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Szenenbild aus dem Fliegenden Holländer - Foto © Enrico Nawrath

Wagner in Frauenhänden

Allmählich gewöhnt sich auch die Presse daran, dass an den Dirigen­ten­pulten der Orchester Frauen ihren Platz einnehmen. Ganz ohne „Geschlech­ter­kampf“ überzeugen sie durch ihre musika­li­schen Leistungen. Für das Publikum ist es ohnehin schon längst Norma­lität, dass nicht mehr nur alte Männer in ihren letzten Lebens­jahren den Taktstock schwingen. Und doch gibt es bis zur tatsäch­lichen Gleich­stellung noch so manche Feinheit zu beachten, wie in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen zu erleben ist.

Oksana Lyniv – Foto © Bayreuther Festspiele

Wenn mit Oksana Lyniv und Nathalie Stutzmann neben drei männlichen Kollegen zwei Frauen bei den diesjäh­rigen Bayreuther Festspielen den Taktstock schwingen: Ist das noch eine Meldung wert oder spiegelt es nur die gestiegene Wertschätzung der Frauen in dem lange Zeit männer­do­mi­nierten Metier wieder? Als Joana Mallwitz 2020 als „erster Frau“ eine ganze Konzert­serie bei den Salzburger Festspielen anver­traut wurde und Oksana Lyniv ein Jahr später als „erste Frau“ nach 146 Jahren auch die Bastion der Bayreuther Festspiele eroberte, schlugen die Presse­wellen noch hoch.

In diesem Jahr scheint dieser Aspekt kaum noch eine Rolle zu spielen. Dass die Wahrnehmung als beson­deres Ereignis nachge­lassen hat, dürfte aller­dings auch daran liegen, dass Oksana Lyniv den Fliegenden Holländer bereits zum dritten Mal in Bayreuth dirigiert und die von Nathalie Stutzmann geleitete Wieder­auf­nahme des Tannhäuser weniger Beachtung findet als die Neuin­sze­nierung des Parsifal und das mit Spannung erwartete Dirigat des Rings durch Pietari Inkinen.

Ist es Zufall, dass die späten epochalen Brocken Wagners, der Tristan, der Ring und Parsifal, immer noch Männern vorbe­halten bleiben und den Frauen ausge­rechnet die frühesten Werke des Bayreuther Kanons überlassen werden? Quasi als Gesel­len­stücke, auch wenn beide Dirigen­tinnen mit ihrer Karriere längst die Meister­prüfung abgelegt haben. Die 45-jährige Ukrai­nerin Oksana Lyniv mit zahlreichen inter­na­tio­nalen Verpflich­tungen, seit letztem Jahr als Musik­chefin der Oper von Bologna und im Schatten des Kriegs in ihrer Heimat als engagierte Leiterin des Jugend­sin­fo­nie­or­chesters der Ukraine, das im letzten Jahr mit dem Musik­preis der Stadt Duisburg ausge­zeichnet wurde.

Ihre 58-jährige franzö­sische Kollegin Nathalie Stutzmann kann sowohl als exzel­lente Altistin als auch als Dirigentin auf eine lange Karriere zurück­blicken. So beispiels­weise als Chefdi­ri­gentin des norwe­gi­schen Kristi­ansand Symphony Orchestra, als Musik­di­rek­torin des Atlanta Symphony Orchestra und Erste Gastdi­ri­gentin des Philadelphia Orchestra.

Nathalie Stutzmann – Foto © Simon Fowler

Leichter haben es die Damen mit den relativ kurzen Frühwerken Wagners aller­dings nicht. Schließlich stehen der Holländer und der Tannhäuser noch in klang­lichen Tradi­tionen Webers, die mit den akusti­schen Bedin­gungen des Festspiel­hauses erheblich weniger kompa­tibel sind als der Ring oder gar Parsifal. Und die komplexen Chorszenen im Holländer wertete selbst Christian Thielemann als eine der heikelsten Heraus­for­de­rungen auf dem Grünen Hügel. Unbeein­druckt von allen Vorur­teilen nehmen beide Damen ihre Aufgaben mit großem Selbst­ver­trauen in Angriff.

Die mittler­weile Bayreuth-erfahrene Oksana Lyniv lässt im Orchester die Seestürme und den emotio­nalen Druck anklingen, den Regisseur Dmitri Tcher­niakov in seiner eher nüchternen Insze­nierung vermissen lässt. Auch Nathalie Stutzmann fegt zunächst mit großer Energie durch die Tannhäuser-Ouvertüre, findet aber schnell die nötige Ruhe für feinere Töne. Dass sie als ehemalige Sängerin besondere Rücksicht auf die Gesangs­so­listen nimmt, verwundert nicht, auch wenn sie ihnen mit dem extrem langsam genom­menen dritten Akt ein Maximum an Atemkon­trolle abver­langt. Dynamisch hält sie sich so weit zurück, dass sich selbst Klaus Florian Vogt in der Titel­rolle mit seiner nicht gerade stahl­harten Stimme mühelos durch­setzen kann.

Eine Sensi­bi­lität, die auch Oksana Lynivs Dirigat auszeichnet, was sich vorteilhaft auf die Textver­ständ­lichkeit fast aller Sänger und nicht nur Michael Volle als überra­genden Holländer auswirkt.

Als weiteren Meilen­stein auf dem Weg zu paritä­ti­scher Ausge­wo­genheit warten wir also auf einen Ring oder Parsifal unter den Händen einer Frau.

Pedro Obiera

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