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Eigentlich legt das Muziekgebouw in Amsterdam Wert darauf, bei seinem Minimal Music Festival die amerikanischen Klassiker wie Steve Reich, Philipp Glass, Terry Riley oder La Monte Young aufzuführen. Auch Louis Andriessen und Simeon ten Holt finden als niederländische Vertreter dieser Musikrichtung einen Programmplatz. Deutsche Komponisten finden bislang wenig Widerhall. Das hat sich in diesem Jahr geändert.

Als der Klangkünstler Christof Schläger gebeten wurde, für das Festival Klangraum Flensburg 2007 eine Klanginstallation unter freiem Himmel zu schaffen, hatte er ein Problem. Wie beschallt man ein ganzes Hafenbecken? Da hilft kein Orchester, ein Streichquartett schon gar nicht. Selbst eine Blaskapelle käme auf einer Wasserfläche mit einer Distanz von 300 Metern kaum zur Geltung. Eigentlich, dachte Schläger damals, wäre dies der geeignete Zeitpunkt, den Auftrag dankend abzulehnen. Für die Reputation eines Klangkünstlers sicher wenig förderlich. Ungewöhnliche Situationen erfordern einfach ungewöhnliche Lösungen. Also begann Schläger, mit Schiffshörnern zu experimentieren. Die Installation wurde ein Erfolg, und eine große Idee nahm ihren Lauf.
Sechs Jahre später. Mikko Fritze ist zu diesem Zeitpunkt noch Leiter des Goethe-Instituts Helsinki. Heute leitet er das niederländische Institut. Was er 2013 im Hafen der finnischen Hauptstadt erlebt, raubt ihm den Atem. Schläger hat seine Schiffshornbatterie inzwischen von ursprünglich 33 Hörnern mehr als verdreifacht. Gleich fünf Spielorte wählt er, um den Hafen in einen „urbanen Konzertraum“ zu verwandeln. „Zwei Klangorte spielen über den Hafen hinweg, auf dem Eisbrecher Urho spielt die dritte Horngruppe zusammen mit zwei Chören. Außerdem sind sieben Heißluftballons im Einsatz“, erinnert sich Schläger. In einem Gespräch am Rande dieses Ereignisses wird die Frage aufgeworfen, warum keine Musik von Arvo Pärt zu hören war. Ja, warum nicht? Fritze verspricht, sich zu kümmern. Und es dauert lediglich drei weitere Jahre, bis Schläger und Pärt sich treffen. Dann aber geht es schnell. Pärt ist damit einverstanden, dass Schläger seine Kompositionen auf den Schiffshörnern interpretiert.
Mut zum Open-air im April
In Amsterdam ist der dritte April 2019 ein besonderer Tag. Denn im Muziekgebouw ann’t IJ beginnt das alljährliche Minimal Music Festival. Und es fängt mit einer Besonderheit an. Denn die Niederländer haben zur Eröffnung den Klangkünstler aus Herne eingeladen. Natürlich funktioniert so etwas nicht ohne besondere Beziehungen. Denn eigentlich konzentrieren sich die Festivalmacher auf Aufführungen von Kompositionen der amerikanischen Komponisten, manchmal dürfen es auch niederländische Komponisten sein. Aber inzwischen leitet Fritze ja das niederländische Goethe-Institut. Und dank seiner Partnerin Marjon Smit, die ihn künstlerisch kongenial unterstützt, lebt Schläger die Hälfte des Jahres in Amsterdam. „15 Jahre lebte ich in Amsterdam mit einem direkten Blick und Ohr aus das Java Island, wo laute Drum-and-Bass-Konzerte stattfanden“, erzählt Schläger. Jetzt erfährt er in der zweiten Heimat auch musikalische Anerkennung. Und prompt sieht es so aus, als fiele seine Aufführung ins Wasser. „Sturmböen, Regen und Hagelschauer, der April ließ grüßen“, erzählt Schläger vom Tag seines großen Auftritts. Gleich 144 Schiffshörner hat er aufgebaut. Sollte das wirklich alles buchstäblich ins Wasser fallen? „Pünktlich zum Konzert klarte es auf“, erzählt der Ausnahmemusiker und grinst ganz unverschämt.
Auch für ihn gibt es erst mal keine Ausnahme, was die Programmgestaltung angeht. Von zwei Klangorten aus ertönen Werke der Minimalisten Steve Reich und Philip Glass, die er mit seinen Schiffshörnern interpretiert. Aber zum Ende der halbstündigen Aufführung ist noch Zeit, zwei eigene Kompositionen unterzubringen. Nach Counterpoint von Reich schiebt Schläger Da pacem Domine von Pärt ein, ehe er Mad Rush von Philip Glass variiert. Und dann begeistert er das Publikum mit Java Triple und Transition, seinen eigenen Kompositionen. Beide beziehen sich auf den Veranstaltungsort. „Überholende Schiffsbewegungen mit ihren rhythmischen Diesel-Motorgeräuschen auf dem IJ“ haben Schläger zu Transition inspiriert, sagt er. Die Mischung aus repetitiven, pulsierenden, aber auch meditativen Elementen lässt das halbstündige Konzert nicht nur für Fans der Minimal Music zum Ereignis werden. So wird die Eröffnung des Festivals zum Erlebnis, das für das Festival einen Meilenstein setzt, ehe es zurück in den geschlossenen Raum geht.
Und die Erfolgsgeschichte der ungewöhnlichen Konzerte von Christof Schläger geht weiter. Am 3. August kann man sich selbst von den ungewöhnlich suggestiven Klängen der Schiffshörner überzeugen. Dann findet im Herner Kunstwald, direkt an der Siedlung Teutonia, das nächste Konzert statt. Das ist dann noch einmal ein besonderer Ort, weil der Klangkünstler dort sein Domizil in der Maschinenhalle hat. Hier fertigt Schläger seine Schiffshörner inzwischen teilweise selbst an. Ein magischer Ort für den, der sich auf die Kraft der Schiffshörner einlässt.
Das Video aus Amsterdam kann man sich hier anschauen.
Michael S. Zerban