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Das Festspielhaus in Bayreuth um 1900 - Foto © N.N.

Was nach Leubald kam

Im Auftrag der Richard-Wagner-Verbände Nürnberg und München hat Frank Piontek das Wagner-Werk-Verzeichnis durch­forstet und einen Vortrag erarbeitet, der in einer Video-Konferenz präsen­tiert wurde. Aus einer überra­schenden Vielzahl an Werken stellte der Bayreuther Wagner-Experte einige Stücke exempla­risch vor.

Frank Piontek – Bildschirmfoto

Fragt man den Opern­lieb­haber nach Werken von Richard Wagner, dann fallen den meisten doch die zehn großen Werke ein, die auch in Bayreuth gespielt werden, vom Fliegenden Holländer über den Tannhäuser und Lohengrin, zu den Meister­singern von Nürnberg und dem Tristan, die Tetra­logie der Ring des Nibelungen bis hin zum Parsifal. Der eine oder andere kennt noch den Rienzi. Die Wagne­rianer ergänzen natürlich noch die beiden Frühwerke Die Feen und Das Liebes­verbot, und ziehen selbst­ver­ständlich die Wesen­donck-Lieder und das Siegfried-Idyll aus dem Wissenshut. Das wars dann aber auch in der Regel. Doch natürlich hat Wagner viel mehr an Kompo­si­tionen hinter­lassen, vor allem aus seinen jüngeren Jahren. Vieles sind nur Fragmente, die teilweise bis heute gar nicht aufge­führt oder einge­spielt werden. Denn insgesamt gibt es 113 notierte Werke von Richard Wagner, die in dem Wagner-Werk-Verzeichnis (WWV) aufge­führt sind. Dieses Verzeichnis aller musika­li­schen Werke wurde im Rahmen der Gesamt­ausgabe der Werke Richard Wagners von John Death­ridge, Martin Geck und Egon Voss erarbeitet und vom Schott-Verlag 1986 heraus­ge­geben. Also erst seit 35 Jahren gibt es dieses komplette Verzeichnis, das fundierte Nachweise zur Entste­hungszeit, zu sämtlichen Entwürfen, Skizzen und Erstschriften der Texte Wagners sowie zur Ausführung der Kompo­sition, unter­schieden nach Skizzen, Partitur, Klavier­auszug sowie Hinweise zu den veröf­fent­lichten Ausgaben der Werke, und Erläu­te­rungen zur Entstehung und Auffüh­rungs­praxis der insgesamt 113 Werke enthält. Davon sind etwa 60 Opus-Nummern Werke, die man aufführen kann, die aber nicht zu der Gattung Oper zählen. Im Werkver­zeichnis erfasst sind sämtliche nachweislich von Wagner zu Papier gebrachte Arbeiten, auch wenn diese zum Teil verschollen sind oder – wie einige frühe Arbeiten – von ihm selbst vernichtet wurden. Die Nr. 1 im Werkver­zeichnis ist Wagners erster drama­ti­scher Versuch, das Trauer­spiel in fünf Aufzügen Leubald, das erst 1989 durch die Studio­bühne Bayreuth seine späte Urauf­führung erlebte. Laut Piontek war der Leubald in etwa so lang wie Shake­speares Hamlet, und Wagner war gerade einmal 16 Jahre alt, als er dieses Stück schrieb. Zum WWV zählen auch kleine Gelegen­heits­kom­po­si­tionen wie Album­blätter, Widmungen, Fragmente oder zur Kompo­sition vorge­sehene Texte, die Wagner dann jedoch nicht in Musik umgesetzt hat, wie Jesus von Nazareth, WWV 80 oder Wieland der Schmied, WWV 82. Dazu kommen einige Bearbei­tungen von Werken anderer Kompo­nisten, etwa von Christoph Willibald Glucks Iphigenie en Aulide, WWV 77, die jahrzehn­telang die meist­ge­spielte Fassung auf allen europäi­schen Bühnen war, auch eine Bearbeitung von Mozarts Don Giovanni, WWV 83, und vieles mehr.

Der Bayreuther Publizist und Wagner-Experte Frank Piontek hat in einem Video-Vortrag, der durch die Richard-Wagner-Verbände Nürnberg und München organi­siert wurde, mit dieser Einführung die über 100 zugeschal­teten Zuhörer, allesamt Mitglieder diverser Wagner-Verbände und Kenner und Liebhaber seiner Werke, verblüfft, denn kaum einer hätte mit einer derart hohen Zahl an notierten Werken gerechnet. Was weiter erstaunt, dass es bis heute keine Gesamt­ausgabe seiner musika­li­schen Werke in einer Edition gibt. Natürlich gibt es die eingangs erwähnten Opern in zahlreichen Einspie­lungen, auch diverse Märsche, seine zwei Sinfonien und einige Raritäten sind verfügbar, aber es gibt, teilweise nur auf dem „grauen Markt“, so Piontek, die eine oder andere Aufnahme von einem Jugendwerk, das offiziell eigentlich gar nicht verfügbar ist. Piontek hat sich deshalb für diesen Vortrag zehn Frühwerke Wagners aus der Schaf­fenszeit bis 1841 vorge­nommen, um sie teilweise musika­lisch vorzu­stellen und sowohl auf die Rezep­ti­ons­ge­schichte dieser Werke als auch auf die Verbindung zu späteren Werken hinzu­weisen. In gewohnt lockerer und humor­voller Art absol­vierte Piontek in 90 Minuten einen Parforce-Ritt durch diese Werke. Nach Piontek war Wagner ein „fleißiger“ Komponist, der vor allem in jungen Jahren viel produ­zierte und sich dabei natürlich weiter­ent­wi­ckelte. In jungen Jahren erstellte er beispiels­weise einen Klavier­auszug aus Beethovens Symphonie Nr. 9, überhaupt sollte Beethoven für ihn eine Leitfigur werden, an der er sich abarbeiten konnte. Piontek stellt die Frage in den Raum: „Wo ist der wahre Wagner in seinen Jugendkompositionen?“.

Das erste Werk, das Piontek in seinem Vortrag vorstellt, sind die Sieben Kompo­si­tionen zu Goethes Faust, WWV Nr. 15, davon die ersten beiden Lieder Lied der Soldaten und Bauer unter der Linde, geschrieben 1831. Während das erste Lied für Männerchor mit Klavier­be­gleitung geschrieben wurde, finden wir bei dem zweiten Lied einen gemischten Chor. Martin Gregor-Dellin hat diese Lieder laut Piontek als „Lieder­ta­felstil“ bezeichnet, und den typischen Wagner hört man da noch nicht so richtig raus.  Inter­es­santer wird es dann, wenn Piontek sich mit der Gattung Konzer­tou­vertüre bei Wagner beschäftigt. Die Konzer­tou­vertüre in D‑Moll, von der es zwei Fassungen gibt und die ebenfalls von 1831 ist, hat eine enge Anbindung an das Vorbild Beethoven. Zu diesem Zeitpunkt studierte der junge Wagner noch bei Christian Gottlieb Müller, einem Mitglied des Leipziger Gewand­haus­or­chesters, der ihm zwischen 1829 und 1831 die Grundzüge der Harmonik beizu­bringen versuchte. Einer ersten Fassung vom 26. September 1831 folgte bald darauf eine zweite, die das Abschluss­datum 4. November 1831 trägt. Das Stück ertönte zum ersten Mal in Leipzig am Weihnachtstag 1831. In seiner Autobio­grafie Mein Leben gestand Wagner freimütig, daß das Stück “stark auf der Beetho­ven­schen Coriolan-Ouvertüre fußte”, mit der es tatsächlich die Tonart d‑Moll sowie etliche Details gemeinsam hat. Daneben kann der Kenner in zwei Takten Anklänge an Wagners Parsifal heraus­hören, seinem Alterswerk, dass er fast 50 Jahre später erst vollendete. Zufall oder Zukunfts­musik? Das weiß man leider nicht.

Eine Fantasie ist beste Klavierkomposition

Als Wagners „beste Klavier­kom­po­sition“ bezeichnet Piontek die Fantasie in Fis-Moll, ebenfalls von 1831.  Ein weiteres Frühwerk aus dieser Schaf­fens­pe­riode stellt die Große Sonate in A‑Dur für Klavier, op.4, WWV 26, aus dem Jahre 1832 dar. Eines seiner ersten unvoll­endeten Opern­frag­mente ist die Hochzeit aus dem Jahre 1832, WWV 31, die ein Jahr vor seinem Opern­erstling die Feen entstand. Wagner schrieb das Libretto und begann im Herbst 1832 im Alter von 19 Jahren mit der Kompo­sition. Nachdem seine Schwester Rosalie, die Haupt­un­ter­stüt­zerin und Wortfüh­rerin der Familie, ihr Missfallen zum Ausdruck gebracht hatte, verwarf Wagner das Projekt und vernichtete das Manuskript. Lediglich die Intro­duktion, ein Chor und ein Septett aus der Oper sind erhalten geblieben. Für Piontek hat die Konstel­lation eine Ähnlichkeit zu Tristan und Isolde, aller­dings ohne Erlösungs­finale. „Am Ende hat die Frau entseelt zu Boden zu sinken, so ist das bei Wagner“, sagt Piontek.

Eines seiner bekann­testen Instru­men­tal­werke ist seine Symphonie in C‑Dur WWV29, die zwischen April und Juni 1832, am Ende seiner Studien bei Weinlig, entstanden ist. Wagner selbst schrieb in seinen Erinne­rungen zu dieser Kompo­sition nicht nur von Beethoven als Vorbild, sondern auch von Mozarts großer Sinfonie in C‑Dur. Die fragmen­ta­rische Symphonie E‑Dur WWV35 entstand im August und September 1834. Wagner hatte laut Piontek versucht, Teile seiner Klavier­sonate in A‑Dur zu instru­men­tieren und neu zusam­men­zu­stellen, kommt aber nicht über den zweiten Satz hinaus. Aus einer Sonate kann man eben nicht einfach eine Symphonie formen, das muss auch Wagner sich eingestehen.

Wagners „schlech­teste Kompo­sition“ ist für Piontek eindeutig die Nikolai­hymne für Solotenor (oder ‑sopran), vierstim­migen gemischten Chor und großes Orchester, WWV 44. Das Werk entstand im Herbst 1837 zur Feier des Namenstags des russi­schen Zaren Nikolai. Zu diesem Zeitpunkt fungierte Wagner als musika­li­scher Leiter des Stadt­theaters der letti­schen Haupt­stadt Riga, die damals zum russi­schen Reich gehörte. Auch dieses Chorwerk wurde Wagner offiziell in Auftrag gegeben, wurde jedoch bei der Rigaer Urauf­führung am 21. November 1837 derart erfolg­reich aufge­nommen, daß es Jahre danach zum gleichen Anlass wiederholt wurde. In seiner Autobio­grafie äußerte sich Wagner später nicht ganz ohne Stolz auf seine jugend­liche Leistung: „Für den Namenstag des Kaisers Nikolaus ward mir die Kompo­sition einer von Brackel gedich­teten ‚Natio­nal­hymne‘ übertragen, welcher ich eine möglichst despo­tisch-patri­ar­cha­lische Färbung zu geben suchte und damit nicht weniger Ruhm einlegte, da sie alljährlich am gleichen Tage eine Zeitlang wiederholt aufge­führt wurde.“ Piontek bewertet das Werk als so schlecht gemacht, dass es fast schon nach Absicht aussah. Diese Hymne als politi­sches Gebrauchs­stück, wie es Piontek nannte, enthalte bereits Anklänge an die Meister­singer.  Ein weiteres unbekanntes Werk ist die Instru­men­tation des Duetts aus Gioac­chino Rossinis Les soirées musicales mit dem Titel Die Matrosen (I marinari), WWV 47, für Orchester und Gesangs­stimmen. Es entstammt aus seiner Zeit in Riga und wurde vermutlich am 19. März 1838 uraufgeführt.

Das letzte Werk, das Piontek vorstellt, heißt Männerlist größer als Frauenlist oder Die glück­liche Bären­fa­milie, WWV 48, ein unvoll­endetes Singspiel, geschrieben zwischen 1837 und 1838. Das Werk war Wagners letztes Opern­projekt, bevor er sich auf den Rienzi einließ. Das Stück galt lange als verschollen, das Libretto und drei vollendete Musik­nummern wurden 1994 in einer Privat­sammlung entdeckt und später für das Archiv der Richard-Wagner-Stiftung in Bayreuth erworben. Das Werk wurde im März 2013 in Berlin szenisch-musika­lisch urauf­ge­führt. Piontek zeigte einen Video­aus­schnitt der Nürnberger Pocket-Opera, die dieses Projekt ebenfalls zur Aufführung gebracht hatte.

Es war letzt­endlich auch nur ein kleiner, aber dafür sehr wohl ausge­wählter und fachkundig kommen­tierter Ausschnitt aus Wagners unbekannten Frühwerken, die Frank Piontek präsen­tiert hat. Auch für den wissenden Wagne­rianer gab es bei diesem Vortrag neben heiteren Anekdoten viele neue Erkennt­nisse und eine Erwei­terung des Wagner­schen Horizontes, der niemals ganz abgeschlossen sein wird.

Andreas H. Hölscher

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