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Komponisten zu Gast in Bonn - Foto © David Kremser

Die neuen Geschöpfe des Prometheus

Beethovens Bagatellen von 1823 sind das Ausgangs­format eines Projekts, das den Kompo­nisten und seine Geburts­stadt mit der ganzen Welt vernetzt. Zu verdanken ist es der Innova­ti­ons­kraft und der Energie einer einzigen Person ohne insti­tu­tio­nelle oder offizielle Einbindung.

Susanne Kessel – Foto © David Kremser

Ein Tag in Brusque im Bundes­staat Santa Catarina. Edino Krieger, einer der bekann­testen zeitge­nös­si­schen Kompo­nisten Brasi­liens, erhält eine Einladung aus Deutschland, genauer: Bonn. Mutmaßlich einen telefo­ni­schen Anruf. „Vielleicht“, erinnert sich Susanne Kessel an das geraume Zeit zurück­lie­gende Geschehen, „war es auch eine E‑Mail.“ Die Bonner Konzert­pia­nistin bittet Krieger, Jahrgang 1928, ein Stück mit Fokus auf Beethoven2020 zu kompo­nieren. Einzige Vorgabe sind zwei Kriterien. „Die Kompo­sition“, erläutert Kessel, „soll ausschließlich für Piano und nicht länger als die längste der Bagatellen von Beethoven sein.“

Der Clou der ungewöhn­lichen Verführung im Namen Beethovens ist einfach zu erzählen. Kessel, inter­na­tional gefragte Künst­lerin und ausge­wiesen als engagierte Fürspre­cherin insbe­sondere zeitge­nös­si­scher Musikur­heber, vermag eine Urauf­führung in Bonn im zeitlichen Kontext von Beethoven2020 zu garan­tieren. Ferner die Dokumen­tation der einge­reichten Kompo­sition im Programm eines Musik­ver­lages. Edino, mit dem Kultur­standort Deutschland durch Konzert­er­fah­rungen in Karlsruhe und Berlin vertraut, weiß um die Zugkraft der „Marke“ Beethoven zumal im Jahr des Jubiläums. Um den Wert der Aussicht auf eine nachhaltige Öffent­lichkeit zumindest in Fachkreisen. Er zögert nicht lange, sagt zu, liefert die Mondschein-Chaconne.

Kompo­nisten aus 47 Ländern gewonnen

Nach dem Brusque-Muster hat Susanne Kessel in den vergan­genen sieben­einhalb Jahren 250 Kompo­nisten aus 47 Ländern gewonnen, sich an ihrer ganz persön­lichen Geste zu Ehren des großen Sohns der Stadt Bonn zu betei­ligen. „Der Titel 250 pieces musste es einfach sein“, resümiert die freibe­ruflich agierende Künst­lerin. „Anfangs hatte ich mir vorge­nommen, wenigstens 50 Kompo­nisten zu fragen. Als die Reaktionen durch­gängig positiv waren, hat es mich einfach nicht mehr losge­lassen.“ Was die Pianistin nicht mehr losließ, ist unter dem Titel 250 piano pieces for Beethoven inzwi­schen zum größten Projekt zu Beethoven2020 gediehen, „unter jedem Aspekt“, unter­streicht Kessel.

Da ist als work in progress in der Reflektion über den Revolu­tionär der konven­tio­nellen Klassik im Stile Haydns und Mozarts ein Panorama neuer Klavier­stücke zeitge­nös­si­scher Kompo­nisten unter­schied­lichster Stilrich­tungen entstanden, von der Neuen Musik bis hin zum Jazz und zur Filmmusik. Auf neun Bände ist mittler­weile die Zahl der Noten­edi­tionen im Londoner Verlag Editions Musica Ferrum angewachsen, in der dank des Engage­ments des Athener Musik­ver­legers Nicolas Sideris die pieces for Beethoven veröf­fent­licht und so allgemein zugänglich gemacht werden. Da hat sich ein Netzwerk, ein Kommu­ni­ka­tions- und Chatraum, von bislang 150 Kompo­nisten der Gegenwart von allen Erdteilen entwi­ckelt, die auf Einladung Kessels nach Bonn zur Urauf­führung ihrer Einrei­chungen gereist sind. „Rund um Beethoven“, freut sich Kessel, „ist in der Zielgruppe eine Inter­na­tio­na­lität erreicht worden, die für die Bewahrung und Weitergabe seines Werks auch für kommende Genera­tionen eminent wichtig ist.“ Bisweilen, beschreibt die Inter­pretin aller piano pieces ihre Empfindung, fühle sie sich von dem ganzen Unter­fangen angerührt, „als hätte sich ein Lebewesen über den Planeten ausgebreitet“.

Von Höller bis Garson

Edino Krieger – Foto © N.N.

Der „Planet“, der Kosmos der Kompo­nisten der Gegenwart, trifft sich anlässlich der Erstein­spie­lungen der piano pieces am Rhein, auch wenn für Werk und Anreise weder Honorare noch Spesen gezahlt werden können. Die Attrak­ti­vität von Beethoven2020 macht manches möglich. Bei der Urauf­führung von Hans-Günter Heumanns Modern Elise am 30. August 2018 im Bonner Klavierhaus Klavins – ein Beispiel – sind in Anwesenheit Heumanns weitere 16 Kompo­nis­tinnen und Kompo­nisten aus einem halben Dutzend Ländern versammelt, darunter Argen­tinien und die Niederlande.

Thema­tisch befassen sich die piano pieces mit allen nur erdenk­lichen Bezügen zu Beethovens Leben und Werk, zu seinen Orches­ter­werken, Klavier­kon­zerten und Sonaten, seinen Briefen und Skizzen­bü­chern, seinem Gehör­leiden, seinen fernen und nahen Geliebten und vielem mehr. Namen von Kompo­nisten sind Teil des Projekts, die womöglich noch zu entdecken sind wie etwa Ruth Wiesenfeld mit ihrer Notata. Dazu die Namen einer Reihe Arrivierter, so York Höller, der das Stück Weit entfernt schrieb, Moritz Eggert mit seiner Hämmer­klavier XXV Abwei­chung, Peter Michael Hamel, der  Freude für Beethoven verbreiten will, der Filmkom­ponist Bruce Broughton mit Kannst du mich noch hören? und Mike Garson, bekannt als Keyborder in der Band David Bowies, der die Pathe­tique Varia­tions kompo­niert hat. Auch der Name des BAP-Front­manns Wolfgang Niedecken taucht mit dem Text des Kyrie eleison unter den Akteuren auf.

Corona: Tangiert, aber nicht beschädigt

Organi­sa­to­risch, logis­tisch, in der finan­zi­ellen Dimension ist Kessels Projekt gewiss unver­gleichlich und einzig­artig. Die Webseite mit den Grund­in­for­ma­tionen nennt eine Reihe von Partnern und Unter­stützern. Die sorgen etwa für die profes­sio­nelle Tonauf­nahme aller Einspie­lungen, die Bereit­stellung eines Konzert­flügels an wechselnden Veran­stal­tungs­orten, die Organi­sation von Noten­pa­ten­schaften oder CD-Veröf­fent­li­chungen. Doch was diesen musika­li­schen Marathon wirklich heraus­ragend erscheinen lässt – speziell im struk­tu­rellen Vergleich mit den offizi­ellen Akteuren, den etablierten und subven­tio­nierten Insti­tu­tionen im Beethoven2020-Korridor – ist der lange Atem, die Energie einer einzigen Künst­lerin über mehr als sieben Jahre. Diese Energie, unbeirrt und unter Einsatz aller mensch­lichen Kräfte eine Idee zu verfolgen, für sie Stunde um Stunde, Tag für Tag zu arbeiten „16 Stunden täglich“, sagt Kessel.

Mit der Ausbreitung der Pandemie hat sich der Schwer­punkt der pieces ins Netz verändert, verlagern müssen. Seit dem 1. April dieses Jahres präsen­tiert die Pianistin täglich eine der Auftrags­kom­po­si­tionen auf Facebook, zusätzlich zur Option des Downloads auf dem Portal Bandcamp. Überdies gibt es dann den Tag über einen Chat zum Austausch mit dem jeweils präsen­tierten Kompo­nisten. Geplant ist diese Reihe bis zum 16. Dezember, dem mutmaß­lichen Geburtstags Beethovens vor 250 Jahren und Höhepunkt des Jubiläums. Die neuzeit­lichen „Geschöpfe des Prome­theus“ werden, um den Titel einer Beethoven-Kompo­sition zu zitieren, dann Geschichte sein und – wahrscheinlich weiterwirken.

Hat nun das Virus Kessel und ihre Mitstreiter entscheidend zurück­ge­worfen? Erheblich tangiert hat es das Projekt allemal, keine Frage. Die ursprüng­liche Überlegung, die Konzerte 2020 für die Kompen­sation eines Teils des persön­lichen Einsatzes in größerem Rahmen auszu­schöpfen, lässt sich unver­ändert nicht weiter­ver­folgen. Da muss die ursprüng­liche Konzert­planung auf die neuen Verhält­nisse umgestellt werden. Von einem irrepa­rablen Schaden indes will Kessel nicht sprechen. „Nein“, betont sie, „Corona hat das Projekt nicht beschädigt.“ Eine solche Haltung hätte vermutlich auch Beethoven imponiert. Was heißt vermutlich? Mit Sicherheit.

Ralf Siepmann

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