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Hörgeräte im Beethoven-Haus Bonn - Foto © David Ertl

Signale der Kreativität

Beethovens Leben und Werk, etwa das Mega-Opus seiner 32 Sonaten, rufen kreative Köpfe und Ideen auf den Plan. Im Jubilä­umsjahr eröffnet gerade das Web neue Chancen, dem „Titan“ auf innovative Weise zu begegnen und dem Publikum näher zu bringen.

Heinz Walter Florin – Foto © privat

Ein Beethoven-Porträt in Schwarzweiß. Ein Insert, weiße Schrift auf Schwarz. Ein kurzer Text zur Einführung. Und schon erklingen die ersten Takte des langsamen Satzes largo e mesto der Sonate 7 Opus 10 Nr. 3, entstanden 179899 in Wien. Die Kamera nimmt ihren Ausgang im aufge­klappten Flügel des Pianisten Heinz Walter Florin, wandert in verhal­tener Fahrt über Hände und Gesicht. „Meditation“, nennt Florin, auch Komponist und Dirigent, seine besondere Art der Heran­ge­hens­weise an das Werk, dem die damals kritisch einge­stellte, einfluss­reiche Leipziger Allge­meine Musika­lische Zeitung „eine dunkle Künst­lichkeit oder eine künst­liche Dunkelheit“ attes­tiert. Violettes Licht, durch eine im Hinter­grund des Tonstudios instal­lierte Deko erreicht, unter­streicht den medita­tiven Charakter des gut zehnmi­nü­tigen Privat­kon­zerts. Florin hat es auf YouTube veröffentlicht.

„In diesen Zeiten der Ruhe und Stille, wo die Konzerte zum 250. Beethoven-Jubilä­umsjahr entfallen“, erläutert der Musiker seine Intention, „möchte ich an die meditative und spiri­tuelle Seite Beethovens erinnern.“ Die zeige sich besonders in den langsamen Sätzen seiner Klavier-Sonaten. „Als gebür­tiger Bonner“, so der Interpret weiter, „möchte ich auf diese Weise Beethoven aktuell zu Gehör bringen, da es anders nicht möglich ist.“ Ein program­ma­ti­sches Versprechen und ein langer Weg. Der Pianist hat sich vorge­nommen, die langsamen Sätze aller 32 Sonaten aufzu­nehmen und zu veröffentlichen.

Verschiebung um 250 Tage in Bonn

Freien Künstlern wie Florin ist es derzeit zu einem gewissen Grade zu verdanken, dass Beethoven2020, das offizielle Gedenkjahr anlässlich des Geburts­tages des Kompo­nisten vor 250 Jahren, nicht gänzlich verstummt ist. Corona-bedingt liegt die Fortsetzung der insti­tu­tio­nellen Aktivi­täten mit Schwer­punkten in Bonn und Wien vorläufig weitgehend auf Eis. Bonn hat sich entschieden, das Beetho­venjahr um 250 Tage bis Mitte September 2021 zu verlängern, um möglichst viele der rund 300 geplanten Vorhaben zu retten. So können – ein insbe­sondere für Künstler wichtiger Aspekt – nicht ausge­gebene Gelder später verwendet werden. Wien, das sich im Beethoven-Jahr als „Haupt­stadt der Musik“ versteht, gibt sich abwartend. Das Team von WIENBEETHOVEN2020 hat sich nach eigenen Angaben vorerst darauf verlegt, „allen Wienern auch in der Zeit der Krise inter­es­sante Erfah­rungen und Erleb­nisse mit dem Genie Ludwig van Beethoven“ zu vermitteln. Angeboten werden vornehmlich digitale Angebote wie Konfe­renzen und Künst­ler­auf­tritte im Netz. Ähnlich ist derzeit auch BTHVN 2020, die Bonner Jubiläums-Gesell­schaft, mit digitalen Ausstel­lungen, Stadt­füh­rungen und Online-Workshops unterwegs.

Beethovens Sonaten, und zwar das volle Programm, haben es auch dem aus Moskau stammenden israe­li­schen Pianisten Boris Giltburg angetan. Im Sinne einer Geste, einer virtu­ellen Hommage. Giltburgs Selbst­ver­pflichtung: „Um seinen 250. Geburtstag zu feiern, werde ich im Laufe des Jahres 2020 alle 32 Klavier­so­naten einstu­dieren und die musika­li­schen Darbie­tungen filmen. Das ist ein gewal­tiges Unter­fangen.“ Seit dem 17. Januar veröf­fent­licht und erläutert er auf beetho​ven32​.com „mindestens alle zwei Wochen“ jeweils an einem Freitag eine neu aufge­nommene Sonate. Geht die Planung auf, schließt der Zyklus am Neujahrstag 2021 mit der Veröf­fent­li­chung von Op. 111 aus dem Jahr 1822, zwei Wochen nach dem Finale des Jubiläums. Das ist auf den 16. Dezember termi­niert, Beethovens mutmaß­lichem Geburtstag.

„Ahnung einer höheren Dimension“

Boris Giltburg – Foto © Sasha Gusov

Giltburg – „Beethovens Kernaussage ist das Leben“ – begleitet sein Projekt mit der schrift­lichen Dokumen­tation seiner Erfah­rungen in diesem work of progress in Form von Tagebuch­ein­tra­gungen. Eine Ergänzung, die der reinen Adaption eine zusätz­liche subjektive Dimension verleiht. „Obwohl ich Beethoven schon im Kindes­alter gespielt habe“, notiert er am 18. April, „habe ich das Gefühl, ihn erst in den letzten Monaten wirklich zu entdecken“. Florin, der inzwi­schen das Adagio der Sonate 3 Opus 2 Nr.3 aufge­nommen und veröf­fent­licht hat, sieht sich in ähnlicher Weise auf einer pianis­ti­schen Entde­ckertour. „Wir hören Trauer, Resignation, Hoffnung, Wut“, beschreibt er seine Empfin­dungen unter dem Eindruck von Op. 10 Nr. 3, „die Ahnung von einer höheren Dimension, Trost, Frieden und Erlösung.“

Diese Sicht offenbart gleichsam als windfall profit einen innova­tiven Zugang zu Vita und Werk des Kompo­nisten. Bonn und Wien, die wesent­lichen Player im Gedenkjahr, klammern die transzen­dentale Kompo­nente im Werk Beethovens weitgehend aus. WIENBEETHOVEN2020 will „den zugewan­derten Wiener, den Aufklärer mit all seinen Werken, den Europäer“ in das Zentrum gerückt sehen. BTHVN 2020 fördert Projekte, die Beethoven als „Tonkünstler, Humanist, Visionär, Natur­freund, Bonner Bürger“ zeigen. Die spiri­tuelle Seite, nicht mit einer religiösen gleich­zu­setzen, wäre auch ohne Weiteres gar nicht greifbar. Was die Suche noch erschwert – mit einer kirch­lichen Affinität mag Beethoven per se nicht dienen. „Er hegte schon seit frühen Bonner Tagen“, schreibt Jan Caeyers in seiner Beethoven-Biografie Der einsame Revolu­tionär, „eine Aversion gegen die Insti­tution Kirche.“ Religiöse Zeremonien seien in Beethovens Augen „nur reprä­sen­tative Schau­spiele, so oberflächlich wie theatra­lisch, allein schon, weil er sich über die morali­schen Quali­täten der hohen Geist­lichkeit keine Illusionen machte.“

Eine Fülle von biogra­fi­schen Daten, Impres­sionen, Erkennt­nissen und künst­le­ri­schen Verbin­dungen zu und rund um Beethoven erfährt der Nutzer der App, die ein Team vom und für das Festival Alte Musik Knecht­s­teden entwi­ckelt hat. Die Privat­in­itiative, gefördert von einer Reihe von Insti­tu­tionen, darunter BTHVN 2020 und die Beauf­tragte der Bundes­re­gierung für Kultur und Medien, will Appetit machen auf die Konzert­ver­an­staltung Beethovens Musikwelt. Ein Pasticcio. Sie soll am 22. September in der Kloster­ba­silika Knecht­s­teden aufge­führt werden. Das Projekt will überdies Web-Flaneuren auf der Suche nach Beethoven2020-Inhalten in den Kapiteln „Beethoven und seine Kollegen“, „Italiener im Norden“ und „Beethovens Bibliothek“ Anregungen vermitteln, den „Titan“ der Klassik genauer kennen­zu­lernen und sich mit ihm ausein­an­der­zu­setzen. Daniel Frosch und Michael Rathmann, verant­wortlich für Konzeption, Bildre­daktion und Texte, dem Webde­signer Niklas Rudolph sowie dem Illus­trator Marc Trompetter, offen­sichtlich beflügelt durch einen Pandemie-bedingten Freiraum, sind multi­me­diale Bausteine einer Digital­schau namens Beethoven Lab gelungen, die nicht nur instruktiv, sondern vor allem schön anzuschauen ist.

Appas­sionata im Autokino

Wie innovativ die Szene der nicht subven­tio­nierten Künstler auf die Unter­bre­chung der offizi­ellen Aktivi­täten zu Beethoven2020 reagieren kann und wird, lässt sich vermutlich erst in einigen Wochen oder Monaten erkennen. Nicht zuletzt dann, wenn die Kultur­po­litik der Länder ihren Beitrag zur wirtschaft­lichen Absicherung frei agierender Künstler geleistet haben wird. Dass Corona Kreati­vität mobili­siert, ist bereits jetzt hier und da zu besich­tigen. Der Pianist Alexander Krichel darf sich als Vorreiter eines möglichen Trends empfinden, zu einem Klavier­abend ins Autokino einzu­laden. So geschehen am 9. Mai in Iserlohn und im Hörfunk zeitver­setzt zu verfolgen. Inklusive Hupkonzert am Ende. Das „neue Klatschen“ tituliert es die Modera­torin. Auf dem Programm des Live-Konzerts neben Werken von Franz Liszt die Beethoven-Sonaten op. 31, 2 Der Sturm und op. 57 Appas­sionata. Eine Geste im und zum Beethoven-Jahr, direkt oder indirekt. Für Krichel eine „riesige Freude“, wie er erzählt, das Corona-bedingte Streamen von zu Hause für kurze Zeit aufgeben zu können.

Anfänge sind gemacht, andere Projekte laufen weiter, wandeln sich, nehmen unter der Pandemie unver­hofft Fahrt auf. Beethoven lebt. Kein schlechtes Fazit einer Moment­auf­nahme in beson­deren Zeiten.

Ralf Siepmann

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