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Foto © WDR/Ben Knabe

Chili con Choreo

Gemischte Stimmen BIGGEsang Olpe erringen dank Telefon- und SMS-Voting des TV-Publikums die Sieger­palme 2019 beim WDR-TV-Wettbewerb Der beste Chor im Westen. Die Formation steht für eine Vitalität und Innova­ti­ons­kraft der Chorszene zwischen Sauerland und Rheinland, die vor einem Jahrzehnt noch undenkbar schien. Soziale Medien nicht zuletzt treiben die Dinge voran.

Foto © WDR/​Ben Knabe

Freitag, der 13. Dezember, 22.15. Gebannte Stille im WDR-Studio in Köln-Bocklemünd. Die rund 450 Zuschauer unter­drücken ihre Anspannung nur mit großer Mühe. Moderator Marco Schreyl insze­niert seinen zeremo­ni­ellen Auftritt im Stil der Oscar-Verleihung in Hollywood. Gedehnt kommen seine Worte, wie eine Action­szene in Slow Motion: „Der beste … Chor … im Westen … 2019 … ist … Gemischte Stimmen BIGGEsang Olpe.“ Die folgenden Minuten übertreffen die Jubel­stürme und Anfeue­rungs­schreie, die schon zuvor ohren­be­täubend ausge­fallen sind, noch einmal beträchtlich. Die 49 Sänge­rinnen und Sänger aus dem Sauerland um Chorleiter Volker Arns fallen sich in die Arme, tanzen wie losgelöst auf der Bühne. Tränen fließen. Das Publikum steht auf den Stühlen, applau­diert, als solle es kein Morgen geben. Die vierköpfige Jury herzt sich ergiebig. Die Fans von BIGGEsang schwenken ihre Fähnchen und Plakate.

„It’s Showtime“, heißt es auf einer Papptafel. Fürwahr, mit einer stimmungs- und emoti­ons­reichen Show geht die vierte Staffel des Formats Der beste Chor im Westen zu Ende. Laut GfK-Fernseh­for­schung erreicht die Übertragung eine Einschalt­quote von zehn Prozent. 13,7 Prozent sind es in der Spitze. Über 800.000 Zuschauer sind dabei, als die Platzie­rungen bekannt gegeben werden. Ein für das Programm mehr als achtbarer Wert. Mit einem Preisgeld von 10.000 Euro honoriert die Landes­rund­funk­an­stalt die Sieger­for­mation, für die eine Mehrheit des am Ende allein entschei­denden TV-Publikums per Telefon­anruf oder SMS votiert hat. Dazu gibt es eine Art Extra­bonus auf Augenhöhe, einen gemein­samen Auftritt mit dem WDR-Rundfunkchor in der Heimat­stadt, demnächst also Olpe.

WDR-Juror: Chorsingen ist nicht veraltet

20 Chöre aus allen Regionen Nordrhein-Westfalens haben die Chance wahrge­nommen, ihr Können, ihr Reper­toire, ihre „Seele“, wie die Jurorin und Schla­ger­sän­gerin Beatrice Egli, immer wieder unter­streicht, im Massen­medium Fernsehen zu präsen­tieren. Über 700 Sänge­rinnen und Sänger – Amateure wohlge­merkt – haben Entschlos­senheit und Courage bewiesen, sich einer großen Öffent­lichkeit zu stellen. In zwei Vorent­scheiden, zeitver­setzt gesendet, dem Live-Halbfinale und dem Live-Finale. „Ich bin ganz Chor“, zieht Juror Rolf Schmitz-Malburg vom WDR-Rundfunkchor ein sehr persön­liches Fazit. Um die Quint­essenz des Ganzen hinzu­setzen: „Chorsingen ist nicht veraltet.“

Der Ich + Ich-Song So soll es bleiben und das Lied Wenn du daran glaubst sind die Titel, auf die BIGGEsang im Finale gesetzt hat. Die Inter­pre­tation eines Weihnachts­liedes in der ultima­tiven Stufe der Final­runde ist eine Vorgabe an die Adresse der drei Chöre, die die Jury aus den fünf für das Finale quali­fi­zierten Ensembles ausge­wählt hat. Dagen Är Kommen, die schwe­dische Variante von Herbei O ihr Gläubigen, ist der besinn­liche Beitrag des zweit­plat­zierten Frauen­en­sembles Encantada aus Neunkirchen im Siegerland. Der auf Platz drei gelandete Chor Cantiamo Aachen berührt mit seiner Version von Oh du stille Zeit. Die Cantiamo-Perfor­mance des Spiri­tuals Elijah Rock zuvor hat Jurorin Jane Comerford von der Band Texas Lightning, studierte Dozentin für Gesang, fast vom Stuhl gerissen. „Was für eine Reife Sie hier vortragen!“, ruft sie in Richtung Bühne.

„Reife“, besser: Qualität präsen­tieren die Ensembles der Final­runde, die häufig wie Encantada 2012 erst vor wenigen Jahren gegründet worden sind, ohne Zweifel. Das Motto des in der WDR-Fernseh­di­rektion entstan­denen Wettbe­werbs formu­liert ja das program­ma­tische Versprechen, in einem fairen Wettbewerb mit gleichen Chancen für alle teilneh­menden Gruppen diejenige heraus­zu­de­stil­lieren, der die Sieger­palme verdien­ter­maßen und nachvoll­ziehbar gebührt. Eine solche Intention wirft vor allem die Frage nach den Kriterien der Entscheidung auf, nach Trans­parenz und Angemes­senheit von Voten, die Chöre voran­bringen, aber auch zurück­werfen können. Wer die Legiti­mität und die Sinnhaf­tigkeit eines Chorwett­be­werbs unter TV-Kameras bei gemischten Entschei­dungs­in­stanzen – Exper­tenjury zu Beginn, TV-Publikum zum Schluss – im Interesse der Chorszene bejaht, wird eine Reihe von Punkten finden, die Justie­rungs- oder Nachbes­se­rungs­bedarf anzeigen.

Netz befördert Mobilisierung

Foto © WDR/​Ben Knabe

Ist BIGGEsang tatsächlich der „beste“ Chor im Westen, wenn sich die Formation in Stil und Präsen­tation nur um Nuancen von den beiden Nächst­plat­zierten unter­scheidet? Da das Publi­kums­votum nicht nach Prozent­werten sortiert bekannt gegeben wird, kann nur darüber speku­liert werden, was den Ausschlag gegeben haben mag. Ist es eine womöglich perfekte Homoge­nität im Klangbild, eine überaus gekonnte Intonation, das vorzüg­liche Zusam­men­spiel der Gesangs­stimmen, die Textver­ständ­lichkeit? Ist es die „Choreo“, wie es im Slang der Chöre heißt, die choreo­gra­fische Klasse? Das Erschei­nungsbild? Oder ist es schluss­endlich gar nicht die Kunst an sich? „Junge Chöre“, gibt eine Beobach­terin aus der Reihe der Schlach­ten­bummler aus dem Sauerland zu bedenken, „haben ja viel bessere Möglich­keiten, ihre Fans zu bewegen.“ Macht also am Ende der höhere Mobili­sie­rungsgrad in den Sozialen Medien des einen Ensembles gegenüber anderen den Unter­schied? So sehr der Wettbewerb – wie die World Choir Games auf inter­na­tio­naler Ebene – die inter­net­ge­triebene Vernetzung innerhalb der Chorcom­munity fördert, so sehr wirkt das Web auch als Einfallstor für Gruppen­in­ter­essen. Das ist bei einem auf Fairness setzenden Wettbewerb dann fragwürdig, wenn diese Prozesse mehr oder weniger intrans­parent bleiben.

Fragen stellen sich freilich auch aus struk­tu­rellen Gründen. So existiert keinerlei Syste­matik nach Genre oder Typus für die Chöre, die sich bewerben möchten. Gewiss, die Zahl der Teilneh­mer­chöre ist relativ klein, was aber kein ernst­haftes Gegen­ar­gument sein muss. Beispiels­weise tritt dann die fünfköpfige A- cappella-Formation Sounds like Wednesday aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis gegen das XXL-Ensemble S(w)ing and Praise Mix aus Bonn an, das von 80 Schüle­rinnen und Schülern gebildet wird. So konkur­riert Veronika der Lenz ist da des Männer­chors Lahn Vokal mit der Filmballade This is me des Jugend­chors des Theaters Bonn. Eine gewisse Vergleich­barkeit, Grund­vor­aus­setzung jedes Wettbe­werbs, dürfte da kaum gegeben sein.

Erschwert wird das Ganze zudem noch durch das Bermuda-Dreieck der Kriterien, an denen sich die Jury angeblich oder tatsächlich ausrichtet. Beim neuen Eurovi­si­ons­wett­bewerb European Choir, 2017 in Riga und 2019 in Göteborg von der EBU, der deutschen Organi­sation Inter­kultur und den Austra­gungs­städten organi­siert, werden profes­sio­nelle Kriterien definiert. Diese werden frühzeitig kommu­ni­ziert und können daher schon in der Proben­arbeit von den betei­ligten Chören beachtet werden. Tono Wissing, Leiter von BonnVoice, Vertreter Deutsch­lands in Göteborg, nannte die dort geltenden Standards Technik, Klang­qua­lität, Musika­lität und Inter­pre­tation sowie Kommu­ni­kation „absolut sachge­recht und angemessen“.

„Wir haben unsere Parameter“

Beim WDR-Event ist Trans­parenz Fehlan­zeige. „Wir haben unsere Parameter“, lässt sich Schmitz-Malburg am Ende der Sendung wenigstens ein Stück in die Karten schauen. Um sie aller­dings gleich wieder einzu­kas­sieren: „Die sind ein bisschen nüchtern Aber wir sind uns völlig einig.“ Klar wird so gar nichts. Auch und gerade nicht, wie die Jury in der ersten Stufe des Finales zwei der fünf Aspiranten hinaus­kom­pli­men­tiert. Wenn Egli unter dem Eindruck einer bestimmten Chorleistung begeistert bekennt, sich „wie im Himmel“ zu fühlen, derselbe Chor sich dann aber unsanft gebremst, weil ausge­schieden auf der Erde wieder­findet, dann ist niemandem geholfen. Am wenigsten den Sängern, die für das Event lange trainiert und geprobt haben, sich mögli­cher­weise Impulse für die Weiter­ent­wicklung versprechen.

„Es ist ja klar, dass wir ein Unter­hal­tungs­format machen“, sagt Anne Leudts, 2017 zuständige Redak­teurin in der WDR-Fernseh­di­rektion nach der zweiten Staffel in einem Interview über den TV-Neuling. Zwei Jahre später ist der alles überwöl­bende Enter­tain­ment­cha­rakter der Sendung noch inten­siver zu greifen. Der Jury gehören lediglich zwei Experten mit ausge­wie­senen fachlichen Kennt­nissen an. Die andere Hälfte ist nach den Spiel­regeln einer Unter­hal­tungsshow ausge­wählt. „It’s Showtime“, wie gesagt. Egli und der vierte im Bunde der Jury, der Sänger Giovanni Zarrella, reprä­sen­tieren diverse Pop-Stile, aber kaum Chor-Expertise. Als wollten sie diese Scharte auswetzen, legen sich beide mit einer expres­siven Emotio­na­lität ins Zeug. Das hat durchaus Charme und Empathie, was auch die TV-Kameras genüsslich aufsaugen. Jedoch dürften pure Emotionen keine wirkliche Währung sein, wenn es darum geht, Qualität adäquat zu erfassen und verständlich zu machen.

Titel­auswahl intransparent

Schwer durch­schaubar erscheint im Übrigen die Einfluss­nahme, die vom WDR und von Bavaria Enter­tainment als organi­sa­to­ri­scher Partner bei der Auswahl und der Reihen­folge der präsen­tierten Titel ausgeübt wird. Dass es anfänglich wohl Wirsing­gemüse und Kohlsuppe, später Chili con Carne als Verpflegung für die Chöre gab, wird gern erzählt. Auch von Erleb­nissen im sogenannten green room ist zu hören. In dieser riesigen Halle, in die die Chöre jeweils nach ihrem Auftritt geführt werden, können sich die Ensembles auch mitein­ander austau­schen. Wichtige Aspekte, so die Entscheidung über die von den Chören einge­reichten Lieder und ihre Reihen­folge, bleiben im Dunkeln. So der Umstand, warum beispiels­weise der Jugendchor des Theaters Bonn Bohemian Rhapsody, seinen anerkannt stärksten Titel, nicht im Halbfinale wie gewünscht präsen­tieren konnte und prompt ausschied. Auch für die engagierte Leiterin Ekaterina Klewitz ist der Vorgang unerfindlich. „Man hat uns völlig ahnungslos gelassen“, sagt sie.

Im von diversen Casting­shows überschwemmten Angebot von TV- und Strea­ming­an­bietern hat das WDR-Format gleichwohl seinen Platz und beste Perspek­tiven. Insbe­sondere wenn sich nicht nur die Chöre weiter­ent­wi­ckeln, was sie überzeugend unter Beweis stellen, sondern auch die Macher des TV-Wettbe­werbs. Dafür ist das Potential des Chorsingens einfach zu mächtig. Wer weiß, vielleicht gibt es in einigen Jahren ARD-weit „beste Chöre“, die auch im Norden, Süden, Osten ermittelt werden. Schon die Vorstellung erscheint reizvoll.

Ralf Siepmann

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