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Wenn man nach berühmten Regisseuren und Intendanten im Theater sucht, schaut man am besten nach Bochum. Dort waren sie in den letzten hundert Jahren alle. Sorgten für Skandale und Skandälchen, trieben aber immer die Weiterentwicklung des Hauses voran. Jetzt wird das Schauspielhaus im Bochumer Ortsteil Ehrenfeld an der Königsallee 100 Jahre alt.

Wo kann man denn in Bochum sein – außer im Bett oder im Theater?“ Dieser Stoßseufzer von Saladin Schmitt liegt fast 100 Jahre zurück und heute täte er der Stadt im Herzen des Ruhrpotts damit bitter Unrecht. Fest steht jedoch, dass nichts anderes in der Stadt die Katastrophen und Glanzzeiten des 20. Jahrhunderts so unbeschadet überstanden hat wie das Bochumer Schauspielhaus, das am 15. April 1919, genau vor 100 Jahren, mit Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen seine Pforten öffnete. Die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“, die glorreichen Zeiten als Kohle- und Stahlmetropole, der Strukturwandel mit seinen sozialen Abstürzen: Wie ein Fels in der Brandung stellte sich das Theater den wandelnden Fragen der Zeitgeschichte, angeführt von einer illustren Reihe von Theaterprinzipalen, die sich wie das Who is Who des deutschsprachigen Theaters liest: Saladin Schmitt, Hans Schalla, Peter Zadek, Claus Peymann, Frank-Patrick Steckel, Leander Haußmann, Matthias Hartmann, Elmar Goerden, Anselm Weber, Olaf Kröck und seit vergangenem Jahr Johan Simons. Und wer auf der Liste fehlen sollte, war als Gastregisseur präsent. Andrea Breth und Rainer Werner Fassbinder ebenso wie Frank Castorf und Jürgen Gosch.
Von Claus Peymann und Frank-Patrick Steckel abgesehen, die krankheitsbedingt dem Jubiläumswochenende fernbleiben müssen, finden sich die lebenden Ex-Intendanten zu einer munteren Podiumsdiskussion ein, die den Besuchern die unterschiedlich schillernden Persönlichkeiten konzentriert vor Augen führt. Trotz aller Unterschiede ist ihnen eines gemeinsam, ob dem zurückhaltend nachdenklichen Anselm Weber oder dem dem telegenen Show-Biz nicht abgeneigten Leander Haußmann: Theater muss Stellung zur Geschichte der Zeit und der Stadt beziehen, ohne sich in tagesaktuellen Details zu verlieren und die überzeitliche Aussage der Stücke einzuschränken. Und, mindestens so wichtig: Das Theater darf über alle Denkanstöße hinaus nicht seinen Rang als praller, sinnlicher Aktionsraum aus den Augen verlieren.
Dieser Gefahr entgehen die Moderatoren der Gesprächsrunden, TV-Journalistin Sonia Seymour Mikich und Bochums Chefdramaturg Vasco Boenisch, nicht immer, wenn sie allzu verschraubte und vergeistigte Fragen zur Bedeutung des Theaters stellen. Matthias Hartmann, bevor er vorzeitig das Podium verlassen muss, um an der Mailänder Scala Mozarts Idomeneo zu proben, kontert, ans Publikum gerichtet, knallhart: „Haben Sie das jetzt verstanden?“ Und auf die Frage, warum die Menschen heute noch ins Theater gehen sollten, bringt Leander Haußmann die Moderatoren nicht minder in Verlegenheit: „Das frage ich mich schon seit langem. Ich bin ein Fan von TV-Serien. Gut gemacht, kurzweilig, ohne unbequeme Sitze und angesetzten Staub.“
Das lässt der derzeitige Hausherr, Johan Simons, nicht auf sich sitzen, der gelungene Theaterabende zu den ganz großen Ereignissen des Lebens verklärt. Es entspinnt sich ein bühnenreifer, mit verbalem Florett geführter Meinungsaustausch der beiden von hohem Unterhaltungswert, der leider allzu früh durch tiefschürfende Fragen der Moderatoren unterbrochen wird.
Mit Ecken und Kanten
Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, ist bei der Podiumsdiskussion zwar noch nicht anwesend, hat auf dem anschließenden Festakt jedoch die druckreifen und wohl formulierten Antworten auf die gestellten und von den Intendanten nicht immer konkret beantworteten Fragen parat: „Theater bleibt auch in Zeiten von Streaming und Smartphone ein spannendes Angebot. Theater verlangt unsere volle Aufmerksamkeit, und es belohnt uns mit dem Besten: Mit einem tiefen Einblick in die Vielfalt der Menschen, der Charaktere, des Lebens. Das Schauspielhaus Bochum ist einer der herausragenden und bedeutenden Orte des Diskurses und der Theaterkunst im gesamten deutschsprachigen Raum“. Und Oberbürgermeister Thomas Eiskirch bekennt, Bochum sei stolz und dankbar für sein Theater. „Bochum freut sich auf die kommenden 100 Jahre Schauspielhaus mit seinen Ecken und Kanten, seiner nicht immer leichten Kost und dem Versprechen, dass von hier noch zahlreiche Impulse und ganz viel Theater ausgehen“, sagt er.
Seit Februar gehört die Revue O, Augenblick, ein augenzwinkernder, durchaus nicht unkritischer Rückblick auf die zurückliegende Intendanten-Riege, zu den Erfolgsstücken des Hauses. Und damit beweist das Ensemble in kleiner Besetzung seine viel beschworene Vitalität. So zieht sie denn drei Stunden lang, dennoch kurzweilig und unterhaltsam, mit Pop-Songs aller Art durchsetzt, vor den Augen der Besucher ab: Die Geschichte des Hauses, beginnend mit der der Gründungs-Ära von Saladin Schmitt, der das Theater 30 Jahre lang durch die Weimarer Republik und die Nazi-Zeit führte und den Grundstein für die hochkarätige Shakespeare-Tradition des Hauses legte. Sein Nachfolger, Hans Schalla, richtete die nächsten dreizehn Jahre den Blick auf zeitgenössische Autoren wie Sartre und Beckett. Es folgen die Ära Peter Zadeks, aus dessen Konflikten mit Rainer Werner Fassbinder aufregende Produktionen von Shakespeare und Falladas Kleiner Mann, was nun entstanden, Claus Peymann mit seiner Vorliebe für die Provokationen von Thomas Bernhard, Frank-Patrick Steckel, der die Choreografin Reinhild Hoffmann ins Boot holte, Leander Haußmann mit seinen Anleihen aus der Pop-Kultur, Matthias Hartmann, der das Publikum mit dem Entertainer Harald Schmidt als Beckett-Mime überraschte, Elmar Goerden, der mit einem katastrophalen Theaterbrand zu kämpfen hatte und aus der Not eine Tugend machte, Anselm Weber mit seinen zahlreichen Engagements von Schauspielern und Regisseuren aus ganz Europa. Und der derzeitige Hausherr, Johan Simons, erweitert den internationalen Blickwinkel und setzt auf eine extrem multikulturelle Ausrichtung des Theaters.
Die nächsten hundert Jahre können kommen. Das Schauspielhaus ist dafür gut aufgestellt.
Pedro Obiera