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Beethovens Bagatellen von 1823 sind das Ausgangsformat eines Projekts, das den Komponisten und seine Geburtsstadt mit der ganzen Welt vernetzt. Zu verdanken ist es der Innovationskraft und der Energie einer einzigen Person ohne institutionelle oder offizielle Einbindung.

Ein Tag in Brusque im Bundesstaat Santa Catarina. Edino Krieger, einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Brasiliens, erhält eine Einladung aus Deutschland, genauer: Bonn. Mutmaßlich einen telefonischen Anruf. „Vielleicht“, erinnert sich Susanne Kessel an das geraume Zeit zurückliegende Geschehen, „war es auch eine E‑Mail.“ Die Bonner Konzertpianistin bittet Krieger, Jahrgang 1928, ein Stück mit Fokus auf Beethoven2020 zu komponieren. Einzige Vorgabe sind zwei Kriterien. „Die Komposition“, erläutert Kessel, „soll ausschließlich für Piano und nicht länger als die längste der Bagatellen von Beethoven sein.“
Der Clou der ungewöhnlichen Verführung im Namen Beethovens ist einfach zu erzählen. Kessel, international gefragte Künstlerin und ausgewiesen als engagierte Fürsprecherin insbesondere zeitgenössischer Musikurheber, vermag eine Uraufführung in Bonn im zeitlichen Kontext von Beethoven2020 zu garantieren. Ferner die Dokumentation der eingereichten Komposition im Programm eines Musikverlages. Edino, mit dem Kulturstandort Deutschland durch Konzerterfahrungen in Karlsruhe und Berlin vertraut, weiß um die Zugkraft der „Marke“ Beethoven zumal im Jahr des Jubiläums. Um den Wert der Aussicht auf eine nachhaltige Öffentlichkeit zumindest in Fachkreisen. Er zögert nicht lange, sagt zu, liefert die Mondschein-Chaconne.
Komponisten aus 47 Ländern gewonnen
Nach dem Brusque-Muster hat Susanne Kessel in den vergangenen siebeneinhalb Jahren 250 Komponisten aus 47 Ländern gewonnen, sich an ihrer ganz persönlichen Geste zu Ehren des großen Sohns der Stadt Bonn zu beteiligen. „Der Titel 250 pieces musste es einfach sein“, resümiert die freiberuflich agierende Künstlerin. „Anfangs hatte ich mir vorgenommen, wenigstens 50 Komponisten zu fragen. Als die Reaktionen durchgängig positiv waren, hat es mich einfach nicht mehr losgelassen.“ Was die Pianistin nicht mehr losließ, ist unter dem Titel 250 piano pieces for Beethoven inzwischen zum größten Projekt zu Beethoven2020 gediehen, „unter jedem Aspekt“, unterstreicht Kessel.
Da ist als work in progress in der Reflektion über den Revolutionär der konventionellen Klassik im Stile Haydns und Mozarts ein Panorama neuer Klavierstücke zeitgenössischer Komponisten unterschiedlichster Stilrichtungen entstanden, von der Neuen Musik bis hin zum Jazz und zur Filmmusik. Auf neun Bände ist mittlerweile die Zahl der Noteneditionen im Londoner Verlag Editions Musica Ferrum angewachsen, in der dank des Engagements des Athener Musikverlegers Nicolas Sideris die pieces for Beethoven veröffentlicht und so allgemein zugänglich gemacht werden. Da hat sich ein Netzwerk, ein Kommunikations- und Chatraum, von bislang 150 Komponisten der Gegenwart von allen Erdteilen entwickelt, die auf Einladung Kessels nach Bonn zur Uraufführung ihrer Einreichungen gereist sind. „Rund um Beethoven“, freut sich Kessel, „ist in der Zielgruppe eine Internationalität erreicht worden, die für die Bewahrung und Weitergabe seines Werks auch für kommende Generationen eminent wichtig ist.“ Bisweilen, beschreibt die Interpretin aller piano pieces ihre Empfindung, fühle sie sich von dem ganzen Unterfangen angerührt, „als hätte sich ein Lebewesen über den Planeten ausgebreitet“.
Von Höller bis Garson

Der „Planet“, der Kosmos der Komponisten der Gegenwart, trifft sich anlässlich der Ersteinspielungen der piano pieces am Rhein, auch wenn für Werk und Anreise weder Honorare noch Spesen gezahlt werden können. Die Attraktivität von Beethoven2020 macht manches möglich. Bei der Uraufführung von Hans-Günter Heumanns Modern Elise am 30. August 2018 im Bonner Klavierhaus Klavins – ein Beispiel – sind in Anwesenheit Heumanns weitere 16 Komponistinnen und Komponisten aus einem halben Dutzend Ländern versammelt, darunter Argentinien und die Niederlande.
Thematisch befassen sich die piano pieces mit allen nur erdenklichen Bezügen zu Beethovens Leben und Werk, zu seinen Orchesterwerken, Klavierkonzerten und Sonaten, seinen Briefen und Skizzenbüchern, seinem Gehörleiden, seinen fernen und nahen Geliebten und vielem mehr. Namen von Komponisten sind Teil des Projekts, die womöglich noch zu entdecken sind wie etwa Ruth Wiesenfeld mit ihrer Notata. Dazu die Namen einer Reihe Arrivierter, so York Höller, der das Stück Weit entfernt schrieb, Moritz Eggert mit seiner Hämmerklavier XXV Abweichung, Peter Michael Hamel, der Freude für Beethoven verbreiten will, der Filmkomponist Bruce Broughton mit Kannst du mich noch hören? und Mike Garson, bekannt als Keyborder in der Band David Bowies, der die Pathetique Variations komponiert hat. Auch der Name des BAP-Frontmanns Wolfgang Niedecken taucht mit dem Text des Kyrie eleison unter den Akteuren auf.
Corona: Tangiert, aber nicht beschädigt
Organisatorisch, logistisch, in der finanziellen Dimension ist Kessels Projekt gewiss unvergleichlich und einzigartig. Die Webseite mit den Grundinformationen nennt eine Reihe von Partnern und Unterstützern. Die sorgen etwa für die professionelle Tonaufnahme aller Einspielungen, die Bereitstellung eines Konzertflügels an wechselnden Veranstaltungsorten, die Organisation von Notenpatenschaften oder CD-Veröffentlichungen. Doch was diesen musikalischen Marathon wirklich herausragend erscheinen lässt – speziell im strukturellen Vergleich mit den offiziellen Akteuren, den etablierten und subventionierten Institutionen im Beethoven2020-Korridor – ist der lange Atem, die Energie einer einzigen Künstlerin über mehr als sieben Jahre. Diese Energie, unbeirrt und unter Einsatz aller menschlichen Kräfte eine Idee zu verfolgen, für sie Stunde um Stunde, Tag für Tag zu arbeiten „16 Stunden täglich“, sagt Kessel.
Mit der Ausbreitung der Pandemie hat sich der Schwerpunkt der pieces ins Netz verändert, verlagern müssen. Seit dem 1. April dieses Jahres präsentiert die Pianistin täglich eine der Auftragskompositionen auf Facebook, zusätzlich zur Option des Downloads auf dem Portal Bandcamp. Überdies gibt es dann den Tag über einen Chat zum Austausch mit dem jeweils präsentierten Komponisten. Geplant ist diese Reihe bis zum 16. Dezember, dem mutmaßlichen Geburtstags Beethovens vor 250 Jahren und Höhepunkt des Jubiläums. Die neuzeitlichen „Geschöpfe des Prometheus“ werden, um den Titel einer Beethoven-Komposition zu zitieren, dann Geschichte sein und – wahrscheinlich weiterwirken.
Hat nun das Virus Kessel und ihre Mitstreiter entscheidend zurückgeworfen? Erheblich tangiert hat es das Projekt allemal, keine Frage. Die ursprüngliche Überlegung, die Konzerte 2020 für die Kompensation eines Teils des persönlichen Einsatzes in größerem Rahmen auszuschöpfen, lässt sich unverändert nicht weiterverfolgen. Da muss die ursprüngliche Konzertplanung auf die neuen Verhältnisse umgestellt werden. Von einem irreparablen Schaden indes will Kessel nicht sprechen. „Nein“, betont sie, „Corona hat das Projekt nicht beschädigt.“ Eine solche Haltung hätte vermutlich auch Beethoven imponiert. Was heißt vermutlich? Mit Sicherheit.
Ralf Siepmann