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Foto © Julian Roder

Ein ganz schönes Theater

Wenn man nach berühmten Regis­seuren und Inten­danten im Theater sucht, schaut man am besten nach Bochum. Dort waren sie in den letzten hundert Jahren alle. Sorgten für Skandale und Skandälchen, trieben aber immer die Weiter­ent­wicklung des Hauses voran. Jetzt wird das Schau­spielhaus im Bochumer Ortsteil Ehrenfeld an der Königs­allee 100 Jahre alt.

Podiums­dis­kussion: Sonia Seymour Mikich, Johan Simons, Leander Haußmann, Reinhild Hoffmann (v. l.) – Foto © Daniel Sadrowski

Wo kann man denn in Bochum sein – außer im Bett oder im Theater?“ Dieser Stoßseufzer von Saladin Schmitt liegt fast 100 Jahre zurück und heute täte er der Stadt im Herzen des Ruhrpotts damit bitter Unrecht. Fest steht jedoch, dass nichts anderes in der Stadt die Katastrophen und Glanz­zeiten des 20. Jahrhun­derts so unbeschadet überstanden hat wie das Bochumer Schau­spielhaus, das am 15. April 1919, genau vor 100 Jahren, mit Grill­parzers Des Meeres und der Liebe Wellen seine Pforten öffnete. Die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“, die glorreichen Zeiten als Kohle- und Stahl­me­tropole, der Struk­tur­wandel mit seinen sozialen Abstürzen: Wie ein Fels in der Brandung stellte sich das Theater den wandelnden Fragen der Zeitge­schichte, angeführt von einer illustren Reihe von Theater­prin­zi­palen, die sich wie das Who is Who des deutsch­spra­chigen Theaters liest: Saladin Schmitt, Hans Schalla, Peter Zadek, Claus Peymann, Frank-Patrick Steckel,  Leander Haußmann, Matthias Hartmann, Elmar Goerden, Anselm Weber, Olaf Kröck und seit vergan­genem Jahr Johan Simons. Und wer auf der Liste fehlen sollte, war als Gastre­gisseur präsent. Andrea Breth und Rainer Werner Fassbinder ebenso wie Frank Castorf und Jürgen Gosch.

Von Claus Peymann und Frank-Patrick Steckel abgesehen, die krank­heits­be­dingt dem Jubilä­ums­wo­chenende fernbleiben müssen, finden sich die lebenden Ex-Inten­danten zu einer munteren Podiums­dis­kussion ein, die den Besuchern die unter­schiedlich schil­lernden Persön­lich­keiten konzen­triert vor Augen führt. Trotz aller Unter­schiede ist ihnen eines gemeinsam, ob dem zurück­haltend nachdenk­lichen Anselm Weber oder dem dem telegenen Show-Biz nicht abgeneigten Leander Haußmann: Theater muss Stellung zur Geschichte der Zeit und der Stadt beziehen, ohne sich in tages­ak­tu­ellen Details zu verlieren und die überzeit­liche Aussage der Stücke einzu­schränken. Und, mindestens so wichtig: Das Theater darf über alle Denkan­stöße hinaus nicht seinen Rang als praller, sinnlicher Aktionsraum aus den Augen verlieren.

Dieser Gefahr entgehen die Modera­toren der Gesprächs­runden, TV-Journa­listin Sonia Seymour Mikich und Bochums Chefdra­maturg Vasco Boenisch, nicht immer, wenn sie allzu verschraubte und vergeis­tigte Fragen zur Bedeutung des Theaters stellen. Matthias Hartmann, bevor er vorzeitig das Podium verlassen muss, um an der Mailänder Scala Mozarts Idomeneo zu proben, kontert, ans Publikum gerichtet, knallhart: „Haben Sie das jetzt verstanden?“ Und auf die Frage, warum die Menschen heute noch ins Theater gehen sollten, bringt Leander Haußmann die Modera­toren nicht minder in Verle­genheit: „Das frage ich mich schon seit langem. Ich bin ein Fan von TV-Serien. Gut gemacht, kurzweilig, ohne unbequeme Sitze und angesetzten Staub.“

Das lässt der derzeitige Hausherr, Johan Simons, nicht auf sich sitzen, der gelungene Theater­abende zu den ganz großen Ereig­nissen des Lebens verklärt. Es entspinnt sich ein bühnen­reifer, mit verbalem Florett geführter Meinungs­aus­tausch der beiden von hohem Unter­hal­tungswert, der leider allzu früh durch tiefschür­fende Fragen der Modera­toren unter­brochen wird.

Mit Ecken und Kanten

Armin Laschet, Minis­ter­prä­sident von Nordrhein-Westfalen, ist bei der Podiums­dis­kussion zwar noch nicht anwesend, hat auf dem anschlie­ßenden Festakt jedoch die druck­reifen und wohl formu­lierten Antworten auf die gestellten und von den Inten­danten nicht immer konkret beant­wor­teten Fragen parat: „Theater bleibt auch in Zeiten von Streaming und Smart­phone ein spannendes Angebot. Theater verlangt unsere volle Aufmerk­samkeit, und es belohnt uns mit dem Besten: Mit einem tiefen Einblick in die Vielfalt der Menschen, der Charaktere, des Lebens. Das Schau­spielhaus Bochum ist einer der heraus­ra­genden und bedeu­tenden Orte des Diskurses und der Theater­kunst im gesamten deutsch­spra­chigen Raum“. Und Oberbür­ger­meister Thomas Eiskirch bekennt, Bochum sei stolz und dankbar für sein Theater. „Bochum freut sich auf die kommenden 100 Jahre Schau­spielhaus mit seinen Ecken und Kanten, seiner nicht immer leichten Kost und dem Versprechen, dass von hier noch zahlreiche Impulse und ganz viel Theater ausgehen“, sagt er.

Seit Februar gehört die Revue O, Augen­blick, ein augen­zwin­kernder, durchaus nicht unkri­ti­scher Rückblick auf die zurück­lie­gende Inten­danten-Riege, zu den Erfolgs­stücken des Hauses. Und damit beweist das Ensemble in kleiner Besetzung seine viel beschworene Vitalität. So zieht sie denn drei Stunden lang, dennoch kurzweilig und unter­haltsam, mit Pop-Songs aller Art durch­setzt, vor den Augen der Besucher ab: Die Geschichte des Hauses, beginnend mit der der Gründungs-Ära von Saladin Schmitt, der das Theater 30 Jahre lang durch die Weimarer Republik und die Nazi-Zeit führte und den Grund­stein für die hochka­rätige Shake­speare-Tradition des Hauses legte. Sein Nachfolger, Hans Schalla, richtete die nächsten dreizehn Jahre den Blick auf zeitge­nös­sische Autoren wie Sartre und Beckett. Es folgen die Ära Peter Zadeks, aus dessen Konflikten mit Rainer Werner Fassbinder aufre­gende Produk­tionen von Shake­speare und Falladas Kleiner Mann, was nun entstanden, Claus Peymann mit seiner Vorliebe für die Provo­ka­tionen von Thomas Bernhard, Frank-Patrick Steckel, der die Choreo­grafin Reinhild Hoffmann ins Boot holte, Leander Haußmann mit seinen Anleihen aus der Pop-Kultur, Matthias Hartmann, der das Publikum mit dem Enter­tainer Harald Schmidt als Beckett-Mime überraschte, Elmar Goerden, der mit einem katastro­phalen Theater­brand zu kämpfen hatte und aus der Not eine Tugend machte, Anselm Weber mit seinen zahlreichen Engage­ments von Schau­spielern und Regis­seuren aus ganz Europa. Und der derzeitige Hausherr, Johan Simons, erweitert den inter­na­tio­nalen Blick­winkel und setzt auf eine extrem multi­kul­tu­relle Ausrichtung des Theaters.

Die nächsten hundert Jahre können kommen. Das Schau­spielhaus ist dafür gut aufgestellt.

Pedro Obiera

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