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David D'Or - Foto © Yan Revazov

In der Tradition verhaftet

Seit 30 Jahren gibt es in Berlin die Jüdischen Kulturtage, ein Festival, das gerade auch den nicht­jü­di­schen Mitbürgern Gelegenheit bieten soll, Einblick in die Vielfalt und Ausprägung unter­schied­lichster Tradition der jüdischen Gemeinde zu gewinnen. Vom 4. bis zum 12. November wurde den Berlinern ein abwechs­lungs­reiches Programm geboten, das die Vergan­genheit vielfach beleuchtete, die Entwick­lungen der Zukunft aber weitgehend ausließ.

Florian Stetter und Simon Strauß – Foto © Katja Priesnitz

Als Berlin 1987 anlässlich der 750-Jahrfeier ein großes Stadtfest organi­sierte, steuerte die jüdische Gemeinde ein erfolg­reiches Rahmen­pro­gramm bei. Daraus entstand die Idee, jüdische Kultur alljährlich im Rahmen eines Festivals zu präsen­tieren. Mittler­weile sind die Jüdischen Kulturtage zu einem festen Bestandteil der haupt­städ­ti­schen Kultur­land­schaft geworden und feiern in diesem Jahr ihre 30. Ausgabe. Seit 2016 unter dem neuen Namen „Shalom Berlin!“ und neuer Intendanz, die der gut vernetzte Event­ma­nager Gerhard Kämpfe übernommen hat.

Kämpfe hat sich als Leiter der beliebten sommer­lichen Classic-Open Air-Konzerte am Gendar­men­markt einen Namen gemacht, und er weiß, was ein größeres Publikum anspricht. Bewährtes und Populäres spielt bei der Festi­val­ge­staltung eine genauso wichtige Rolle, wie die Verpflichtung bekannter Künstler, wie Ilja Richter, der Kreisler-Chansons präsen­tiert, oder der israe­lische Popstar David d’Or, der erstmals in Berlin gastiert. Heftig bejubelt wird die von Regis­seurin Nadine Schori arran­gierte Hommage an den jüdischen Humor im Renais­sance­theater, die nach Kurt Tucholskys Schrif­ten­sammlung Lerne lachen, ohne zu weinen betitelt ist. Eine Reihe promi­nenter Schau­spieler und Musiker sind für dieses Spezi­fikum an Witz und Selbst­ironie aufge­boten und wenn sie, wie etwa Katharina Thalbach in Tucholskys Ehekrach oder Walter Kreye in Kishons Jüdisches Poker, treff­sicher die Pointen setzen, bleibt kein Auge trocken. Für musika­lische Farbtupfer und Stetl-Atmosphäre sorgen die von Sharon Brauner und Karsten Troyke vital vorge­tra­genen jiddi­schen Songs.

In eine ganz andere musika­lische Welt führt das Konzert von Ute Lemper in der Synagoge Rykestraße. In ihrem Programm Songs for Eternity stellt die Chanson­sän­gerin eine Auswahl von Liedern vor, die in Ghettos und Konzen­tra­ti­ons­lagern entstanden, und erzählt zwischen den Musik­nummern vom Hinter­grund der Kompo­si­tionen. Ihre Moderation wirkt etwas zu betrof­fen­heits­lastig, doch ihre musika­lische Darbietung ist beein­dru­ckend, wozu die fabel­hafte fünfköpfige Band mit beiträgt. Stimmlich kraftvoll und verin­ner­licht zugleich singt sie so unter­schied­liche Stücke wie den beklem­menden Ausschwitz­tango, einen Kabarettsong von Willy Rosen, oder das Kunstlied Marga­retk­elekh von Viktor Ullmann. Dieses Reper­toire zu Gehör zu bringen ist Ute Lemper ein Anliegen, das spüren die Zuhörer bei diesem bewegenden Konzert. Es ist ein wichtiger Baustein innerhalb der Gedenktage zum 9. November 1938, dem Beginn der Pogrome.

So wie auch die Deutsch­land­pre­miere des portu­gie­si­schen Spiel­films Der Konsul von Bordeaux im Kino Babylon. Er erinnert an den portu­gie­si­schen Diplo­maten Aristides de Sousa Mendes, der während des zweiten Weltkriegs Tausende von Juden durch das illegale Ausstellen von Visa das Leben rettete.

Mehr als reines Entertainment

Bei den Kultur­tagen geht es nicht allein um Kultur, sondern sie binden auch politische und gesell­schaft­liche Veran­stal­tungen mit ein. Dazu gehört die Verleihung des Heinz-Galinski-Preises, diesmal an den früheren Wehrbe­auf­tragten Reinhold Robbe für seine Verdienste um die deutsch-jüdische Verstän­digung. Oder auch der Tag der offenen Tür im Jüdischen Gemein­dehaus. Dort wird ein Balagan-Day geboten, „ein Kessel Buntes“, wie Balagan sehr frei übersetzt heißt. Hier bekommt man einen schönen Einblick in die jüdische Gemein­schaft, in die Senioren- und Kinder­arbeit, hier kann man sich einer Führung durchs Haus und seine Geschichte anschließen, koschere Gerichte kosten und sich von Klezmer-Musik mitreißen lassen.

Ein zusätz­liches Bonbon innerhalb der Festwoche bietet die Mendelssohn-Gesell­schaft an, die anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens ein kleines, aber sehr feines Film- und Litera­tur­fes­tival ausrichtet. An drei Tagen gibt es in der Mendelssohn-Remise, dem Ausstel­lungssaal der ehema­ligen Mendels­sohnbank, cineas­tische Lecker­bissen zu sehen, begleitet von passender Lektüre. Beispiels­weise werden Passagen aus Feucht­wangers Roman Jud Süss gelesen, bevor die englische Verfilmung Jew Süß von 1935 gezeigt wird – die im Gegensatz zum späteren antise­mi­ti­schen Propa­gan­dafilm Veit Harlans eine positive Sicht auf den histo­ri­schen Finanzrat Joseph Oppen­heimer vermittelt.

Um Litera­ri­sches geht es – natürlich – auch in der Autoren­buch­handlung. Hier wird der 150. Geburtstag des 1933 nach England emigrierten Journa­listen und Theater­kri­tikers Alfred Kerr gefeiert, mit einer Lesung von Briefen, die unter dem Titel Was ist der Mensch in Berlin im Aufbau-Verlag erschienen sind. Wobei der Abend mehr als eine Lesung ist, eher eine höchst anregende Begegnung zwischen dem Schau­spieler Florian Stetter und Simon Strauß, dem Theater­kri­tiker. Während Stetter durch seine lebendige, jugendlich ungestüme Vortrags­kunst begeistert, lernt man mit Strauß einen Formu­lie­rungs­künstler kennen, der zwischen den Briefen wunderbar anschaulich Biogra­phi­sches von Kerr erzählt. Daneben analy­siert er dessen Texte so brillant und ohne jegliche Trockenheit, dass klar wird, warum er sein Metier als Kunstform begreift.

Mehr geht immer

Weit weniger her machen die Mini-Revuen über zwei andere Exilanten: Mischa Spoli­ansky und Friedrich Hollaender. Angesichts der allen­falls bemühten Aktricen und der Fülle an Shows in Berlin, in denen gerade diese beiden Unter­hal­tungs­kom­po­nisten im Zentrum stehen, etwa das Hollaender-Solo von Dagmar Manzel oder der Spoli­ansky-Abend der Komischen Oper, stellt sich die Frage, ob es nicht lohnendere Sujets gegeben hätte.

Die Jüdischen Kulturtage richteten 2017 ihren Fokus auf die Vergan­genheit. Ausge­spart blieb hingegen die Gegenwart. Die fand ihren Platz parallel im Maxim-Gorki-Theater im Rahmen der Radikalen Jüdischen Kulturtage, bei denen es um Identi­fi­kation, Desin­te­gration und das „Neue Judentum“ ging. Und auch das ID-Festival, das seit 2015 als Plattform für israe­lisch-deutsche Künstler dient, ist eher zeitge­nös­sisch orien­tiert. Für die Zukunft wäre auch den Jüdischen Kultur­tagen ein bisschen mehr Mut zur Avant­garde zu wünschen.

Karin Coper

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