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Peter Wäch - Foto © privat

Pläne für viele Eventualitäten

Die Sparte Musik­theater von Theater Orchester Biel Solothurn wurde kürzlich als Haupt­stadt-Oper bezeichnet und das, obschon das Schweizer Städte­bund­theater mit weit weniger Gelder dotiert ist als der große Bruder in Bern. Intendant Dieter Kaegi führt TOBS, so die Kurzform, von Erfolg zu Erfolg. Die Zuschau­er­zahlen stiegen in der Saison 201819 erneut markant an. O‑Ton-Korre­spondent Peter Wäch will vom Opern- und Theater­kenner, der inter­na­tional bestens vernetzt ist, wissen, wie sich kleinere Häuser in der Corona-Krise behaupten und was die rigorosen Einschnitte für Kunst und Künstler bedeuten.

Szenenfoto Giovanna d’Arco – Foto © Joel Schumacher

Peter Wäch: Als in der Schweiz Mitte März dieses Jahres aufgrund der Corona-Infek­tionen der Lockdown beschlossen wurde, lief in Biel und Solothurn ihre rundum gerühmte Regie­arbeit zu Bartoks Einakter Herzog Blaubarts Burg. Wie sehr haben sie der Abbruch und die Schließung der Häuser als Opern­di­rektor und als Regisseur geschmerzt?
Dieter Kaegi: Jeder Moment einer Schließung wäre schmerzlich gewesen. Es ist schon so, dass TOBS mit Herzog Blaubarts Burg eine Produktion gelang, die überre­gional für Aufsehen sorgte. Alle  bevor­ste­henden Vorstel­lungen waren praktisch ausver­kauft. Außerdem stand mit der Produktion von Les Liaisons dange­reuses eine weitere attraktive Oper auf dem Spielplan.

Wäch: Sie nehmen die nächste Frage gleich vorweg. Zum Ende der Saison war eine Kopro­duktion einer Vivaldi-Oper geplant. Sie wollten Les Liaisons dange­reuses zeigen, die nach Kompo­si­tionen des Meisters neu konzi­piert wurde. Für die Sommeroper in Selzach war in diesem Jahr Verdis Don Carlos geplant, der nun auf das kommende Jahr verschoben wurde. Wird ihr Vivaldi-Projekt auch nachgeholt?
Kaegi: Das war in der Tat bitter. Die Proben zum Vivaldi hatten bereits begonnen, als wir alle unsere Aktivi­täten einstellen mussten. Wir haben nun die Produktion auf übernächste Saison verschoben.

Wäch: Sie sind seit 1980 in den Sparten Theater und vor allem in der Oper tätig und das weltweit. Hätten Sie sich je träumen lassen, dass es einmal zu einer solchen Krise kommen könnte?
Kaegi: Ich habe viele Krisen erlebt – die bisher heftigste war die Finanz­krise 2008 – aber sicher keine mit derar­tiger Vehemenz und mit derar­tigen Folgen für die Kultur. Theater, Musik, die ganze Kultur­szene haben noch jede Krise überlebt, das wird diesmal glück­li­cher­weise nicht anders sein.

Wäch: Sie klingen zuver­sichtlich, das ist wichtig. Wenn man histo­risch zurück­blickt, war die Oper in ihrer 400-jährigen Geschichte immer wieder Seuchen, tödlichen Fieber­er­kran­kungen und Kriegen ausge­setzt. Wie wurde das damals von Impre­sarios und Künstlern gehandhabt, wenn eine Epidemie durchs Land fegte?
Kaegi: Damals war vieles medizi­nisch und wissen­schaftlich nicht derart aufge­ar­beitet, wie das heute der Fall ist. Ich vermute Mal, dass man oft weiter­ge­spielt hat, weil man die Folgen nicht kannte.

Wäch: Das Städte­bund­theater Biel/​Solothurn, das auch viele Gastspiele bestreitet, ist mit knapp zwölf Millionen Franken deutlich weniger subven­tio­niert als zum Beispiel Konzert Theater Bern in der Schweizer Haupt­stadt mit 38 Millionen Franken. Trifft die Corona-Krise die kleinen Häuser somit härter als die großen?
Kaegi: Ja, leider. Schon deshalb, weil bei einer Wieder­auf­nahme des Probe- und Vorstel­lungs­be­triebs unter Berück­sich­tigung der verord­neten Schutz­maß­nahmen personal- und ressour­cen­mäßig Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen, die wir nicht haben. Außerdem sind bei größeren künst­le­ri­schen Ensembles die Ausweich­mög­lich­keiten in ein geeig­ne­teres Reper­toire einfacher. Wir müssen jeden Franken zweimal umdrehen, bevor wir ihn ausgeben. Das macht alles schwerer, in der Krise erst recht.

Wäch: In welchen Bereichen sind die Einbrüche bei TOBS infolge von ausge­setzten Produk­tionen am schlimmsten?
Kaegi: Es bezieht sich auf alle Sparten, und zwar in einer Saison, wo die Auslas­tungs­zahlen nochmals gestiegen sind. Und es wider­fährt nicht nur den abgesagten Vorstel­lungen in Biel und Solothurn, es betrifft unzählige Gastspiele unserer Produk­tionen in einem Dutzend anderer Theater in der Schweiz, wo wir regel­mäßig auftreten. Schließlich sind auch Auftritte im Ausland, Vermie­tungen unseres Orchesters, unseres Chors und vieles mehr betroffen.

Wäch: Sie sind Präsident des Schwei­ze­ri­schen Bühnen­ver­bands, künst­le­ri­scher Leiter des Black­water Valley Opera Festivals und engagieren sich auch für den Nachwuchs. Was bedeutet der Still­stand der Kultur für junge Künstler, aktuell und für die kommenden Jahre?
Kaegi: Wenn wir den Betrieb in den nächsten Wochen oder Monaten wieder­auf­nehmen, und wenn wir davon ausgehen können, dass sich die Lage relativ schnell norma­li­siert und wir mit keinen Langzeit­schäden rechnen müssen, wird sich der unmit­telbare Schaden für die jungen Künstler hoffentlich in Grenzen halten. Glück­li­cher­weise sind wir im Zeitalter des Internets in der Lage, Unter­richte, Kurse, Tutorien et cetera auf diesem Weg zu kompensieren.

Wäch: Bei Ihnen sind auch viele freischaf­fende Künst­le­rinnen und Künstler zu sehen und zu hören. Inwiefern werden diese Menschen aufgefangen?
Kaegi: Wir haben bei TOBS alle Löhne für die abgesagten Vorstel­lungen dieser Saison ausbe­zahlt. Bei der Kurzarbeit, die in der Schweiz mit 80 Prozent des Lohns vergütet wird, haben wir die restlichen 20 Prozent ergänzt. Wenn unser Vivaldi-Projekt zur Aufführung kommt, werden die Künst­le­rinnen und Künstler selbst­ver­ständlich wieder entlöhnt. Beim Black­water Valley Opera Festival in Irland, das fast ausschließlich über private Zuwen­dungen finan­ziert wird, haben wir den Künstlern einen Teil ihrer Gage erstattet und das gesamte Programm auf nächstes Jahr verschoben.

Wäch: Nun wird bereits über Sicher­heits­kon­zepte disku­tiert, damit die Häuser wieder öffnen und die Künstler auftreten können. Dabei müssen nicht nur Probe und Veran­staltung berück­sichtigt werden, sondern auch Toiletten, Kassen und der Pausen­be­trieb. Welche Bereiche erweisen sich hier am kniffligsten?
Kaegi: Der Schwei­ze­rische Bühnen­verband, zusammen mit dem Verband der techni­schen Bühnen- und Veran­stal­tungs­berufe sowie orchester​.ch sind daran, ein detail­liertes Schutz­konzept zu erarbeiten, das allen Inter­es­sierten zur Verfügung gestellt wird. Der erste Teil des Konzepts, der die Schutz­maß­nahmen für die Mitar­bei­tenden vorschlägt, liegt seit dem Wochenende vor. Der zweite Teil, der das Publikum und die ihm zur Verfügung stehenden Räume und Struk­turen betrifft, ist noch in Arbeit und wird demnächst vorliegen. Ich würde sagen, dass die größte Schwie­rigkeit darin besteht, dass sich die Parameter fast täglich ändern. Was heute gilt und verordnet wird, kann bereits morgen wieder Makulatur sein.

Szenenfoto Herzog Blaubarts Burg – Foto © Konstantin Nazlamov

Wäch: Intendant und Regisseur Barrie Kosky redet in diesem Zusam­menhang von mehreren Optionen zwischen A und E, wenn es im Herbst in die neue Saison gehen soll. Je nach Lage könne es bedeuten, dass ein Haus erst im November oder im Frühling kommenden Jahres wieder aufgeht. Sie sagen in einer Regio­nal­zeitung, dass in alle Richtungen geplant wird und diese Pläne reichen von A bis Z. Inwiefern unter­scheidet sich das von Koskys Weg?
Kaegi: Der Unter­schied zwischen Kosky bezie­hungs­weise der Komischen Oper Berlin und TOBS ist, dass es sich bei der Komischen Oper um einen reinen Opern­be­trieb handelt und bei TOBS um ein Vierspar­tenhaus. Das macht alles viel kompli­zierter und erklärt die zusätz­lichen Optionen F bis Z bei TOBS.

Wäch: Was kann man tun, wenn ein Künstler Angst hat aufzu­treten, weil er sich vor einer Anste­ckung fürchtet?
Kaegi: Wenn die verord­neten Maßnahmen befolgt werden, besteht keine Gefahr. Für Menschen aus Risiko­gruppen gelten besondere Regeln.

Wäch: Was halten Sie von  Drive-in-Vorstel­lungen, die man mit dem Auto besuchen kann?
Kaegi: Eine schöne nostal­gische Sommeridee, die aber sehr viel Platz braucht.

Wäch: Sollte sich die Situation wider Erwarten schnell verbessern: Können Sie sich trotz Sommer­pause vorstellen, ad hoc eine Bühne beispiels­weise im Freien aufzu­stellen, um eine beliebte Reper­toire-Oper zu zeigen, die weniger Proben braucht?
Kaegi: Falls wir ab Mitte Juni wieder spielen können, haben wir für unser Publikum ein Angebot zusam­men­ge­stellt. Nach der Sommer­pause würden wir dann tatsächlich viele Open-Air-Veran­stal­tungen anbieten.

Wäch: Schauen wir in die Zukunft: Die Budgets der Opern­häuser sind ohnehin knapp bemessen und sie geraten in der Post-Corona-Ära noch mehr unter Druck. Bedeutet das nun, dass wir noch mehr Reper­toire-Opern wie Bohème oder Carmen vorge­setzt bekommen, weil die Inten­danten und Geldgeber bei Ausgra­bungen oder zeitge­nös­si­schen Werken dürftige Zuschau­er­zahlen befürchten?
Kaegi: Das wäre verheerend! Ich glaube aber nicht, dass das generell zu befürchten ist. Da, wo ein Publikum Neugier und Interesse auf Ungewohntes und Neues gezeigt hat, wird es weiter Angebote geben. Sonst ist der Subven­ti­ons­geber durch die Leistungs­ver­träge in der Lage, Einfluss zu nehmen.

Wäch: TOBS macht sich ja gerade einen Namen dadurch, dass es auch rare Opern zeigt wie etwa 2019 Verdis kraft­volle Giovanna d’Arco und im nächsten Jahr Puccinis pulsie­rendes Frühwerk Edgar. Wo liegt der Hund begraben, dass viel Häuser lieber auf Figaro und Traviata setzen, als auf Opern, die es sich lohnt, neu zu entdecken?
Kaegi: Fehlt es an Fantasie, an Mut, an Kenntnis? Ich weiß es nicht. Aber glück­li­cher­weise sind inter­es­sante Spiel­pläne in unseren Breiten­graden doch eher die Regel und nicht die Ausnahme.

Wäch: Wie lange kann die Opern­szene Social Distancing – und somit keine oder nur halbe Opern­auf­füh­rungen – aushalten, bevor diese reiche Oase zur Wüste verdorrt?
Kaegi: So wie Social Distancing momentan definiert ist, nicht lange. Aber das wird sich hoffentlich bald ändern, die Zeichen stehen nicht schlecht. Und sonst spielen wir halt Wüstenoper, zum Beispiel den letzten Akt von Puccinis Manon Lescaut.

Wäch: Ein besonders schöner Schlussakt. Welche Oper würde aus aktuellem Anlass mit sozialer Distanz am besten passen?
Kaegi: The Telephone von Gian Carlo Menotti.

Wäch: Bleiben Sie trotz aller Unkenrufe optimis­tisch für die teuerste Kunst­gattung Oper?
Kaegi: Selbst­ver­ständlich. Jetzt erst recht!

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