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Allmählich gewöhnt sich auch die Presse daran, dass an den Dirigentenpulten der Orchester Frauen ihren Platz einnehmen. Ganz ohne „Geschlechterkampf“ überzeugen sie durch ihre musikalischen Leistungen. Für das Publikum ist es ohnehin schon längst Normalität, dass nicht mehr nur alte Männer in ihren letzten Lebensjahren den Taktstock schwingen. Und doch gibt es bis zur tatsächlichen Gleichstellung noch so manche Feinheit zu beachten, wie in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen zu erleben ist.

Wenn mit Oksana Lyniv und Nathalie Stutzmann neben drei männlichen Kollegen zwei Frauen bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen den Taktstock schwingen: Ist das noch eine Meldung wert oder spiegelt es nur die gestiegene Wertschätzung der Frauen in dem lange Zeit männerdominierten Metier wieder? Als Joana Mallwitz 2020 als „erster Frau“ eine ganze Konzertserie bei den Salzburger Festspielen anvertraut wurde und Oksana Lyniv ein Jahr später als „erste Frau“ nach 146 Jahren auch die Bastion der Bayreuther Festspiele eroberte, schlugen die Pressewellen noch hoch.
In diesem Jahr scheint dieser Aspekt kaum noch eine Rolle zu spielen. Dass die Wahrnehmung als besonderes Ereignis nachgelassen hat, dürfte allerdings auch daran liegen, dass Oksana Lyniv den Fliegenden Holländer bereits zum dritten Mal in Bayreuth dirigiert und die von Nathalie Stutzmann geleitete Wiederaufnahme des Tannhäuser weniger Beachtung findet als die Neuinszenierung des Parsifal und das mit Spannung erwartete Dirigat des Rings durch Pietari Inkinen.
Ist es Zufall, dass die späten epochalen Brocken Wagners, der Tristan, der Ring und Parsifal, immer noch Männern vorbehalten bleiben und den Frauen ausgerechnet die frühesten Werke des Bayreuther Kanons überlassen werden? Quasi als Gesellenstücke, auch wenn beide Dirigentinnen mit ihrer Karriere längst die Meisterprüfung abgelegt haben. Die 45-jährige Ukrainerin Oksana Lyniv mit zahlreichen internationalen Verpflichtungen, seit letztem Jahr als Musikchefin der Oper von Bologna und im Schatten des Kriegs in ihrer Heimat als engagierte Leiterin des Jugendsinfonieorchesters der Ukraine, das im letzten Jahr mit dem Musikpreis der Stadt Duisburg ausgezeichnet wurde.
Ihre 58-jährige französische Kollegin Nathalie Stutzmann kann sowohl als exzellente Altistin als auch als Dirigentin auf eine lange Karriere zurückblicken. So beispielsweise als Chefdirigentin des norwegischen Kristiansand Symphony Orchestra, als Musikdirektorin des Atlanta Symphony Orchestra und Erste Gastdirigentin des Philadelphia Orchestra.

Leichter haben es die Damen mit den relativ kurzen Frühwerken Wagners allerdings nicht. Schließlich stehen der Holländer und der Tannhäuser noch in klanglichen Traditionen Webers, die mit den akustischen Bedingungen des Festspielhauses erheblich weniger kompatibel sind als der Ring oder gar Parsifal. Und die komplexen Chorszenen im Holländer wertete selbst Christian Thielemann als eine der heikelsten Herausforderungen auf dem Grünen Hügel. Unbeeindruckt von allen Vorurteilen nehmen beide Damen ihre Aufgaben mit großem Selbstvertrauen in Angriff.
Die mittlerweile Bayreuth-erfahrene Oksana Lyniv lässt im Orchester die Seestürme und den emotionalen Druck anklingen, den Regisseur Dmitri Tcherniakov in seiner eher nüchternen Inszenierung vermissen lässt. Auch Nathalie Stutzmann fegt zunächst mit großer Energie durch die Tannhäuser-Ouvertüre, findet aber schnell die nötige Ruhe für feinere Töne. Dass sie als ehemalige Sängerin besondere Rücksicht auf die Gesangssolisten nimmt, verwundert nicht, auch wenn sie ihnen mit dem extrem langsam genommenen dritten Akt ein Maximum an Atemkontrolle abverlangt. Dynamisch hält sie sich so weit zurück, dass sich selbst Klaus Florian Vogt in der Titelrolle mit seiner nicht gerade stahlharten Stimme mühelos durchsetzen kann.
Eine Sensibilität, die auch Oksana Lynivs Dirigat auszeichnet, was sich vorteilhaft auf die Textverständlichkeit fast aller Sänger und nicht nur Michael Volle als überragenden Holländer auswirkt.
Als weiteren Meilenstein auf dem Weg zu paritätischer Ausgewogenheit warten wir also auf einen Ring oder Parsifal unter den Händen einer Frau.
Pedro Obiera