Jim Daus Hjernøe, Professor an der Royal Academy of Music Denmark, „vielleicht auch mehr.“ Jetzt reisen die Chöre wieder, die sich das leisten können oder Sponsoren haben. Und ziehen insbe­sondere ein Publikum an, das die Freude am Singen in Gemein­schaft und an Begeg­nungen mit anderen teilen möchte.

„Das Entschei­dende: Menschen zusammenbringen“

Über 130 Chöre aus 35 Ländern und Regionen mit annähernd 6.000 Mitwir­kenden sind zu den European Choir Games aufge­brochen. Sie werden von Inter­kultur in Koope­ration mit dem dänischen Partner veran­staltet. Die deutsche Organi­sation mit Sitz in Mittel­hessen richtet seit 35 Jahren Chorfes­tivals und Chorwett­be­werbe mit regio­nalem oder univer­salem Fokus aus. Über 11.000 Chöre mit fast einer halben Million Sängern aus 109 Ländern sind bislang ihrem Ruf gefolgt. Einer einfachen, aber Sinn stiftenden Devise, die Günter Titsch, Präsident von Inter­kultur, so formu­liert: „Rund um den Kern, den Gesang, wollen wir Menschen, Chorbe­geis­terte unabhängig von Herkunft, Alter und kultu­reller Prove­nienz zusam­men­bringen. Das ist das Entscheidende.“

Bedeu­tendste Marke sind die alle zwei Jahre auf unter­schied­lichen Konti­nenten statt­fin­denden World Choir Games. Deren 14. Ausgabe wird das schwe­dische Helsingborg im August 2026 sehen. Das europäische Format, vor Aarhus besonders in Riga 2017 und Göteborg 2019 erfolg­reich, ist im Grunde ein Derivat der univer­salen Marke. Um aller­dings auch Top-Chören frei von konti­nen­taler Bindung die Chance zur Teilnahme auf der europäi­schen Bühne zu eröffnen, sind die European Choir Games mit dem Veran­stal­tungs­format Grand Prix of Nations gekoppelt. Keine schlechte Idee. Chöre aus Australien, Costa Rica, Mexiko, China, Singapur, Indonesien, Südafrika, den Arabi­schen Emiraten und den USA akzen­tu­ieren den univer­sellen Charakter.

Singen im Chor heißt für den einzelnen Freude, Leiden­schaft, womöglich Hingabe an den Spirit der Gemein­schaft, wenn sich jeder als Teil von etwas Größerem versteht. Damit ist keine Suche nach Aufgabe der Indivi­dua­lität in der Konfor­mität gemeint. „Wir bejahen die Hetero­ge­nität in uns. Die Perfor­mance auf der Bühne legt die Energie in jedem Einzelnen offen“, bringt Rudin es anthro­po­lo­gisch auf den Punkt. Indivi­duelle Vorstel­lungen von Selbst­ver­wirk­li­chung verbinden sich mit dem Wunsch nach Gemein­schaft, nach Inter­aktion mit anderen, die das gleiche Interesse teilen. „Wenn ich nach den Quellen der Motivation zum Engagement im Chor gefragt werde“, unter­streicht Joris Derder, Leiter des Kamerkoor Koriolis aus dem belgi­schen Drongen, „verweise ich insbe­sondere auf den sozialen Aspekt. Der ist heute fast wichtiger als der musikalische.“

Welches Potenzial mit dem Engagement jedes einzelnen verbunden sein kann, demons­triert in Aarhus der Frauenchor Perfect Life Choir aus Italien, dessen Name schon den selbst gewählten Anspruch verrät. Chorleiter Filippo Finotti hat den jungen Könne­rinnen aus Genua eine von Tempe­rament inspi­rierte Linie vermittelt, die auf eine starke Bühnen­wirkung angelegt ist. Da vereinige sich Talent mit profes­sio­neller Auffassung und starkem Willen, meint Finotti. Perfect Life verab­schiedet sich mit Sound of silence, geschrieben von Paul Simon. Wie bei den Wettbe­werbs­titeln zuvor braust das Playback gewaltig. Doch zum Finale lassen die Sänge­rinnen die Intention des Songs konkret werden, ihn abrupt abreißen und halten sich, zu Salzsäulen erstarrt, die Hände vor den Mund. Ein Effekt mit einer magischen Wirkung.

Weltrang­liste der Top 1.000

Foto © Jonas Persson

Singen in Gemein­schaft bedeutet für den Chor als Gruppe bei Wettbe­werben, Behauptung im fried­lichen Wettkampf mit anderen zu suchen. Juroren vom Fach, in Aarhus mehr als 30, beurteilen die in verschie­denen Kategorien und Leistungs­stufen konkur­rie­renden Chöre nach einem Bewer­tungs­system, Musica Mundi genannt. Wichtige Kriterien sind Intonation, Technik, Homoge­nität, Musika­lität, Klang­qua­lität, Inter­pre­tation, Kommu­ni­kation. Die Wertungen manifes­tieren sich in Punkten, Diplomen und Medaillen frei nach dem System der Olympi­schen Spiele der Sportler, letztlich in einer Weltrang­liste, den Top 1000, die auch spezielle Kategorien vorsieht.

„Viele Chöre kommen insbe­sondere wegen der Rangliste“, sagt Titsch. „Ihre Position in der Liste wird auch in den Städten anerkannt, in denen sie leben.“ In Aarhus wird von einem Chor aus Südafrika berichtet, der sich auf die Reise gemacht hat, um bei den European Choir Games an seiner Qualität zu feilen und seinen Platz in der Rangliste zu verbessern. Wenn es ein Geheimnis um die Akzeptanz von Inter­kultur-Wettbe­werben überhaupt gibt, dann der Wunsch von Chören, von hoch anerkannten Musik­ex­perten bewertet zu werden. „Diese Wertungen“, weiß Titsch, „werden von ihnen akzep­tiert und helfen bei der Weiterentwicklung.“

Schon lange ist die reine Präsen­tation von Vokal­musik, das steife Stehen auf der Bühne überholt. Ausdruck zählt, Emotion und Ausstrahlung. Der Kinder- und Jugendchor Kajetán aus dem tsche­chi­schen Pilsen, der zur Oper der Stadt gehört, bringt die Pole wirksam zur Geltung. Gar so wirksam, dass das Ensemble der zehn- bis 18-jährigen Akteure sich gleich in zwei Kategorien auszeichnet.

Mit frischem Klang und einem außer­ge­wöhnlich breiten Spektrum an Titeln überzeugt der Kammerchor Cantamus Gießen, was ihm am Ende die Auszeichnung eines Champions of the European Coir Games einbringt. Im polyphonen Madri­galstil Fire, Fire von Thomas Morley. Ernsthaft versonnen die Motette Jubilate deo in der Version einer schwe­di­schen Kompo­nistin. Mit ungewöhn­lichen Rhythmen in afrika­ni­scher Klang­sprache Kasar mie la gaji, ein Lied über die „ermüdete Erde“, das den Menschen der Sahelzone zugeschrieben wird. Schließlich Die Nacht­wache 2 aus dem Zyklus von Johannes Brahms.

Welche Anspannung mit dem Cantamus-Auftritt der wechselnden Stile verbunden ist, wird deutlich, als Beifall der Erleich­terung hinter der Bühne aufbrandet, der auch vor der Bühne zu hören ist. „Natürlich freuen wir uns über die Wertschätzung, die mit der Auszeichnung verbunden ist“, resümiert Chorlei­terin Elisabeth Tzsch­entke. „Aber bedeu­tungs­voller ist, was wir über uns als Team und die Musik lernen konnten.“

Profes­sio­nelle Anfor­de­rungen, Punkte, Ranglisten scheinen den Schluss nahezu­legen, dass die Messlatte hoch liegt. In der Leistungs­spitze gewiss zutreffend. Einsteigen hingegen kann im Prinzip jeder, der singen möchte und die Bereit­schaft mitbringt, Noten zu lernen und regel­mäßig zu proben. Hierfür steht beispielhaft das A‑Cap­pella-Quartett S.P.A.M. aus den Nieder­landen, vier gestandene Männer über 65. Das Barbershop-Ensemble lässt seine homophonen Künste sogar in der Hotelbar vernehmen.

Die Philo­sophie des prinzi­piell barrie­re­freien Zugangs verkörpert kaum jemand überzeu­gender als Deke Sharon, der Wegbe­reiter einer modernen A‑cap­pella-Kultur. An die 200 Sänger mit Noten­blättern in der Hand folgen mit hoher Inten­sität seinem Workshop Pitch Perfect Singalong im Rytmisk Sal. Der US-Ameri­kaner war als Musik­di­rektor, Arrangeur und Vocal Producer für alle drei Pitch-Perfect-Filme engagiert, die die Geschichte der Studentin Beca erzählt, die auf die A‑Cap­pella-Gesangs­gruppe ihres Colleges trifft und sich mit ihnen entwi­ckelt. Förmlich zu spüren ist der Hunger der Teilnehmer nach neuen Ausdrucks­formen, wenn sie den Zeichen Sharons in Richtung Vocal Percussion folgen, was Zisch­laute oder auch rhyth­mi­sches Stampfen auf dem Boden bedeuten kann. Mit Erfolg, wie sich in der dichter werdenden Atmosphäre des Probens und erst recht zum Schluss im prasselnden Beifall zeigt.

Politik im offizi­ellen Sinne ist im Getriebe der Wettbe­werbe und Konzerte kein Thema. Eher als Ausnahme von der Regel erscheint die Mahnung zur Solida­rität mit den Paläs­ti­nensern in Gaza, die der Kultur­bür­ger­meister von Aarhus, Rabih Azad-Ahmad, in seiner Rede in der abschlie­ßenden Zeremonie in der Arena der Stadt vorbringt. Gleichwohl findet die Veran­staltung in einem politi­schen Kontext, in der One World, statt, die in Pop- und Chorsongs beschworen wird. Es hat unmit­telbar mit aktueller Politik zu tun, wenn Chöre aus Israel, die ihre Teilnahme gebucht haben, nicht anreisen können, weil Flüge wegen der Lage in ihrem Land gestrichen werden. Es hat einen politi­schen Stellenwert, wenn Chöre aus China auf den Taipai Fu-Hsing Private School Choir treffen. So wie bei früheren Inter­kultur-Wettbe­werben zu beobachten war, dass Chöre aus Nord- und Südkorea, Ensembles aus Israel und Iran unter den teilneh­menden Gruppen waren.

Ob aus diesen poten­zi­ellen Begeg­nungen, sofern sie überhaupt zustande kommen, etwas entsteht? Da kann nur speku­liert werden. Für Titsch steht ohnehin der Mensch an sich im Zentrum. „Unsere Veran­stal­tungen“, lautet seine Devise, „lehren uns, nicht zu schauen, woher der Andere kommt, sondern zu erfahren, was er für ein Mensch ist.“

Poten­zi­elles Korrektiv zu TikTok und Co.

Sind die 6. European Choir Games, um einmal zu bilan­zieren, eine Etappe auf dem Weg zu neuen Entwick­lungen? „In Aarhus zeigt sich wie in meinem Umfeld in Basel ein Trend junger Leute“, bejaht Rudin, „immer mehr soziale Kontakte zu suchen, auch in Projekt­chören.“ Auf längere Sicht könne dieser Trend sich als Korrektiv zur stunden­langen Beschäf­tigung mit Social Media und digitalen Games entwi­ckeln, vielleicht sogar die Abhän­gigkeit junger Menschen von TikTok und Co. verringern.

„Nein“, findet Jan-Hendrik Herrmann, Leiter des Jazzchors der Univer­sität Bonn, dessen naturnahe Gestaltung des Songs The Secret Garden der norwe­gi­schen Sängerin Aurora im Gedächtnis bleibt. Ihm seien keine Strömungen aufge­fallen, „die mir nicht vorher schon bekannt waren“. Besonders angenehme Gedanken verbindet Herrmann mit den ungezwun­genen Friendship Concerts, die zu einem Teil auf öffent­lichen Plätzen statt­finden „Dort haben wir wirklich schöne neue Chorbe­kannt­schaften knüpfen können.“

Der Spirit von Aarhus, das neu erworbene Wissen rund um das Singen im Chor wird sich verbreiten, zumal im digitalen Raum. Ein Effekt der technisch getrie­benen Kommu­ni­kation. In der finalen Gala intonieren das Festi­val­or­chester und die 200 Gesangs­künstler auf der Bühne der Arena Thank you for the music von Abba. Der Funken springt über auf Parkett und Ränge. Passender und emotio­naler kann der Nenner kaum ausge­drückt werden, der alle eint.

Ralf Siepmann

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