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Hasse-Haus in Bergedorf - Foto © N.N.

Der Unaufhaltsame

Gekrönte Häupter suchen seine Nähe, fragen um Kompo­si­tionen bei ihm an. Die Impresari der bedeu­tendsten Theater reißen sich um seine Werke. Mitte des 18. Jahrhun­derts ist er einer der einfluss­reichsten Opern­kom­po­nisten in Europa und mit seiner Ehefrau Faustina Bordoni das Glamourpaar Dresdens und Venedigs. Seit einiger Zeit sind Bestre­bungen zu beobachten, Johann Adolf Hasse stärker im Opern- und Konzert­be­trieb wahrzu­nehmen. Das Werk des Kompo­nisten und seine Heimat­stadt Bergedorf, heute ein Stadtteil Hamburgs, hätten es verdient. 

Wolfgang Hochstein – Foto © O‑Ton

Das oberste Stockwerk im ehema­ligen Organis­tenhaus der Kirche St. Petri und Pauli in Bergedorf. Eine Oase in einer Fußgän­gerzone, um die ringsum städti­sches Leben brodelt. Hier ist in engen Räumen mit zahlreichen Büchern, Broschüren, Tonträgern und Mikro­filmen das Hasse-Institut unter­ge­bracht. „Es ist der ideale Ort“, sagt Wolfgang Hochstein, „um Hasse, seinem Werk und Begeg­nungen in seinem Geiste eine Heimstatt zu geben.“

Hochstein ist Musik­wis­sen­schaftler, Cembalist und Dirigent sowie Vorsit­zender der Hasse-Gesell­schaft Bergedorf. Engagiert und fakten­reich erklärt er dem Besucher die Bedeutung von Johann Adolf Hasse. „Es kann kein Zweifel bestehen“, betont er, „dass Hasses heutige Bedeutung in keinem Verhältnis zu seiner Relevanz als Wegbe­reiter der frühen Klassik steht.“

1699 wird Hasse im damals eigen­stän­digen Bergedorf geboren. Er macht in Italien und Dresden eine steile Karriere und ist bald einer der erfolg­reichsten Opern­kom­po­nisten überhaupt. Auffüh­rungen seiner Werke im Stil der italie­ni­schen Oper finden sich in ganz Europa, in Venedig, St. Petersburg, London, Wien, Madrid und La Valletta.

Nach Hasse-Kompo­si­tionen im aktuellen Opern- und Konzert­be­trieb zu suchen, ist aufschluss­reich. Zeigt das breite Genre­spektrum, in dem sich Hasse bewegt. Ouvertüre und Arien aus seiner Oper Demofoonte, 1748 in Dresden urauf­ge­führt, sind Teil des Programms mit Philippe Jaroussky am 22. November im Konzerthaus Dortmund. Seine Trio-Sonate e‑Moll op.2/1 ist im Rahmen eines Kammer­kon­zerts am 17. Dezember im Neuhaussaal Regensburg zu hören. Das Händel­fest­spiel­or­chester bringt am 4. April 2024 in der Univer­sität Halle Auszüge aus seiner Oper Romolo ed Ersilia, 1765 in Innsbruck urauf­ge­führt. Eine Auswahl seiner Sonaten und Kantaten steht im Mittel­punkt eines Kammer­kon­zerts am 12. Dezember im Licht­warksaal neben dem Hamburger Komponistenquartier.

Elegant, melodisch, gefühlvoll

Per questo dolce amplesso aus der Oper Artaserse, bei der Urauf­führung 1730 in Venedig von dem Kastraten Farinelli gesungen, zählt zu den melodischsten und gefühlstärksten Vokal­stücken Hasses. Heutige Inter­preten bauen es gern in ihre Konzert­pro­gramme ein. Berückend inter­pre­tiert es die Mezzo­so­pra­nistin Vivica Genaux in der auf CD erschienen Sammlung Arias for Farinelli. Der gradlinige Charme des Stücks scheint auch über der Biografie eines Mannes zu liegen, der aus einem norddeut­schen Städtchen mit wenigen Tausend Bewohnern aufbricht, um die Welt Schritt für Schritt zu erobern, jeden­falls die Welt der Musik. Was ihm, dem Unauf­halt­samen, auch gelingt mit einem Leben, das heute einen Filmstoff abgäbe.

Hasse entstammt einer Familie, die über drei Genera­tionen das Organis­tenamt an St. Petri und Pauli versieht. „Das ungeheure musika­lische Talent schon des jungen Hasse“, schwärmt Hochstein, „lässt sich an der Tatsache festmachen, dass er nach einem Gesangs­studium in Hamburg 1718 als Tenor an die Oper am Gänse­markt empfohlen wird.“ Ein Jahr später wechselt er nach Braun­schweig. Im dortigen Opernhaus wird 1721 sein Erstling Antioco aufge­führt. „Händel dirigiert zahlreiche Aufführung seiner Werke selbst“, erläutert Hochstein. „Mozart leitet Auffüh­rungen seiner Opern vom Cembalo aus, auf dem er Rezitative begleitet. Hasse singt die Titel­rolle seines Antioco höchst persönlich. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal.“

Italien, Hasses anschlie­ßende Station, wo er von 1722 bis 1725 in Neapel Kompo­sition bei Nicola Porpora und mögli­cher­weise kurz bei Alessandro Scarlatti studiert, stellt sich als entschei­dende Weichen­stellung heraus. Nach Sesostrate 1726, seinem erfolg­reichen Debüt am Teatro San Barto­lomeo in Neapel, folgt in dichter Reihen­folge Oper um Oper. Sie machen in anderen Städten und außerhalb Italiens Furore.

Rasch verbreiten sie den Ruhm des Kompo­nisten, der nach seinem Tod mit dem Beinamen Divino sassone geehrt wird, in Deutschland. Eine Kurio­sität, rühmt sich doch Händel, in London als Il caro sassone geschätzt zu werden. Anders als sein Hallenser Landsmann, der die Rivalität etwa mit Giovanni Bononcini und Carl Heinrich Graun geradezu herbei­kom­po­niert, sucht Hasse nicht die Konfron­tation mit Händel. Einla­dungen nach London schlägt er aus. Am Ende summieren sich Hasses Opern­kom­po­si­tionen auf rund 60, nicht wenige davon in zwei Fassungen. Eine erstaun­liche Zahl neben seinem weit gefächerten Kanon an Oratorien, geist­licher und Kammermusik.

In dem jungen Deutschen heißen die Größen der italie­ni­schen Oper nicht nur einen aufge­schlos­senen Schüler willkommen. „Er bezau­berte alle, auch die Frauen,“ notiert Moritz Fürstenau, ein Flötist und Chronist des Dresdner Musik­lebens, in einem Artikel zu Hasse. Den stärksten Eindruck macht Hasse auf Faustina Bordoni, eine als La nuova Sirena umschwärmte Mezzo­so­pra­nistin, erfolg­reich in Händels Londoner Opern­company. Durch­set­zungs­stark auch im Wettbewerb mit der Händel-Favoritin Francesca Cuzzoni, ihrer Neben­buh­lerin auf der Bühne wie im small talk der Aristo­kratie. Nach Zwischen­sta­tionen in Mailand und München ist sie zurück in Venedig, wo sie Hasse kennenlernt.

Leiter der Dresdner Hofkapelle

Dorothee Oberlinger – Foto © O‑Ton

Ab Juli 1731, ein Jahr nach ihrer Heirat, geben die Hasses ein dreimo­na­tiges Gastspiel in Dresden. Die Urauf­führung seiner Oper Cleofide wird ein Erfolg, dessen Zeuge auch Johann Sebastian Bach wird. Der Aufenthalt ist mit weitrei­chenden Folgen für die Laufbahn des Kompo­nisten verbunden. August III., der Sohn Augusts des Starken, ernennt ihn zum Leiter der Hofka­pelle, damals eine der einfluss­reichsten Positionen im europäi­schen Musik­leben. Er verleiht ihm den Titel eines Königlich Polni­schen und Kurfürstlich Sächsi­schen Kapellmeisters.

In den dreißig Jahren in diesem Amt profi­liert Hasse die Musiker und das Sänger­ensemble zu einer ersten Adresse des kulti­vierten Musizierens in Europa. „Das Orchester galt als so vorbildlich,“ berichtet Hochstein, „dass Jean-Jacques Rousseau es als das beste in Europa rühmt und den Sitzplan des Klang­körpers in seinem Diction­naire de musique als Muster­bei­spiel veröffentlicht.“

Zum Dank gewährt der Dresdner Hof Hasse viele Freiheiten. Er kann mit seiner Frau zwischen Dresden und Venedig – auch in eigener Kutsche – so selbst­ver­ständlich pendeln, wie heute gefragte Sänger und Dirigenten von Kontinent zu Kontinent fliegen. Paris, Berlin, München, Wien sowie mehrere italie­nische Städte gehören ferner zu seinen Stationen. Da das König­reich Sachsen nach dem Sieben­jäh­rigen Krieg am Boden liegt, siedelt Hasse 1764 nach Wien über. Dort hält das Kaisertum noch gegen die Reformer um Christoph Willibald Gluck am Stil der von Hasse vollendeten Opera seria fest. Doch ist auch Hasses Werk von mancherlei Neuerungen erfüllt.

Die letzten vier in Wien im engen Mitein­ander mit seinem Libret­tisten und Freund Pietro Metastasio entste­henden Opern bilden zusammen mit dem tragi­schen Inter­mezzo Piramo e Tisbe den Schluss­stein seiner Kompo­nis­ten­ka­the­drale im Seria-Fach. Danach kompo­niert er überwiegend Sakral­musik, darunter drei große Orches­ter­messen. 1783 stirbt Hasse in Venedig. Er überlebt Faustina, die sich bereits 1751 nach einer Aufführung von Hasses Oper Ciro ricono­sciuto von der Bühne zurück­zieht, um zwei Jahre.

Hasses Stil lässt sich als elegant und gleichwohl schlicht beschreiben, als wirksam, aber frei von den pompösen Effekten, die Händel gelegentlich bevorzugt, um sein privat­wirt­schaftlich geführtes Opern­un­ter­nehmen auf Kurs zu halten. Gibt es dann überhaupt einen Hasse-typischen Stil? „Seine Musik“, findet die Block­flö­ten­vir­tuosin Dorothee Oberlinger, Gründerin des Ensembles 1700, „ist sehr italie­nisch inspi­riert. Man merkt, dass er neapo­li­ta­nische Luft geatmet hat und sänge­risch denkt. Er hat einen ungeheuren melodi­schen Einfalls­reichtum, der die ganze Affekt­skala zu bedienen weiß.“ Sie selbst, sagt sie, schätze insbe­sondere die Seria Ezio. Und verrät: „Wenn ich ‚einen Hasse‘ dirigieren würde, stünde das Oratorium La Conver­sione di Sant’ Agostino auf dem Programm.“

Eine Marke seit 2002: Die Berge­dorfer Musiktage

Es ist keine Überra­schung, dass der Musik­lieb­haber auf Spuren Hasses in dessen Heimat­stadt stößt. Nicht unbedingt spekta­kulär, solange nicht der trutzige „Hasse-Turm“ bereits als spekta­kulär empfunden wird. Aber durchaus von Bedeutung. So sind seine Kompo­si­tionen ein, wenn auch nicht ausschließ­liches Element bei den jährlichen Berge­dorfer Musik­tagen. Sie werden seit 2002 von einem einge­tra­genen Verein veran­staltet. Ihr Gründer ist der Arzt Farhang Logmani. In den zwanzig Jahren seines Bestehens, heißt es in den Materialien zur Hasse-Gesell­schaft, habe sich der Verein ständig weiter­ent­wi­ckelt, „von anfangs nur wenigen Konzerten in Bergedorf bis hin zu über 20, auch in so großar­tigen Konzert­sälen wie der Elbphilharmonie“.

Heute ist Hasse bei weitem nicht so populär wie Händel, in dessen Namen allein in drei europäi­schen Städten Festspiele organi­siert werden. Könnte ein Grund hierfür sein, dass er nicht das Werk kompo­niert hat, das eine so große Verbreitung gefunden hat wie Händels Messias? „In der Tat“, findet Hochstein, „hat Hasse keinen Messias kompo­niert, dessen ungemeine Popula­rität nicht zuletzt den großen Chorsätzen zu verdanken ist.“ Seine Werke lebten hingegen von der Faszi­nation des solis­ti­schen Gesangs. Hochstein nennt unter diesem Aspekt Oratorien wie Pelle­grini oder Conver­sione und vor allem Piramo e Tisbe, ein Werk, das Hasse auf dem Höhepunkt seiner Kunst zeige. „Stücke wie dieses“, ist der Musik­wis­sen­schaftler überzeugt, „könnten eine Wieder­be­sinnung auf den Kompo­nisten fördern.“

Für eine stärkere Präsenz von Opern Hasses in Musik­theatern und Konzert­sälen macht sich Oberlinger stark. „Man muss etwas dafür tun, dass Kompo­nisten wie Hasse und Telemann wieder neu entdeckt werden. Die Musik des Übergangs zwischen Barock und Klassik benötigt viel Input.“ Hasses Musik fordere und beglücke zugleich. Sie benötige „große Könner­schaft in der Ausführung. Man muss Farben und Affekte, Dynamik, Artiku­la­tionen, Ornamente sehr geschmackvoll herausarbeiten.“

„Toll“ findet es die Spezia­listin im Fach Alte Musik, Hasse an „origi­nalen Schau­plätzen“ wieder­zu­ent­decken. So hätten anlässlich der Wieder­eröffnung des Markgräf­lichen Opern­hauses Bayreuth 2018 Werke von Hasse im Mittel­punkt des Festpro­gramms gestanden, vor allem sein Artaserse und eine Rekon­struktion des prunk­vollen Bühnen­bildes von Ezio.

2024 ist Anlass, Hasses 325. Geburtstag zu feiern. 2033, 250 Jahre nach seinem Tod könnte ein echtes Hasse-Jahr werden. Zeit genug, bis dahin für das Talent aus Bergedorf, das zum Star der Musikwelt seiner Zeit aufstieg, die relevanten Podien und die zugkräf­tigen Anlässe zu schaffen, die sein Werk allemal hergibt.

Ralf Siepmann

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